mehr als fünf Brüder

von H.-P. Schröder

Mehr als fünf Brüder

Sieben Jahre war er, ein Knirps, in kurzen Hosen

wie alle damals, 1941, als die Nachricht kam,

auf einer schmalen Karte im neutralen Umschlag,

jener hatte sich freiwillig gemeldet,

alle hatten sich freiwillig gemeldet

`raus, `raus aus der Enge, `raus aus dem

roten Kohlegräberland.

Draufgänger alle, die Besten, dem Ruf gefolgt,

gegen den Willen der Eltern, mit 17

nach Russland, Kopfschuß sagte die Karte,

Kopfschuß, sofort tot,

einer von vier Brüdern, alle in Rußland,

alle freiwillig,

die Mutter weinte laut,

und er verkroch sich unter die Rolle

hinter der Scheune, tot, tot, tot,

nie mehr Rindenboote zu Wasser lassen,

nie mehr durch die Mittagswälder streifen,

nie mehr bewundernd aufblicken, lernen,

lachen, alles ausgelöscht, er heulte los

Krämpfe, keine Luft mehr, blind,

blind, Schmerz,

Schmerz, Schmerz, Schmerz.

Die zweite Karte,

da schrie sie auf und er rannte hinaus,

ohne abzuwarten, was die Karte sagte, hinaus

unter die Rolle,

schlug um sich, Kopfschuss sagte die Karte später,

sofort tot. Nie mehr. Nie.

Er wurde zu Stein.

Beim dritten Mal,

die Mutter suchte Halt, irrte durch die Stube,

fasste nach dem Türpfosten,

da lag er bereits an seinem Platz,

Entsetzen,

acht Jahre alt

und die Welt ward Galle.

Bitte, bitte, betete sie, nimm mir´ nicht

den Letzten auch noch, laß´

ihn nach Hause kommen.

Dann kam keine Karte mehr.

Es erschien der Priester.

Der Priester sagte: „Kopfschuss, sofort tot.“

Und dann sagte er noch: “Wen Gott liebt, den züchtigt er.“

Sagte der Priester.

Die Liebe seines Gottes war sehr mächtig.

Da bekam sie einen Schlaganfall und fiel gelähmt

zu Boden.

Er füttert sie und übt mit ihr Sprechen, Gehen,

Leben. Wochenlang, monatelang

Er ist neun Jahre alt.

Das ist lange her, sagt man,

aber wenn mein Schwiegervater darüber spricht,

„vier Brüder, vier Brüder!“, und wie die Sozen

sie behandelt haben, beschimpft und denunziert,

nach dem Krieg, als sie aus ihren Löchern

gekrochen kamen und wieder, schon wieder,

ihre Fressen wetzten an den Opfern,

dann ist das für ihn „damals“,

lebendig zwar, jedoch vorgestern lebendig.

Aber für mich, der oben im Mastkorb gelandet ist,

ist das alles „Jetzt“,

und im Jetzt da gibt es kein Vergessen,

gibt es keine Sühne und keine Vergebung.

Für mich ist immer Jetzt.

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