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Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Während man früher einseitig glaubte, daß alle heidnische Religion sich aus der Naturbetrachtung entwickelt habe, nimmt man heute oft ebenso einseitig an, daß alles religiöse Denken aus dem Seelenglauben abzuleiten sei. Die Religion hat viele Quellen, und jeder Versuch, alle Erscheinungen der Religion auf eine Quelle zurückzuführen, muß gezwungen und unnatürlich erscheinen. Man könnte ebensogut den Ozean von einem Flusse, wie die Religion von einer Quelle ableiten. Zwei Schichten von mythischen Vorstellungen lassen sich mit Sicherheit bei den Indogermanen bloßlegen, Seelenverehrung und Naturverehrung; beide berühren sich oft auf das engste und verschmelzen zu einem Gebilde, so daß sie nicht scharf auseinander zu halten sind. Die großen, mächtigen Götter, die Repräsentanten von Naturmächten, sind von einem Gewimmel niedriger, mißgestalteter Wesen umgeben, die an der Schwelle des Hauses nisten und durch die Luft schwirren. Neben den feierlichen Opfern und Gebräuchen des höheren Kultus findet sich, nicht in getrenntem Nebeneinander, sondern unlöslich verwachsen mit ihnen, der niedere Kultus der Beschwörungen und des Zauberns, die abergläubische Beobachtung der kleinlichsten Vorschriften. Die moderne Ethnologie eröffnet einen Blick in die fernste vorgeschichtliche Zeit, wo von einer Ausprägung indogermanischen Wesens noch nicht die Rede sein kann, und zeigt uns, daß auch hier eine fortschreitende Entwickelung vom Rohsten zum Höchsten stattgefunden hat. Seelenverehrung und Naturverehrung mußten in ihrem letzten Ziele zu der Vorstellung führen, daß die ganze Natur belebt sei. Es ist möglich, vielleicht wahrscheinlich, daß eben dieses die Stelle ist, wo die beiden getrennten Quellen sich in einem Strome vereinigten. Aber auch die Vorstellung ist noch nicht widerlegt, daß die trübe Quelle des Seelenglaubens die ältere ist, aus der die reinere der Natur Vergötterung sich ablöste, um schließlich doch wiederholt mit ihr in Berührung zu geraten. Galt nach der Auffassung des Seelenglaubens die ganze Außenwelt, vom Himmel an bis zum kleinsten Gegenstände für beseelt, d. h. als der Sitz von Geistern, so konnten die Naturerscheinungen allmählich immer mehr und mehr selbständig betrachtet werden und ihren gespensterhaften Untergrund verlieren. Bei allen Völkern findet sich der Glaube an ein Fortleben der Seele, aber nur bei höher beanlagten der Glaube an Götter als die idealisierten Abbilder von Naturerscheinungen oder die leitenden Mächte in den großen Naturbegebenheiten. Nicht auf deutschem, nicht einmal auf indogermanischem Boden kann die Frage entschieden werden, ob der Seelenglaube oder die Naturverehrung älter ist. Es genügt, beide Vorstellungen gesondert zu behandeln und darauf zu achten, wo beide ineinander übergehen. Da der Seelenglaube unfraglich niedriger und roher ist, soll mit ihm begonnen werden. Den zweiten Hauptteil nimmt die Darstellung der Naturverehrung ein, und hier gilt es, vom Einfachen zum Entwickelten, vom Naturgeister- und Dämonenglauben zum Götterglauben aufzusteigen.

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Deutsche Mythologie – Der Götterglaube

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Allgemeine Bemerkungen.

