Das moderne deutsche Gebrauchs-Exlibris

von Silvio
Empfohlene Musik zu diesem Text:
Chopin, Nocturnos.


Es mag manchem, der über das Wesen und die Geschichte der Exlibris nur ganz allgemein Bescheid weiß, befremdlich Vorkommen, daß im Titel dieses Buches nicht von Exlibris schlechthin, sondern ausdrücklich von Gebrauchs-Exlibris gesprochen wird. Man glaubt sich zu der Annahme berechtigt, daß die Verbindung der Worte Gebrauch und Exlibris ebenso widersinnig wie überflüssig sei,-denn daß ein Exlibris gebraucht werde, und zwar zu dem Zweck, für den es bestimmt sei, verstehe sich doch von selbst. Und der Ausdruck Gebrauchs-Exlibris sei deshalb ungefähr der Verbindung »hölzernes Holz« gleichzusetzen, die man besonders gerne als Schulbeispiel für den Begriff Tautologie anführt.

Wer so denkt, kann sich auf die Logik berufen. Trotzdem wird er durch Erfahrungstatsachen widerlegt, die zwar mit der Lehre von der Folgerichtigkeit in schärfstem Widerspruch stehen, aber gleichwohl als wirklich bestehend anerkannt werden müssen. Damit verhält es sich so: es entspräche dem gesetzmäßigen Verlauf der Dinge, daß ein Bücherzeichen nur zu dem Zwecke gebraucht werde, für den es ursprünglich bestimmt ist, nämlich dazu, zur nachdrücklichen Betonung des Eigentumsrechtes des Buchbesitzers auf die Innenseite des vorderen Buchdeckels geklebt zu werden. Diesen praktischen, durch die mehr oder weniger gefällige Kunst der Exlibris-Zeichner allerdings einigermaßen entnüchterten Zwecken hat denn auch das Exlibris von seiner Entstehung im 15. Jahrhundert bis in die neuere Zeit ausschließlich gedient. Einzelpersonen und Körperschaften, die sich ein Exlibris anfertigen ließen, haben das nur getan, um ein charakteristisches Besitzzeichen für ihre Bücher zu erhalten. Und normalerweise ist von diesen Blättern wohl nicht ein einziges Stück anders als bestimmungsgemäß verwendet worden. Es mag sein, daß Heraldikkenner und -Freunde aus reinem wappenkundlichen Interesse sich hie und da Abzüge besonders bemerkenswerter Exlibris zu verschaffen gewußt haben. Aber gesammelt sind die Bücherzeichen früher kaum jemals worden, und wenn gelegentlich vielleicht doch einmal, dann eben nur aus wissenschaftlichen Gründen und ausnahmsweise. Das Exlibris der früheren Jahrhunderte war also ein echtes Gebrauchsblatt. Dabei war es gleichgültig, ob es von großem oder kleinem Format, in Holzschnitt oder in Kupferstich, reich oder einfach ausgeführt war. Das früher für bedeutendere Werke meist übliche große Format bedingte oder begünstigte wenigstens auch eine beträchtliche Größe und deshalb eine entsprechend reiche Ausführung der Exlibris. Aber sie verloren dadurch keineswegs den Charakter als echte Gebrauchsexlibris, da sie ja inhaltlich und stilistisch sich nicht im geringsten von den Exlibris kleineren, uns heute normal scheinenden Formats unterscheiden. Die Grundlage für das Bibliothekzeichen von einstmals bildete in den meisten Fällen das Wappen, dessen Gebrauchseignung selbstverständlich niemals vom Format ab= hängig war. Aber auch die nicht allzu zahlreichen nichtheraldischen Exlibris der Vergangenheit unterschieden sich im Aussehen und in der gedanklichen und Stilb stischen Durchbildung nicht so grundsätzlich von den heraldischen Exlibris, daß sie nicht mehr als Gebrauchsexlibris hätten angesprochen werden können. Kurzum: die Worte Exlibris und Gebrauchsexlibris waren früher Bezeichnungen für ein und denselben Begriff, oder sie wären es vielmehr gewesen, wenn es das Wort Gebrauchsexlibris damals überhaupt schon gegeben hätte. Das war aber nicht der Fall und konnte nicht der Fall sein, da in dem Wort Exlibris der Begriff des Gebrauchsblattes durchaus eindeutig bereits enthalten war.

Dieser natürliche Zustand erfuhr erst eine Änderung und dann allerdings eine gründliche, als das Exlibris bald nach seiner Wiedergeburt aus dem heraldischen Geiste des Mittelalters im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein Gegenstand des Sammelns geworden war. Was in alten Zeiten kaum jemals oder eben doch nur in Ausnahmefällen vorgekommen ist, daß nämlich typische Gebrauchsblätter wie die Exlibris ihrer Bestimmung entzogen wurden und als Teile einer Sammlung selbständige Bedeutung gewannen, wurde nun bald allgemein oder wenigstens ein so häufiger Fall, daß man lernte, ihn als völlig gleichberechtigt neben dem bis dahin einzig möglichen und bekannten Gebrauchsfall anzuerkennen. Aber die Entwicklung ist auch dabei noch nicht stehen geblieben. Man begnügte sich bald nicht mehr damit, die vorhandenen und die nach der Befreiung des Exlibris aus dem Zwange der Heraldik in immer größerer Zahl neu entstehenden Bücherzeichen zu sammeln, sondern man begann von beliebten Künstlern Exlibris anfertigen zu lassen, die, streng genommen, diesen Namen nicht mehr verdienten,- denn sie waren vorwiegend oder nicht selten ausschließlich zu dem Zwecke da, getauscht zu werden. Und der Fall ist nicht selten, daß solchen »Exlibris« überhaupt keine Bibliothek, oder was man so nennen könnte, entspricht. Von der ursprünglichen Zweckform ist also nur das Wort Exlibris geblieben,- sonst aber ist etwas ganz anderes daraus geworden. Da die Zahl dieser Exlibris, die in Wirklichkeit keine sind — was freilich, wie wir wissen, ihrem absoluten, künstlerischästhetischen Wert keinen Abbruch tun kann — immer noch beständig in der Zunahme begriffen ist, scheint es beinahe notwendig, ausdrücklich zu erwähnen, daß auch das echte Bücherzeichen noch keineswegs ausgestorben ist. Ganz im Gegenteil sogar: es ist in fortwährender, erfreulicher Entwicklung begriffen, wobei es mit dem Werden des künstlerischen Zeitstils durchaus Schritt hält.

