Schlagwort-Archive: Seelenglaube

Mythologie der Germanen – Der Seelenglaube

aus dem Kunstmuseum Hamburg

„Ach Mutter, höre doch auf; ich kann in meinem Sarge nicht einschlafen, mein Hemdchen ist noch immer naß von deinen Tränen!“

Mythologie ist uralte religiöse Naturpoesie, die die Menschheit mit einer zaubervollen Märchenwelt umgab.

Die Mythen wurden nicht wie unsre Kinder- und Hausmärchen nur von den Kindern geglaubt oder daheim zur Unterhaltung erzählt, sondern vom ganzen Volke wie etwas Wirkliches geschaut und empfunden und in Furcht und Hoffnung heilig gehalten. Denn sie waren aus seinem innersten Eigen geboren, geistige Spiegelbilder gewisser Naturvorgänge, sei es des engeren Menschenlebens, sei es der weiten Welt ringsum, in denen ein geheimnisvolles übermenschliches Wesen zu leben und zu weben schien. So verflochten sich bereits mit diesen ältesten traumhaften Vorstellungen jene ältesten religiösen Gefühle der Furcht und der Hoffnung und somit der Abhängigkeit von etwas Übermenschlichem. Sie trieben den Menschen dazu, diesen Phantasiegebilden Ehren zu erweisen, ihnen zu opfern, auch ihr Tun und Treiben im Kultus dramatisch darzustellen. Die daraus entsprungenen Riten wurden dann zum Teil wieder in die Erzählung des Mythus aufgenommen und gestalteten sie oft eigenartig um. Doch finden wir im germanischen Mythus kaum sichere Spuren davon. Dagegen mit der Hebung der Kultur, dem wachsenden Schwung der Phantasie, der Verfeinerung des Gemütes und der Schärfung des Verstandes flössen reichere, freiere, sinnvollere Mythen zu, welche Kulturzustände oder geistige Tätigkeiten personifizierten und eine Erklärung der mancherlei Rätsel des Lebens und der Welt zu geben suchten. Diese schwollen, mit den alten vereint, je nach Schicksal, Begabung und Richtung der Völker zu mehr oder minder breiten, trüberen oder helleren Strömen, zu ganzen Mythologieen an, bis sie teilweise in das umfassendere Gedankenmeer einer monotheistischen Religion mündeten.

Mythologie der Germanen – Der Seelenglaube weiterlesen

Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Während man früher einseitig glaubte, daß alle heidnische Religion sich aus der Naturbetrachtung entwickelt habe, nimmt man heute oft ebenso einseitig an, daß alles religiöse Denken aus dem Seelenglauben abzuleiten sei. Die Religion hat viele Quellen, und jeder Versuch, alle Erscheinungen der Religion auf eine Quelle zurückzuführen, muß gezwungen und unnatürlich erscheinen. Man könnte ebensogut den Ozean von einem Flusse, wie die Religion von einer Quelle ableiten. Zwei Schichten von mythischen Vorstellungen lassen sich mit Sicherheit bei den Indogermanen bloßlegen, Seelenverehrung und Naturverehrung; beide berühren sich oft auf das engste und verschmelzen zu einem Gebilde, so daß sie nicht scharf auseinander zu halten sind. Die großen, mächtigen Götter, die Repräsentanten von Naturmächten, sind von einem Gewimmel niedriger, mißgestalteter Wesen umgeben, die an der Schwelle des Hauses nisten und durch die Luft schwirren. Neben den feierlichen Opfern und Gebräuchen des höheren Kultus findet sich, nicht in getrenntem Nebeneinander, sondern unlöslich verwachsen mit ihnen, der niedere Kultus der Beschwörungen und des Zauberns, die abergläubische Beobachtung der kleinlichsten Vorschriften. Die moderne Ethnologie eröffnet einen Blick in die fernste vorgeschichtliche Zeit, wo von einer Ausprägung indogermanischen Wesens noch nicht die Rede sein kann, und zeigt uns, daß auch hier eine fortschreitende Entwickelung vom Rohsten zum Höchsten stattgefunden hat. Seelenverehrung und Naturverehrung mußten in ihrem letzten Ziele zu der Vorstellung führen, daß die ganze Natur belebt sei. Es ist möglich, vielleicht wahrscheinlich, daß eben dieses die Stelle ist, wo die beiden getrennten Quellen sich in einem Strome vereinigten. Aber auch die Vorstellung ist noch nicht widerlegt, daß die trübe Quelle des Seelenglaubens die ältere ist, aus der die reinere der Natur Vergötterung sich ablöste, um schließlich doch wiederholt mit ihr in Berührung zu geraten. Galt nach der Auffassung des Seelenglaubens die ganze Außenwelt, vom Himmel an bis zum kleinsten Gegenstände für beseelt, d. h. als der Sitz von Geistern, so konnten die Naturerscheinungen allmählich immer mehr und mehr selbständig betrachtet werden und ihren gespensterhaften Untergrund verlieren. Bei allen Völkern findet sich der Glaube an ein Fortleben der Seele, aber nur bei höher beanlagten der Glaube an Götter als die idealisierten Abbilder von Naturerscheinungen oder die leitenden Mächte in den großen Naturbegebenheiten. Nicht auf deutschem, nicht einmal auf indogermanischem Boden kann die Frage entschieden werden, ob der Seelenglaube oder die Naturverehrung älter ist. Es genügt, beide Vorstellungen gesondert zu behandeln und darauf zu achten, wo beide ineinander übergehen. Da der Seelenglaube unfraglich niedriger und roher ist, soll mit ihm begonnen werden. Den zweiten Hauptteil nimmt die Darstellung der Naturverehrung ein, und hier gilt es, vom Einfachen zum Entwickelten, vom Naturgeister- und Dämonenglauben zum Götterglauben aufzusteigen.

Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung weiterlesen

Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

In dem Gefühle des Menschen von der Unsicherheit seines Lebens ist ein Ursprung der Religion zu suchen. Die Furcht hat zuerst die Götter in die Welt gebracht, sagt schon Statius (Theb. III, 661), und noch heute stimmt ihm mancher einseitige Forscher unbedingt bei. Was ist das Leben, das zu gewissen Zeiten, aber keineswegs immer im Menschen ist? Das ist die große Frage, die sich der Menschheit aufdrängte, und die auch wir mit all unserem Wissen nicht erschöpfend zu beantworten vermögen. Die Majestät des Todes ließ den Menschen zuerst erschauern, hier stand er etwas Unerklärlichem gegenüber, das mit Gewalt sein Denken aufrütteln mußte. Der Tote, den er vor sich sieht, ist derselbe, der immer bei ihm gewesen, und doch ein anderer; die Augen, die falkenhelle sonst des Wildes Spuren folgten, sind geschlossen; die Arme, die den Bogen spannten, streng und straff, hängen schlaff herunter. Es ist ein ungemein feiner Zug in dem Prometheusfragmente des jungen Goethe, daß selbst Pandora, das vollkommenste unter den Geschöpfen des Titanen, des Lebens Weh und des Todes geheimnisvolle Macht empfindet und in den bangen Ruf ausbricht: Was ist das? der Tod? Die Erscheinung des Todes trat mit erschütterndem Ernste und mit einer überraschenden Bedrohung in den engsten Lebenskreis des Menschen ein. Was war es, das dem Körper jetzt fehlte? Anfänglich mochte man das Blut dafür halten, aber bald gewahrte mau, daß es sichtbar in Fäulnis überging; oder das Herz konnte es sein, aber der Leib vermoderte und mit ihm das Herz. Das, was mit dem Tode entschwand, mußte etwas vom toten Leibe Verschiedenes sein, was nicht mit den Augen wahrzunehmen war, und das war der Atem, der jetzt aufhörte und sich von dem Körper getrennt hatte. Mit dem Aufhören des Atems war das Leben dahin. Ausatmen, aushauchen, den letzten Atemzug tun ist in vielen Sprachen das Wort für sterben. Wo aber und was war der Atem, der früher in dem Körper war? Er stirbt nicht mit dem Körper, fällt nicht der Auflösung anheim wie Blut, Herz, Gehirn und Gebein, er mußte weiterleben, auch nachdem er den Leib verlassen hatte. Eine besondere Stütze erhielt die Vorstellung vom Fortbestehen des im Tode scheinbar aus dem Körper entwichenen Lebeuspriuzips durch die Erscheinung des Traumes. Der Körper des Schlafenden liegt da wie der des Toten, noch tätig aber ist und weiter lebt die Seele, sagt Cicero. Welche Wirkung das Traumleben auf den einfachen Menschen ausübt, hat Grillparzer in seinem dramatischen Märchen „Der Traum ein Leben“ packend veranschaulicht. Wenn der Schlafende aus dem Traum erwacht, muß er sich erst besinnen, ob die Erlebnisse der Nacht wirklich Tatsachen gewesen sind. Der Mensch im Naturzustände vermag nicht zwischen subjektiv und objektiv, zwischen Einbildung und Wirklichkeit scharf zu unterscheiden. Im Traume vermag er entfernte Gegenden aufzusuchen, er vermag sich an Dingen zu ergötzen, die längst hinter ihm oder in weiter Ferne vor ihm liegen. Angehörige erscheinen wieder, die längst verstorben sind, um zu raten und zu warnen; Feinde beunruhigen den Schläfer und quälen ihn wie zu Lebzeiten.

Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube weiterlesen