das Deutsche Reich

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Hinweis: Der Text ist 1901-1902 geschrieben worden

Deutsche Zukunfts-Architektur auf der Turiner Ausstellung.

Unsere Öffentlichkeit, natürlich nur die der bevorzugtesten Gebildeten, erfährt jetzt vielleicht zum ersten Male, dass man nur ganz oberflächlich und schwächlich redet, wenn man von einer »neuen Kunst« spricht. Es sind tiefer strömende, ernstere Gewalten, die sich ein Bett suchen im festen Land europäischen Kulturlebens und denen in der »neuen« Kunst nur eines ihrer Mittel, freilich das mächtigste und edelste, zubereitet wird.

Wenn man schöpferische deutsche Bau-Kunst kennen lernen will, eine Bau-Kunst, die mehr ist als geschickte und geschmackvolle Anwendung gelehrter Forschungen, so muss man Projekte und Ausstellungen studieren. Die deutsche Kultur ist noch lange, lange nicht reif genug, ist noch viel zu sehr kleinstaatlich-ängstlich, ist noch viel zu wenig »grossdeutsch«, um die hohen Gedanken kühner Baumeister in Taten umsetzen zu können.

Es ist eigentlich gar nicht zu verwundern, dass es so ist und dass man einstweilen in deutschen Ländern und Ländchen das biedere Gelehrt-Tun, die wackere Altertümelei, die archaeologische Wissenschaftlichkeit noch höher schätzt: das ist so die Art kleiner Bürger in kleinen Gemeinwesen, das hat sich weiter vererbt und schwindet nur ganz allmählich.

Im »grösseren Deutschland«, das die politische und geistige Jugend dieses nach kulturellen Taten heiss verlangenden Volkes erringen will, wird es anders sein. Wie es sein wird, davon gibt uns die Turiner Ausstellung eine Ahnung. Das »Rückgrat« der deutschen Abteilung wird hier durch eine Flucht grösserer Räume gebildet, welche mit dem Hamburger Vestibulum von Peter Behrens beginnt; daran schliesst sich der Kaiser Wilhelm-Saal von Billing, von dem aus sich nach links ein von Kandelabern flankiertes Bogen-Tor in den preussischen Repräsentations-Raum von Bruno Möhring öffnet.

Hier wird die grosszügige Anordnung leider unterbrochen. Wir müssen uns durch eine Folge kleiner und kleinster Gemächer, nach dem nicht sehr glücklichen Treppenhaus von Berlepsch und von da durch den um so gelungeneren, ernsten Wohn-Raum von Oréans hindurchwinden, um endlich in der dämmernden, majolikaverkleideten Fest-Halle von Kreis wieder aufzuatmen. Über den Flur der Material-Abteilung hinweg schreiten wir dann in den vortrefflich disponierten, mit drei mächtigen Bogen-Fenstern sich nach dem Parke öffnenden Saal von Heinrich Kühne, der leider durch die Überfülle der Fabriks-Auslagen um seine reine Wirkung gebracht wurde. Durch die Abbildungen, welche sich an diese Studie anschliessen, wird diese Folge ungefähr zur Anschauung gebracht.

Der Übergang von der mächtigen, aber durch ihre Ausschmückung doch auch ein wenig komisch wirkenden Kuppel-Halle zu dem Vestibulum von Behrens wird durch einen wuchtigen Bogen mit dem Reichs-Adler vermittelt, insoweit zwischen zwei einander so fremden Welten überhaupt vermittelt werden kann. In der Tat: die Hamburger Vorhalle leitet uns in eine »andere Welt« und vielleicht gelingt es uns später etwas vom Wesen dieser Welt zu offenbaren, wenn wir auf Behrens und sein Vestibulum im Besonderen eingehen werden. Wie gerne würde man länger in diesem Reiche verweilen und von diesem kraftvollen Geiste atmen, als es uns hier verstattet wird!