Jedenfalls wird man nun verstehen, daß und warum die Begriffe Exlibris und Gebrauchsexlibris heute nicht mehr gleichbedeutend sind. Man muß vielmehr, wenn man von den Exlibris reden will, die tatsächlich gebraucht, d. h. in Bücher eingeklebt werden und auf diesen Zweck von Anfang an Rücksicht nehmen, dies unzweideutig irgendwie zum Ausdruck bringen. Das kann aber, wie die Dinge nun einmal liegen, nicht anders geschehen als durch das Wort Gebrauchsexlibris, das also, wie es sich erwiesen hat, keineswegs dasselbebedeutet wie hölzernes Holz,sondern einen realen Begriff umschreibt, dessen Voraussetzungen sich allerdings erst in den letzten Jahrzehnten ergeben haben.

Wodurch unterscheidet sich nun im allgemeinen und im besonderen ein zum Gebrauch bestimmtes Bücherzeichen von dem sogenannten Sammler-oder Luxusexlibris? Oder, wenn wir die Frage anders fassen wollen: gibt es leicht feststellbare Merkmale, durch die das echte Gebrauchsexlibris ohne weiteres oder wenigstens ohne Schwierigkeit als solches zu erkennen ist? Darauf ist zu antworten: es gibt solche, wenn auch, was gleich vorweggenommen sein soll, die Grenzen zwischen den beiden Hauptgattungen nicht selten sehr unsicher sind und darum manches Blatt ebenso gut zu der einen wie zu der andern Art gerechnet werden könnte. Der Umstand, daß auf einem Blatt das Wort Exlibris steht, ist jedenfalls kein Merkmal, aus dem unmittelbar etwas zu schließen wäre,- denn sehr viele Blätter sind deshalb noch lange keine Exlibris, weil sie sich als solche ausgeben. Andererseits wieder ist der Fall häufig, daß ein kleines, mit einem Namen versehenes Gebrauchsblatt sich ohne weiteres als echtes Gebrauchsexlibris ausweist, obwohl die Bezeichnung Exlibris fehlt. Das eigentlich Entscheidende ist eben, daß der Zweck in der Form und zweideutig zum Ausdrudk kommt,- und das ist in vorbildlicher Weise ganz besonders bei dem Exlibris mit Markencharakter, der sogenannten Buchmarke, der Fall.

Das Wesentliche der Buchmarke ist Klarheit, Prägnanz, Beschränkung auf das unbedingt Notwendige bei Vermeidung überflüssiger und gehäufter Symbole. Der Berufshinweis soll knapp und leicht verständlich sein. Er kann aber auch ganz fehlen. Die Hauptsache ist, daß der Name des Buchbesitzers, auf den es bei einer Eigentumsschutzmarke doch in erster Linie ankommt, deutlich hervortrete und daß die Umrahmung,das Beiwerk, gefällig sei und dekorativen Stil habe. Eine solche Buchmarke kann auch in zwei oder mehr Farben gedruckt sein — schwarz und rot macht sich auf weißem Grund besonders gut am wirksamsten aber ist immer das reine Schwarz-Weiß. In diesem Falle wählt man gerne den Holzschnitt, der den Druckbuchstaben, die ja ursprünglich auch aus Holz geschnitten waren, nahe verwandt ist und sich deshalb mit ihnen am leichtesten und vollkommensten zu einem einheitlichen Ganzen verbindet. Ihm am nächsten kommt die Strichätzung nach einer Federn oder Pinselzeichnung. Der weitaus größte Teil der modernen Buchmarken ist in dieser Technik ausgeführt, und man kann sogar sagen, daß die Zinkographie sich dem Drudcsatz zuweilen fast noch besser anpaßt als der Holzschnitt, besonders wenn letzterer sehr persönlich behandelt ist. Ein in Strichätzung ausgeführtes Exlibris wird, wenn der Künstler sich nicht allzusehr ins einzelne verliert, sondern mehr auf einfache, ruhige Wirkung bedacht ist, wohl in jedem Buch gut aussehen. Es wird sich nicht vordrängen, aber es wird auch nicht übersehen werden können. Und vor allem wird es kein Fremdkörper im Buche sein, was z. B. bei der Radierung

In der Mitte zwischen Strichätzung beziehungsweise Holzschnitt und Radierung steht die Autotypie, die allerdings nur verhältnismäßig selten und dann meist in der Form der Vierfarbennetzätzung Verwendung findet.

Die Gefahr zu bildmäßiger Wirkung ist aber dabei immer gegeben, und das ist wohl auch der Grund, weshalb die Netzätzung für die Buchmarke überhaupt kaum und für das Gebrauchsexlibris nur wenig in Frage kommt.

Dagegen ist, vor allem früher, der Steindruck als Original – und Reproduktions Technik mit gutem Erfolg auch für das Exlibris herangezogen worden, und es sind ihm besonders dort schöne Wirkungen zu danken, wo es sich um die Wiedergabe diskreter Färb- und Tonwerte handelt. Trotz Netzätzung und die Radierung Techniken, von denen nur nebenbei die Rede sein kann, wenn vom reinsten Typus des Gebrauchsexlibris, der Buchmarke, gesprochen wird. Die echte Buchmarke wird, von glücklichen Ausnahmen abgesehen, zumeist eine einfache, in Holzschnitt oder Strichätzung ausgeführte Schwarz-Weiß Marke sein, lind es ist erfreulich, daß die Erkenntnis dieser Tatsache gerade auch unter den jüngeren Künstlern bereits allgemein geworden ist.

