Deutsche Wolkenkratzer

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Lange hat man sich in Deutschland gegen die Wolkenkratzer gesträubt — gegen diese Bauwerke, die gleich Kirchtürmen zum hohen Himmel streben und doch nichts weniger wollen, als gerade das menschliche Gemüt zum Himmel aufzuheben. Ganz sicher waren es in Deutschland Rücksichten auf die Schönheit des Stadtbildes, die da in erster Reihe bestimmten; die Baupolizei mit ihren Gründen kam erst hinterher; sie wollte Licht, Luft und Sonne nicht durch die hohen Wände versperrt haben. Das hatte sie dann in ein schönes „System“ gebracht; die Breite der Strasse sollte das Mass für die Häuserhöhen abgehen; an schmalen Strassen musste man niedrig bauen, an breiten konnte man höher streben; die Sonne sollte eben unter allen Umständen doch ihren Weg in die Häuserzeilen hineinfinden. Nun hätte man meinen sollen, an offenen weiten Plätzen sollte man doch bauen können, so hoch man wollte, aber nein; 4 oder 5 Stockwerke hoch durfte man überhaupt nirgendwo neu bauen — das war gegen die ganze Richtung.

Dabei gibt es in allen alten Städten aus früheren Zeiten Häuser genug, die man getrost als Wolkenkratzer aufnehmen kann.

Am Markt in Nürnberg, in Breslau am Ring und sonstwo stehen sie heute noch reihenweise; Albrecht Dürer baute sich sein eigenes Haus schöne volle fünf Stockwerke hoch. Die Umstände zwangen eben damals die Baulustigen dazu, in die Höhe zu bauen, weil die Festungsgürtel die Städte einschnürten. In der Neuzeit fiel das zum grössten Teil weg; nun hatte man Raum in der Ebene, warum da in die Luft hinein übertrieben bauen.

Heute haben sich die Umstände nun wieder geändert; jetzt ist es der geschäftliche Verkehr, der in den grossen Städten sich drängt: er will alle Geschäftsräume so dicht wie möglich beisammen haben; wohnen mögen die Leute dann immerhin, wo sie wollen, draussen ist Licht, Luft und Sonne. Diese Rücksicht, auf den Geschäftsverkehr war es ja auch, was dem „Wolkenkratzer“ die Daseinsberechtigung gab. Schon in den alten Seestädten, in Hamburg, Danzig, Amsterdam, Rotterdam, London rückten die Geschäftshäuser an den Hafenstrassen eng zusammen und strebten dafür hoch auf. Als Schinkel in jungen Jahren auf seiner Studienreise in London im Themsehafen landete, war das erste, was dem jungen Baukünstler in die Augen und auf die Seele fiel, wie so unerhört hohe Häuser ringsum standen!

Seine erste Handzeichnung galt ihnen. Wer heute nach New York kommt, dem ergeht es dort ähnlich; diese Himmelskratzer sind das erste, was’ ihm in die Augen fällt; auch New York stand eben von Anfang an unter dem Zwange, mit seinem ganzen Verkehr nach Möglichkeit an das Wasser heran zu kommen, und da wegen der Zerrissenheit des Landgebietes hier in der Ebene so wenig Platz war, drängten die Bauten nach der Höhe zu auf.

Während aber die hohen Giebelhäuser in den alten deutschen Binnenstädten immer noch die Schönheit wahrten, und selbst die festländischen Hafenstädte mit ihren langen Reihen von Geschäftshäusern am Ufer eines gewissen Reizes nicht entbehren, kann davon bei den amerikanischen Turmbauten wirklich nicht mehr die Rede sein, trotzdem sich dort die Baumeister die redlichste Mühe geben, ihnen schöne Formen aufzukleistern. Dazu ist das Missverhältnis zwischen der bebauten Fläche und der aufstrebenden Höhe zu arg. Ja, wenn es richtige Türme wären. Wie schön weiss man sie in allen Stilen aufzubauen! Aber das sind sie eben nicht, und sie können es nicht sein; es sollen ausgesprochene Geschäftshäuser sein.

