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Franklin Lamb berichtet wieder aus Libyen

 Abscheu, Widerstand und wütende Worte an der Universität von Tripolis

von Franklin Lamb
am 26. Oktober 2011

deutsch erschienen am 29.10.2011 bei einartysken

Die Tripoli-Straße in Misrate vorher und nachher

Die Leute, die ich am meisten bei meiner Rückkehhr nach Libyen zu treffen hoffte, waren acht Studenten von der Fatah Universität (jetzt in Tripolis Universität umbenannt), die in den drei Monaten im Sommer meine Freunde wurden. Sie waren alle entschieden gegen das gewesen, was die NATO ihrem Land angetan hat (die NATO hatte auch einige der Vorlesungsräume der Universität während der Abschlussexamina zerbombt), und ich war sehr gespannt, mit ihnen nach dem Fall von Tripolis wenn möglich wieder zusammenzusitzen, nachdem sich alle zerstreut hatten wegen der Ungewissheit, was passieren würde, so dass wir den Kontakt verloren hatten.
Dank Ahmad, der auf mich wartete, waren wir schnell wieder vereinigt. Hier ein paar Ausschnitte und Eindrücke von der gestrigen Sitzung die ganze Nacht hindurch mit Ahmad, Amal, Hind, Suha, Mohammad und Rana:

„Ich kennen Sanad al-Ureibi“, sagte Ahmad mit Abscheu über den 22-jährigen, “ der behauptet, er habe zwei Kugeln aus nächster Nähe auf Muammar Gaddafi am 22. Oktober abgefeuert.“

Amal, Ahmads Verlobte unterbrach ihn: „Wir sind sehr wütend, aber eigentlich nicht überrascht von dem, was Sanad tat. Er ist ein blöder Kerl und ich bin sicher, dass ihm jemand ins Ohr geflüstert hat, dass er berühmt und reich werde, wenn er NATOs dreckigen Job machen würde, indem er Oberst Gaddafi töte. Die NATO hat mehr als 10 000 Bombenangriffe geflogen, „um Zivilisten zu schützen“, aber stattdessen Tausende von uns getötet. Natürlich will die NATO so viele unserer Führer wie möglich töten, um Jahre mit Prozessen zu vermeiden, die die vielen Verbrechen der NATO und gewisser westlicher Führer offenlegen würden.“

Ahmad: „Sanad sagte meinem Cousin am Tag nach seiner Ermordung von Gaddafi, dass ihm Schutz versprochen wurde, und dass der TNC ihn nicht verhaften werden, trotz ihrer Erklärung (nur für westliche Ohren), von einer geplanten „Untersuchung“, wie Muammar und Mutassim gestorben sind. Jeder in Libyen weiss, dass die Untersuchung der Ermordung des militärischen Rebellenführers Abdel Fattah Younes im Juli nirgendwohin geführt hat, weil die Islamisten, die den Younes-Mord begangen haben, Jalil sehr nahe stehen.“
Ahmad fuhr fort: „Wie viele seiner Freunde hat Sanad eine Weile mit den Rebellen gekämpft und manchmal hat er die Einheiten gewechselt, weil es Spaß machte, und jetzt plant er, eine Gang zu gründen, um reiche Libyer und Ausländer zu beschützen, weil immer mehr kommen, um zu helfen, wie sie behaupten, unser zerstörtes Land wiederaufzubauen und auch die Demokratie aufzubauen. Jetzt sind wir alle so erschöpft von dem sinnlosen Töten, dass ich nicht sicher bin, welche Art Demokratie wir haben werden oder wollen. Amerikanische Demokratie? Ist die so großartig? Manchmal scheint es, dass ihr mehr Probleme habt als wir. Zumindest haben wir freie Erziehung, freie Krankenversorgung und freies Wohnen und leben nicht auf der Straße ohne Jobs.“
Mohammad wirft ein: „Eine Israelisch-Amerikanische Gesellschaft hat Sanad und anderen jungen Leuten, die ihre Gewehre nicht abgeben wollen, einen Job angeboten, ehemalige Kämpfer anzuwerben, um ihnen eine Ausbildung als Polizisten zu geben. Es gibt ein paar Blackwater (XE) Leute hier, die auch versuchen, mit NATO-Agenten Geschäfte zu machen und private Polizeikräfte in Libyen aufzustellen. Jeder, der glaubt, die NATO würde uns in Frieden lassen, täuscht sich. Es kommen mehr jeden Tag.“

Hind, die sich seit dem Sommer in ihrer Opposition zu den „NATO-Teams“ nicht geändert hat, äußerte entschieden Ärger und Verurteilung gewisser pro-Rebellen-Scheichs, die erklärt haben, dass Gaddafi kein Moslem sei.
„Jeder weiss, dass er ein gläubiger Moslem war. In seinem letzten Willen heisst es. ‚Ich schwöre, dass es keinen anderen Gott als Allah gibt und dass Mohammed sein Prophet ist, Friede sei mit ihm. Ich bete, dass ich als Moslem sterben werde.“
Hind fügte hinzu: „Sagt mir doch, wer diese TNC-Scheichs sind um zu sagen, wer Moslem ist und wer nicht. Im Islam ist es eine Sache zwischen uns und Allah, was niemanden sonst etwas angeht. Wenn diese Scheichs bessere Moslems gewesen wären, hätten sie sich dem widersetzt, was mit seiner und seines Sohnes Leiche in Sirte und Misrata gemacht wurde. Das ist haram. Ich bin wütend und angewidert.“

