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Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES 4. JAHRHUNDERTS

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

WIR gingen bei der Betrachtung aus von Euripides und müssen immer wieder zu ihm zurückkehren. Das Erotische gewann in seinen Werken eine ausschlaggebende Bedeutung, in leidenschaftlicher Aufwallung und inniger Hingabe offenbarte es die verschiedensten Nuancen. Von der Seite nervöser Reizempfindlichkeit, zitternder leise perverser Sinnlichkeit gibt sich der Dichter in der Hekabe. Die Gemahlin des Priamos tritt hier als furchtbare, alles Maß überschreitende Rächerin auf. An dem Mörder ihres letzten Sohnes läßt sie ihren ungezügelten blutgierigen Haß aus und weidet sich in grausamer Wollust an den Qualen, die sie und ihre Frauen ihm zufügen. Mit ihren spitzen Spangen stechen sie ihrem Opfer die Augen aus und erdolchen seine Kinder. Triumphierend schwelgen sie in Rachewollust. Ungebändigte, schrankenlose Wildheit des Gefühles bricht durch; in nihilistischem Wahnsinn genießt das Weib, dem alles geraubt wurde, eine letzte schauervolle Lust. In diesen blutdunstigen Hintergrund malt der Dichter mit leise zitternder bland einen jungfräulichen Mädchenleib hinein, der in seiner Weiße blendend hervorleuchtet. Polyxena, die Tochter der Hekabe, wird am Grabe Achills geopfert. Zu einem unvergeßlichen Bilde malt der Dichter diesen Vorgang aus:

Dann zog er (Xeoptolemos) sein vergoldet Schwert,
am Griff es fassend, aus der Scheide, winkte
den auserlesenen Jünglingen des Heeres,
die Jungfrau nun zu greifen. Aber sie
es wohl bemerkend, sagte laut:

„Achäer,
die ihr zerstörtet meine Vaterstadt,
freiwillig sterb ich: keiner möge mir
die Haut berühren. Mutig halt ich hin
hier meinen Nacken. Laßt mich frei, beim Himmel,
eh ihr mich tötet; frei nur will ich sterben.
Denn schämen müßte sich die Königstochter,
Sklavin genannt zu werden bei den Toten.“

Das Volk schrie Beifall. Agamemnon aber
gebot den Jünglingen, sie loszulassen.
Sobald die Jungfrau hört das Wort des Königs,
faßt sie ihr Kleid hoch oben an der Schulter
und reißt es durch bis mitten zu der Hüfte,
bis hin zum Nabel: Brüste ließ sie sehen
und Busen, herrlich schön wie Götterstatue.
Dann zu der Erde beugte sie das Knie
und sprach, nun ganz und gar ergeben, dies:

„Schau her, o Jüngling, wenn du in die Brust
mich stoßen willst, so stoße nur; wenn lieber
mir in den Hals: es bietet sich die Kehle
dir willig dar.“

Doch er, es wollend bald,
bald wieder nicht es wollend — denn das Mädchen,
es tat ihm leid — zerhaut ihr mit dem Eisen
die Atmungsröhren. Quellen sprangen. Aber sie,
obgleich schon sterbend, trug noch viele Vorsicht,
nur schicklich hinzufallen und zu bergen,
was man vor Männerblicken bergen muß.

(v. Delius)

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Die Bildende Kunst und das Jenseits

Buchübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Werke der bildenden Kunst sind zu allen Zeiten mit sehr verschiedenen Augen angesehen worden. So neigten und neigen die Künstler stets dazu, auch alte Kunst rein künstlerisch zu betrachten, d.h. von den geschichtlichen Voraussetzungen, unter denen das einzelne Werk entstanden ist, ganz abzusehen und seine Eigenart lediglich aus künstlerischen Gesichtspunkten zu erklären.

Bötticher sah im Tempel der Hellenen eine Schöpfung, die einmal, ein in sich geschlossenes Ganze, in die Welt getreten sei. Böcklin leitet den Mangel an Reliefwirkung in den Bildern Giottos von dem weißen Malgrund her, dessen sich der Künstler bediente. Und Adolf Hildebrand erklärt die Eigenart der Figuren Michelangelos so gut wie ausschließlich aus dem künstlerischen Bedürfnis, den größtmöglichen Lebensgehalt in einer möglichst kompakten Raumeinheit darzustellen: dieser künstlerische Zusammenhang der Erscheinung wirke bei seinen Werken so stark, daß die Bewegung als von einem inneren Vorgang motiviert oder als Ausdruck einer darzustellenden Handlung für den Beschauer gar nicht mehr in Frage komme.

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Die Bildende Kunst und das Jenseits

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Werke der bildenden Kunst sind zu allen Zeiten mit sehr verschiedenen Augen angesehen worden. So neigten und neigen die Künstler stets dazu, auch alte Kunst rein künstlerisch zu betrachten, d.h. von den geschichtlichen Voraussetzungen, unter denen das einzelne Werk entstanden ist, ganz abzusehen und seine Eigenart lediglich aus künstlerischen Gesichtspunkten zu erklären.

Bötticher sah im Tempel der Hellenen eine Schöpfung, die einmal, ein in sich geschlossenes Ganze, in die Welt getreten sei. Böcklin leitet den Mangel an Reliefwirkung in den Bildern Giottos von dem weißen Malgrund her, dessen sich der Künstler bediente. Und Adolf Hildebrand erklärt die Eigenart der Figuren Michelangelos so gut wie ausschließlich aus dem künstlerischen Bedürfnis, den größtmöglichen Lebensgehalt in einer möglichst kompakten Raumeinheit darzustellen: dieser künstlerische Zusammenhang der Erscheinung wirke bei seinen Werken so stark, daß die Bewegung als von einem inneren Vorgang motiviert oder als Ausdruck einer darzustellenden Handlung für den Beschauer gar nicht mehr in Frage komme.

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