Schlagwort-Archive: Tod

Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens


In Cururu-cuara finde ich die Bewohner in großer Aufregung. Ein älterer Siusi der letzten Maloka, der Schmidt und die kostbare Sammlung als Pilot durch alle Fährnisse der Stromschnellen hierher gebracht hat, ist an Lungenentzündung schwer erkrankt.

An demselben Mittag findet eine Kur vor dem Hause von Mandus Neffen statt. Der Kranke und ein junger Mann von Cururu-cuara, der an einer leichten Erkältung leidet, liegen in der brennenden Sonnenhitze lang ausgestreckt am Boden; der hiesige Zauberärzt und ein anderer von einer nahen Maloka hocken mit wichtigen Gesichtern vor ihnen. Zunächst läßt der eine die Patienten an einer Schneckenschalc riechen, die ein gelbes Pulver enthält. Die Kranken ziehen es stark durch die Nase ein, verfallen in Zuckungen und bald darauf in völlige Bewußtlosigkeit. Während dieser Narkose nehmen die Zauberärzte die übliche Behandlung vor mit Bepusten und Bestreichen des Körpers. Sie saugen den Krankheitsstoff heftig ein, blasen ihn wieder von sich und zerstreuen ihn mit der Hand nach allen Seiten. Von Zeit zu Zeit laufen sie beiseite an das Gebüsch und stöhnen, spucken und rülpsen jämmerlich. Dann kehren sie wieder zu ihren Opfern zurück und wiederholen dieselbe Kur. Sie singen eine eintönige Melodie, eine Art Kanon, bei dem der eine dem anderen stets um einige Takte voraus ist. Der Fremde schwingt dazu energisch die mit Ritzmustern verzierte und oben mit einem Büschel roter Federn geschmückte Zauberrassel über den Kranken hin und her, der Hiesige seinen Zauberstein, jenen großen Bergkristall, den ich seinerzeit nicht erwerben konnte. Beide Ärzte sind von dem Kaschiri, das Mandus Gattin gerade gibt, betrunken und lachen sich bisweilen verständnisinnig an, wie römische Auguren. Allmählich kommen die Kranken wieder zu sich und werden in ihre Hängematten gebracht.

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Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

In dem Gefühle des Menschen von der Unsicherheit seines Lebens ist ein Ursprung der Religion zu suchen. Die Furcht hat zuerst die Götter in die Welt gebracht, sagt schon Statius (Theb. III, 661), und noch heute stimmt ihm mancher einseitige Forscher unbedingt bei. Was ist das Leben, das zu gewissen Zeiten, aber keineswegs immer im Menschen ist? Das ist die große Frage, die sich der Menschheit aufdrängte, und die auch wir mit all unserem Wissen nicht erschöpfend zu beantworten vermögen. Die Majestät des Todes ließ den Menschen zuerst erschauern, hier stand er etwas Unerklärlichem gegenüber, das mit Gewalt sein Denken aufrütteln mußte. Der Tote, den er vor sich sieht, ist derselbe, der immer bei ihm gewesen, und doch ein anderer; die Augen, die falkenhelle sonst des Wildes Spuren folgten, sind geschlossen; die Arme, die den Bogen spannten, streng und straff, hängen schlaff herunter. Es ist ein ungemein feiner Zug in dem Prometheusfragmente des jungen Goethe, daß selbst Pandora, das vollkommenste unter den Geschöpfen des Titanen, des Lebens Weh und des Todes geheimnisvolle Macht empfindet und in den bangen Ruf ausbricht: Was ist das? der Tod? Die Erscheinung des Todes trat mit erschütterndem Ernste und mit einer überraschenden Bedrohung in den engsten Lebenskreis des Menschen ein. Was war es, das dem Körper jetzt fehlte? Anfänglich mochte man das Blut dafür halten, aber bald gewahrte mau, daß es sichtbar in Fäulnis überging; oder das Herz konnte es sein, aber der Leib vermoderte und mit ihm das Herz. Das, was mit dem Tode entschwand, mußte etwas vom toten Leibe Verschiedenes sein, was nicht mit den Augen wahrzunehmen war, und das war der Atem, der jetzt aufhörte und sich von dem Körper getrennt hatte. Mit dem Aufhören des Atems war das Leben dahin. Ausatmen, aushauchen, den letzten Atemzug tun ist in vielen Sprachen das Wort für sterben. Wo aber und was war der Atem, der früher in dem Körper war? Er stirbt nicht mit dem Körper, fällt nicht der Auflösung anheim wie Blut, Herz, Gehirn und Gebein, er mußte weiterleben, auch nachdem er den Leib verlassen hatte. Eine besondere Stütze erhielt die Vorstellung vom Fortbestehen des im Tode scheinbar aus dem Körper entwichenen Lebeuspriuzips durch die Erscheinung des Traumes. Der Körper des Schlafenden liegt da wie der des Toten, noch tätig aber ist und weiter lebt die Seele, sagt Cicero. Welche Wirkung das Traumleben auf den einfachen Menschen ausübt, hat Grillparzer in seinem dramatischen Märchen „Der Traum ein Leben“ packend veranschaulicht. Wenn der Schlafende aus dem Traum erwacht, muß er sich erst besinnen, ob die Erlebnisse der Nacht wirklich Tatsachen gewesen sind. Der Mensch im Naturzustände vermag nicht zwischen subjektiv und objektiv, zwischen Einbildung und Wirklichkeit scharf zu unterscheiden. Im Traume vermag er entfernte Gegenden aufzusuchen, er vermag sich an Dingen zu ergötzen, die längst hinter ihm oder in weiter Ferne vor ihm liegen. Angehörige erscheinen wieder, die längst verstorben sind, um zu raten und zu warnen; Feinde beunruhigen den Schläfer und quälen ihn wie zu Lebzeiten.

