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Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

In dem Gefühle des Menschen von der Unsicherheit seines Lebens ist ein Ursprung der Religion zu suchen. Die Furcht hat zuerst die Götter in die Welt gebracht, sagt schon Statius (Theb. III, 661), und noch heute stimmt ihm mancher einseitige Forscher unbedingt bei. Was ist das Leben, das zu gewissen Zeiten, aber keineswegs immer im Menschen ist? Das ist die große Frage, die sich der Menschheit aufdrängte, und die auch wir mit all unserem Wissen nicht erschöpfend zu beantworten vermögen. Die Majestät des Todes ließ den Menschen zuerst erschauern, hier stand er etwas Unerklärlichem gegenüber, das mit Gewalt sein Denken aufrütteln mußte. Der Tote, den er vor sich sieht, ist derselbe, der immer bei ihm gewesen, und doch ein anderer; die Augen, die falkenhelle sonst des Wildes Spuren folgten, sind geschlossen; die Arme, die den Bogen spannten, streng und straff, hängen schlaff herunter. Es ist ein ungemein feiner Zug in dem Prometheusfragmente des jungen Goethe, daß selbst Pandora, das vollkommenste unter den Geschöpfen des Titanen, des Lebens Weh und des Todes geheimnisvolle Macht empfindet und in den bangen Ruf ausbricht: Was ist das? der Tod? Die Erscheinung des Todes trat mit erschütterndem Ernste und mit einer überraschenden Bedrohung in den engsten Lebenskreis des Menschen ein. Was war es, das dem Körper jetzt fehlte? Anfänglich mochte man das Blut dafür halten, aber bald gewahrte mau, daß es sichtbar in Fäulnis überging; oder das Herz konnte es sein, aber der Leib vermoderte und mit ihm das Herz. Das, was mit dem Tode entschwand, mußte etwas vom toten Leibe Verschiedenes sein, was nicht mit den Augen wahrzunehmen war, und das war der Atem, der jetzt aufhörte und sich von dem Körper getrennt hatte. Mit dem Aufhören des Atems war das Leben dahin. Ausatmen, aushauchen, den letzten Atemzug tun ist in vielen Sprachen das Wort für sterben. Wo aber und was war der Atem, der früher in dem Körper war? Er stirbt nicht mit dem Körper, fällt nicht der Auflösung anheim wie Blut, Herz, Gehirn und Gebein, er mußte weiterleben, auch nachdem er den Leib verlassen hatte. Eine besondere Stütze erhielt die Vorstellung vom Fortbestehen des im Tode scheinbar aus dem Körper entwichenen Lebeuspriuzips durch die Erscheinung des Traumes. Der Körper des Schlafenden liegt da wie der des Toten, noch tätig aber ist und weiter lebt die Seele, sagt Cicero. Welche Wirkung das Traumleben auf den einfachen Menschen ausübt, hat Grillparzer in seinem dramatischen Märchen „Der Traum ein Leben“ packend veranschaulicht. Wenn der Schlafende aus dem Traum erwacht, muß er sich erst besinnen, ob die Erlebnisse der Nacht wirklich Tatsachen gewesen sind. Der Mensch im Naturzustände vermag nicht zwischen subjektiv und objektiv, zwischen Einbildung und Wirklichkeit scharf zu unterscheiden. Im Traume vermag er entfernte Gegenden aufzusuchen, er vermag sich an Dingen zu ergötzen, die längst hinter ihm oder in weiter Ferne vor ihm liegen. Angehörige erscheinen wieder, die längst verstorben sind, um zu raten und zu warnen; Feinde beunruhigen den Schläfer und quälen ihn wie zu Lebzeiten.