Es gibt aber noch ein anderes Merkmal, durch das sich das echte Gebrauchsexlibris vom Luxus-und Sammlerexlibris unterscheidet. Letz= teres will nämlich stets ein Individuum sein und ein durch keinen Zweck in Fra= ge gestelltes Eigene leben führen. Es ist nicht des Buches wegen da und beansprucht, dementsprechend auch respektiert zu werden als ein Ding an sich, für dessen Existenz das Vorhandensein von Büchern keinerlei unerläßliche Voraussetzung ist. Sehr häufig bestehen zwischen dem Begriff Buch und einem solchen Exlibris gar keine inneren und noch weniger äußere Zusammenhänge, um so mehr allerdings zwischen dem Exlibris und dem Besteller und späteren Besitzer, dessen graphisches Symbol solch ein Blatt zu sein pflegt. Und man begreift, daß der einzig geeignete Ort für solche »Bücherzeichen« eine Exlibrissammlung ist, in der sie ihre Sonderexistenz ungestört fortführen und jederzeit als Einzelindividuen gewürdigt werden können. Ganz anders dagegen das echte Gebrauchsexlibris. Es ist nicht um seiner selbst willen in der Welt, sondern stellt einen vielleicht nicht wesentlichen, aber doch charakteristischen und nicht unwichtigen Teil eines Buches dar. Losgelöst von der Stelle, für die es bestimmt ist, macht es zuweilen nicht einmal eine besonders glückliche Figur. Aber selbst wenn es, was immerhin der Normale fall ist, durch gute dekorative Form, geistreiche Ideen- und geschickte Raumgestaltung auch außerhalb des Buches besticht, wird es doch erst durch den Gebrauch, d. h. wenn es in ein Buch eingeklebt ist, zu seiner vollen Wirkung kommen. Während man also die künstlerischen und geistigen Werte der Luxus- und Sammlerexlibris auch dann oder vielleicht richtiger: erst dann ganz zu erkennen vermag, wenn sie als selbständige Wesen auftreten, die letzten Endes keinem anderen Zwecke als sich selbst dienen, offenbart sich der wahre Wert eines Gebrauchs» exlibris am deutlichsten, wenn es seiner Bestimmung zugeführt wird. Das ist freilich oft eine gefährliche Probe, bei der es sich unter anderm auch rasch herausstellt, ob der Künstler nicht zu viel oder zu wenig gegeben hat. Aber zuverläßlich ist sie jedenfalls, und ein Künstler, der seiner Sache sicher ist und die Bedingungen der dekorativen Wirkunggenau kennt, braucht sie nicht zu fürchten.

Die Buchmarke, von der in diesem Buche Beispiele aus allen ihren Entwicklungsstadien und in allen möglichen Stilarten gezeigt werden, ist im wesentlichen eine Schöpfung der neueren Zeit,- denn man wird ein Wappen aus verschiedenen Gründen nicht als Buchmarke im modernen Sinn ansprechen können. Ihre Entstehung dankt die Buchmarke wohl, zum Teil wenigstens, dem Trieb nach formelhaften Abkürzungen, der sich in fast allen Erscheinungsformen des heutigen Lebens auswirkt. Der Normalmensch der Gegenwart hat nicht viel Zeit. Was auf ihn Eindruck machen soll, muß es rasch tun. Damit es aber in dieser Schnelligkeit noch wirkt, ist es nötig, daß die Formulierung möglichst konzentriert und im Augenblidc überzeugend sei. Wir beobachten diesen Vorgang zunächst bei allem, was irgendwie mit der Reklame zusammenhängt. Es ist eine Art künstlerischer Kurzschrift, die hier zur Anwendung kommt, und mit einem Erfolg, den wir selbst täglich und stündlich an uns wahrnehmen können. Dieser Hang zur Abbreviatur, deren Endziel die größte Wirkung bei kleinstem Aufwand ist, äußert sich auch auf vielen Gebieten künstlerischen Schaffens, die nicht unmittelbar mit der Reklame Zusammenhängen, deren Stil aber doch gleichen oder ähnlichen Gesetzen untertan ist. Es sei u. a. nur an das Signet, die Geschäftsmarke, das Waren= und Firmenzeichen, das Verleger -und Drucker -Zeichen, die Siegelmarke und den Briefkopf, also an die kleinsten Formen moderner Gebrauchsgraphik erinnert, die alle nach dem Grundsatz äußerster Knappheit und größtmöglicher Einprägsamkeit entstehen. Es hätte nun wunderlich genug zugehen müssen, wenn gerade das Exlibris von diesen Tendenzen unberührt geblieben wäre. Wir wissen zwar, daß ein Teil der Exlibriskünstler schon sehr bald, nachdem die Wiedergeburt des Exlibris vollzogen war, also zum mindesten schon im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts die Exlibris immer üppiger mit Ideen und dekorativem Beiwerk ausgestattet und so das Sammlerexlibris geschaffen hat. Aber parallel zu dieser gewissermaßen illegitimen Strömung lief von Anfang an auch die andere, die an den immer gleich bleibenden Voraussetzungen des wahren Gebrauchs-Exlibris unbeirrbar festhielt.

Künstler dieser legitimen Richtung der Exlibrisproduktion aber sind es gewesen und sind es heute noch, die in ihrem Bestreben, die Bücherzeichen zum Unterschied von den Sammlerexlibris ihrem Zwecke anzupassen und ihnen den unverkennbaren Charakter echter Gebrauchsblätter zu geben, immer mehr in den Bann des bei der Reklamegraphik bewährten Abkürzungssystems gerieten. Und es war nicht zum Schaden der von ihnen vertretenen Sache. Schufen sie doch auf diese Weise die Buchmarke, in der man, wenn man das Exlibris vom Standpunkt reiner Zweckkunst betrachtet, den Idealtypus des Bücherzeichens erkennen muß,- denn sie paßt sich dem Charakter des Buches als eines typographischen Erzeugnisses mit Elastizität an und bedeutet zugleich Schmuck und Sicherung. Das aber ist ungefähr alles, was von einem wirklich brauchbaren Bücherzeichen verlangt werden kann. Und es besteht für die Schöpfer von Buchmarken, und zwar gerade für die geschicktesten und stilsichersten, eigentlich nur eine Gefahr, nämlich die, im Streben nach äußerster Konzentration Marken zu schaffen, die sich allzusehr dem Typus der oben erwähnten »kleinsten Formen der Gebrauchsgraphik« —- nämlich den Signeten, Geschäftsmarken usw. — nähern. Auch bedeutende Künstler haben schon diesem Problem gegenüber versagt. Aber man ist trotzdem geneigt, eine solche »Entgleisung« für weniger schlimm zu halten, als den oft zu findenden Hang zu allzu reicher Ausstattung und zum Überladen mit Gedanken und Formenballast.

