eine Deutsche Welt-Ausstellung?

aus dem Kunstmuseum Hamburg

„Sammeln wir unsere Kräfte unter Vermeidung jeglicher Zersplitterung endlich einmal zu einer wirklich großen Tat!“

Oft genug mag diese, dem deutschen Nationalgefühl schmeichelnde Frage von berufener und unberufener Seite aufgeworfen sein. Jede Ausstellung, — nicht zuletzt aber eine „Welt-Ausstellung“ — bleibt ein großes Wagnis, gleichviel aus welchem äußeren Anlaß heraus die Berechtigung zur Abhaltung einer solchen „konstruiert“ wird.

Ob heute, nachdem die verschiedensten Völker der Erde einander so nahe getreten sind, überhaupt noch Welt-Ausstellungen erforderlich sind? Ich möchte es bezweifeln, vielmehr dem Gedanken Raum geben, daß es meist wohl nur Sonderinteressen waren oder auch den Verfolg ehrgeiziger Pläne galt, wenn „Welt-Ausstellungen“ mit meist viel zu kurzen Vorbereitungsfristen von 3 — 5 Jahren aus dem Boden gestampft wurden, und häufig war es ja auch nur ein Akt politischer Höflichkeit, wenn der Einladung zur Beschickung einer solchen Folge geleistet wurde.

„Welt-Ausstellungen“ sollten eigentlich nur aus Anlaß großer Kulturfeiern, an denen die ganze Menschheit Anteil nimmt, eine innere Berechtigung haben; unklug erscheint es mir, politische Ereignisse irgendwelcher Art bei einer gewissen Jährung als Anlaß zu einer Welt-Ausstellung zu wählen. Deutschland sollte sich darum hüten, etwa eine „Fünfzigjahrsfeier der Neugründung des Deutschen Reiches“, mit der Veranstaltung einer „Welt-Ausstellung“ auf deutschem Boden verquicken zu wollen. Also auf keinen Fall etwa zu 1921 eine Welt-Ausstellung, zu der Deutschland die Völker zu einem friedlichen Wettstreit einladet.

Alle Anzeichen sprechen dafür, daß die Bedeutung der Welt-Ausstellungen schon heute nicht mehr so hoch bewertet wird, oder vielleicht besser ausgedrückt: daß sich diese „internationalen Schauen“ nicht mehr als zeitgemäß erweisen! Tokio wird voraussichtlich noch eine Ausnahme machen, wenn Ostasien bis dahin nicht noch ein größeres Schauspiel bieten wird. Dann aber wird m. E. die Stunde der Welt-Ausstellungen geschlagen haben oder sie müßten als „Unternehmer-Spekulation“ weiter gedeihen!

Wohl alle Großstaaten sind seit Jahren ausstellungsmüde. Wenn sie trotzdem immer wieder mitmachen, entspringt dies oft nur Höflichkeitsgründen und der Gewohnheit und dem Vorbilde der Nachbarn, die das eben auch tun. Volk und Regierung sind selten von der Notwendigkeit solcher Veranstaltungen überzeugt, die Abneigung dagegen wird in allen Staaten immer größer. Die Werbekommissare für die letzten Welt-Ausstellungen haben schon eine schwere Arbeit zu leisten und einen scharfen Widerstand zu überwinden gehabt, denn weder der Gewerbetreibende und Handwerker, noch der Großindustrielle und Großkaufmann, wollen von einer Beteiligung an diesen internationalen Jahrmärkten etwas wissen.

Man wird das durchaus begreiflich finden, wenn man bedenkt, daß für 1913 wieder eine „Welt-Ausstellung“ und zwar für Madrid vorgesehen ist. Wie leichtfertig das ist, kann man schon aus der kurzen Vorbereitungsfrist von 2 Jahren ersehen, während allein für die diplomatische Werbearbeit bei den Staaten so viele Jahre für ein gutes Gelingen erforderlich sein dürften. Man bedenke aber, daß zwischendurch sich noch ähnliche Ausstellungen in Turin und Antwerpen abwickeln werden. Das deutsche Kapital und die deutsche Arbeit sollte mal eine Zeitlang in Ruhe bleiben, um Kraft und Mittel für eine große innere Arbeit zu sammeln!

