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Strafen und Erziehen – Wirkung des Bestraftwerdens

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Kausale und genetische Betrachtungsweise. — Körperstrafe seitens der Mutter. — Bei verschiedenen Völkern. — Anschauungen von Philosophen — Von Aerzten und Juristen. — Späte Folgen der Schlageszenen für die seelische Entwicklung. — Alles passive Erleben drängt zum reziproken Tun. — Die verschiedenen Reaktionen des Kindes. — Gefährlichkeit der ungerecht verhängten Strafe. — Wie die Kinder selbst über die Körperstrafe urteilen.

Man ist zur Klärung der Wirkung der Erziehungsstrafe zu viel von der Absicht des Erziehers und vom Zweck, den die Strafe erfüllen soll, ausgegangen. Unser Weg der kausalen Betrachtung ist mühsamer, führt aber allein zum Ziel. Wir haben schon bisher die Reaktionen des Kindes auf Tun und Rede des Erziehers verfolgt; die Wissenschaft lässt erwarten und die längere Erfahrung zeigt, dass hier komplizierte Zusammenhänge walten und verwickelte Kausalvorgänge ablaufen. Sie konnten erst verstanden und zerlegt werden, als man die späten Folgen der Erziehungsmassnahmen und insbesondere der Erziehungsstrafe bis zur Reife und weiter noch im Leben des Erwachsenen nachzuweisen lernte.

Die Beobachtung, dass ein Nadelstich, der einem in der Entwicklung begriffenen Lebewesen an einer bestimmten Stelle zugefügt wurde, bestimmte Störungen in der späteren Entwicklung des Organismus setzt, sagt noch wenig; bedeutungsvoll ist aber schon die vergleichende Erfahrung, dass die Folgen um so schwerer sind, je früher die Verletzung gesetzt wurde. Aus der vergleichenden Feststellung dieser Spätfolgen je nach dem Sitz der Verletzung gelang es, die verschlungenen Wege der Körperreifung zu verfolgen. In analoger Weise setzen bei der Erziehung offenkundige und anonyme, grobe und feine Einflüsse Veränderungen der werdenden Seele. Die sich verknüpfenden, einander bald verstärkenden, bald hemmenden Wirkungen liegen noch sehr im Dunkel. Doch zeigt sich schon ein Ordnungssystem, das praktisch brauchbare Folgerungen ziehen lässt. Um es benützbar zu machen, musste man immer mit dem Leben und Erleben der Kinder, wie es wirklich ist, in Fühlung bleiben und, ohne dogmatische Voreingenommenheit, Seelisches durch Seelisches verstehen. Zweitens musste man das Gewordene, z. B. die Gewohnheiten und den Charakter eines Menschen, genetisch, d. h. im Werden, erfassen, auf dem langen Wege von der Vererbung der Bereitschaft, in bestimmter Weise zu reagieren, über die Modifizierung durch soziale, wirtschaftliche und erzieherische Einflüsse, zur Erstarrung in Gewohnheits- oder Charaktereigentümlichkeiten.

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