Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik

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Die Natur ist lebendig wie die Menschenseele, so sahen es jene Alten;  doch das Leben der Natur fanden sie als ewige Wiederkehr, als Kreislauf. Aber, sagt Alkmäon (Frg. 2),

„die Menschen gehen darum zu Grunde, weil sie den Anfang nicht an das Ende anknüpfen können“.

Doch, sagt Heraklit (Frg. 103)

„beim Kreisumfang ist Anfang und Ende gemeinsam“.

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aus dem Kunstmuseum Hamburg

I. Der kosmologische Anfang der Philosophie und seine Erklärungen

Unsere Lehrbücher pflegen die erste Hauptperiode griechischen Denkens als vorsokratische Naturphilosophie abzugrenzen; sie tun recht daran so die Tatsachen didaktisch zu vereinfachen; folgen sie doch dabei auch der bekannten Tradition der Alten: der erste der griechischen Philosophie sei der physische gewesen, Sokrates habe nicht mehr über die Natur philosophiert, er habe die Philosophie vom Himmel auf die Erde herabgerufen, in die Städte und Häuser eingeführt u. s. w. (Laert. Diog. II 21. m 56. Cic. acad. post. I 4, 15. Tusc. V 4, 10, vgl. Aristot. Met. I 6).

Jede Disposition ist grob, und die von didaktischer Rücksicht freie Forschung mag an den Abschnittsstellen die gelösten Fäden wieder knüpfen. Doch es handelt sich hier nicht nur um die Uebergänge, sondern um den Anfang, es gilt die für die Geschichte der Wissenschaften und das heisst für die Selbstkritik der Wissenschaften wichtige Frage: wie konnte die griechische Philosophie und in ihr die europäische Wissenschaft wesentlich als Naturerkenntnis und gerade als Erkenntnis des Weitesten, Fernsten und Fremdesten beginnen, um langsam genug zur Erkenntnis des menschlich Nächsten und Eigensten fortzuschreiten? Wie konnte sie den Weg von den Sternen zum Leben nehmen statt umgekehrt? Gerade bei den ältesten Denkern am meisten Kosmologie, Astronomie, wird sie bei den jüngeren Naturphilosophen stark biologisch, bei den Sophisten Anthropologie und in der Sokratik Lebensphilosophie, Kultur- oder Geistesphilosophie. Wie konnte, fragt der Erkenntnistheoretiker, die Erkenntnis des Objekts der des Subjekts überhaupt und gar noch so weit voranschreiten ?

Die griechische Philosophie entstand doch nun einmal, gerade als Aegypten den Griechen sich geöffnet und der Orient ihnen im Lyderreich weit entgegenkam, und sie entstand gerade dort an den Toren des Orients in Kleinasien, in Milet, dem Hafen von Sardes, kurz sie entstand durch Anregungen des Orients: das wird gerade der am wenigsten bezweifeln, der in der griechischen Philosophie eine gewaltige Emanzipation vom Orient, die echteste Leistung von Hellas sieht. Der Orient hat die astronomischen, meteorologischen, mathematischen Wissenschaften gepflegt, weil die Verwaltung der grossen Reiche, für Aegypten auch die jährlichen Ueberschwemmungen, Zeit- und Landmessungen forderten: so wussten es z. T. schon die Alten. Dies gilt nicht für Hellas; wohl aber konnte ein anderes praktisches Bedürfnis, die Schifffahrt, auch den Griechen die Astronomie nahelegen, und der grösste unter den Hafen- und Handelsplätzen, aus denen das kleinasiatische Hellas bestand, die Mutterstadt von 80 Kolonieen, Milet, ward ja die Mutterstadt der Philosophie.