Wenn wir nun die Frage beantworten wollen, wann und wo die moderne Buchmarke entstanden sei, dann müssen wir den Blick zunächst für eine kurze Weile nach England und Amerika wenden, wo das Exlibris in seiner heute fast ausschließlich gebräuchlichen, nichtheraldischen, freien Form schon in den 1880 er Jahren aus heraldischen Anfängen sich zu entwickeln und auszubilden begonnen hatte. Zwar hat man um diese Zeit in ähnlichem Sinne auch schon in Deutschland Versuche unternommen,- aber in England fand das Exlibris von Anfang an einen weit günstF geren Boden, da dort gleichzeitig die aus präraffaelitischem Geiste geborene Renaissance der Buchkunst in üppigster Blüte stand. Was in jenen Jahren Meister des Stichs wie G. W. Eve und C. W. Sherborn in England und C. D. French in Amerika, die ja in der Hauptsache Heraldiker gewesen sind, auch an nichtheraldischen, meist ornamentaFdekorativen Exlibris bereits geschaffen haben, ist freilich nicht ganz das, was wir heute unter einer Buchmarke verstehen. Und das läßt sich begreifen,- denn die gute Buchmarke ist ein Extrakt, ein letztes Ziel nach einem langen Weg mit vielen Hindernissen und Irrungen und kann also unmöglich schon vollendet am Anfang stehen. Was wir aber dort schon in relativ fertiger Gestalt vorfmden, ist das Gebrauchsexlibris. Dieses Wort ist, wie wir bereits gesehen haben, begrifflich nicht gleichbedeutend mit Buchmarke,- es reicht weiter, und der Kreis, den es umschreibt, ist erheblich größer. Unter einem Gebrauchsexlibris versteht man, kurz gesagt, jedes Bücherzeichen dekorativen Charakters, das sich wirklich Wenn wir nun die Frage beantworten wollen, wann und wo die moderne Buchmarke entstanden sei, dann müssen wir den Blick zunächst für eine kurze Weile nach England und Amerika wenden, wo das Exlibris in seiner heute fast ausschließlich gebräuchlichen, nichtheraldischen, freien Form schon in den 1880 er Jahren aus heraldischen Anfängen sich zu entwickeln und auszubilden begonnen hatte. Zwar hat man um diese Zeit in ähnlichem Sinne auch schon in Deutschland Versuche unternommen,- aber in England fand das Exlibris von Anfang an einen weit günstF geren Boden, da dort gleichzeitig die aus präraffaelitischem Geiste geborene Renaissance der Buchkunst in üppigster Blüte stand. Was in jenen Jahren Meister des Stichs wie G. W. Eve und C. W. Sherborn in England und C. D. French in Amerika, die ja in der Hauptsache Heraldiker gewesen sind, auch an nichtheraldischen, meist ornamentaldekorativen Exlibris bereits geschaffen haben, ist freilich nicht ganz das, was wir heute unter einer Buchmarke verstehen. Und das läßt sich begreifen,- denn die gute Buchmarke ist ein Extrakt, ein letztes Ziel nach einem langen Weg mit vielen Hindernissen und Irrungen und kann also unmöglich schon vollendet am Anfang stehen. Was wir aber dort schon in relativ fertiger Gestalt vorfmden, ist das Gebrauchsexlibris. Dieses Wort ist, wie wir bereits gesehen haben, begrifflich nicht gleichbedeutend mit Buchmarke,- es reicht weiter, und der Kreis, den es umschreibt, ist erheblich größer. Unter einem Gebrauchsexlibris versteht man, kurz gesagt, jedes Bücherzeichen dekorativen Charakters, das sich wirklich als solches verwenden läßt,- und man setzt als selbstverständlich voraus, daß es nicht nur seinen Zweck erfüllt, sondern dabei auch gut aussieht. Es ist im allgemeinen inhaltlich und formell reicher als die Buchmarke und steht nach Erscheinung und Wirkung dem Sammlerexlibris sehr nahe. Häufig ist es sogar beides zugleich: Gebrauchsblatt undSammelobjekt, und zwar mit Willen des Künstlers und Besitzers von Anfang an, während bei der Buchmarke der Gebrauchszweck die alleinige Ursache ihrer Entstehung ist. Was aber nicht ausschließt, daß sie trotzdem gesammelt wird.

Dieses Gebrauchsexlibris also, dessen Typus auch heute noch den breiten Mittelraum zwischen Luxusexlibris und Buchmarke beherrschend ausfüllt, steht am Anfang der Entwicklung des modernen Exlibris,- in Deutschland ebenso wie in England und anderwärts.

Es dankt seine Entstehung dem verständlichen Bestreben, sich vom heraldischen Exlibris, das jahrhundertelang als das eigentliche, legitime Bücherzeichen gegolten hatte, aber nun nicht mehr als zeitgemäß empfunden wurde, zu befreien und für den alten Begriff des Bücherzeichens mit dem neuen Inhalt zugleich eine neue Form zu finden. Zu den frühesten Versuchen dieser Art gehören in Deutschland die drei kleinen Exlibris, die Max Klinger 1879 für Leo Liepmannsohn geschaffen hat und von denen zwei radiert sind, während das dritte nach einer Federzeichnung in Gravüre wiedergegeben ist,- außerdem die kleine Radierung Klingers für seinen Bruder Heinrich, einen Chemiker, aus dem gleichen Jahre. Die drei Liepmannsohnblätter sind »redende« Exlibris, wie Graf zu Leiningen-Westerburg Bücherzeichen genannt hat, die den Vor- oder Zunamen des Besitzers illustrieren. In diesem Falle ist es der Vorname Leo, der durch einen Löwen versinnbildlicht wird. Das ist das Zunächstliegende und Einfachste, was ein Exlibriskünstler überhaupt erfinden kann. Der Stil dieser drei Blätter — auch der des Blattes für Heinrich Klinger — ist allerdings vom echten Exlibrisstil noch ziemlich weit entfernt. Sie machen vielmehr den Eindruck von Verlagssigneten oder Briefköpfen.