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Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Das ist in den allgemeinsten Zügen die Seelentheorie, wie sie allen Völkern eigen ist, in der das Leben, der Geist, der Atem, Träume und Visionen in einen gewissen Zusammenhang gebracht werden, um das eine durch das andere zu erküren. Selbst in den Sprachen der zivilisierten Völker finden wir noch ihre Spuren. Noch heute sagen wir: er ist außer sich, er kommt zu sich, und wenn er wirklich tot bleibt, bestätigen wir, er ist nicht mehr zu sich gekommen; in dem ersten Falle bezeichnen wir mit „er“ den geistigen, in dem anderen den leiblichen Menschen. Wenn das Volk sagt, „er“ geht um, meint es seinen Geist. In einer gesunden oder kranken Haut stecken, aus der Haut fahren, sind bekannte Redensarten. Das Wort Geist, das Bewegliche, bedeutet vielleicht den erregten und bewegten Lufthauch; west- und ost-germ. Seele gehört zu aitttos „beweglich, regsam“ und hängt mit dem Namen für See, got. saiws, zusammen: es ist nicht ausgeschlossen, für Seele an den sich bewegenden Atem zu denken. Ostgerm. und gehört zur Wurzel anan und vergleicht sich, lat. an-ima Luft, Wind, Atem. Auf dieselbe Wurzel geht auch ahd. ano, der Ahne, zurück. Der Ahn ist der Totliegende, Verstorbene, der ausgeatmet hat; auch nhd. „ahnen“, voraussehen, kann zu der Wurzel an gehören. Man faßte also die als Atem den Leib verlassende Seele als Wind, als Lufthauch auf. Darum glaubt man noch heute, daß sich beim Verscheiden eines Menschen die Luft im Sterbezimmer mit leisem Wehen bewege, daß großer Sturm entstünde, wenn sich jemand erhängt habe, daß man ein Fenster oder eine Tür für die Seele öffnen müsse, wenn sie den Leib verlasse, und daß man eine Tür nicht stark zuschlagen dürfe, sonst klemme man die Seele ein.

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Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Nachdem die Seele oder der Geist beim Tode den Körper verlassen hat, hält er sich in der Nähe des Grabes auf, wandelt auf der Erde oder fliegt in der Luft umher oder zieht in das eigentliche Geisterreich. Unter den Boden, unter die Schwelle grub man den Toten ein, um dem Hause einen Schutzgeist zu sichern. Der beliebteste Sammelplatz der Seelen ist der Altar des Hauses, d. h. der Herd, die uralte Begräbnisstelle. Norddeutsche Bauern erinnern sich noch, daß an den Ufern des sumpfigen Drörnling der Eintrittsort in das Land der abgeschiedenen Seelen war. Das Schauspiel der in die Unterwelt versinkenden Sonne rief den Glauben hervor, daß das Seelenheim im fernen Westen gelegen wäre. England, die Gegend des Sonnenunterganges, galt dem germanischen Altertum als das Land der Toten. Procop, der Geschichtsschreiber des gotischen Krieges, hat im 6. Jhd. einen ausführlichen Bericht aufgezeichnet (IV, 20):

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Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Die alten Deutschen kannten Zauber mit Tat und Wort; den ersteren verbietet Nr. 10 des Indiculus (de phy-lacteriis et Ugaturis), den zweiten Nr. 12 (de incantationibus). Das Wort Zauber (ahd. zoubar) selbst bedeutet eigentlich „Mennig“, die rote Farbe, mit der die Runen in die Lostäfelchen eingetragen wurden. Das Zauberlied ist die älteste nachweisbare Dichtungsart der Germanen wie der Indogermanen überhaupt, und die Sprache lehrt, daß Zauberei mit dem Wort und der Dichtkunst eng zusammengehört. „Lied“ ist ursprünglich das Zauberlied, ebenso hat ahd., as. galdar oder galstar von Hause aus die Bedeutung „Zaubergesang“, „Zauberlied“: es wurde in halbsingendem Tone langsam und feierlich gesprochen; auch „schwören“ bedeutet ursprünglich „mit lauter, halbsingender Stimme etwas äußern“. Neben dem Liede geht das Wort her, neben der gesungenen Zauber weise die gesprochene Segensformel. Dahin gehört engl, spell „Zauberspruch, Zauber“, verglichen mit ags. spell „Erzählung, Geschichte“ von einer Wurzel „sprechen, singen“. Als die Langobarden viele ihrer Sklaven zu Freien machten, um die Zahl ihrer Streiter zu vergrössern, bekräftigten sie ihnen vermittelst eines Pfeiles die Weihe und murmelten dabei noch einige Worte in ihrer Sprache, um der Sache Festigkeit zu verleihen (Pis. Diac. 1, 3); gemeint ist ein Zauberspruch, der die ungewöhnliche Handlung zum Heile wenden sollte.

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