Hensel´s Sonntagsmatinée: freies Land – Teil II

von H.-P. Schröder

„Der brave Mann,
der auf sich baut,
der – Denke laut!“

„Nur aus dem freien Land
erwachsen die Porträtisten
der Unfreiheit.“

aus: Der Eremit des Inneren

Weite Weite (2)

Canto Mayor 1950

 

1950
Als die Würste aus den Därmen quollen und keiner dacht` sich was dabei,
als das Radio plappernd prophezeit,
die neue Dauerhaltbarkeit
und befiehlt das Leben aus dem Vollen
Kühlregal
und letzte Trauerklöße, die vom Krieg mit Flammenstrahl,
in Zweideutigkeit entwichen waren,
und Platz geschafft für süße Lieder von der Heide Ros`marie
und in Korea übten sie das wieder,
das Verrecken mit `nem Schuß im Knie,
kam der massive Zweifel flüchtig
zu den Hohen Kommissaren
in die Amtsstuben geschlichen
und er verführte tüchtig
100 arbeitslose Stilberater,
die vergnügungssüchtig,
durch Schornsteine von innen strichen.

Sie hatten es doch nie zum Besseren gelernt,
die sehnten sich nach Haute und nach Couturen,
folgend einem inner`n Hang, zum hoch hinausflanieren
mit Flair,
doch ohne Hang zur Gegenwehr,
taten sich, befohlen von den Pentagrammen,
zu Verratungen zusammen:
„Was tun?, – eine neue Furcht muß her.
Korea ist zu weit, die da draussen brauchen mehr!“

Just in diesem Augenblick
traten aus den Schmusekissen
welche voller Ziegenhaar,
die ließen laute Brisen weh`n,
und wußten ein gewaltig` Ding zum Dreh`n;
sie drehten hier und drehten dort
das Trauma von dem Schreckensort
und gaben Rat für ihren eig`nen, letzten, tiefsten Fall
und sagten, wir vermissen
so ein paar Millionen
und wir wissen
ganz genau, wo die geblieben.
Und lächelten dabei durchtrieben:

„Wir erklären`s und ihr werdet es versteh`n.
Wir sind voll Rücksicht und wir machen`s extra zart.“
Sie ließen Statistik ohne Zahlen
in den Hinterhöfen seh´n,
von jener feinen,
einmaleinen Art,
die in unsauberem Hirn
als Blankowechsel aufersteh`n.

Sie würgten Zeugen aus den Aktenstücken,
verwiesen auf reinweiße Aktenlücken,
genau da seien die gewesen, die man reklamierte
und sie drückten auf die Hälse,
bis man applaudierte.

1952
Ja gut, die Blinden, die mit abgeschoß`nen Armen,
und mit weggefress`nen Wangen,
die in zerschliss`nen Kleiderfetzen,
an seid`nen Fäden hangen,
sah man vereinzelt noch auf Plätzen
stehend bangen
und ab und zu da kamen Viehtransporte,
voll mit ausgemergeltem Entsetzen,
sah man den Mensch am Mensch zugrunde geh`n,
betrogen um zwölf Jahreslängen
sich am Fensterkreuz erhängen.

Doch manikürte selbstgekürte Finger zeigten kein Erbarmen,
ihre roten Bäckchen ließen Zukunft seh`n-
„Mein Gott, es muß doch weitergeh`n.“
Ein paar Millionen tote Deutsche müßt ihr locker übersteh`n.