Das Blatt mit den beiden L in Kursivschrift soll auch tatsächlich als Briefkopf verwendet worden sein.) Auch gehören sie zur Gattung der Monogrammexlibris, die schon Graf Leiningen mit Recht abgelehnt hat. Denn auf einem Exlibris soll doch, damit es ein Buch wirksam vor dem Entwendetwerden schützen kann, der möglichst voll ausgeschriebene Name klar und deutlich hervortreten. Ein Monogramm allein aber ist kein genügender Schutz. Ganz anders liegt natürlich der Fall, wenn das Monogramm sozusagen als Verstärkung zum Namen hinzutritt dies ist dann sogar die beste Form des Gebrauchsexlibris und vor allem der Buchmarke. Entstanden sind diese Jugendarbeiten Klingers, der sich in seinen zahlreichen späteren, mehr bildhaften Exlibris nur selten mehr der dekorativen Normalform des Gebrauchsexlibris genähert hat, vermutlich in Berlin, wo Klinger damals gelebt hat

Alle diese Arbeiten sind freilich mehr oder weniger vereinzelt geblieben und haben deshalb nur örtlich wirken können. Den entschlossenen und entschiedenen Schritt ins Freie und Weite hat dann erst Joseph Sattler getan, der wohl in Berlin gelebt hat, aber, wie Slevogt und Willi Geiger, aus Landshut in Niederbayern stammt. Diese Feststellung ist nicht unwichtig,- denn das Wesentliche der Befreiungstat, die Sattler 1895 mit seiner »Deutschen Kleinkunst in 42 Bücherzeichen« vollbracht hat, beruht darin, daß hier ein Künstler zum ersten Male bewußt und ausgerüstet mit einem seltenen Reichtum an Einfällen die Phantasie als schöpferische Kraft auch für das Exlibris wirksam gemacht hat.

Der künstlerische Gedanke, der früher, wenn überhaupt, dann meist nur im Nebensächlichen eine Rolle gespielt hatte, ist durch Sattler zum wichtigsten Faktor bei der Entstehung eines Exlibris gemacht worden. Damit aber waren tatsächlich die Tore zur Unendlichkeit aufgestoßen,- denn wo fände der Gedanke eine Grenze, wenn erst einmal die Schranken vor ihm gefallen sind? Und es hat sich auch in der Tat später gezeigt, daß das Stoffgebiet des Exlibris, im Gegensatz zu seiner früheren, durch strenge Regeln bedingten Begrenztheit, beinahe so groß ist wie das der Phantasie überhaupt.

Es konnte nicht ausbleiben, daß vielfach auch Mißbrauch mit dieser Freiheit getrieben wurde. Aber wer möchte dafür den Befreier selbst verantwortlich machen? In stilistischer Beziehung wäre noch zu sagen, daß die Exlibris Sattlers fast ohne Ausnahme typische Gebrauchsbücherzeichen sind. Das gilt auch von seinen älteren Blättern, die im Stile des 16. Jahrhunderts zeichnerisch sehr reich durchgeführt sind und bei denen meist auch die Farbe wichtige Funktionen hat. Mit den Jahren ist Sattler dann immer einfacher, schlichter, strenger und sparsamer geworden. Die Phantasie wurde seltener mehr bemüht,- dafür bildete Sattler das rein ornamentale Schwarz-Weiß-Exlibris, bei dem die Schrift Hauptsache ist, bis zur Vollendung aus. Und man kann sagen, daß in diesen letzten Blättern, die vielfach bereits Markencharakter tragen, die Art Sattlers am stärksten, überzeugendsten und persönlichsten wirkt. Denn hier ist er ganz er selbst, und nun erst wird der Sinn seines vor einem Vierteljahrhundert so erfolgreich unternommenen Befreiungsversuches vollkommen klar.

Ebenfalls in Berlin hat Georg Ba lösiust gewirkt, der stets mit Sattler zusammen genannt wird, wie Greiner mit Klinger, und mit nicht geringerem Recht, wenn auch kaum von einer direkten Abhängigkeit des einen vom andern gesprochen werden kann. Beide, Bariösius und der frühe Sattler, sprechen die Sprache der Zeichner und Stecher des 16. Jahrhunderts, aber sie verhalten sich zueinander wie etwa das Talent zum Genie. Eines ist jedenfalls sicher: an Sauberkeit und Korrektheit der Zeichnung, die aber doch nie trocken und nüchtern wird, dürfte Bariösius von keinem, der mit und nach ihm lebte und Ähnliches wollte, übertroffen worden sein. Die Klarheit des Dürerschen Holzschnitts lebt und wirkt in seinen Blättern. Der Sattlersehen Art weit näher als Barlösius ist in seinen älteren Exlibris Paul Voigt gekommen. Seine Exaktheit, auch in allem Technischen, ist beinahe die der Maschine. Als künstlerische Leistungen am höchsten möchte ich aber einige sehr hübsche, signetartige Buchmarken Voigts aus neuerer Zeit einschätzen. Hier ist eigener Stil und ein Können, das seinerWirkung jederzeit sicher sein darf. Auch Melchior Lechter ist Archaist. Seine künstlerische und geistige Heimat ist die Gotik,- seine Kunst der Raumaufteilung aber wie seine Formensprache überhaupt sind ohne das englische Vorbild nicht zu denken, das vor und um 1900 für zahlreiche deutsche Künstler, besonders für solche, die irgendwie mit Buchkunst zu tun hatten, absolut bestimmend gewesen ist. Man würde staunen, erführe man im einzelnen, was alles aus jener Zeit mittelbar oder unmittelbar auf englische Einflüsse zurüdezuführen ist. Neben Morris und Crane ist es vor allem Beardsley gewesen, der auf die deutsche Kunst eingewirkt hat. Künstler wie etwa Zarth oder J. J. Vrieslander sind ohne Beardsley nicht denkbar, und auch der urdeutsche Heinrich Vogeler hat, als Buchkünstler wie als Exlibriszeichner und Radierer, lange im Banne des englischen Stilismus gestanden. Daß übrigens von Vogeler hier nur einige seiner nach Zeichnungen wiedergegebenen Exlibris zu finden sind, da gegen keine von seinen zahlreichen Radierungen, hat seinen Grund darin, daß diese letzteren fast alle mehr der Gattung der Luxus und Sammlerexlibris angehören. Für Gebrauchsexlibris im Normalsinne sind sie zu fein durchgeführt, zu bildmäßig. Aus dem gleichen Grunde fehlen, was hier gleich erwähnt sei, auch die Radierungen von Welti, Bastanier, Heroux,