Deutschland kann demnach von einer „Welt-Ausstellung“ absehen. Es verliert nichts dabei. Aber — und ich komme damit auf meine früher mehrfach geäußerten Grundgedanken in Ausstellungssachen zurück — es sollte endlich an eine große deutsch-nationale Landes-Ausstellung denken, deren Durchführung nachgerade zu einer nationalen Ehrenpflicht geworden ist. Eine solche Ausstellungwürde den Erfolg in sich tragen: ideell wie materiell! Denn vom ganzen Erdball würden die Besucher kommen, um zu sehen und zu studieren, was Deutschland auf allen Gebieten leistet. Laden wir die Völker endlich einmal zu uns zu einem Kulturschauspiel großen Stils. Vereinigen wir endlich mal die deutschen Stämme, von denen sich noch immer wieder welche in der Verfechtung von Sonderinteressen verlieren, zu einer Großtat!

Von Jahr zu Jahr mehrt sich die Zahl der Auslandbesucher, die deutsches Wesen, deutsche Einrichtungen, deutschen Handel und Wandel, überhaupt in Allem deutsches Leben studieren wollen. Unsere Industrie, Städte-Einrichtungen, soziale Fürsorge, unsere Krankenhäuser und Schulen sind zu ständigen Studienobjekten für die Vertreter anderer Nationen geworden. Was läge da näher, als ein Zusammenfassen der verschiedenen Kräfte und Leistungen auf einer deutschen Ausstellung einer durch und durch sorgfältig vorbereiteten und gewissenhaft, liebevoll und vollendet durchgeführten Ausstellung des Deutschen Reiches.

Selbstverständlich muß dafür eine größere Arbeit geleistet werden, als wenn wir uns „ehrenhalber“ an einer sogenannten Welt-Ausstellung beteiligen. Die ganze Nation muß dafürauftreten und eintreten,wenn ein so großer Wurf vor den Augen der Welt gelingen soll! Man greife diesen Gedanken auf und betraue führende und schaffende Männer und Frauen unseres Vaterlandes mit der fundierenden Vorarbeit! Die Tat kann in fünf bis sechs Jahren verwirklicht sein, sie darf auch zehn Jahre in Anspruch nehmen; es kommt nur darauf an, ob wir klug genug sind, unsere Kräfte ausschließlich allein dafür festzulegen und sie nicht zu zersplittern durch so und soviel kleine Lokal- und Sonder-Ausstellungen, vor allem aber auch das Reich selbst nicht festzulegen durch neue Verpflichtungen für fragwürdige Weltausstellungen, die zu einem großen Jahrmarktrummel zu werden drohen. Aber auch uns selbst muß der Gedanke, an einen „verkleinerten“ Weltjahrmarkt zu denken, ein für alle Mal als abgetan erscheinen.

Meine Reformvorschläge für das Ausstellungswesen, die bisher in kleinerem und größerem Umfange Verwirklichung gefunden haben, und die darauf abzielen: in unseren Ausstellungen organische, wirtschaftliche und künstlerische Gebilde als einheitliche Lebensausschnitte selbst zu schaffen, die nicht von den notwendigen Ausstellungshallen erdrückt werden, erneuere ich hiermit.

Damals zielten meine Ausführungen für eine Landesausstellung — etwa im Großherzogtum Hessen — auf ein zu erbauendes Dorf ab. Eine „Reichsausstellung“ müßte natürlich eine „Stadt“ bieten: keine romantische alte Stadt mit sogenannten malerischen Winkeln, sondern eine moderne Stadt mit allen Errungenschaften der Technik, der Hygiene, der Baukunst, des Verwaltungs- und Verkehrswesens, in welchem Gebilde eben so sehr die Stätte der Erziehung, der Erholung, desVergnügens, wie der Wasser-, Licht- und Lebensmittel Versorgung vertreten sein müßten.

Es könnte etwa der Kern einer „mittleren Stadt“ sein, mit Schulen, Kirchen, Verwaltungs-Gebäude, Markthalle, Krankenhaus, Museum, Theater, Konzertsaal, Orpheum, Zirkus etc., Ausstellungshallen, Park, Gartenanlagen, Brunnen, Badeanstalt, Börse, Bankgebäude, Verkaufsläden, Post, Verkehrsmittel der verschiedensten Art und an was Alles der moderne Städtebauer zu denken hat. Auch ein Friedhof und ein Krematorium müßten vorgesehen werden, denn selbstverständlich könnte diese „Stadt“ nicht bloß ein Ausstellungs-Objekt bleiben.

Daß an einer solchen Ausstellung alle Berufe und Gewerbe beteiligt sein würden, bedarf keiner besonderen Hervorhebung: Gewerbe, Handwerk, Kunstgewerbe, Kunst, Handel, Industrie und Landwirtschaft könnten hier einander die Hand reichen. Daß hierbei der erfahrene Ausstellungstechniker und Organisator in allen Fragen zu hören sein würde, erscheint selbstverständlich, denn es gilt doch in erster Linie wieder eine solche Stadt als „Ausstellungs-Objekt“ zu zeigen, das Unternehmen als solches aber auch rentabel zu gestalten.

