neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner

aus dem Kunstmuseum Hamburg

An den alten Bauwerken schuf der Steinmetz als Künstler und Form-Erfinder, an den altgotischen Domen bewundern wir die entzückende Naivität des Meissels, der die Fülle volkstümlicher Vorstellungen und Empfindungen in den Stein übertragen. Stein ward nicht mehr Stein, sondern sichtbares Gebet. Die heimatliche Flora, der kleinbürgerliche Personenkreis, in die biblische Legende übertragen, leben fort in die Ewigkeit.

Die Kunst hing an der Spitze des Werkzeuges. Der ganze plastische Schmuck der alten Dome wird für alle Zeiten das herrlichste Denkmal einer deutschen, lebendigen Kunstblüte bleiben, die längst abgestorben ist. Noch spät im Zeitalter des Barock schuf der Meissel an allen Häusern, heute feiert die Kunst. Der Bildner und der Kunstfreund klagen mit Recht über den Industrialismus, dem die Plastik zum Opfer gefallen ist.

Trotz des reichen Formen-Gespinstes unserer gipsüberladenen Großstadt-Kasernen hat die Plastik verhältnismäßig wenig zu tun. Der ornamentale Schmuck für die Zinshausfassaden wird einmal entworfen, abgegossen und bis ins Unendliche vervielfältigt.

Unter solchen Umständen mag man es begreiflich finden, dass der moderne Architekt den Bildner verdrängte. Selbst Monumente und Grabmale entstehen, die eitel Architektur sind. Durch diese Erscheinungen irregeführt, ist der Plastiker leicht geneigt, die Moderne verantwortlich zu machen, er wird Reaktionär zum Schaden seiner künstlerischen oder wirtschaftlichen Existenz und sieht sich bald allein.

Demgegenüber ist zu konstatieren, dass gerade die moderne Raumkunst im Begriffe ist, die Bildnerei aus dem lähmenden Bann des Industrialismus zu befreien und ihr neue künstlerische Wege zu erschliessen. Am Hausbau hat auch in der modernen Baukunst die Plastik zahlreiche Gelegenheit, sich auszuleben. Freilich nicht in dem Sinne, dass sie die Fassaden mit einem Gespinst fabrikmäßiger Formen überzieht und mit solcherlei unnützem Zierrat überladet. Unsere Großstädte bieten in dieser Hinsicht der abschreckenden Beispiele genug. — Die Moderne hat naturgemäß nicht das Prinzip, Plastik auszuschliessen, es sei denn schlechte Plastik. Es wäre ganz gut zu denken, dass ein moderner Bau eine Relieffassade trägt, wofern es einen Künstler gibt, der eine glückliche plastische Lösung fände. —

Unter den wenigen modernen Künstlern der Plastik hat sich Professor Franz Metzner rasch verdientes Ansehen erworben, und es ist für den Kunstfreund und -Kenner ein dankbarer Versuch, des Künstlers Eigenart an seinen neueren vorliegenden Arbeiten zu studieren. Ein starkes Raumgefühl lebt in allen diesen Formen.

Das Wort von der »Baukunst in der Plastik« passt auf ihn. — Eine sehr bedeutende Arbeit ist der Entwurf für den Nibelungen-Brunnen. In der Gesamterscheinung des Brunnens bewährt sich Metzner als der Meister weithin sichtbarer Monumentalität, die auf dem schlichten und wohlgegliederten Aufbau der Massen beruht. Die Form ist auch hier wesentlich durch gedankliche Schönheiten bestimmt, die namentlich in der ragenden Figur Rüdigers, die auf dem mächtigen, von Reliefs beseelten Sockel steht, verkörpert wird.

Hier ist wieder der ganze grosse Gedankeninhalt in der einzigen Figur mit erstaunlicher Intensität sichtbar gemacht, als einem Symbol, das der Österreicher, der die Heimat liebt, treu im Herzen hält. Es ist die Gestalt Rüdigers von Bechelarn. — Metzners Auffassung dieses Idealtypus scheint besonders geeignet, dass ihn der Beschauer mit all seiner tiefen Deutsamkeit gern und wohlverstanden im Gedächtnis bewahre. Das Österreichertum spiegelt sich in der gastfreundlichen Ritterlichkeit Rüdigers, dem ja die Abfassung des Nibelungenliedes zugeschrieben wird. So formt ihn der Künstler.

Gerüstet und kampfbereit in Vasallentreue das blanke Schwert auf die gekreuzten Arme gelegt und das Haupt darüber geneigt wie im tiefen Sinnen, Ritter und Dichter zugleich.

