Schlagwort-Archive: Traumleben

der Dämon des Sokrates

aus dem Kunstmuseum Hamburg

In unseren Träumen befinden wir uns auf einer Traumbühne von bestimmter Beschaffenheit und in Gesellschaft von meistens sehr bestimmt charakterisierten Menschen, mit welchen wir reden und handeln, an die wir Fragen stellen, von welchen wir Antworten erhalten, die sich mit unseren Handlungen verbinden oder sie durchkreuzen u. s. w. Diese Thatsache ist weit sonderbarer, als sie auf den ersten Anblick erscheint: Unsere Träume sind nämlich weder das Produkt einer äusseren fremden Inspiration, noch auch können sie als das gesetzlose Spiel unserer Phantasie angesehen werden; sie müssen also aus unserem eigenen Innern kommen und zwar muss der Traumverlauf in seiner bestimmten Beschaffenheit in gesetz-mässiger Weise veranlasst werden durch unsere körperlichen und geistigen Zustände. Meinem jeweiligen Befinden müssen Träume von bestimmter Art korrespondieren, die als gesetz-mässige Wirkungen jener Ursache eintreten. Wir selbst sind also die Produzenten unserer Träume, auch jener, deren Verlauf mit den Wünschen unseres träumenden Ich in Widerspruch tritt, sowie auch jener, in welchen wir solche Antworten erhalten, die in unserem Traumbewusstsein nicht lagen. Mit anderen Worten: wenn in unseren Träumen ausser uns selbst noch andere Personen auftreten, so kann die bestimmte Beschaffenheit dieser Gesellschaft und ihr Verhalten nur zu stände kommen durch eine dramatische Spaltung unseres eigenen Ich. Die dramatische Spaltung des Ich ist demnach die psychologische Formel zur Erklärung unserer Träume, und da dieselben in jeder Hinsicht dem Kausalitätsgesetze unterworfen sein müssen, so kann die Besonderheit jener Spaltung des Ich nur bedingt sein durch die Besonderheit unseres momentanen körperlichen und geistigen Befindens.

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Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

In dem Gefühle des Menschen von der Unsicherheit seines Lebens ist ein Ursprung der Religion zu suchen. Die Furcht hat zuerst die Götter in die Welt gebracht, sagt schon Statius (Theb. III, 661), und noch heute stimmt ihm mancher einseitige Forscher unbedingt bei. Was ist das Leben, das zu gewissen Zeiten, aber keineswegs immer im Menschen ist? Das ist die große Frage, die sich der Menschheit aufdrängte, und die auch wir mit all unserem Wissen nicht erschöpfend zu beantworten vermögen. Die Majestät des Todes ließ den Menschen zuerst erschauern, hier stand er etwas Unerklärlichem gegenüber, das mit Gewalt sein Denken aufrütteln mußte. Der Tote, den er vor sich sieht, ist derselbe, der immer bei ihm gewesen, und doch ein anderer; die Augen, die falkenhelle sonst des Wildes Spuren folgten, sind geschlossen; die Arme, die den Bogen spannten, streng und straff, hängen schlaff herunter. Es ist ein ungemein feiner Zug in dem Prometheusfragmente des jungen Goethe, daß selbst Pandora, das vollkommenste unter den Geschöpfen des Titanen, des Lebens Weh und des Todes geheimnisvolle Macht empfindet und in den bangen Ruf ausbricht: Was ist das? der Tod? Die Erscheinung des Todes trat mit erschütterndem Ernste und mit einer überraschenden Bedrohung in den engsten Lebenskreis des Menschen ein. Was war es, das dem Körper jetzt fehlte? Anfänglich mochte man das Blut dafür halten, aber bald gewahrte mau, daß es sichtbar in Fäulnis überging; oder das Herz konnte es sein, aber der Leib vermoderte und mit ihm das Herz. Das, was mit dem Tode entschwand, mußte etwas vom toten Leibe Verschiedenes sein, was nicht mit den Augen wahrzunehmen war, und das war der Atem, der jetzt aufhörte und sich von dem Körper getrennt hatte. Mit dem Aufhören des Atems war das Leben dahin. Ausatmen, aushauchen, den letzten Atemzug tun ist in vielen Sprachen das Wort für sterben. Wo aber und was war der Atem, der früher in dem Körper war? Er stirbt nicht mit dem Körper, fällt nicht der Auflösung anheim wie Blut, Herz, Gehirn und Gebein, er mußte weiterleben, auch nachdem er den Leib verlassen hatte. Eine besondere Stütze erhielt die Vorstellung vom Fortbestehen des im Tode scheinbar aus dem Körper entwichenen Lebeuspriuzips durch die Erscheinung des Traumes. Der Körper des Schlafenden liegt da wie der des Toten, noch tätig aber ist und weiter lebt die Seele, sagt Cicero. Welche Wirkung das Traumleben auf den einfachen Menschen ausübt, hat Grillparzer in seinem dramatischen Märchen „Der Traum ein Leben“ packend veranschaulicht. Wenn der Schlafende aus dem Traum erwacht, muß er sich erst besinnen, ob die Erlebnisse der Nacht wirklich Tatsachen gewesen sind. Der Mensch im Naturzustände vermag nicht zwischen subjektiv und objektiv, zwischen Einbildung und Wirklichkeit scharf zu unterscheiden. Im Traume vermag er entfernte Gegenden aufzusuchen, er vermag sich an Dingen zu ergötzen, die längst hinter ihm oder in weiter Ferne vor ihm liegen. Angehörige erscheinen wieder, die längst verstorben sind, um zu raten und zu warnen; Feinde beunruhigen den Schläfer und quälen ihn wie zu Lebzeiten.

