Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Band I

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Vorwort

Vergleichende Betrachtung der bildenen Künste

Jahrhunderte haben sich mit Aufstellung von Kunstgesetzen gequält, und selbst die Richtigkeit der Erkenntnisse förderte kaum die praktische Ästhetik, gab nicht den Halt vor schlimmen Versuchungen, nicht den hellen Trieb, das Heiligtum zu verehren.

Die Gesetze, auch die richtig erkannten, halfen nicht. Liefen sie sich in eine knappe allgemeingültige Form fassen, so gehörte zur Schöpfung kein Genie. Sie sind so weitmaschig, dass jeder Versuch, auf rein gesetzmäßigem Wege zur Kunstschätzung oder Schöpfung zu gelangen, uns stets der Gefahr aussetzt, durch die Maschen zu fallen. Man kann der Kunst nur durch vergleichende Betrachtung persönlich näher kommen. Wie dieser oder jener das Gesetz erfüllte, wie ein anderer auf anderem Wege mit einem Opfer, einer Zutat dem Ziele näher kam, und wie dann wieder der Nachfolger das erste mit dem zweiten zu einem dritten bildete, diese Beobachtung übt uns auf die Kunst ein, soweit überhaupt eine Wissenschaft vermag, den Sinn des Kunstgenusses zu fördern.

Ueber die Kunst läßt sich mit Abstrakten wenig sagen. Was nicht Kunst ist, erscheint selbstverständlich, und doch haben sich Generationen bei uns und überall darum gezankt. Man hat Helden auf dem Thron behalten, nur weil man sie vor dem Vergleiche schützte, und man hat andere der Vergessenheit der Gegenwart preisgegeben, weil man sich sträubte, an ihnen die mutige Tat notwendiger Entwicklung zu erkennen. Unendliche Widersprüche verwirrten die Lage des Kunstfreundes unserer Zeit. Neben den Zaghaften entstanden Unabhängige, die einem Künstler um so lieber folgten, je weniger Beziehungen zu der Kunst der Mitwelt oder der Vergangenheit an ihm bemerkbar waren. Diese Neuerungsschwärmer die in der Kunst die Entwicklungsgeschichte leugnen, sind fast noch schlimmere Feinde der Ästhetik als die Misstrauischen.

So lange nun das als Kunst gilt, was unserem Blick als Kunst erscheint, muss das Auge sich seiner Rolle würdig erzeigen und fassen lernen. Wir Deutschen aber leiden an dem Irrtum, Kunst zu denken, statt zu betrachten. Wir tragen unsere Seele in sie hinein, anstatt uns von ihr beseelen zu lassen, und wir achten nicht darauf, wem wir uns anhängen, wenn nur unsere Deutungssucht im Werk die noch so billige Befriedigung findet. Was allen Instinkten heute zum Mage dient, was den Menschen bestimmt, sich seine Kleidung, seine Nahrung, seine Helfer, seine Geliebte zu suchen; das Verfahren, das andere auf uns anwenden, der Vergleich, ob wir schlechter oder besser dienen als unser Nebenmann, wird in der Kunst allein vernachlässigt. Hier wählen wir so schlecht, so einzig und allein für den Augenblick, dag derselbe Leichtsinn auf anderen Gebieten uns dem Ruf der schlimmsten Untüchtigkeit aussetzen würde. Hier wo allein die Wahl ganz frei steht, sind wir unfrei und geduldigere, schwächere Sklaven als auf irgend einem Feld, wo wir mit allen möglichen konkreten Widerständen zu kämpfen haben. Nirgends geht das Recht der Persönlichkeit leichter zu schänden. Das Mittel, an das keine soziale Frage heranreicht, besser zu werden, reiner und mächtiger zugleich, bedeutender in einem Kreise, der über allen Kreisen steht, in der einzigen unantastbaren Aristokratie des Geistes, wird heute am wenigsten gesucht. Man redet viel darüber, aber die Begeisterung geht durch die Maschen, und heute, wo den Materialismus immer neue Segel schwellen, scheint die Kunst von einem ähnlichen Geschick bedroht, wie Religion und Metaphysik: als unnütz verworfen zu werden. Diese Möglichkeit aber schreckt immer nur uns, nicht die Kunst; sie unterwirft uns im Rang anderen weiseren Völkern. Religion und Metaphysik verschwinden in neuen Werten und Wissenschaften. Die Kunst ist unersetzlich, weil kein Wissen und keine Werte daneben sind, die sie aufzunehmen vermögen. Wir brauchen die Kunst als höchste Freude, um ein Maximum unserer Begierden zu haben, eine höchste Leidenschaft, die einzige, deren Befriedigung den Sinn nicht abstumpft, sondern bessert und indem sie edle Teile von uns bessert, den ganzen Menschen, die ganze Rasse veredelt. Wir brauchen eine Stelle, der wir uns hingeben können ohne Opfer, wo alles, was an Begeisterung in uns bleibt, dahinfliessen kann, weil es stets mächtiger zu uns zurückkehrt. Dies ist Nutzen, so buchstäblich und berechenbar wie ein materielles Ding, höchster, ganz materieller Wert, mit Augen zu greifen. Der Leser wird verwundert sagen, daß niemand an diesem Nutzen der Kunst zweifelt. Diese Sage ist bei uns in Deutschland eine fromme Lüge, die Geschichte der letzten dreißig Jahre hat sie unwiderleglich erwiesen. Wir sind schon heute fast ohne Kunst, wenn unsere Einbildung, daß wir eine haben, nicht etwa genügt, uns zu Besitzern zu machen; ja, die jüngste Entwicklung zielt auf den Ehrgeiz, selbst die Einbildung daran zu geben. Wir haben Kunstgeschichten von klugen Leuten geschrieben, große und kleine, man liest sie wie Berichte von höchst verwickelten Dingen, die irgendwo im Hintergrund geschehen. Sie handeln von vielen Namen und vielen Begebenheiten. Nur selten tritt aus dieser Masse von Begebenheiten die Kunst hervor, der Sinn, der diese vielen Geschicke treibt, das Einzige, das wert ist, erkannt zu werden, wenn nicht die ganze Geschichte zu totem Ballast werden soll. Die Kunst ist nichts Persönliches, so wenig wie die Welt, der sie ihre Bilder entnimmt, und ihre Geschichte ist frei von aller Willkür wie die Weltgeschichte; ja, ihr Bau bietet noch bessere Handhaben, den Zufall zu überwinden als das Feld des Historikers, auf dem sich zuweilen der Sinn der Begebenheiten mit undurchdringlichem Schleier verhüllt. Alles was je die Kunst geschaffen hat, bleibt erhalten. Nichts stürzt, was je die Höhe erklomm. Es ändert sich, taucht unter, nimmt neue Formen an und wird mit neuen Werten verbunden, nie geht es verloren. Dieses geheime Lebenselement gilt es zu suchen. Gelingt es, so finden wir das beste von uns, einen Beweis der Unvergänglichkeit unserer Art.