Kolb und noch vieler anderer, deren kostbare Blätter der Stolz der Sammler sind,- Alfred Soder, Martin E. Philipp und Sepp Frank aber sind nur mit je einem Blatt vertreten, das sich durch stärkere Betonung des Dekorativen als Gebrauchsblatt legitimiert.
Um jedoch noch einmal von den Archaisten zu reden: Wir rechnen dazu ferner Alois Balm er, dessen stark konzentrierte, kraftvolle Art ebenfalls auf mittelalterliche Vorbilder zurüdegeht. Eduard von Gebhardt empfindet das 15.und 16. Jahrhundert so nahe, als sei es lebendigste Gegenwart, und er zwingt auch uns in den Bann dieser Illusion. Seine Blätter, an sich ganz bildhaft, sind trotzdem Kostbarkeiten des deutschen Gebrauchsexlibris sie sind erlebte Kunst, die uns alle theoretische Bedenken vergessen läßt. Ähnlich liegen die Dinge bei Hans Thoma, der es dem Theoretiker allerdings leichter macht,- denn er ist ein geborener Graphiker, und die Wirkung seiner Exlibris ist hinreichend dekorativ. Letzten Endes aber ist es doch immer wieder das elementar Naturhafte dieses echten Künstler Menschen, das auch bei seinen Gebrauchsgraphiken den Eindruck bestimmt. In Rudolf Schiestl starker, gemütvoller, wurzelhafter und gesunder Kunst lebt ebensoviel von der Vergangenheit wie von der Gegenwart,- und vor allem ist er ein Meister der dekorativen Flächenbehandlung. Zwischen mehreren Welten lebt Julius Diez. Die Antike, das Mittelalter und das Barock sind Grundelemente seiner Kunst, in der Strenge sich mit Witz paart. Und auch das kleinste Blatt von ihm ist ein Muster — fast hätte ich gesagt: ein Wunder — an Stilgefühl und zeichnerischer Disziplin. Unter den Archaisten aber ist er, neben Sattler, das größte und umfassendste dekorative Talent. Er beherrscht jede Zweckform von der Briefmarke bis zum Monumentalwand -und Deckenbild mit Meisterschaft und hat auf vielen Gebieten wie auf dem des Exlibris Werke von stärkstem Persönlichkeitsreiz geschaffen, denen keine Geschmacks Wandlung jemals etwas wird anhaben können. Vielleicht ist das ihr größter Vorzug.

Archaismus und Anglizismus mündeten um 1900 in einen Stil ornamentaler Verschnörkelungen, der dann in dem Jugendstil berüchtigten Angedenkens sich selbst ad absurdum geführt hat. Die gesund gebliebenen Künstler jener Zeit aber haben trotzdem Dinge hinterlassen, an denen man heute noch seine Freude haben kann. Ein Beweis dafür, daß sie mit Mode nichts zu tun hatten. Von Otto Eckmann, einem Führer jener Jahre, gibt es ornamental umrandete Buchmarken, die in ihrer Art klassisch sind. Er hat allerdings nur wenige Exlibris gezeichnet. Beinahe unübersehbar ist dagegen die Zahl der meist nach Zeichnungen reproduzierten Bücherzeichen von Hermann R. C. Hirzel, der vor allem in der Umstilisierung von Pflanzenmotiven zu Ornamenten Hervorragen des geleistet hat. Viele von seinen Blättern sind freilich heute nicht mehr recht genießbar,- eine kleine Anzahl von ihnen aber gehört dafür zu dem Besten, was die dekorative Flächenkunst um 1900 hervorgebracht hat. Hirzeis Exlibris sind zum größten Teil echte Gebrauchsblätter. Die Schrift steht immer mehr oder weniger im Mittelpunkt der Darstellung, und Gegentündliches, wie Landschaften wie Landschaften, sind stets durch Stilisierung und eine wirksame ornamentale Umrahmung dem dekorativen Gebrauchszwecke des Exlibris dienstbar gemacht.

Es ist auf dem hier zur Verfügung stehenden Raum unmöglich, jeden einzelnen Künstler, der in den zwanzig Jahren seit der endgültigen Gestaltwerdung des modernen deutschen Gebrauchsexlibris und der Buchmarke sich auf diesem Gebiete bemerkbar gemacht oder hervorgetan hat, nach Verdienst zu würdigen. Wir müssen uns also im Folgenden darauf beschränken, die hauptsächlich in Betracht kommenden Künstler und ihre Arbeiten in loser Folge rasch an uns vorüberziehen zu lassen. Die Hauptsache ist ja, wie in allen ähnlichen Fällen, die Beschäftigung mit den Arbeiten selbst, aus deren Studium jeder, er treibe sonst was er wolle, dauernden Gewinn ziehen kann. Denn der Reichtum an Formen und Gedanken, der in diesen Blättern tausendfältige Gestalt gewonnen hat, wird nicht aufhören, den aufmerksamen Betrachter immer von neuem in Erstaunen zu setzen. Und jedenfalls ist mit diesen kleinsten Schöpfungen deutschen Künste lergeistes der Beweis erbracht, daß der deutsche Exlibriskünstler nicht, wie viele meinen, nur auf den großen Formaten der Luxusexlibris etwas zu sagen weiß, sondern daß ihm auch eine Fläche von dem Ausmaß einer Briefmarke genügt, um geistreich zu sein, und daß er über dem Schweifen ins Uferlose, wozu ihn das Sammlerexlibris gerne verführt, keinen Augen= blich verlernt hat, sich im Bedarfsfall auf das Notwendigste zu beschränken und dieser Beschränkung sogar noch Stil und Charakter zu geben.

