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Deutsche Mystiker

aus dem Kunstmuseum Hamburg

„Wenn man das Leben fragte tausend Jahre lang: ,’Warum lebst du?‘ wenn es überhaupt antwortete, würde es nur sagen: ,ich lebe, um zu leben!‘ Das rührt daher, weil das Leben aus seinem eigenen Grunde lebt, aus seinem Eigenen quillt, darum lebt es ohne ein Warum: es lebt nur sich selber! Und fragt man einen wahrhaften Menschen, einen, der aus seinem eigenen Grunde wirkt: ,Warum wirkst du deine Werke?‘ wenn er recht antwortete, würde er auch nur sagen: ,ich wirke, um zu wirken‘.“

Meister Eckhart.

I. Abschnitt. Bild

MITTELALTERLICKE MÖNCHE und Prediger; strenge, eckige Gestalten in gegürteter Kutte, mit abgezehrten Asketenhänden, Händen von geißelnden Peinigern und gepeinigten Duldern; Händen, die mit knöchernen Fingern das Ungreifbare zu greifen suchen, die sich dem Unendlichen zudehnen, die ,,nach Gott tasten in seiner Tiefe“. Fleischlose, knochige Gesichter mit tiefliegenden, gerötet brennenden Augen, in denen des Leibes Zerrüttung und Verwüstung mit grauer Flamme leuchtet; Profile, wie in Holz geschnitten. —

Unirdisch, weitabgewandt, ins Ewige blickend und doch harte, erdstarke, wirkende Männer, sprach-gewaltige, hinreißende Redner, denen das Volk zuläuft, denen es sich unterwirft. Auf rauher Sandale schreiten sie einsame Wege, flüchtenden Gedanken und Gefühlen nach, in die eintauchend sie sich mit Gott geeint glauben, die sich aber immer wieder von ihnen lösen und dornige Pfade voranschweben. Mit Stachelgeißeln peitschen sie sich aus jeder noch so armseligen Behaglichkeit, treiben sie sich den Intuitionen nach, bis die tiefste unerschütterlichste Seelenruhe, wie die Blüte all ihrer Schmerzen und Leiden, ihnen gegeben wird und sie in völliger Gelöstheit vom Irdischen, in ,,aller Bilde Bildlosigkeit“ dem nahenden Gotte offen sind. —

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Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Das ist in den allgemeinsten Zügen die Seelentheorie, wie sie allen Völkern eigen ist, in der das Leben, der Geist, der Atem, Träume und Visionen in einen gewissen Zusammenhang gebracht werden, um das eine durch das andere zu erküren. Selbst in den Sprachen der zivilisierten Völker finden wir noch ihre Spuren. Noch heute sagen wir: er ist außer sich, er kommt zu sich, und wenn er wirklich tot bleibt, bestätigen wir, er ist nicht mehr zu sich gekommen; in dem ersten Falle bezeichnen wir mit „er“ den geistigen, in dem anderen den leiblichen Menschen. Wenn das Volk sagt, „er“ geht um, meint es seinen Geist. In einer gesunden oder kranken Haut stecken, aus der Haut fahren, sind bekannte Redensarten. Das Wort Geist, das Bewegliche, bedeutet vielleicht den erregten und bewegten Lufthauch; west- und ost-germ. Seele gehört zu aitttos „beweglich, regsam“ und hängt mit dem Namen für See, got. saiws, zusammen: es ist nicht ausgeschlossen, für Seele an den sich bewegenden Atem zu denken. Ostgerm. und gehört zur Wurzel anan und vergleicht sich, lat. an-ima Luft, Wind, Atem. Auf dieselbe Wurzel geht auch ahd. ano, der Ahne, zurück. Der Ahn ist der Totliegende, Verstorbene, der ausgeatmet hat; auch nhd. „ahnen“, voraussehen, kann zu der Wurzel an gehören. Man faßte also die als Atem den Leib verlassende Seele als Wind, als Lufthauch auf. Darum glaubt man noch heute, daß sich beim Verscheiden eines Menschen die Luft im Sterbezimmer mit leisem Wehen bewege, daß großer Sturm entstünde, wenn sich jemand erhängt habe, daß man ein Fenster oder eine Tür für die Seele öffnen müsse, wenn sie den Leib verlasse, und daß man eine Tür nicht stark zuschlagen dürfe, sonst klemme man die Seele ein.

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