Es soll nicht Aufgabe meiner Ausführungen sein, hier einen Wirtschaftsplan aufzustellen, denn dafür bedarf es breiterer Unterlagen rechnerischer Art und ausführlicherer Pläne. Aber außer Zweifel dürfte das Gelingen einer so großzügigen und ihrem Gesamtcharakter nach erstmalig gebotenen Ausstellung garantiert werden können, wenn alle dafür heranzuziehenden wirtschaftlichen Faktoren nach Maßgabe ihrer Mittel die Durchführung decken helfen, noch zumal wohl jeder Bundesstaat für sich ein lebhaftes Interesse daran haben müßte, in der Erfüllung seines Wirtschafts- und Arbeitsanteils sein Bestes und Höchstes zu leisten.

Ganz außer Frage stände wohl, daß nur die Reichshauptstadt Berlin für eine derartige Ausstellung in Betracht käme. Ja, es ist nicht ausgeschlossen, daß bei den bestehenden Ausbau-Absichten Berlins inbezug auf „Groß-Berlin“ Bauten erstehen, die einen Teil der Ausstellungsaufgaben erfüllen könnten. Auch das Jahr 1920 würde für eine solche Ausstellung noch nicht zu spät liegen; um so besser würden alle die einleitenden Arbeiten erledigt und das Unternehmen selbst in der Beschaffung von Fonds fundiert werden können.

Nur nichts Halbes! Und keine Aufmachung mit fragwürdigen Mitteln, keine fadenscheinige Repräsentation, keine Kulissen, kein Abklatsch der Wirklichkeit, sondern — die Wirklichkeit selbst!

Für Berlin als „Ausstellungsfeld“ sprechen eigentlich fast alle Gründe, nicht nur seine besonders günstige Lage für alle Verkehrswege und Verkehrsmittel. Hauptsächlich aber seine Stellung als „Reichshauptstadt“ spricht dafür, Berlin als Ausstellungsstätte einer „Deutschen Reichs-Ausstellung“ zu wählen. Sämtliche deutschen Bundes-Staaten würden sicherlich in diesem Sinne vollste Sympathie für Berlin hegen.

Aber auch alle Völker würden für eine solche deutsche Ausstellung ihre Sympathie bekunden, wenn sie lediglich als ein großes, ja gigantisches Werk des Friedens, der kulturellen Macht und Größe erstehen würde. Dabei würde die politische Größe des Reiches keineswegs zu kurz kommen, im Gegenteil: sie würde so in unaufdringlicher Weise erst recht zur Geltung kommen: denn ein Volk der Arbeit und Intelligenz ist auch stets ein Volk in Waffen! Wo nichts ist, ist auch nichts zu verteidigen!

Würde der hier nur in großen Umrissen dargelegte Plan einer Deutschen Reichs-Ausstellung in den leitenden Kreisen und breiteren Schichten des Deutschen Volkes verstärkenden Widerhall finden, so würde darin zugleich eine Beruhigung und Festigung der politischen Zukunft liegen. Ein so eklatantes Zeichen der inneren Arbeit eines Volkes und der Anspannung seiner besten Kräfte für eine so lange Zeitspanne bedeutet wohl die beste Bürgschaft des Friedens!

Wir bedürfen dazu auch keines äußeren Anlasses, keiner politischen Feier oder eines Regierungs-Jubiläums. Man denke deshalb nicht an 1918 oder gar an 1921. Es genügt vollauf, daß wir uns stark genug fühlen, eine solche Ausstellung zu machen. Je eher wir uns entschließen, desto besser! Nicht was wir wollen, sondern was wir können, müssen wir der Welt einmal zeigen!

„Sammeln wir unsere Kräfte unter Vermeidung jeglicher Zersplitterung endlich einmal zu einer wirklich großen Tat!“

Alexander Koch.

Siehe auch:
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Krieger-Denkmäler
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Bildhauer Georg Kolbe
Sascha Schneider-Bildhauer und Maler
Die Wiener Plastik und Malerei
Anton Hanak-Bildhauer
Hermann Geibel-Bildhauer
Ausstellung Richard Teschner-Wien 1920
Gaston Béguin
Max Klinger-Dem Grossen Toten
Das Kunsthaus in Zürich
Eindrücke von der Brüsseler Welt-Ausstellung
Bernhard Hoetger-Bildhauer
Georg Kolbe-Bildhauer

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