Auch in Deutschland denkt man jetzt ernstlich an den Bau von Wolkenhäusern. An nicht weniger als vier Stellen sind solche im Werden: in Berlin, Leipzig, Hamburg und Köln; also — was nur ganz naturgemäss ist — in den grössten Städten. Werden sie das deutsche Strassenbild verderben? Werden die Baumeister des Zwiespaltes, der in der Aufgabe für die Amerikaner lag und dem sie nicht überwinden konnten, Herr werden? In Deutschland liegen die Verhältnisse von vornherein günstiger, weil es sich in den genannten Städten um Bauten handelt, für die eine ansehnliche Grundfläche zur Verfügung steht, so dass das Turmartige daran wegfällt. Das Ganze läuft also in Grunde mehr darauf aus, Gebäude von ausnahmsweise grossen Abmessungen zu bauen; und dass die Deutschen das können beweisen unter anderem die neuen Bahnhofsbauten deutlich genug. Es kann deshalb gar kein Zweifel darüber bestehen, das Gebäude zustande kommen, die das Stadtbild nicht zerstören werden, so massig sie auch dastehen werden.

Am glücklichsten wird die Aufgabe wohl in Köln gelöst werdet. Hier wird der Bau in Verbindung mit der neuen Hängebrücke über den Rhein gebracht; er soll, sozusagen, einen Brückenkopf am Stadtufer ahgeben, soll hier erst eine nur mässige Höhe von fünf Stockwerken erhalten, um dann weiterhin, wo er an einer neu gebrochenen Strasse sich beiderseits ins Innere zieht, bis zu einer Höhe von dreizehn Stockwerken sich aufzuschwingen. Hier fällt das Turmartige, das immerhin seine grossen Bedenken hatte, also durchaus fort.

Es ist erfreulich, dass sich die deutschen Architekten von den amerikanischen Vorbildern freigemacht haben und eigene Wege gegangen sind. Das Kölner Hochhaus bildet gewissermassen einen friedlichen Brückenkopf. Der hier abgebildete Blick aus dem Innern des grossen Hofes auf das eigentliche Hochhaus zeigt, wie der entwerfende Architekt, Prof. Dr.-Ing. F. Schumacher in Köln, diese Materialmassen künstlerisch gestaltet hat.

Auch in verkehrstechnischer Hinsicht waren in Köln besondere Aufgaben zu lösen, da der von der Brücke kommende Verkehr und der rechtwinklig zu ihm flutende Uferverkehr sich kreuzen. Wie diese Aufgabe gelöst worden ist, zeigt deutlich die Darstellung des Hochhauses aus der Vogelschau.


Vergleicht man die vor der Ausführung stehenden Entwürfe deutscher Hochhäuser mit amerikanischen Wolkenkratzern, so fällt sofort die Tatsache ins Auge, dass in Amerika für die Gestaltung des Baues allein der Zweck den Ausschlag gibt, während in Deutschland über den Zweck niemals die architektonische Gestaltung vergessen worden ist. Die amerikanischen Architekten haben meistens irgendwelche Stilarten der alten Welt übernommen und sie ins Übergrosse verzerrt, oder aber in maßstäblich normale Bauten eine Anzahl architektonisch unbegründeter Zwischengeschosse eingeschaltet. Die deutsche Architektur sucht nach einem eigenen Weg, um die absonderlichen Abmessungen und die Schwierigkeiten, die der Hochhausbau bietet, zu bezwingen. Es entwickelt sich so ein neuer Stil. Jedenfalls ist das Kölner Hochhaus eine glücklich gelungene Lösung der schwierigen Aufgabe.

Vor fast einem Jahre tauchte in Hamburger Architektenkreisen der Gedanke auf, um der immer drückender werdenden Raumnot wenigstens bei den Kontorräumen abzuhelfen, nun auch hier zum sogenannten „Wolkenkratzersystem“ überzugehen. Die Pläne gingen dahin, etwa 16stöckige Hauser für die Kontore zu erbauen. Obwohl die zuständigen Behörden keine grundsätzlichen Einwendungen gegen das Projekt zu machen hatten, haben sich die rein technischen Schwierigkeiten doch als recht erheblich er wiesen. So mussten beispielsweise die Bewohner der höchsten Stockwerke zunächst einmal auf Wasser verzichten, denn die Einrichtungen der hamburgischen Stadtwasserkunst sind nur auf elfstöckige Häuser eingestellt.

