Hensel´s Sonntagmatinée: Michael Kohlhaas – Teil V

Fortsetzung des Kleist mit anderen Mitteln

von H.-P. Schröder

Abschluß (2)

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Es soll Gerechtigkeit geschehen,

denn ansonsten geht die Welt zugrunde.“

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APOTHEOSE

Ein Schatten reitet durch das kühle Land. Er schiebt sich dunkel vor die leuchtenden Säume des Horizontes, verschwindet in Senken, taucht gegenüber wieder auf und erklimmt Hügelkämme, in steigendem Schritt. Fasste man ihn genauer in`s Auge, so gleicht er, in seinen Umrissen flach gegen den Himmel geworfen, wahrlich einem Sämann, der seinen Mantelsack mit dem Saatgut über den Hals des Pferdes geworfen, dem vor ihm liegenden Land entgegenschreitet und der keinen Blick zurück verschwendet, denn seine Arbeit ist solide und bedarf keiner Prüfung.
Der Schatten zieht seine Spur quer über die große Kugel, mitten hindurch, wie eine gewaltige Egge Furche um Furche aufwerfend, damit Mutter Erde den Samen, ihren eigenen Samen, empfangen kann.

Die wenigen Leute, die ihm dort draußen begegnen, bekreuzigen sich, wie wenn der Gottseibeiuns erschienen wäre, der seinen Schwefelbrodem ausstößt und dessen Hufe den Boden versengen und dabei ist es nur ein Reiterlein auf einem Pferde, das ein Zweites am Zügel mit sich führt. Sie rufen ihre Ortsheiligen an und gefragt warum sie das tun, wüssten sie zuerst nicht recht, was antworten, würden sich am Kopf kratzen und auf ihre Füsse starren, dann sich besinnen und vielleicht sagen, daß sie so etwas noch nie gesehen hätten, einen edlen Herrn auf einer Schindmähre gewiß, das wäre schon vorgekommen, ein Unglück, eine vorübergehende Verlegenheit, bis besseres zur Stelle ist, in diesen Zeiten, aber so eine halbverhungerte Gestalt in zerfetzten Lumpen, mit einer Decke um die Schultern und ohne sichtbare Waffen, auf einem wohlgestallten Kriegsross in gutem Futter, mit silberbeschlagenem Zaumzeug daherkommend, das musste der Teufel sein, oder ein halbverrückter Strauchdieb, dem die Wildnis das Gemüt verdreht hatte und der jetzt einem jener alten Bären gleicht, die schmerzgepeinigt eigensinnig, voller Wut und Rache im Bauch, jeden Wanderer angreifen, der ihnen über den Weg läuft. Der Mann auf dem Pferd tat nichts dergleichen. Kein Schrecken ging von ihm aus. Es war die Fremdheit in ihm, die sie anrührte und verlegen machte. Er ritt an ihnen vorbei und die, die es spürten, mieden seinen Blick, andere senkten das Haupt, zogen gar die Mütze, bis er ausser Sicht war und sie erzählten ihren Weibern und Kindern von der Begegnung und ließen sie schwören, es für sich zu behalten, aber wie das so ist, zu guter Letzt, erfahren es alle. Die Pfaffen zuerst, dann der Hof, dann die Schreiber und dann die ganze Welt.

In seiner Blase aus Zeitlosigkeit reitet der Mann durch das Tal. Irgendein Tal, am äussersten Rande das  Frankenlandes, im Mai 1540, am späten Nachmittag, es wird schon dämm`rig und Wind kommt auf. Rauschend fährt er in`s Gras, biegt es zur Seite, wie um dem Mann eine Bahn zu schaffen, eine Garbe wirft der Wind nach links, eine Garbe nach rechts.

Über dem Mann zieht wildes Gewölk nach Osten, ihm scheint, es rauscht dorthin, wo der Türke seine Ränke schmiedet und getrieben von Inbrunst, Unwissenheit und Gier sich vorbereitet, seinen Irrglauben, Brand und Pestilenz in reichsdeutsche Lande zu schleudern. Papst, Kaiser und Kurfürsten hatten wieder damit begonnen, sich  eigenen Nöten und Fehden zuzuwenden und ihre Blicke von dem Mann abgezogen, der einen Moment lang ihre Aufmerksamkeit geteilt hatte. Abgelenkt hatte, von Luther, – und der Macht. Und Luther ?