1953 bis …..
Aus zwei mach vier und vier bringt sechs,
für einen zwei, mit etwas Glück
und einer alten Leier, bringst du die Toten uns zurück,
sprach der Katastergeier,
zumindest die auf dem Papier.
„Dann fließen ihre guten Gulden in den Kasten,
her zu mir`.
Denen nutzt der Gulden nichts beim Fasten,
doch uns bringt er das Mittelländisch` Meer,
Einfluß, Ruhm und Glamourehr´,
bringt das verheiß´ne Land uns her.
Arbeit wär
dann nimmermehr.“

„Ihre Schuld ist fürchterlich und sollten sie es wagen,
dagegen disputieren, zeigen wir auf Pappkulissen,
vor denen sie sich bücken müssen,
Schuhgebirge, Brillenberg, Schuldenschein und Krüppelkrücken,
das wird die Einen schnellkurieren, die Anderen zum Teil ersticken!“

Es zittern die mit Ziegenhaaren,
voll Lust und Freude, so ein richtig gut`s Geschäft,
zu wittern, das gibt es nicht in 1000 Jahren:
„Geschickt gedreht und eingepeitscht,
zahlen die bis auf die Bahren
und vererben
ihr Verderben,
das sie dazu trieb,
bis in ihr Glied.“,
versprachen die voll Ziegenhaaren
den Pentagrammen
und schworen es beim großen Dieb.

……1955
Sie tauschen Frack mit Mäntelein und drinnen saß dasselbe Schwein.
Sie dienen sich den Neuen an und flüstern im Vertrauen dann,
daß die ödemisierten Dehydrierten
die den Sohn, den Vater und den Freund vermissen
in ihre schlauen Köder bissen:
„Wir wissen
wie man sie behandeln muß,
daß sie 16 Stunden freudig bringen;
wir wissen, wo ihr Hebel sitzt,
um sie auf das Geleis zu zwingen,
unter vollem Dampf.
Ihr seht, wie sie schon artig klingen,
sobald man an die wunde Stelle schlägt,
gefolgt von dem sozialen Krampf,
im leergepumpten Bauch ein Kampf,
der ihr Gewissen schmerzhaft bläht.

Sie werden rackern, ackern, schuften, springen,
ganz wie ihr es uns befehlt,
sie bringen laut, sie bringen leise;
ihr wißt, die sind so multigut, sie können denken,
waschen, kochen und sie spinnen,
so manches Garn, wenn man mit ihnen hart umgeht
und ein, zwei Arme, probeweise,
zum Exempel auf verkrümmte Rücken dreht.“

„Die waren niemals faul.
So lasst uns euch die Früchte ihrer Arbeit schenken.
Ihr verbindet Ihnen`s Maul;
uns könnt ihr vertrauen.
Lasst uns nur machen, wir lassen sie
goldene Zeiten für euch bauen:
Maschinen die stanzen, tanzen
brauen, schweißen
und auf Befehl verschleißen.“

„Selbst die Gebrauchanweisung steckt dann voll Poesie,
ein Gedicht in 66 Sprachen, glasklar im neuen Trend.
Dies ist ein Angebot wie nie,
gegen, sagen wir, gerade mal so 10 Prozent?“

„Und das Branntweinmonopol und zwei, drei kleine Banken
an die, die man gut kennt,
damit sollte man dann danken,
sobald die Deutschenbande mit sich ringt
und nach dem Schein und Scheinen rennt,
euch ihr Sein und Haben bringt
und in Haufen in Arenen drängt.“

„Alles läuft mit Selbstabrieb,
er kostet nichts, nur Eigenlieb.“

Wir, wir fühlten nicht den Hals darin,
wir sahen nur den neuen Autoreifen,
wir sahen nur die Lichterstreifen
und merkten nichts
und freuten uns an jedem stillen Tag.
Die Immerflüßigen,
die stahlen uns das Übermorgen
mit ihren süßen Heutezungen,
die Überflüßigen, die sprachen
unter sich vom Immermorgen
vom Immermorgenborgen
und lachten über die Milliarden
die gutgelungen abgepresst,
da das Andenken der Väter
ward von ihrem Aas durchnässt.

Noch in jenen Nachkriegszeiten
hatten Andere beschlossen,
sollt`das Morden weiterschreiten
unser Land mit Waffen pflasternd,
schuftend, um sie uns zu leisten,
schuftend, um sie auszudenken,
sie zu bauen, ihnen sie zu schenken.