Zwar, wenn Hermann Billing in den Stand gesetzt worden wäre, zur Ausgestaltung und Ausschmückung seines Kaiser Wilhelm-Saales grössere Hilfs-Mittel und gute Hilfs-Kräfte heranzuziehen, so würden wir hohen Muts hinanschreiten. Auf diesen Baumeister darf man gewiss Hoffnungen setzen, wenn es gilt das Problem zu erschöpfen, das hier nur mehr skizzenhaft angedeutet wurde. Ob es an Geld, ob es an Zeit gefehlt hat, gleichviel, dieser Saal, so leer, so kahl im Ganzen, so unfertig in der allzuwuchtigen Brunnen-Anlage, ist nicht das geworden, was er hätte werden können, wenn der leitende Architekt sein ernstes Empfinden und volles Können unbehindert und ohne Übereilung hätte einsetzen dürfen.

Als ein geschickterer Arrangeur erweist sich dagegen, allerdings mit kleineren Mitteln, Bruno Möhring. Man erkennt auf den ersten Blick in den chorartig abschliessenden Raum mit der prächtigen Löwin von Gaul den Ausstellungs-Routinier, der mit einigen wohlgezielten Treffern und mit kluger Verwendung der Malerei auch dem verwöhnteren Auge ein wohlgefälliges Ensemble aus den heterogensten Elementen zusammen zaubert. Hier findet man unter viel Minderwertigem manches gute Möbel und manches solide Einzelstück ohne gerade durch zahlreiche überragende Schöpfungen gefesselt zu werden.

Um aber die »Zukunfts-Architektur« — diese als grosse, monumentale Kunst verstanden — weiter zu verfolgen, so ist es ganz auffällig, wie sie verschwindet, je mehr der grosse Macht-Gedanke und der nach formender Beherrschung des Lebens verlangende Macht-Instinkt der Rasse zurücktritt. Es verdient Beachtung, dass in den bayerischen Räumen von alle dem nichts zu verspüren ist. Man hat dort ein Treppenhaus von Berlepsch, einen Durchgang, in dem eine Büste des Regenten mit sehr vielen Topf-Gewächsen den Mangel jeglichen Gestaltungs-Versuches kaum verbirgt, und dann noch mehrere Zimmer – Einrichtungen Münchener Möbel-Fabriken: man weiss nicht, welche davon geeigneter wäre als Beweis-Mittel demjenigen zu dienen, welcher Münchens »rapiden Niedergang auf kunstgewerblichem Gebiete« erhärten möchte.

Es ist sehr verständlich, dass die Münchener Presse, ja sogar die Spitze des Münchener Komitee’s selbst, sich zu bemühen scheint, die Deutschen vom Besuche dieser Ausstellung abzuhalten, die Deutschen, welche hier Triumphe feierten! Freilich: diese Triumphe waren nicht zugleich auch Münchener Triumphe. — München hat alle führenden Geister von sich abgestossen, bis auf ein winzig kleines Häuflein, und was die Architektur anlangt, so zeigt sich immer mehr, dass die feinsinnig nachempfindende Manier der Seidl und Hocheder, der in der Malerei Lenbach und Stuck entsprechen, das Beste und Höchste ist, was München geben konnte: eine Neudeutung und Neubelebung der Alten, also eine Richtung, die dem englischen Präraffaelismus parallel läuft und somit in der Welt-Kultur um ein volles Viertel-Jahrhundert zurück liegt. Über Münchens kulturelle Lage und sein Verhältnis zu den grossen Zukunfts-Problemen wäre damit eigentlich genug, übergenug gesagt.