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Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Nachdem die Seele oder der Geist beim Tode den Körper verlassen hat, hält er sich in der Nähe des Grabes auf, wandelt auf der Erde oder fliegt in der Luft umher oder zieht in das eigentliche Geisterreich. Unter den Boden, unter die Schwelle grub man den Toten ein, um dem Hause einen Schutzgeist zu sichern. Der beliebteste Sammelplatz der Seelen ist der Altar des Hauses, d. h. der Herd, die uralte Begräbnisstelle. Norddeutsche Bauern erinnern sich noch, daß an den Ufern des sumpfigen Drörnling der Eintrittsort in das Land der abgeschiedenen Seelen war. Das Schauspiel der in die Unterwelt versinkenden Sonne rief den Glauben hervor, daß das Seelenheim im fernen Westen gelegen wäre. England, die Gegend des Sonnenunterganges, galt dem germanischen Altertum als das Land der Toten. Procop, der Geschichtsschreiber des gotischen Krieges, hat im 6. Jhd. einen ausführlichen Bericht aufgezeichnet (IV, 20):

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Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Religiöse Gebräuche begleiteten das Leben unserer Vorfahren vom Augenblicke der Geburt an bis zur Todesstunde. Fühlte die junge Mutter die schwere Stunde herannahen, so rief sie die Schicksalsfrauen um gnädigen Beistand an. Das kaum geborene, schwache und hilflose Kind war mit eier Mutter vor allem den Angriffen der nächtlichen Unholde ausgesetzt. Gegen die Hexen, Druden, Maren und Elbe, die das Kind zu rauben oder gegen einen Wechselbalg zu vertauschen suchen, brannte nachts das abwehrende Feuer. In die Wiege ward zum Schutze gegen Unheil ein Runenzauber eingeritzt; in Süddeutschland malt man noch heute den Drudenfuß gegen die Hexen daran. Um das kleine Wesen vor dem Alp zu sichern, forderte man ihn in Beschwörungsformeln auf, den Sand, die Sterne, alle Wege zu zählen, oder man stellte einen Kessel siedenden Wassers neben das Lager. In der Hand der geheimnisvollen Schicksalsfrauen lag es, oh das Kind wirklich ein Mensch werden oder die Fähigkeit der Seele behalten sollte, den Körper nach Belieben zu verfassen und zu wandeln. Darum stellte man Speise und Trank für sie auf den Tisch, um sie gastlich zu bewirten.

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