Der Philosophie, der Milesier Thaies soll der Schifffahrt den kleinen Bären als himmlischen Kompass, als Leitstern für den Norden gewiesen haben (nach Kallimachus Laert. Diog. I 28), soll einen gefundenen geometrischen Satz in seiner Bedeutung für maritime Entfernungsschätzungen empfohlen haben (Procl. in Euch 352), soll sogar eine „Schiffsastronomie“ geschrieben haben (Simpl, phys. 28, 28. L. D. 23. Plut. Pyth. orac. 18). Und wenn auch über die Unechtheit aller Schriften des Thaies die Akten (vielleicht etwas zu rasch und zu summarisch) geschlossen sind, so bleibt es doch bezeichnend, dass gerade diese am frühesten sich an seinen Namen heftete, also am ehesten ihm zugetraut ward. Er soll ferner durch einen ablenkenden Kanalbau dem Heer des Krösus den Uebergäng über den Halys ermöglicht haben (Herodot 1 75), und seine Reise ins Land der gelehrten Priester am Nil, dessen Ueberschwemmungen er wiederum erklärt haben soll, ist zwar auch durch die Vielheit der Zeugnisse nicht gesichert, aber zumal in der Zeit milesischer Handelsfaktoreien und Söldnerquartiere in Ägypten wahrscheinlich. Und nun hat ihn natürlich dies starke nautische und hydrotechnische Interesse darauf gewiesen, das Wasser zum Weltprinzip zu machen? So würde etwa ein Rationalist des 18. Jahrhunderts schliessen. Wir aber werden doch Zweifel hegen, ob man etwas zum Prinzip macht, weil man es überwindet. Sind die Seefahrer und Wasserbaumeister Anhänger des Thaies? Haben Phönizier und Aegypter die Philosophie des Wasserprinzips aufgestellt oder anerkannt ? Nein, der belehrende Orient und die praktische Absicht mögen den Mathematiker, Meteorologen und Techniker Thaies erklären, aber nicht den Kosmologen, den Philosophen, der eine Weltanschauung, eine Gesamtwissenschaft im Keime anlegt. Es bleibt eine gewichtige Tatsache: das technische, praktische Bedürfnis nnd Verständnis war bei Phöniziern, Aegyptern, Babyloniern und Chinesen weit stärker als bei den Griechen, and doch hat gerade dies erfindungsärmste der Kulturvölker die wirkliche Naturerkenntnis begründet, wohl eben, weil ihm die praktische Absicht zurücktrat. Die griechische Naturwissenschaft behielt einen auffallend antechnischen Zug zu ihrem Nutzen und zu ihrem Schaden. Stark in der typisierenden Auffassung bleibt sie kurzsichtig für heterogene Kausalität und Funktion.

Der Orient hatte nicht nur technische Naturüberwindung und Naturberechnung zu lehren, er besass auch phantasievolle Naturauffassung in seiner Mythologie; aber auch damit war keine Naturphilosophie gegeben. Auch dem ausgebildeten, mythologischen Weltsystem der Babylonier, das namentlich seit der Blüte des Lyderreichs Wege genug zu griechischen Ohren finden konnte, fehlt doch das Eigentliche, das Philosophische. Nur den Indern fehlt es nicht. Doch von der Zweifelhaftigkeit und nur sehr indirekten Möglichkeit dieses Einflusses abgesehen, dürfte der später zu entwickelnde menschlich allgemeinere Grund der Naturphilosophie den Vorzug haben, dass er den Griechen näher liegt als Indien und zudem noch die indische Parallele selber erklären könnte. Wer aber jenes Eigentliche einfach aus dem spekulativen Genie der griechischen Basse erklärt, der mag nur beruhigt und stolz die Feder aus der Hand legen und alles weitere für überflüssig halten: die Zukunft wird lächeln über diese selbstbefriedigte Wortanbetung, die sich für Wissenschaft hält und halb Trägheit, halb Aberglaube ist.

Die Mythologie, oder bald allgemeiner gesprochen, die Macht der Religion als solche vermag die Naturphilosophie nicht zu erklären, sonst wäre gerade der Orient weit fähiger gewesen sie hervorzubringen als gerade Hellas. Oder bot vielleicht die griechische Religion und Mythologie ein spezifisch spekulatives Element? Es ist erstaunlich genug: man kann sie weit eher antispekulativ nennen, mehr wohl als irgend eine Religion: je bunter und plastischer, also je hellenischer dieser Polytheismus ward, desto ferner stand er ja der abstrakten Einheit des Gedankens; und wirklich drängt ja auch die griechische Naturphilosophie schon in ihren Anfängen offenkundig darauf hin, ihn zu überwinden. Xenophanes und Heraklit kämpfen leidenschaftlich gegen den plastischen Kult, gegen die Fabeln der Alten, gegen Homer und Hesiod, die laut Herodot den Griechen ihre Götter gegeben haben. Niemand sicherlich, dem man von den Griechen nur Homer in die Hand gibt, würde in ihm die ionische Naturphilosophie vorauswittem.

Aber haben nicht doch schon die Alten in ihm den Vorläufer des Thaies gesehen, weil er ja den Okeanos II. XTV 201 nebst der Mutter Tethys als Ursprung der Götter und ib. 246 als Ursprung aller Dinge preist? Doch das ist unverkennbar eine schon von Plato im Theätet belächelte Tendenzkonstruktion aas der Zeit, da man anfing einen Philosophen mit möglichst archaischen testes zu schmucken and Homer allegorisch auszulegen. Kein Neuerer wird diese unschuldigen Dichterwendungen aus der Phantasie eines Seefahrervolkes, das den Ozean alles umspannen, diesem Unbegrenzten alles Land entsteigen sieht, so pressen, dass das Wasserprinzip des Thaies herausspringt. Es ist ein weiter Weg von dem persönlich gefassten und lokal bestimmten Okeanos zu allem Wasser überhaupt und ein noch weiterer von allem Wasser zu allem Sein. Die homerischen Worte fuhren vielleicht noch zu der Nebenthese des Thaies, dass die Erde auf dem Wasser ruhe, aber nicht zu seiner Hauptlehre: Alles ist seinem Wesen nach Wasser. Man mag die homerischen Worte geographisch oder theogonisch nehmen, philosophisch sind sie nicht. Das Philosophische liegt doch nur in dem, was Thaies mit den anderen Naturphilosophen gemein hat, und das ist gerade nicht die Betonung des Wassers, und so entfallt erst recht die homerische Parallele.