Sobald wir den mit grüner Majolika verkleideten Saal von Wilhelm Kreis betreten, können wir nicht umhin, die Gedanken-Reihe fortzusetzen, welche wir mit Behrens begannen. Dieser Künstler hat zwar seine volle Kraft noch nicht gesammelt und gereift und es lässt sich eben nur auf ihn hoffen. Dass er noch schwankt und irrt, das scheinen uns etliche Fratzen und Scherze in der Ornamentik gegenwärtig halten zu wollen. Im übrigen habe ich meiner Anschauung über Kreis bei Gelegenheit seines Konkurrenz-Projektes zum Hamburger Bismarck-Denkmal, das hier ebenfalls ausgestellt ist, so erschöpfenden Ausdruck gegeben, dass ich mir nicht versagen kann, im Nachstehenden daran anzuknüpfen: »Es bedarf keines sonderlichen Aufwandes an kunsthistorischer Gelehrsamkeit und Scharfsinn, um zu bemerken, dass dieses »Heldengrab« im Äusseren mehr von antiken, im Inneren mehr von romanischen, vielleicht gar byzantischen Mustern beeinflusst ist. Aber daran möchte ich diejenigen erkennen, welche die Zeichen der Zeit und des wieder erwachenden geistigen Lebens wahrnehmen und deuten, vielleicht mehr vorausspürend und ahnend, denn sehend und wissend, daran, dass sie auch durch die Hülle alter Formen das wachsende, unablässig empordrängende Leben fühlen. Diese altertümlichen Formen, von unseren Bauräten und Professoren unzähligemal angewandt, reden hier doch eine ganz andere Sprache als das hohle Pathos jener, ja sie werden da und dort durch neue Bildungen unterbrochen, indem der Künstler für das, was er sagen wollte, im ererbten Vorräte kein Gefäss fand. Da schuf er neu. Er ist weder ein antiker Heide, noch ein mittelalterlicher Christ, und doch wohnt ein Religiöses — mindestens eine aufrichtig fromme Stimmung unter dieser Kuppel. Gleichviel, was Kreis u. a. hiervon erfüllt oder nicht: auf das Ziel kommt es an.«

Unsere Öffentlichkeit, natürlich nur die der bevorzugtesten Gebildeten, erfährt jetzt vielleicht zum ersten Male, dass man nur ganz oberflächlich und schwächlich redet, wenn man von einer »neuen Kunst« spricht. Es sind tiefer strömende, ernstere Gewalten, die sich ein Bett suchen im festen Land europäischen Kulturlebens und denen in der »neuen« Kunst nur eines ihrer Mittel, freilich das mächtigste und edelste, zubereitet wird.

Georg Fuchs—Darmstadt.

Siehe auch:
Architektur im Dritten Reich – Geleitwort
Architektur im Dritten Reich – Haben wir den Neuen Baustil?
Architektur im Dritten Reich – Von der internationalen Bautechnik zum nationalen Baustil
Architektur im Dritten Reich – Sinn und Unsinn der Neuen Sachlichkeit
Architektur im Dritten Reich – Wieder Schmuckverlangen in der Architektur
Architektur im Dritten Reich – Vom Geist der Tradition
Architektur im Dritten Reich – Baukunst oder Ingenieurkunst?
Architektur im Dritten Reich – Individualismus oder Kollektivismus in der Architektur?
Architektur im Dritten Reich – Die Flachbauwohnung als Ziel der Volkswohlfahrt
Architektur im Dritten Reich – Das Problem der Hochbauten
Architektur im Dritten Reich – Erfahrungen mit städtischen Siedlungsbauten
Architektur im Dritten Reich – Die Altstadt als Schutzgebiet

Ein Gedanke zu „das Deutsche Reich

  1. Als ich den Artikel nochmal überflogen habe und das Denkmal Kaiser Wilhelm´s sah…
    zu seiner Ehre wohlgemerkt, sind mir ein paar „Ley-Linien-Gedanken“ gekommen.

    Welcher Steinmetz/Bildhauer würde eigentlich heute eine Büste oder ein Monument von IM Erika fertigen oder den Trotteln zuvor?

    In Hamburg gibts ein Mega großes Bismarck-Denkmal…stellt Euch mal vor das wäre ein Merkel Denkmal oder ein Merkel-Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Wobei, letzteres wäre wohl passend, die Soldaten darauf währen dann aber Neger und Araber.

    Weiter gesponnen…Berlin: Schlagzeile der TAZ:
    Heute wird das Claudia Roth Monument für Verdienste an der Volksgemeinschaft eröffnet. Das Bundesregime in Berlin aus Totalitarismus, Autoritarismus und Schein-Demokratie begrüßte die Steinsetzung.

    Gute Reise und bis Bald.

    Supplemente:
    Ein paar schöne Frauenzeichnungen kommen noch.

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