Ebensowenig ist die Feuerwehr auf derartige Riesenhäuser eingestellt. Zu diesen technischen Schwierigkeiten kommen aber noch solche rechtlicher Art. So hatte die zuständige Behörde den Unternehmern schon eine ganze Reihe von besonderen Bauvorschriften in Aussicht gestellt. Die Ausführung dieser Pläne scheint infolgedessen, so meldet die „Bauwelt“, wieder in weite Ferne gerückt zu sein, und man begnügt sich vorerst damit, ein „nur“ zehnstöckiges Kontorhaus im Sanierungsviertel, der in der Sitten- und Kriminalgeschichte Hamburgs berüchtigten Gegend um die Niedernstrasse, der Brutstätte der Choleraepidemie von 1892, erstehen zu lassen, wie es Hamburg noch nicht gesehen hat. Bereits vor dem Kriege hatte man begonnen, das alte Gängeviertel, das den hygienischen Anforderungen einer Großstadt geradezu Hohn sprach, und das den Unterschlupf von allerhand lichtscheuem Gesindel bildete, abzubrechen. Ein Stück neues Hamburg wird hier aus dem Boden wachsen, in dessen Mittelpunkt das grösste Kontor- und Geschäftshaus der Stadt thronen wird. Im Auftrag des Bauherrn Henry Sloman, hat der Architekt F. R. Höger Pläne zu diesem Riesenbau fertiggestellt, die die Zustimmung der Baupolizei gefunden haben. Mit den Rammarbeiten ist bereits begonnen worden, und der Architekt erwartet, das Gebäude noch im Laufe dieses Jahres unter Dach zu bekommen. Die Kosten des Baues sind natürlich sehr hoch. Schon an Arbeitslöhnen müssen viele Millionen Mark bezahlt werden.


Nicht ganz so günstig wie in Köln liegen die Dinge für Berlin und Leipzig. In beiden Fällen handelt es sich um mächtige Mauerklötze, die in ziemlicher Beengtheit mitten in das Häusermeer hineingeworfen werden sollen; so dass es nicht gerade leicht sein wird, die Aufgabe zu lösen. Staunend wird der Beschauer unter allen Umständen vor den Bauten stehen: ob er wohl zugibt, dass sie auch schön sind? — es wird sehr darauf ankommen….

In Berlin wird man zu alledem noch mit schlechtem Baugrund zu rechnen haben; dem schlechtesten, den es gibt: Moder, Triebsand, Torf. Freilich steht schon der Stadtbahnhof Friedrichstrasse auf gleichem Grunde; aber dafür ist auch seine Belastung hier weit geringer als diejenige, die durch den Riesenbau zu erwarten ist. In New York, wo ebenfalls schlechter Baugrund ist, baut man alle Himmelskratzer aus Stahl und Eisen – eben der möglichst geringen Belastung des Baugrundes wegen. In Leipzig will man offenbar in Stein bauen, soweit sich aus den Plänen ersehen lässt, und dort wird dies schliesslich ausführbar sein; in Berlin wird man zu Stahl und Eisen greifen müssen; um so schwieriger wird es sein die Aufgabe in einer Weise zu lösen, dass nicht nur der blosse Zweck des Baues erreicht ist, sondern dass der Bau auch einen schönen Eindruck auf den Beschauer macht.

Siehe auch:
Wir Deutsch-Amerikaner
Deutsch-Amerika
Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
Gedanken über die Zukunft des Deutschtums in Amerika
Wie das alte Österreich starb
Wie das alte Österreich starb II
Die Deutschen in Amerika
Die Deutschen in Amerika II
Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)
Die Lüge als Fundament
„Deutsch-Amerikas“ Mission
Schundromane auf dem Scheiterhaufen
Lincoln und das deutsche Element
Die Geschichte der Revolution
Der Aufbau Palästinas
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Vaterland vor der Wiedergeburt
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Der letzte Zar im Kreise seiner Familie
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Deutschlands chemische Industrie in der Nachkriegszeit
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