Eine kräftige Gestalt, fest und gefestigt auf dem Boden stehend, wie auf dem Boden einer geliebten Heimat, während zu seinen Füssen, im Sockelrelief dargestellt, die Leidenschaften wüten, erscheint der Brunnen mehr als ein Nibelungen-Denkmal, er ist ein Denkmal des Österreichertums überhaupt und ein Wahrzeichen von psychologischer Bedeutung, das weit über eine bloss geschichtliche oder zeitliche Beziehung hinausragt. — Dieses Denkmal genoss die Auszeichnung, den Wiener Stadtvätern nicht gefallen zu haben, denen ein Nibelungen-Denkmal in der süsslichen Art eines Tortenaufsatzes viel lieber gewesen wäre. — Anders die Linzer.

Für die Stadt Linz ist Metzner beauftragt, ein Stelzhamer-Denkmal zu errichten, eine ausgezeichnete Arbeit, die nun der Vollendung entgegengeht.

Besteller, die zunächst an Porträtplastik denken, zu befriedigen, und zugleich eine edle Plastik hinzustellen, eine steinerne Persönlichkeit, die sich künstlerisch behauptet — gewiss keine Kleinigkeit. Was es also für die Menge sein sollte, ein Denkmal, bei dem sich jeder Viehhändler, der seine Kälber vom Land herein nach Linz auf den Markt treibt, das Seine denken konnte, oder vielmehr ein Denkmal, bei dem er nichts zu denken brauchte, weil das Werk ihm alles schon gedanklich zurechtgelegt hat, so dass er, wenn er davor steht, nur den Mund aufzutun braucht, um sagen: seht, das war ein Dichter, ein Dichter unseres Landes, schon an seinem »Gwandl« zu erkennen, einer, der gern herumwanderte und Verse vortrug, denn sein Wanderstecken, am Arm hängend, und das Büchlein in der knochigen Hand, über das er halb hinweg, halb auf die aufhorchende Menschheit hinsieht, deuten auf beides, also ein Dichtersmann, bäuerlich stolz von Haltung, knorrig und hochstämmig, königlich selbstbewusst, mit langem Bart-und Haupthaar, von Aussehen wie der Dichter Franz Stelzhamer — ja, das ist er ja, wie er leibte und lebte — unser Pisenhamer Franz!

Die persönliche Charakteristik, auch dem einfachsten Menschen fasslich, hat Metzner Zug um Zug getroffen, ohne von der künstlerischen und plastischen Strenge das geringste zu opfern. So ist das Werk natürlich, dem Wesen des Steines gemäß, also material gerecht und frei von naturalistischen Anwandlungen, die in der Plastik durchaus verfehlt und unkünstlerisch sind.

Völlig überraschend ist die künstlerische Bewältigung des heutigen Alltagskleides, ein Problem, um das die Plastiker bisher vorsichtig herumgegangen sind und das ihnen unlösbar schien. Meunier und Metzner haben es vermocht, der eine mit dem Arbeitsgewand, der andere mit der städtischen oder halbstädtischen Alltagstracht.

Eine der neuesten Schöpfungen Metzners ist der Brunnen in Reichenberg, von dem wir eine Gesamtansicht und etliche interessante Details bringen. Dieser Brunnen zeigt noch deutlicher das Architekturgefühl des Bildhauers. Es ist auf weithin sichtbare Monumentalität abgesehen. In vier Ordnungen baut sich das Werk auf. Der Sockel mit den Trägern, das mächtige Wasserbecken, und den Blumenkranz für die Wasserstrahlen, darüber ein hohes Postament, und als Bekrönung eine mächtige athletische Figur. Die imposante Wirkung, die in der rhythmischen Wiederkehr gleicher Elemente liegt, ist deutlich ausgeprägt.

Sie besteht in den gleichmäßigen Trägern als unter der Last des Wasserbeckens zusammengekauerten Figuren, welche die Wucht der Schwere versinnlichen. Das Postament ist gleichfalls belebt von gleichmäßig aneinander gereihten halbplastischen Figuren in strenger Ordnung. Das anatomische Motiv der Träger kehrt wieder in der hochaufgerichteten athletischen Figur, die das Werk bekrönt. Wie ein Symbol der Freiheit und der Entlastung ragt die Gestalt empor; das Gegenbild zu den unter dem Brunnenbecken personifizierten Naturmächten. Die dynamische Gewalt ist durch das statische Prinzip des lastenden Steines in dieser Brunnenschöpfung versinnlicht. Der Geist der Architektur ist in dem Werk nirgends verleugnet. Es baut sich in einfach, mächtig und konstruktiv gedachten Gliedern auf und wäre durch diese Harmonie immer schön, auch wenn die plastische Personifikation fehlen würde und an Stelle der Plastiken einfache Architekturteile als Stützen und Pfeiler stehen würden.

