Das Weib in der antiken Kunst

von Silvio

Der Titel dieses Buches könnte auf den ersten Eindruck hin eine irrige Vorstellung vom Inhalt erwecken; darum sei zu allem Anfang betont, daß dieses Werk kein bloses Material für die Sinne liefern, sondern hineinführen möchte in eine viel weiter umgrenzte Welt, als es im ersten Augenblick den Anschein hat.

Den Ausgangspunkt bildet die Darstellung des Weibes in der Kunst; das ist in gewissem Sinne eine Eingrenzung, aber sie schließt den Vorteil ein, daß man von einem festgelegten Punkte aus Umschau halten kann in die bewegte Welt des Werdens, Vorstöße in diese und jene Richtung wagen darf mit jenem sicheren Gefühle, welches den Soldaten beseelt, wenn er sein Vordringen in unbekanntes Gebiet auf einen strategisch gesicherten Punkt zu stützen vermag. Und durch die Klärung der Unweit wird auch der Ort, von dem er ausgeht, erst in seiner vollen Bedeutung herausgehoben. An einem her ausgestellten Problem wie es das vorliegende ist, manifestiert sich ja die ganze übrige Entwicklung, wenn man es nicht künstlich herausreißt aus der Totalität der seelischen Phänomene. So zeichnet sich auch in der Darstellung des Weibes die Gesamtentwicklung des künstlerischen Vermögens und der künstlerischen Absichten mit. Wie dieses einzelne Problem sich nicht lösen kann von der Gesamterscheinung der Kunst, so steht es in einem größeren Zusammenhänge mit dieser Kunst selbst. Sie ist nur ein Idiom in der reichen Sprache, in welcher der Mensch Ausdruck gibt von seinem Innern, von seiner Stellung zur Welt.

Jeder Mensch, der ein Gefühl hat für organische Zusammenhänge, wird sich instinktiv dagegen sträuben, aus einem Bilde eine Figur zur ausschließlichen Betrachtung herauszunehmen und als Selbstwert, als etwas Absolutes aus der Welt der Relationen, die erst ihr Leben vervollständigen, zu lösen.

Ebensowenig geht es an, die Kunst selbst aus der Einheit, zu der sie mit allen übrigen geistigen Phänomenen verbunden ist, herauszureißen, ohne ihr den tiefen Hintergrund, die Atmosphäre zu rauben, in welcher sie atmet. Denn die Kunst ist nur eine Äußerung des Gesamtwollens, der Weltbetrachtung eines Volkes und bekommt erst vollen Glanz, wenn man die Bahnen freilegt zu jener zentralen Sonne, aus der alles Werden fließt. Darum soll in diesem Buche der Versuch unternommen werden, mehr als es in der Kunstgeschichte üblich ist, den Blick zu richten auf jenes Agens, das hinter aller Gestaltung liegt. Es will keine Betrachtung bloßer Formen oder Materien sein, sondern eine Darstellung allgemeiner seelischer Kräfte und Tendenzen, die als bildende Faktoren hinter der durch die Kunst kristallisierten Gestalt stehen. So führt es von dem hinausgestellten Produkt, von der Verkörperung zurück zu jenen lebendigen Energien, die sich in ihr auswirkten, iund läßt die Seele eines abgeschiedenen Volkes heraufkommen.

Durch das weitgehende Entgegenkommen des Verlegers ist es dem Verfasser möglich gemacht worden, dem Texte ein reiches Illustrationsmaterial beizugeben, das in solch erstklassiger Ausführung und in einer Auswahl, die dem größeren Publikum vieles Unbekannte bietet, so leicht nicht wieder geboten wird. Der Verleger hat keine Kosten gescheut, dieses lebendige Anschauungsmaterial so erschöpfend wie möglich zu gestalten, um dem Leser einen vollen Begriff von den Werten zu geben, die eine vergangene große Kunstepoche uns hinterlassen hat. Eine Fortführung des Unternehmens ist geplant, falls sich beim Publikum ein genügendes Interesse findet. Ein zweiter Band soll den Orient, die byzantinische und romanische Kunst, ein dritter endlich Gotik und Renaissance und die sich daran anschließenden Kunstepochen umfassen.

Text aus dem Buch: Das Weib in der antiken Kunst (1914), Author: Ahrem, Maximilian.

Siehe auch:
Das Weib in der antiken Kunst – Vorwort
Das Weib in der antiken Kunst – I. Ägypten
Das Weib in der antiken Kunst – II. Die KRETISCH-MYKENISCHE KUNST
Das Weib in der antiken Kunst – III. DIE GRIECHISCHE KUNST
Das Weib in der antiken Kunst – DIE ARCHAISCHE KUNST
Das Weib in der antiken Kunst – DIE VASENMALEREI
Das Weib in der antiken Kunst – DER APHRODISISCHE KREIS
Das Weib in der antiken Kunst – DAS DIONYSISCHE ELEMENT
Das Weib in der antiken Kunst – MYTHOLOGISCHE UND ANDERE DARSTELLUNGEN
Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES FÜNFTEN JAHRHUNDERTS
Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES FÜNFTEN JAHRHUNDERTS II
Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES FÜNFTEN JAHRHUNDERTS III
Das Weib in der antiken Kunst – Parthenonskulpturen
Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES VIERTEN JAHRHUNDERTS UND DER HELLENISTISCHEN EPOCHE
Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES 4. JAHRHUNDERTS
Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES 4. JAHRHUNDERTS II
Das Weib in der antiken Kunst – DIE RÖMISCH-KAMPANISCHE WANDMALEREI
Das Weib in der antiken Kunst – DIE ETRUSKISCHE KUNST
Das Weib in der antiken Kunst – Die Römische Porträt Kunst

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Ein Gedanke zu „Das Weib in der antiken Kunst

  1. WAS WIR WOLLEN.

    Das Programm ist einfach: das grosse Reich der Kunst soll durchwandert werden. Mit der Würdigung alter und neuer Meister soll die Schilderung klassischer Kunststätten, die Beschreibung von Museen, die Erörterung kulturgeschichtlicher und ästhetischer Fragen wechseln. Das war ja alles schon da. Es giebt kaum ein Thema, das nicht mit Tinte begossen ist. Doch wird nicht das älteste neu, wenn es neue Augen betrachten? Wird nicht, was langweilig schien, amüsant, wenn eine nicht langweilige Feder es schildert?

    Auf diese Erwägung bauen wir unseren Plan.

    Es giebt schon Sammelwerke, die vom Schweiss der Gelehrsamkeit triefen. Auch solche giebt es, die dem Publikum hübsche Bilder in der Bettelsuppe seichten Textes servieren. Wir wollen nicht seicht sein, auch nicht lehrhaft trocken. Dinge, die auf Wissen beruhen, wollen Wir in lesbarer Form kredenzen. Erforscht, durchdacht, empfunden, geschrieben soll alles sein, was die Sammlung bringt.

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