Wie bei den Dämonen ist bei den Naturgöttern der Zusammenhang mit den zugrunde liegenden Naturerscheinungen gelockert, ja oft aufgelöst; der Glaube, daß es die großen Naturmächte sind, von denen Wohl und Wehe des menschlichen Daseins abhängt, ist mehr und mehr zurückgetreten. Die Götter sind zu wunderbarer Größe und Herrlichkeit gesteigerte Menschen, Idealbilder von Königen und Fürsten, von erstaunlicher Kraft und Weisheit. Wie Zeus, Hera, Apollo idealisierte Hellenen sind, so sind Wodan, Frija, Donar ideale Germanen. Eine bestimmte Rangordnung unter den Göttern gab es ursprünglich nicht; jeder war in gewissen Lebenslagen der Höchste, der Donnerer, wenn das Gewitter tobte, der Windgott, wenn es stürmte. Solch ein „Augenblicksgott“ ist ferner die Gottheit, die eine einzelne bestimmte Ernte schützt oder eine einzelne bestimmte Waffe zum Siege lenkt und eben in der Garbe, in der Lanze selbst wohnt. Sie entwickelt sich zu einer „Sondergottheit“, die nunmehr ein für allemal der Ernte, dem Kriege vorsteht, und wird schliesslich zu einem „persönlichen Gott“, der immer reicher und idealer ausgestattet wird und alle zusammen gehörenden „Sondergötter“ in sich vereinigt, Darum haften auch ethische Elemente den Götter anfangs nur locker und äußerlich an; *der Gewittergott ist wohl ein gewaltiger, kriegerischer Held und nur wenig von dem Gescblochte der Riesen unterschieden, aber leuchtende Reinheit und Erhabenheit einer höchsten sittlichen Kraft hat er ursprünglich nicht.

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Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Die gemeingermanische Bezeichnung Guda-„Gott“ hat man zu aind. ghoras = schrecklich, scheuein flößend, ehrfurchtgebietend gestellt und Gott als ein Wesen erklärt, dessen Hilfe der Germane in Ehrfurcht erflehte: so sagt Tacitus „die Germanen bezeichnen mit dem Namen der Götter jenes Geheimnisvolle, das sie allein durch fromme Ehrfurcht schauen“ (Germ. 9). Eine andere Erklärung bringt die ursprünglich neutrale Wortform Gott (idg. ghu-tö-m) mit der idg. Wurzel ghu, skr. hü zusammen = Götter anrufen: das anzurufende Wesen, oder mit skr. hü = opfern: das Wesen, dem geopfert wird (skr. liu-tä), oder mit der Wurzel ghau: das angerufene Wesen, richtiger was man beruft, „das Berufene, Besprechung.“ Ist die letzte Erklärung richtig, so nannte man das anfänglich Gott, was man durch Zauberkraft und insbesondere durch Zauberwort seinem Willen untertänig machte.

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Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius

Textübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Uralte Lieder, die schon zur Zeit des Tacitus aus ferner Vorzeit stammen, singen von den drei göttlichen Ahnen, nach denen sich die drei westgermanischen Stämme bezeichneten (Germ. 2). Die Namen der Ingwäonen, Erminonen und Istwäonen sind durch die Alliteration gebunden; sie sind altgermanischer Poesie entnommen und bildeten, wie die Dreizahl der Stäbe vermuten läßt, einen zweiteiligen Langvers. Was bedeuten die Namen der drei Ahnherrn, die in urgerm. Form *Ingwaz, *Ermnaz, *Istwaz lauten würden? sind es Brüder, verschiedene Göttergestalten oder uralte Epitheta einer Gottheit, die ihnen von den drei Stämmen beigelegt wurden ?

Daß Tius bei den Erminonen, deren Wohnsitze sich von der Donau bis zur Spree erstreckten, der oberste Gott war, weiß Tacitus zu berichten (Germ. 39; D. S. 365). Im Lande des ältesten erminonischen Stammes, der Semiionen, zwischen der mittleren Elbe und Oder (Mark Brandenburg) kamen alle Stämme desselben Blutes zusammen. In einem schaurigen Haine begannen die Amphiktyonen die hohe Feier durch das Opfern eines Menschen. Als den allwaltenden Gott, den alles in knechtischem Gehorsam verehrt, als den Urahnen des Volkes (tamquam inde initia gentis), als den größten und höchsten der Götter , nannten sie ihn *Tiwaz erinnaz, d. i. den Erhabenen (oQfUvoi;). Die Erminonen betrachteten sich also als Zeussöhne und verehrten den „erhabenen Himmelsgott“ (lrmin) als Ahnherrn und Gründer ihres Stammes. Die Seinnonen, eine Abteilung Schwaben, verrichteten hei dem gemeinsamen Kultus Priesterdienste, wie die Nahanarvalen bei den Ostgermanen.

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