der Vertrag von Virten 843

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Das Reich wollte führen, nicht aber die Welt beherrschen. Frankreich wollte die Welt erobern und von Paris aus herrschen.

Gleich einem heroischen Gipfel ragt die Gestalt Karl des Großen am Aufgang unserer Geschichte. Nach den Stürmen und Wirren der Völker-Wanderungszeit faßte er zum ersten Male die germanischen Volksstämme in seinem großfränkischen Reich zusammen, das in jedem Betracht die Vorhalle unserer späteren Reichsbildung darstellt. Und indem er, weit seiner Zeit vorauseilend, mit kluger und harter Hand die deutschen Stämme zusammenzwang, schuf er die Voraussetzung zur Bildung des späteren mitteleuropäischen Reichskerns: Deutschland. Er hat der Entwicklung des germanischen Abendlandes die Richtung gewiesen, die sie trotz aller Umwege und Rückläufigkeiten beibehalten hat bis auf den heutigen Tag. Von dem erhöhten Standpunkt der wiedererstandenen Reichsmacht ist es uns heute möglich, die Tragik sowohl als auch die innere Notwendigkeit der schicksalhaften Vorgänge unserer Vergangenheit zu begreifen, zu welchen auch jener folgenschwere Teilungsvertrag von Virten zu zählen ist.

Schon ein Menschenalter nach dem Tode des ersten Frankenkaisers zerfiel sein Reich in drei Teile. Die 843 in dem Vertrag von Virten (Verdun) gezogenen Grenzen haben mit Volkstumsgrenzen nichts zu tun. An Ludwig den Deutschen fiel in der Hauptsache der von den deutschen Stämmen diesseits des Rheins und der Alpen besiedelte Raum mit den ihm ostwärts vorgelagerten Marken. Der Beherrscher des Mittelreiches, Lothar I., gebot über Aachen und Rom. Er war Kaiser, Hoheitsrechte über die Reiche seiner beiden jüngeren Brüder standen ihm jedoch nicht zu. Was westwärts von ihm lag, gehörte mit der spanischen Mark zum westfränkischen Reich.

Die nationalstaatlich gerichtete Geschichtsschreibung einer hinter uns liegenden Zeit feierte den Vertrag von Virten als die Geburtsstunde Deutschlands und Frankreichs. Von unserem heutigen Standpunkt aus gesehen, bildet dieser Teilungsvertrag, der die nationale Aufspaltung Europas einleitete, den Ausgangspunkt eines bitteren, wenn auch unvermeidlichen Umwegs unserer Geschichte. Zwar verlagerte sich der Schwerpunkt der weiteren Reichsentwicklung nach dem germanischen Kernland des Abendlandes, nämlich nach Ostfranken; der germanisch geführte fränkisch-langobardische Westen und Süden des karolingischen Reiches aber ging fortan eigene Wege. Virten ist die erste Station auf jenem Schicksalsweg Deutschlands und Europas, der über die deutsche Reichsschöpfung des Mittelalters und sieben Jahrhunderte der Zersplitterung zu dem ersehnten gesamtgermanischen Reich der Zukunft führt.

In welchem Licht sehen wir nun das ostfränkische Reich? Es hatte sich 843 aus größeren Zusammenhängen herausgelöst und wäre gerade in dieser Form schwerlich entstanden, hätte nicht Karl der Große die letzten selbständigen westgermanischen Stämme in das Frankenreich hereingeholt. Seine Lage war nicht übermäßig günstig, jedenfalls nicht besser als die des Mittel- und Weltreichs, und wenn es diesem im Verlauf eines Menschenalters einen Vorsprung abgewann, dann verdankt es ihn seinem ersten König, Ludwig dem Deutschen.

Im Zeitalter der Naturalwirtschaft hing die königliche Macht auch von dem Umfang des Krongutes ab. Je ausgedehnter die Besitzungen, je höher die Erträgnisse, die sie abwarfen, desto machtvoller der König. Jedem der drei Brüder war ein großer Krongutbezirk zugefallen. Zwischen den Kernlandschaften an Reichsgut in den drei Reichen bestand aber ein großer Unterschied. Jenseits des Rheines war der Landesausbau viel weiter gediehen als diesseits; das Reichsgut warf daher mehr ab, und seine Lage an den von den Römern mit unnachahmlicher Meisterschaft angelegten Straßen gewährleistete auch eine bessere Nutzung der Erträgnisse. Anders im ostfränkischen Reich. Hier war vor allem in den Tagen Karls des Großen viel herrenloses Gut an die Krone gefallen, aber das bestand zum guten Teil nicht aus besiedelbarem Land und mußte erst gerodet werden, ehe das Königtum Nutzen erwarten konnte. Römerstraßen fehlten nördlich der Donau, und wenn das ostfränkische Reich natürlich auch nicht an Straßen arm war, so fällt ein Vergleich mit den übrigen Reichen auch in dieser Hinsicht nicht zu seinen Gunsten aus.