Die Phantasie des Künstlers strebte natürlich nach der Verbildlichung der architektonischen Elemente. Wie das korinthische Kapital unter der Deckplatte seine Blätter aufbrechen lässt, um das stützende und lastende Element zu veranschaulichen, so verwendet Metzner menschlich-anatomische Bildungen, um eine Naturwirkung ersichtlich zu machen, die weit vom Naturalismus entfernt ist. Es ist das schön, dass Metzner in allen Teilen das wichtige plastische Gesetz betont, dass Stein immer Stein ist. Er nimmt zwar die Formen der menschlichen Anatomie, aber er verwendet sie so künstlerisch, dass es bei ihm niemals eine Täuschung über die Natur des Materials sein kann.

Die Figuren unterhalb des Beckenraumes als ganz plastisch vermenschlichte Symbole sind natürlich strenger nach den Gesetzen der Anatomie gebildet, ohne sich selbstverständlich in überflüssige und störende Details zu verlieren, welche die imposante Gesamtwirkung verkleinern würden. Dagegen sind die reliefartigen Figurenmotive an dem Postament der Hauptfigur umso strenger gehalten, je mehr sie mit diesen Architekturteilen verwachsen sind, und je weniger sie aus diesem Grunde als selbständige Plastik heraustreten. Plastische Elemente, die aus dem Stein hervorwachsen und daher im engeren Sinne immer noch Architekturgebilde bleiben, mussten stets abstrakte Formen annehmen, wenn sie künstlerisch wirken sollen. Dafür sprach auch der Umstand, dass sie an dieser Stelle dem Auge des Beschauers entrückter sind, und dass deshalb nur allgemeine Formen wahrgenommen werden können. Das genaue menschlich-anatomische Studium, das an die einzelnen Figuren angewendet worden ist, kann aus den Details ersehen werden.

Eine plastische Halbfigur »Die Äbtissin« bietet gleichfalls einen Beweis von der eminent sicheren und künstlerischen Auffassung des Materials; was an Ausdruck möglich ist, ist getan, und dennoch ist der Stein durch keine naturalistische Forderung vergewaltigt.

Nur von wenigen heutigen Künstlern, und von den Nichtkünstlern gar nicht, ist die Welt als Organismus begriffen, in dem die Plastik, ebenso wie die Architektur und die Malerei, vor allem die Denkmalplastik, eine räumliche Beziehung darstellt, ein gedanklich bestimmtes Material, das mit dem natürlichen Materialausdruck von Stein oder Bronze ein Symbol verkörpert. Alle Begriffe sind verworren, alles Verlangen unklar und alle Künste geben sich uneigentlich und spielerisch! Jede Architektur, jede Malerei, jede Plastik tritt so auf, als ob sie allein und das einzige auf der Welt wäre und keinen Zusammenhang mit dem anderen brauchte. Architektur will malerisch und plastisch wirken im Surrogatschmuck einer Schein-Skulptur; Monumental-Malerei will körperlich wirken wie Plastik und Plastik malerisch und dramatisch wie Genrebilder und Historienmalerei.

Schliesslich wird jedes Material auf die Effekte eines anderen hin bearbeitet und vergewaltigt. Dass Bronze und Stein, Granit und Marmor grundverschiedene Physiognomien haben, wird kaum beachtet. Vor allem aber fehlt der Blick aufs Ganze. Daher kommt es, dass die Gesamtheit des heutigen Bauens und Gestaltens kein Kunstwerk darstellt, das sich aus zahlreichen Gliedern organisch bildet und zur Einheit zusammenschliesst, wie die Natur selbst, sondern sie ist eine Summe von zahllosen zusammenhanglosen Einzelheiten und Bruchstücken, ein bunter Haufen, nur von ihrem physischen, nicht von einem geistigen Schwerpunkt zusammengehalten, der, wenn er auseinanderfallen würde, in Scherben liegt, so dass nicht zwei Stücke passend zusammengefunden werden könnten. Ein kaum handgrosses Bruchstück einer antiken Plastik genügt, um im Geist das ganze übrige Werk und die dazugehörige Welt zu ergänzen; dagegen ist ein zehnfach grösseres Bruchstück einer heutigen Durchschnittsplastik ein nichtssagender, wertloser Trümmer. Darin liegt der primäre Unterschied zwischen guter und schlechter Plastik.

Jos. Aug. Lux.

Verzecihnis der Abbildungen:
Franz Metzner-Brunnen
Franz Metzner-Brunnen-Details
Franz Metzner-Brunnenfigur
Franz Metzner-Brunnenträger
Franz Metzner-Brunnenträger-II
Franz Metzner-Denkmal-Dichter-Stelzhamer
Franz Metzner-Kampf
Franz Metzner-Plastik
Franz Metzner-Todesstoss

Siehe auch:
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Holzschnitte von Josef Weiss
Ein Kriegerdenkmal
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Kunstverständnis-Möglichkeiten Einst und Jetzt
Lebenswerte der Kunst
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik

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