Suha beklagte sich über „die Auffassungen von dem NTC-Führer Mustafa Abdul-Jalil gegenüber Frauen, und dass er bereits angekündigt hat, das Ehegesetz abzuschaffen. Libysche Frauen haben das Recht verloren, das Haus zu behalten, wenn sie sich scheiden lassen. Das ist eine Katastrophe für die libyschen Frauen. Unter Gaddafis Führung hatten die Frauen mehr Rechte als in irgendeinem anderen Land im Nahen Osten.“

Ahmad erklärte: „Ich schäme mich dessen, was manche Moslems tun. Unsere Religion erlaubt nicht diese Verstümmelung und diese miese Show, die der TNC mit der Kühltruhe aufgezogen hat. Ich war in Misrata mit Freunden, um ihm die letzte Ehre zu erweisen und war erstaunt, wie viele andere es auch taten, wie unsere Gruppe und aus denselben Gründen. Als die Leiche ausgestellt wurde, kamen viele Neugierige und manche sagten Schimpfworte. Aber am nächsten Tag hatte sich die Atmosphäre völlig verändert. Die Leute kamen, um dem Oberst Gaddafi die Ehre zu erweisen für seinen Mut, für das zu sterben, was er glaubte, dass es das Beste für Libyen sei, und zwar Libyen frei von Kolonialismus zu halten. Ich glaube nicht, dass die Medien das korrekt widergeben. Unser Führer starb als Held wie Omar Muktar meiner Meinung nach, und das wird die Geschichte eines Tages beweisen.“

Amal, die Verlobte von Ahmad, unterbrach ihn wieder: „Wie Oberst Gaddafi in seinem Testament enthüllte, hat ihm die NATO mehrere Angebote gemacht, wenn er ihnen sein Land überließe. Die dämliche und kriminelle NATO haben unseren Führer endgültig zu einem großen Widerstandskämpfer gegen den Kolonialismus gemacht und zu einem Patrioten für Libyen, für ganz Afrika und für den Nahen Osten. Ich glaube, dass Oberst Gaddafi einen viel ehrenvolleren Tod starb als er den Führern der NATO beschieden sein wird. Er hat mehr Würde im Tod als Hillary Clinton, und ihre mangelnde Würde zeigte sich in ihren dummen Bemerkungen über seinen Tod.“
Dann sagte Ahmad: „Mir war schlecht, als ich ihn verließ. Seine Haut war beinahe schwarz und sein Körper zersetzte sich schnell und Flüssigkeit rann auf den Boden. Sie müssen ihn sofort seiner Familie übergeben und Allah um Verzeihung für ihre haram bitten. Einer der Wächter sagte mir, dass Oberst Gaddafi von einem NTC-Soldaten mit dem Gewehr sodomisiert wurde. Er zeigte das Bild auf seinem Handy, aber ich schaute weg.“

Suha sagte: „Wir haben auch das Hotel Mahari in Sirte besucht, wo wir mehr als 50 Leichen von Gaddafi-Kämpfern sahen. Manchen waren die Hände auf den Rücken gebunden mit Plastik -Handschellen; sie waren aus nächster Nähe erschossen worden. Andere hatte man aus den Krankenhausbetten gerissen und ermordet. Dieses Verbrechen ist nur ein weiteres Beispiel für die Lügen des NTC und der NATO. Die NATO-Streitkräfte befehligten und kontrollierten ihre Rebellen und wussten, was sie machten. Die NATO ist verantwortlich, dass so viel von unserem Land zerstört wurde und für das, was in den kommenden Tagen passieren wird.“

Ich hatte Ahmad erst im Juli getroffen, aber jetzt schien es mir Jahre zurückzuliegen. Wir saßen in einem Café im Freien am Grünen Platz (jetzt in Platz der Märtyrer umbenannt) und sprachen über die offensichtlichen Pläne der NATO mit Libyen. Seit dem 23. August und dem schnellen Kollaps des Widerstands in Tripolis, den Ahmad mitgeholfen hatte, in einigen Vierteln zu organisieren, war er auf der Flucht gewesen, als Freunde ihm sagten, dass die NTC-Todes-Schwadronen ihm auf der Spur seien, und auch das Hotel Radisson überwachten, wo er immer Journalisten und westliche Freunde traf. Ahmad macht für den Mangel an echter Verteidigung von Tripolis, die uns alle überrascht hatte, „unsere Inkompetenz und einige hochstehende Verräter verantwortlich, so dass die Pläne zur Verteidigung von Tripolis gegen die Rebellen der NATO nicht umgesetzt werden konnten.“

Seif al-Islam

Seine ersten Worte nach unserer Umarmung waren: „Jetzt wird der wirkliche Widerstand beginnen! Das libysche Volk ist jetzt noch sicherer als im Sommer, dass der NTC unser Land an die NATO-Kolonialländer verkauft hat. Während die NATO versucht, Saif al-Islam zu fangen, ist Saif von vielen im Land zum neuen Führer des Widerstands in Libyen und Afrika ernannt worden. Ich persönlich werde ihn unterstützen und zu Allah beten, ihn zu beschützen. Pass auf, was der Gaddafi-Stamm und mein Waffala- Stamm zusammen in den kommenden Wochen tun werden – und was schon heute begonnen hat. Vielleicht kann man sagen, dass die NATO in gewisser Weise die erste Runde gewonnen hat. Aber wir werden sehen, was das libysche Volk in den vielen Runden, die kommen werden, leisten wird.“

Der Originalartikel liegt hier.