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Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Die ursprüngliche Vorstellung, daß eine entkörperte Seele mit dem Schlafenden in Verkehr tritt, mußte zu der Überzeugung führen, daß der Verstorbene in Menschengestalt wieder erscheinen könnte, um zu ermuntern oder zu quälen, zu warnen oder zu benachrichtigen, oder um die Erfüllung seiner eigenen Wünsche zu fordern. Diesen Zusammenhang von Seelenglauben und Traumleben bestätigt die Sprache selbst. Ahd. troc, as. gidrog = dämonisches Wesen, wurde ursprünglich nur von Toten gebraucht, die im Traume erschienen; das Wort Traum hatte anfangs nur die Bedeutung Toteutraum. Zugrunde liegt die idg. Wurzel dhreugh „schädigen“; der Draug (urgerm. draugaz) ist also das Unheilstiftende Wesen. Der Zustand aber, in dem die Seele von den Unholden heimgesucht wurde, hieß urgerm. draugwmös „Traum“. Später überwiegt mhd. gespenste (ahd. gispanst) „Verlockung, teuflisches Trugbild“, ein Verbalabstraktum zu spanan „locken“ (lit. spéndziu „Fallstricke legen“). Die ursprüngliche Konstruktion des Verbums „träumen“ zeigt noch deutlich den Glauben an die Wirklichkeit der Traumwelt: Die Person, von der nach unserer Anschauungsweise geträumt wird, galt im Altertum als die erzeugende Ursache des Traumes; man sagte nicht bloß unpersönlich „mich träumte“, sondern „der Mann hat mich geträumt“: offenbar wird das Traumbild noch als ruhestörende, beängstigende Erscheinung gedacht. Schon im ahd. wurde die Passivität des Traumzustandes minder lebhaft empfunden: es hieß „mir troumte“; und als endlich das aufgeklärte Bewußtsein die völlige Subjektivität der Traumerscheinungen erkannte, sagte man stolz: ich habe geträumt.

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Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Mit dem Seelenglauben hängt der Marenglaube aufs engste zusammen. Die Erscheinungen des Traumlebens werden durch den Alpdruck zu wahrhaft erschreckender Lebhaftigkeit gesteigert. Die Seele des Verstorbenen lebt nicht nur fort und tut sich dem Lebenden im Schlafe kund als luftiges Gebilde oder als körperliches Wesen in Tier- oder Menschengestalt, sondern es gibt auch Menschen, deren Seele plagen und drücken geht, während der Leib zu Hause bleibt, und diese Irrfahrt kommt dem Menscheu beim Erwachen wie ein Traum vor. Oder die Trude läßt ihren Körper draußen vor dem Hause stehen, und wenn man ihn anredet oder anrührt, so fällt er zusammen, und die Trudenseele in dem Hause stößt einen furchtbaren Schrei aus. War der Tote einem Lebenden feindlich gesinnt, so mußte er auch über das Grab hinaus ihn zu schädigen suchen. Diesen Angriffen stand der Mensch im Schlafe wehrlos gegenüber; er fühlte im Traume, wie eine grauenvolle Macht, gegen die er sich nicht schützen konnte, ihm die Kraft der Glieder verrenkte, sich auf ihn stürzte und ihn quälte und drückte, so daß er matt und blutlos dahinsiechte. Dieses Wesen hatte wie die Seele des Toten die Fähigkeit, verschiedene Gestalten anzunehmen; oft genug trug die nächtliche Erscheinung die Gesichtszüge und die Gestalt von Bekannten, um desto sicherer das wehr- und arglose Opfer zu überfallen; oder ein wildes Ungeheuer, ein Bär, ein Igel, eine Katze, eine Schlange hockte auf der Brust des Träumenden und sog gierig seinen Atem ein. Man sah, fühlte und hörte, daß diese Erscheinung wirklich und persönlich da war, daß es ein fremdes, meist feindliches, zuweilen buhlerisches Wesen war, und so entstand neben dem Seelenglauben die Vorstellung einer quälenden, würgenden, tötenden oder minnenden, kosenden Macht; denn Männer werden von Frauen und Frauen von Männern gedrückt. Im Traumleben wurzelt also dieser Glaube, aber nicht in dem gewöhnlichen, sondern in dem bei weitem lebhafteren Alptraum. Alle Erzählungen, die den nächtlichen Besuch des Alps und der Mare bei einem Schläfer schildern, sind als Wiedergabe einer Traumbegebenheit ohne weiteres verständlich, und von der Wahrheit dieser Berichte kann sich noch heute jeder überzeugen, der an Alpdrücken leidet. Die volkstümliche, mythische Anschauung und die rationalistische Erklärung des Alptraumes gibt Rosegger in humorvoller Weise iu seinem Novellenkranze „Sonderlinge aus dem Volke der Alpen“ (1881, S. 36):

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