Sie stahlen uns die Frucht der Schaffensmacht,
haben Freunde dann damit erschossen,
haben zum Haustier uns gemacht.
Alle Ehr` ist heute weggeraubt
und sitzt gefesselt und zerstaubt
ganz unten mit im gold´nen Hallenrund
in einem kleingedruckten Knebelbund,
sitzt an selber Tafel dort
mit Kinderschändern, neben Knochenbrechern,
prostet zu den Beutelschneidern,
nahe bei dem Höllenhund.

Seit 60 Jahren zahlen wir an sie
Jahr für Jahr und sie verbieten
das fragen nach warum und wer und wie
sind die Aktenlöcher zu erklären
und warum wird von allem, das wir uns verdienen,
die bess`re Hälfte abgeschnitten?

Und warum ist unser Land voller Roboter und Soldaten,
ohne Kultur, mit Menschenfressersitten?,
die aus unserem Land zum Plündern, Morden
und zum Pressen fahren,
dort ein Brudervolk bestehlen,
dann hierher zurück,
wo sie uns befehlen,
die Taten zu vergessen und zu schweigen
zu ihrem üblen Tun,
wo wir der verfaulten Brut,
die Wunden pflegen
und dafür bezahlen,
mit unser`m einstmals guten Namen,
bevor Betrüger aus Latrinien kamen,
um sich auf unser`n Betten auszuruh`n?

Und die Klüngelpütz und Kanzlerpräsidenten?
Die tauschen Schecks,
Medaillen,Talmiorden mit den Feinden,
gegen das Versprechen,
uns das Rückgrat aus dem Leib zu brechen
und ein paar aus unser`m Volk, mit Mut,
die es versuchen und den Gangstern Grenzen setzen,
nicht mit Orden, nicht mit Morden,
ganz allein mit klaren Worten,
die verbringen ihre letzten Jahre, von verrufener Juristenhand
hinab in die Verließe unter
Schuld- und Schuldenturm verbannt!

Aufgewacht! Die Fahne `raus!
Schneeweiß vor Scham da stehen wir
an jener kalten Wand,
an der der Neuanfang sein frühes Ende fand
und hören, im Inneren zutiefst entsetzt,
das Klirren in den schwarzen Ecken,
wo man die blanken Messer gegen Menschen wetzt,
wo sich sammeln ihre Treiber,
und aufgebroch`ne Menschenleiber
einst grüne Wiesen bis zum Horizont bedecken.

Und schau`n auf uns,
die wir da mitgegangen
und sehen klar, was uns verletzt.
Von wem und was wir sind besetzt,
von wem und was wir selbstvergessen
sind besessen.

Und haben es jetzt angepackt.
Und sehen den verfluchten Feind, ganz nackt,
die Haut von Beulenschleim bedeckt,
sein Geist im Sündenpfuhl verdreckt,
in unserer Mitte steh`n,
heimtückische Verbrechen
und falsch` Zeugnis wider uns begeh`n.

Unzucht treiben auf den Leichenbergen,
die seine Frevel hoch,
zum Himmel hoch, verstärken,
mit den Huren aus den eig`nen Landen,
unter Vasallen, die ihn frech verbergen,
die er durch die Lüste knackt,
die er in Haut aus Süßstoff packt,
die, wie die Fliegen auf die Haufen,
den Weg in seine Kammern fanden,
sich durch ihn zuschanden saufen,
Verräter aus den deutschen Landen,
die auf seinen Listen steh`n.

All` das ist klar und klarer
und immer klarer abzuseh`n.
Und wird mit ihnen, seid gewiß,
am Happy End zugrunde geh`n.

Schild (2)
Aus einem deutschen Museum

*

Link zu Teil I

4 Gedanken zu „Hensel´s Sonntagsmatinée: freies Land – Teil II

  1. Früher gab’s hier mal echte News, mittlerweile ist die Seite leider zum Poesiealbum verkommen. Na gut, lass ich auch mal einen antisemitischen Spruch da:

    In allen vier Ecken,
    soll Liebe drin stecken. 🙂

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