Lebensbaum und Weltbaum

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Es gibt in Deutschland in verschiedenen Gegenden, wenn auch nicht gerade häufig, steinerne Grabmäler aus dem 17. Jahrhundert, deren bildliche Darstellungen in ganz eigenartiger, aber einleuchtender Weise den Tod des unter ihnen Schlummernden versinnbildlichen.

Da sieht man z. B. im Relief der Grabplatte einen Strauch wachsen mit dicken und schönen Rosen. Lässig sitzt der Tod als Gerippe daneben und bricht mit freundlich-spöttischer Miene die schönste der Blumen. Niemand kann den Sinn dieses Bildes verkennen: So wie die Blüte schnöde gebrochen und also dem Lebensstrom, der sie und den Strauch durchwaltet, jäh entzogen wird, so wie sie dann ihr Leben verlieren muß, so ging es dem Toten, dem man dieses Grabmal setzte.

Die zarte Wehmut, die feine und fast versöhnliche Stimmung, die diesem Bild entströmt, ist bei anderen Grabmälern einer wilden, herrischen, ja fast rohen Aufrüttelung gewichen. Man sieht da den Tod, immer als häßliches Gerippe dargestellt, mit weit ausholendem Schwung einen Baum fällen. Tief ist schon die Kerbe, die er gehauen hat. Das vernichtende Ergebnis ist deutlich.

Bei anderen Darstellungen ist der Baum schon unter den Hieben gestürzt, einmal zuckt auch der Blitz zerschmetternd aus den Wolken, überall aber hört man die klare Sprache:

„So wie der Baum fällt, so fällst auch du, Menschenkind!“

Es ist also kein Zweifel, daß der Baum hier als Lebensbaum des Verstorbenen gemeint ist, daß sein Leben ein Sinnbild des Menschenlebens ist, daß eine Vernichtung den Tod des zu ihm gehörenden Menschen bedeutet.

Mensch und Baum sind hier in tiefer innerer Verbindung miteinander gezeigt. Der Baum soll kein Bild einer Wirklichkeit sein, kein Abbild der Natur, kein Kunstwerk zu ästhetischer Wertung. Es hat einen Sinn, der — dem Bildhauer des 17. Jahrhunderts wohl kaum mehr bewußt — letztlich in Urtiefen unseres Glaubens wurzelt. Hier kann die weite Verbreitung dieses „Lebensbaumes“ nur angedeutet werden. Bis in die ersten Anfänge unserer indoarischen Überlieferung reicht die Mythologie von der Weltesche Yggdrasil. Der Baum lebt in Sagen vom Hausbaum, vom Schutzbaum, vom Baum, der für das Neugeborene gepflanzt wird. Zu ahnen ist er in Märchen, wie dem schönen vom Machandelboom oder dem von den Äpfeln des Lebens. Er findet sich in Liedern und Bräuchen vom Maibaum und Weihnachtsbaum, die an den Hausfirst genagelt und übers Jahr aufbewahrt werden, überall ist das Leben des Menschen oder der Familie mit dem Gedeihen eines solchen Baumes geheimnisvoll verknüpft, er ist also wirklich der „Lebensbau“.

Es könnte nun scheinen, als sei das trübe, leidvolle 17. Jahrhundert, diese Zeit, die das rohe Beil des Todes so oft und hart erlebte, der Ausgangspunkt für solche Darstellungen des gefällten Baumes. Dem ist jedoch nicht so. Schon viel früher ist die Vorstellung da, daß der Tod mit der Axt den Lebensbaum niederschlägt. Ein Holzschnitt in den Liedern des Sebastian Brant, kurz nach 1500 gedruckt, zeigt schon ein solches Bild. Bezeichnenderweise aber ist es hier nicht der Baum eines einzelnen Menschen, sondern es sind viele Menschen, die im Baume sitzen und schon von ihm herab in eine Grube fallen, bevor noch der angehackte Baum selbst gestürzt ist.

Noch deutlicher ist das Schlussbild von Nikolaus Manuel Berners Totentanz. Auf dem angehackten Baum sitzen viele Menschen, die von dem Tode mit Pfeilen heruntergeschossen werden. Es ist, wie schon angedeutet, der Baum hier nicht Lebensbaum eines einzelnen, sondern des ganzen Menschengeschlechts. Dies wird noch deutlicher in einem Stich des Meisters mit den Bandrollen aus der Zeit um 1470. Hier ist der Lebensbaum wahrhaft ein Weltbaum, denn in ihm sitzen in wohlgefügter, dreistufiger Ordnung die Menschen, zugleich ein Sinnbild der wohlgeordneten Welt.

Zu oberst sehen wir die Geistlichkeit, darunter die weltlichen Herren, Kaiser und Könige, Fürsten und Grafen, darunter die Bürger und Bauern. Hier wird im ausgehenden Mittelalter jene uralte, aus Dichtung und Philosophie der Indogermanen bekannte Gliederung der Menschen weit in drei Stände deutlich vorgeführt. Der Baum aber wird nicht angehackt, er wird von zwei Tieren, Tag und Nacht, angenagt und steht in einem auf Wellen dahingleitenden Schiff, Sinnbild der stetig dahinfließenden Zeit. Der Tod hebt den Bogen und schießt seine Pfeile auf die Menschen im Baume ab.

So ist dieser Baum hier viel mehr als ein Lebensbaum, ist auch mehr als ein „Ständebaum“, wie man ihn nicht ganz treffend genannt hat; er ist in Wahrheit der Weltbaum, der alle Menschen in klarer Ordnung in sich begreift. Nicht fern liegt uns hier der Gedanke an die nordische Weltesche, in deren Zweigen Götter und Menschen wohnen, und an andere indogermanische Weltbäume. Sie geben nicht nur Wohnung, sondern spenden auch Glück und Segen. Nur ahnen können wir heute freilich im fernen Dämmer der Vergangenheit den grossartigen, aus Urtiefen unserer Rasse stammenden Mythos. Seine Wandlungen aber lassen sich verfolgen an den wenigen Zeugnissen, die wir hier beigebracht haben.

Noch lebt in dem spätmittelalterlichen Stich etwas von der nordischen Größe, noch spürt man das mythische Weltbild in der Darstellung des heiligen Baumes. Einfacher, äußerlicher, krasser, aber noch voll Sinnbildgehaltes sind die späteren Darstellungen in Sebastian Brants Buch und im Berner Totentanz. Dann aber wandelt sich der Sinn stark. Das Ganze tritt zurück, der Einzelne, der im Mittelalter nur selten in Lebensbaumdarstellungen sich findet, kommt in den Vordergrund. Und mit diesem Individualismus werden die Bilder einfacher, verständlicher; sie verlieren ihren hintergründigen Sinn und ihre mythische Größe; sie werden gefühlvoll oder gar sentimental; sie wecken Rührung, Wehmut und Mitleid.

Schließlich aber tritt der Sinnbildgehalt ganz zurück, und der Beschauer wertet solche Darstellungen nur noch als Allegorien oder als Kunstwerke, deren Schönheit und ästhetische Wirkung er beachtet. Damit ist die Wandlung des alten Sinnbildes vom Weltbaum und Lebensbaum zu Ende gekommen. Uns aber bleibt nichts, als uns vorsichtig an Hand der Zeugnisse in die tiefe Vergangenheit zurückzutasten und so einen Schauer ihrer Größe zu verspüren.

Siehe auch:
Die Baumseele
Die Waldgeister und ihre Sippe

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