Schon früh und dann in geringen Abständen durch viele Jahre begegnet uns die edle, trotz ihrer Erfülltheit mit Ethos doch dekorative Linien- und Ausdruckskunst von Hugo Hoeppener Fidus. Alle seine Exlibris sind Blätter von guter Gebrauchsmöglichkeit. Dagegen eignen sich die üppigen, überladenen Kompositionen von Franz Stassen, in dem man einen der Schöpfer des modernen Luxusexlibris erkennen darf, nur ganz ausnahmsweise für den Zweck, dem sie eigentlich dienen sollten. Als Ornamentiker gehört Stassen, wie letzten Endes auch Fidus, der als Stilist in die frühgermanische Runenzeit zurückweist, der Gruppe um Hirzel, Lilien, Wenig mit dem Mittelpunkt Eckmann an. Otto Ubbelohde f wird gern mit Hirzel zusammen genannt, aber wohl nur, weil auch bei ihm, und sogar noch ausschließlicher als bei Hirzel, die Landschaft Hauptdarstellungsgegenstand des Exlibris ist. Im übrigen ist sein lineares Pathos ganz individuell: ein Stil für sich. Von den zahL reichen Exlibris eines anderen Landschafters hohen Ranges, Felix Hollenergg, sind, streng genommen, wohl nur einige nach Zeichnungen wiedergegebene Blätter echte Gebrauchsexlibris, während die prachtvollen Radierungen, mit ganz geringen Ausnahmen, zu bildmäßig sind. Ähnlich liegen die Dinge bei dem Landschafter Emil Anner, von dem dafür einige stilisierte Blumenmotive im besten Sinne dekorativ sind. Auch die köstlichen Farbenholzschn itte von Alfred Peter sind, trotz angestrebter Flächenhaftigkeit, doch meist kleine Bilder,-nur dort, wo sie das Lineare stärker betonen, gewinnen sie wirklichen Gebraudisdiarakter, der z. B. den trefflichen Holzschnitten von Max Buch er er, auch wenn sie die Farbe zu Hilfe nehmen, fast nie mangelt. Adolf Kunst, in der Hauptsache ebenfalls Landschafter, bleibt auch als Realist meist noch innerhalb der Grenze, die das Luxusexlibris vom Gebrauchsblatt trennt.

Bestes, Mustergültiges gibt er aber in den auf einfachste Formen zurückgeführten Holz- und Linoleumschnitten und in einer umfangreichen Serie kleiner Holzschnittmarken, in der beinahe jede mögliche Art des Typus Gebrauchsmarke in ausgezeichneten Beispielen vertreten ist. Vielleicht darf hier gleich auch noch von einigen anderen, besonders tüchtigen Gebrauchsexlibris- und Marken Künstlern der mittleren Generation die Rede sein. Da ist z.B. Marcus Behmer, dessen reich ornamentierte Buchmarken strengen Stils bald an Spitzenmuster, bald an japanische Scherenschnitte erinnern und von ganz eigener dekorativer Wirkung sind, ferner Emil Pirchan, ein Meister jeder Art von angewandter und dekorativer Kunst, der auch auf dem räumlich beschränkten Bezirk des Exlibris ein beachtenswertes Beispiel stilistischer Zucht und Beweise von sicherstem Instinkt für das Wesentliche und Zweckmäßige gegeben hat,- außerdem Stilisten von so liebenswürdiger Eigenart wie Hans Nolpa, Bernhard Halbreiter, O. Obermaier oder ideenreiche Erfinder stilvoller Zweckformen wie Fritz Klee, Peter Wolbrandt, dessen besondere Stärke die Marke von äußerster Konzen» tration ist, Paul Winkler Leer s, Willi Geißler und viele andere.

Die einfachste und im übrigen auch natürlichste Form der Buchmarke ist freilich das reine Schriftexlibris, das im Grunde nichts anderes als ein gedruckter Ersatz für einen geschriebenen Zettel oder für den unmittelbar in das Buch geschriebenen Namen des Bucheigentümers ist. In seiner primitivsten Gestalt ist es ganz schmucklos und meist nur auf typographischem Wege hergestellt. Stammt dagegen der Entwurf von einem Künstler, dann ist, wie auf den Blättern von Wolbrandt, Bohn, Schaff, Schmidt»Wolfratshausen, Weech, auf die Durchbildung der Schrift besondere Sorgfalt verwendet. Häufig findet sich dazu noch gefälliger ornamentaler Schmuck, wie auf den Blättern von Wolbrandt, Bohn, Schaff, Schmidt»Wolfratshausen, Weech, auf die Durchbildung der Schrift besondere Sorgfalt verwendet. Häufig findet sich dazu noch gefälliger ornamentaler Schmuck, da auch sachliche, jedes Symbol und Berufsmerkmal ablehnende Besteller bescheidene Verzierungen der Schrift nicht ablehnen. Und gelegentlich umrankt sogar üppigstes Arabesken und Schnörkelwerk die Schrift: wie auf den für diese Gattung typischen Blättern von H. Th. Hoyer.

Unter den Künstlern, die an erster Stelle genannt zu werden pflegen, wenn vom Luxusexlibris geredet wird, steht nebenKlinger Otto Greinerf obenan. Ihm ist es nur einmal, in der Steinzeichnung für den Grafen Rex, gelungen, ein dekoratives Gebrauchsblatt von allerdings höchster Qualität zu schaffen. Dagegen hat der Wiener Stecher und Radierer Alfred Coßmann, ein Liebling der Sammler, vor allem in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Blättern geschaffen, die bei allem Reichtum an ornamentalem und figürlichen Beiwerk und trotz der außerordentlichen Feinheit der Durch* führung doch Muster echter Gebrauchsexlibris sind und zu den besten Beispielen der radierten (gestochenen) Buchmarke gehören. Vorzügliches hat auf diesem Gebiete noch ein anderer Wiener, Hans Frank, geleistet, ein Ornamentiker von Rang, dessen Spezialität Vögel sind. Eigenartig sind auch die sehr fein radierten, meist runden, siegelartigen Marken von Paul Herrmann, der mit diesen Blättern einen sehr vornehmen Typus geschaffen hat. Immerhin sind alle diese Dinge doch mehr oder weniger Spezialitäten. Ein Universalist aber ist Emil Orlik, der auf unserem Gebiet in jeder überhaupt möglichen Technik Hervorragendes und in jeder Hinsicht Vorbildliches geschaffen hat. Seine Blätter sind kaum zu übertreffende Beispiele dafür, wie man sogar mit Betonung (z. B. durch kräftiges Herausstellen des Monogramms neben dem Namen) zweckmäßig und dabei doch in seltenem Grade künstlerisch sein kann.