Ungünstig war die Lage des 843 entstandenen ostfränkischen Reiches aber auch noch aus einem anderen Grund. Die Stärke der Bevölkerung in den früh- und hochmittelalterlichen Staaten können wir nicht errechnen, sondern höchstens schätzen. So stehen uns auch für die Mitte des 9. Jahrhunderts nur Schätzungen zu Gebote, die ergeben, daß das westfränkische Reich an Bevölkerungszahl dem ostfränkischen merklich überlegen war, ganz zu schweigen vom Mittelreich. Aufgewogen wurde dieser zahlenmäßige Unterschied allerdings durch den starken nordischen Blutsanteil bei den deutschen Stammen.

Als diese 843 zum ersten Male zu einem selbständigen Staat zusammengefaßt wurden, da lag dieser an der äußersten Grenze des germanischen Abendlandes.

Ludwig der Deutsche kannte den Osten oder doch mindesten einen Teil, als er die Herrschaft im Ostfrankenreich antrat. War er doch viele Jahre lang Unterkönig in Bayern gewesen, dem auch die östlichen und südöstlichen Marken unterstanden. Er hat zwar Vorsorge getroffen, daß deutsche Siedler in den Alpen- und Donauraum hineinwuchsen, darüber hinaus hat er im Osten keine weiteren Pläne verfolgt. Er wußte zweifellos, daß man, um Eroberungen zu sichern, Bauern braucht und daß er solche über das hinaus, was der Stamm der Bayern bereits dem Südosten abgab, nirgendwo freimachen konnte. Einen Aufstieg über die Anfänge von 843 hinaus versprach nur ein Gebietszuwachs im Westen.

Dort mußte er auch angestrebt werden, weil des ostfränkischen Reiches Westgrenze unzureichend war. Deshalb mußte Ludwig der Deutsche, der schon vor 843 um eine entsprechende Westgrenze gerungen hatte, während seiner ganzen Herrschaftszeit der Lage im Westen sein Hauptaugenmerk zuwenden. Ihm ist es gelungen, nach dem Zerfall des Mittelreiches 855 und nach dem Tod des Königs von Lotharingen 869 Frankreich zu zwingen, diese Gebiete, die es bereits besetzt hatte, wieder zu räumen, vom Rhein zurückzuweichen und auf eine Teilung einzugehen, die das ost- und westfränkische Reich zu Nachbarn machte. Daß der Rhein nicht die Grenze des ostfränkischen Reiches blieb, sondern sein Strom wurde, das dankt das deutsche Volk Ludwig dem Deutschen, und das war entscheidend dafür, daß der Rhein auch der Strom der Deutschen blieb und daß auf diese Weise das Übergewicht der Mitte über den Westen Europas auf Jahrhunderte hinaus besiegelt wurde.

Für das erste Reich der Deutschen bildete der Vertrag von Virten eine Vorstufe in seiner kommenden machtpolitischen Entwicklung. Von den drei Staatswesen, die sich seither nach mannigfachen Grenzverschiebungen herausbildeten: Frankreich, Italien und Deutschland, ist Deutschland seit dem 10. Jahrhundert das bedeutendste gewesen. Man sieht das allmähliche Emporreifen der germanischen Mitte zur Führung Europas, man ahnt förmlich, daß das ihre Bestimmung und der Inhalt des Reiches sein wird. Zusammenspiel und Gegensatz der 843 entstandenen selbständigen Staaten, vor allem, seit das Mittelstück zwischen dem ost- und westfränkischen Reich verschwunden war, bestimmen auf lange hinaus den Inhalt der abendländischen Geschichte. Im Besitze Italiens, später auch Burgunds, stieg das Reich empor und hat durch dreihundert Jahre den ersten Platz in Europa eingenommen, glühend beneidet von seinem Nachbarn im Westen, der sich zurückgesetzt fühlte. Als Volk Karls des Großen wollten die Franzosen wieder zusammenfügen, was 843 zerfallen war. Und hier werden die Wesenszüge deutlich, die beide Völker voneinander unterschieden und trennten.

Das Reich wollte führen, nicht aber die Welt beherrschen. Frankreich wollte die Welt erobern und von Paris aus herrschen.

Im romanischen Europa sind die Auffassungen herangereift, die mit der Reichsidee in Wettbewerb traten und sie schließlich verdrängten, die Lehre nämlich, daß die sich allmählich herausbildenden Nationalstaaten niemanden über sich anerkennen, keinen Kaiser und auch kein Reich. Mit dieser Auffassung aber war das natürliche Gleichgewicht Europas zerstört, für ein Reich schien nun kein Platz mehr zu sein und keine Aufgabe.

Alles das wurzelt in dem Teilungsvertrag von Virten und kommt uns erst jetzt so recht zum Bewußtsein, weil wir inmitten einer Zeit stehen, in der nur eine Neuordnung Europa noch retten kann, eine Neuordnung, die getragen wird von dem Reich, das heute wie einst seine Aufgabe nicht in Weltherrschaft, sondern im Weltdienst erkennt und das im Mittelalter auf dem Grund emporwuchs, der 843 gelegt worden war.

Prof. Dr. Heinz Zatschek

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