Aber ist denn nicht doch die theogonische Dichtung, an die die homerische hier schon rührt, der Vorläufer der Philosophie und so nun doch die Naturphilosophie ein Produkt wenigstens der weiter entwickelten griechischen Religion? Indessen Aristoteles scheidet deutlich schon die ältesten Philosophen als und die Neueren werden wohl meist v. Wilamowitz zustimmen, der als

„die Macht, welche der theologischen Entwicklung schliesslich mit überlegener Feindschaft in den Weg trat, „die ionische Naturwissenschaft“ findet, die nur „weltlich“ war, „nur an den Verstand appellierte; das Herz blieb kalt dabei“ (Hom. Unters. 214. 218). Solcher Gegensatz würde nun gänzlich die religiöse Erklärung der Naturspekulation abschneiden, und so fragen wir wieder: wie konnte sie entstehen?

Aus dem Anblick der Natur — so kindlich wird heut kaum jemand mehr antworten. Es ist freilich die einfachste Erklärung, aber auch die unmöglichste. Es ist nicht anders als Newtons Entdeckung aus jenem Apfel zu erklären, den er fallen sah. Milliarden Aepfel fielen vor Milliarden Augen, ohne dass das Gesetz der Schwere gefunden ward. Unzählige Völker sahen die Natur und wurden keine Naturphilosophen, die „Naturvölker“ am wenigsten. Wie viele fromme Gemüter mochten Kirchenlampen schwingen gesehen haben, bis Galilei daraus das Gesetz des Pendels ableitete und ein Ketzer ward! „Glaube niemand, sagt er später, dass das Lesen der erhabensten Gedanken, die auf den offenen Blättern des Himmelsbuches leuchtend stehen, damit fertig sei, dass man bloss den Glanz der Sonne und der Sterne bei ihrem Auf- und Untergang angafft, was die Tiere am Ende auch können.“ Und Galilei nannte sich einen Philosophen, ebenso wie Kepler, der da sagt:

„meine Entdeckungen sind nicht vom Himmel mir in die Seele herabgefiossen, sondern sie ruhten in den Tiefenderselben, nnd meine Augen sahen die Sterne, nnd die Sterne erweckten nur insofern jene Ideen in mir, als sie micb zu unermüdlicher Wissbegier über ihre Natur anregten.“

Nicht von aussen also kam die Naturspekulation, nicht vom blossen Anblick der Natur, nicht von den Lehren des Orients oder vom praktisch-technischen Bedürfnis, aber auch die mythologisierende Religion schien als Erklärungsgrund zu versagen. Also nicht der Naturanblick, nicht die Naturberechnung und Naturüberwindung, nicht die Naturmythologie schaffen die Naturphilosophie. Denn all jenes hat auch der unphilosophische Orient. Nicht die schauenden Sinne, nicht der rechnende Verstand, nicht der praktische Wille und nicht die ausschweifende Phantasie erzeugen die Naturspekulation, ako nicht aus dem Wahmehmen, Denken, Wollen, Vorstellen stammt sie zunächst — was bleibt dann noch vom menschlichen Geiste ? Das Fühlen. Aber die griechische Naturphilosophie ein Produkt des Gefühls? Das erscheint mehr als barock. Die Erkenntnis des Objekts gerade aus der subjektivsten Funktion? Die Erkenntnis der Aussenwelt gerade aus dem Innersten der Seele, die Erkenntnis der fremden Dinge und gerade zuerst der fernsten aus dem Persönlichsten des Menschen? Das erscheint unmöglich, weil widersprechend. Diese Naturphilosophie, in der hellenische Klarheit und Geistesschärfe triumphierend die europäische Wissenschaft begründen, soll aus dem dunkelsten Innern stammen, aus dem ewig unbestimmten, vagen, dumpfen Gefühl ? Diese Erkenntnis, die nur „weltlich“, nur „verstandesmässig“ „das Herz kalt“ lassen soll, sie gerade aus dem Herzen, aus dem niemals kalten, niemals nüchternen Gefühl? Die Gefühlsphilosophie heisst Mystik, aber die griechische Naturphilosophie ein Kind der Mystik?

Text aus dem Buch: Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik (1903), Author: Karl Joël.

Weitere Buchkapitel aus dem Buch sind unter folgenden Links einsehbar:
Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik – I. Der kosmologische Anfang der Philosophie und seine Erklärungen
Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik – II. Die Naturmystik der Renaissance.
Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik – III Mystische Subjektivität bei den vorsokratischen Naturphilosophen.
Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik – Selbstgefühl.
Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik – Bedeutung von Seele und Leben.
Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik – Anthropomorphismus.
Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik – IV. Mystische Religiosität bei den vorsokratischen Naturphilosophen.

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