Wenigstens gilt das für die radierten Exlibris. Dagegen können die meisten gezeichneten Exlibris Geigers als gute Gebrauchsblätter gelten. Und was ihren künstlerischen Wert angeht, so kann es dar« über ohnehin nur ein Urteil geben: daß sie als Ganzes eine geistige Leistung dar« stellen, die in der gesamten Kunst der Gegenwart beinahe ohne Beispiel ist. Ein Außenseiter wird Geiger freilich dauernd bleiben,- begreiflicherweise,- denn das Genie ist immer einsam. Nicht jedem zugänglich ist auch der bizarre, exotisch anmutende Paul von Haken «Kühl mann, dessen Exlibris gleichwohl zu den interessantesten deutschen Arbeiten dieser Art im letzten Jahrzehnt gehören. Einige sehr kräftige radierte Marken von ungewöhnlicher Einprägsamkeit schuf Fritz Sch wimbe de. Bei Künstlern wie Rolf Schott, Robert Budzinski, Georg Jilovsky, Ferdinand Staeger, Gustav Traub, Fritz Gilsi, Conrad Straßer, Fritz Mock usw. liegt das Schwergewicht ihrer Exlibrisproduktion anderswo, was aber nicht hindern konnte, daß jeder gelegentlich auch Gebrauchsexlibris geschaffen hat, die nicht mit dem Durchschnitt verglichen werden können. Ungefähr das gleiche ist von Bruno Heroux zu sagen, dessen lange Exlibrisreihe zwar zu dem Bemerkenswertesten und Repräsentabelsten gehört, was die letzten 20 Jahre in Deutschland auf dem Exlibrisgebiet hervorgebracht haben, unter dessen Blättern aber doch nur wenige wirkliche Gebrauchsexlibris sind. Und daß diese echten Bücherzeichen nicht unter seinen Radierungen, sondern unter den Holzschnitten und anderen Schwarz-Weiß-Blättern zu suchen sind, ist für den Kenner seiner Kunst selbstverständlich. Gebrauchsblätter im strengen Sinne sind, mit erfreulichen Ausnahmen allerdings, auch die vielen Exlibris von Mathilde Ade nicht,- sie sind zu illustrativ und zu pointiert für ihren Zwecke.

Eine Gruppe für sich stellen u.a. die Düsseldorfer dar mit Hugo Sittel, Marga Hertz Lücker,derenStil schon zum Expressionismus überleitet, undbesonders die Wiener, die allerdings wieder in verschiedene Untergruppen zerfallen, die stilistisch scheinbar gar nichts miteinander zu tun haben. Bereits historisch ist die Koloman Moser-Schule und die Gruppe um Klimt, der wohl auch die spezifisch wienerische sezessionistische MarianneSteinberger Hitschmann angehört. Für den Wiener neueren Stilismus sehr bezeichnend sind die dekorativen Marken von Ed. Gaertner, während die reizenden, inErfmdung uüd Durchführunggleich hervorragendenBlättchen von Victor Eichler, bei denen die Wirkung noch durch den pikanten Zusammenklang von Gold und diskreten Farben erhöht wird, ungefähr in der Mitte zwischen Orlik und Hans Frank stehen. Und nichts beweist besser die Weite des Begriffs »Wiener künstlerische Kultur«, als daß seine Art ebenso echt wienerisch ist wie die der anderen oben Genannten. Kaum weniger reich an Persönlichkeiten ist allerdings auch München, in dem vor allem der junge Nachwuchs, der sich im Bund Deutscher Gebrauchs-Graphiker zusammengeschlossen hat, ausgezeichnet gediehen ist.

Zum Schluß wollen wir dahin zurückkehren, wovon wir bei der Schilderung der Entwicklung des modernen Gebrauchsexlibris unsern Ausgang genommen haben: nach Berlin, wo ein Künstler wie der sehr begabte Karl Michel in seinen zahlreichen Blättern die vorläufig letzten Konsequenzen aus dem Dekorationsprinzip des Ex= pressionismus zu ziehen im Begriffe ist. Wie sehr sich übrigens der Expressionismus für die Lösung jeder Art dekorativer Aufgaben eignet, ist schon in vielen Blättern der obengenannten Münchener, Wiener, Düsseldorfer usw. evident geworden,- und in größtem Maßstab wurde der Beweis dafür auf der deutschen Gewerbeschau in München erbracht.

Aus dem Buch:Das moderne deutsche Gebrauchs-Exlibris von 1922, Author: Braungart, Richard.

Empfohlene Musik zu diesem Text:
Chopin, Nocturnos.

2 Gedanken zu „Das moderne deutsche Gebrauchs-Exlibris

  1. Ich besuche obigen Blog jetzt sehr oft. Er ist anspruchsvoll und nicht immer einfach zu lesen. Dennoch werde ich mich dort einlesen mit der Zeit, denn nach dem alten unverfälschten Wissen sehne ich mich.

    Diese Zeit von heute ist geistig zu flach geworden. Ich kann mit der Gesellschaft so nichts mehr anfangen (zu viel Indoktrination und furchtbare entmenschlichtende Lüge).

    Die Musik passt heute gut zum Artikel. Ich werde ihn ausdrucken zum langsamer lesen.
    Ich bin dankbar, dass das alte Wissen über Kunst und Zeitgeist gehütet wird.

    Sie sollten alle ihre Blogs in eine Zeitkapsel einbringen und hunderttausend Jahre schlafen lassen, wenn das ginge :-). Viel gibt eszu teilen um der Zukunft Weg zu weisen.

    1. Hallo Fa,

      es freut mich sehr das Dir mein Kunstmuseum Hamburg gefällt. Ich mache jetzt seit ungefähr 6 Monaten Buchübersetzungen von alten deutschen Büchern und mir ist dabei aufgefallen, das die damaligen Schriftsteller eine viel schöne Schriftsprache pflegten als heute.

      WAS DAS KUNSTMUSEUM HAMBURG WILL.
      Das Programm ist einfach: das grosse Reich der Kunst soll durchwandert werden. Mit der Würdigung alter und neuer Meister soll die Schilderung klassischer Kunststätten, die Beschreibung von Museen, die Erörterung kulturgeschichtlicher und ästhetischer Fragen wechseln. Das war ja alles schon da. Es giebt kaum ein Thema, das nicht mit Tinte begossen ist. Doch wird nicht das älteste neu, wenn es neue Augen betrachten? Wird nicht, was langweilig schien, amüsant, wenn eine nicht langweilige Feder es schildert?
      Auf diese Erwägung bauen wir unseren Plan.
      Es giebt schon Sammelwerke, die vom Schweiss der Gelehrsamkeit triefen. Auch solche giebt es, die dem Publikum hübsche Bilder in der Bettelsuppe seichten Textes servieren. Wir wollen nicht seicht sein, auch nicht lehrhaft trocken. Dinge, die auf Wissen beruhen, wollen Wir in lesbarer Form kredenzen. Erforscht, durchdacht, empfunden, geschrieben soll alles sein, was die Sammlung bringt.

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