Ich glaube zu nützen, wenn ich mit diesem Versuch einer Entwicklungsgeschichte den Nachweis dieses Gesetzes von der Erhaltung der Kunstkräfte erbringe. Die Momente der Beweisführung müssen gleichzeitig die Elemente einer Ästhetik ergeben, um zu der Einsicht von dem Wert der Kunstwerke zu gelangen. Denn die Erkenntnis des unsterblichen Elementes der Kunst gibt zweifellos die Erkenntnis ihrer Schönheit. Daher kam es mir nicht auf die Vollständigkeit eines Namenregisters an. Am Kunsthimmel glänzen so ungeheuer viel Sterne, daß es schon nicht mal möglich ist, die sichtbaren alle zu fassen, noch viel weniger die anderen, die nicht leuchten. Ich habe versucht nach Potenzen zu gruppieren, deren Wirkung in dem hohen Bereich Wege bildet und danach getrachtet, Systeme zu gewinnen, Kreise, wo sich die Kraft des Einzelnen mit der von anderen paart, um der Erscheinung größere Macht zu geben. Hunderte solcher Systeme größeren und geringeren Grades machen die Kunstgeschichte. Ich habe kaum ein einziges erschöpft und nur an grossen, zum Teil bisher ungenügend erkannten Beispielen die Wege zu dieser einheitlichen Kunstbetrachtung angedeutet.

Text aus dem Buch: Entwickelungsgeschichte der modernen Kunst : vergleichende Betrachtung der bildenen Künste, als Beitrag zu einer neuen Aesthetik, Author: Meier-Graefe, Julius.

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

_____ Erstes Buch _____
Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Vorwort
Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Einleitung
Die Träger der Kunst Früher und Heute
Traditionen
Die Entstehung des Malerischen
Die Blüte der Malerei
Das Empire
Ingres
Die deutsche Kunst
Delacroix und Daumier
Honoré Daumier
Jean-François Millet und sein Kreis
Der Einfluss Jean-François Millet
Giovanni Segantini
Vincent van Gogh
_____ Zweites Buch _____

Constantin Meunier
Die vier Säulen der modernen Malerei
Edouard Manet
Edouard Manet und Whistler
Paul Cezanne
Vuillard-Bonnard-Roussel
Edga Degas
Edga Degas und sein Kreis – Die Nachfolger
Pierre-Auguste Renoir und sein Kreis

_____ Drittes Buch _____

Farbe und Komposition in Frankreich
Claude Monet
Georges Seurat
Paul Signac
Der Neo-Impressionismus als Kunstform
Der Neo-Impressionismus in Brüssel
Die Farbe in der Skulptur
Auguste Rodin
Medardo Rosso
Der Impressionismus in der Plastik
Die Tradition Jean-Auguste-Dominique Ingres
Théodore Chassériau
Pierre Puvis de Chavannes
Der Schatten Rembrandts
Adolphe Monticelli
Henri Fantin-Latour
Eugène Carrière
Odilon Redon
Maurice Denis
Paul Gauguin
Die Schule von Pont-Aven
Edvard Munch
Aristide Maillol

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