Luther hatte sich zwei Mal entschieden. Wer will es ihm verdenken, daß er zauderte, er ist immer nur knapp entkommen und sein dicker Leib ist ihm Last genug. Er hat schlußendlich die Ewigkeit verändert. Zum Guten, so hoffe ich. „Geh` mir aus den Augen“, sagte er bei unserer vorletzten Begegnung und drehte sich weg von mir. Wie er sich von den Bauern abgewandt hatte.
Das war viel schlimmer. „In meinem Fall“, sagte ich leise zu ihm, „spielt es keine Rolle. Aber bedenke um deiner Willen, und um der Unschuldigen und Schwachen willen, was du tust. Ein Sturm hat sich gelegt und ein anderer zieht herauf. Von dir und deinen Herrn entfacht. Er wird dich erfassen und du wirst Rechenschaft geben und dich mit deinem eigenen Maßstab messen müssen. Wirst du dann bestehen ? Oder vergehen ?“

Er war herumgewirbelt und drohend auf mich zugetreten. „Das wagst du? Ausgerechnet du Mordbrenner rechnest mir vor? Weißt du, daß ich mein Leben einsetze, um den Menschen die Wahrheit zu bringen? Um dem Teufel in Rom das Licht auszublasen? Tag und Nacht muß ich damit rechnen, daß die Tür aufgestossen wird und ich in die Verliese geschleppt werde oder in einen Sack gesteckt im Fluß verschwinde. Die hohen Herrn würfeln mit meinem Schicksal und sie bestimmen alle Einsätze. In ihrem Spiel bin ich der Bauer…“

„ … der seine Herkunft vergessen hat?“, ergänze ich leise, „Der nicht erkennt, daß sein Schicksal, das Schicksal vieler ist. Und der comfortablum sub privilegium lebt. Verzeih` er mein Latein, doch er versteht gewiss die deutsche Sprache. Den Herren Mönch, den schützen gepanzerte Fäuste. Dieselben Fäuste reissen den Schwachen das Fleisch von den Rippen, stehlen deren Habe, versaufen und verhuren alles und bringen ihre Mitmenschen an den Bettelstab und in`s frühe Grab. Die Ehrlosen richten die Wehrlosen zugrunde. Das wolltest du doch sagen, Bruder Martin!“

Sie stehen sich jetzt gegenüber wie zwei Pfeiler im schäumenden Strom. Dem Luther schaudert; es ist an ihm eine Brücke zu errichten. Diese Kunst muss er erst erlernen. Er zittert. „Geh`mir aus den Augen“, sagt er. „Niemals aus dem Sinn“, sagt der Mann und schließt die Tür, an der ein Tintenfass zerschellt. Und er begibt sich nach… .

So war das.
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Der Reisende wirkt abgezehrt, unterernährt, seine Rippen treten sperrig hervor, die Wangen knochig, schmallippig der Mund. Sein Unterkleid hängt in Fetzen, über seine Schultern laufen brennende Striemen, eingeschnittene Abschürfungen, wie sie Seile oder Lederriemen hervorrufen, die sich über Monate oder Jahre scheuernd in weiches Fleisch graben. Der Mann sitzt gerade, hochgewachsen, auf seinem schwarzen Rappen, einem prächtigen Tier mit glänzendem Fell und gesundem Gebiß, von beständigen Gemüt. Ausdauernd und schnell, oder vorsichtig und behutsam setzt es seine Schritte, je nachdem, wie es die Umstände verlangen. Es schreitet gemächlich zwischen den Büschen an den verkrauteten Feldern entlang nach Süden.

Der Mann betrat die Dörfer nur, wenn er seine Vorräte auffüllen musste, ja er bevorzugte die abseits liegenden  Gehöfte, obwohl er dort, bei den Verarmten und Schutzlosen, nur das Allernötigste fand. Die Vorboten der letzten Nachtfröste verspürend, zog er den Umhang fester um die Schultern, beugte sich nach vorne und tätschelte seinem Pferd den Hals, das daraufhin einen leichten Trab einschlug. „Er will vorwärtskommen“, dachte der Rappe,“und weiß doch nicht recht wohin, jetzt da sein Schicksal angefangen hat, sich zu erfüllen. Und er meidet die Richtstätten, die Galgenplätze. Sobald er die Krähen hört, zieht er am Zügel, jetzt da er davongekommen ist. Was mag in ihm vorgehen?“ Der Reiter schweigt. Auch innerlich.

„Wir beide ziehen unsere Bahnen, wie ein Schiff auf Kurs und wissen doch nicht, ob uns irgendwo ein Hafen erwartet. Er dauert mich. Das Leben im Joch zu verbringen ist eine furchtbare Last, die kein Mensch ertragen kann. Und er tat es willig und jetzt, da er frei ist, erkennt er erst, was hinter ihm liegt. Wenn ich mich nicht um das Vorwärts kümmern würde, wäre ihm das egal.“
„Und wenn ich an den standhaft dicken Mönch mit dem breiten Appetit und der lodernden Stimme denke, der trägt zwar Tintenflecke an den Fingern davon, aber keine Narben vom Pflugziehen, Jahre auf den Äckern der Tronkas und nachts bei den Schweinen im Stehen schlafen und verfaultes Heu fressen, das musste er auch nicht. Warum  mein Reiter eine so harte Strafe für sich wählte? Vielleicht wegen der Hoffnung auf Größe. Auf Größe in der Vergebung.“

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(Schluss folgt)

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zu Teil I

zu Teil II

zu Teil III

zu Teil IV

 

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