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der Kannibalismus in seinen Ursachen und Zuständen

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Mit besonderer Berücksichtigung der Gegenwart.

„Ihr Betragen gegen die Feinde ist unmenschlich, noch lebend fallen sie über sie her, schneiden sie in Stücke, rösten und verzehren sie. Und doch sind sie gegen Verwandte und Freunde von zärtlichem Gefühl, ihre Religion ist erhaben, ihre Kosmogonie gut, ihre Mythologie edel, ihre Gesänge sind poesievoll. Trotzdem sind sie Kannibalen.“

Als die grossen Erdumsegler den fabelhaften Wundertieren, den Lebermeeren und Magnetbergen durch ihre kühnen Fahrten endgültig ein Ende bereitet hatten, brachten sie nicht minder merkwürdige Kunde über die neuentdeckten Länder und geschauten Völker. Zu diesen in der Heimat teils belächelten, teils übertriebenen Neuheiten zählten auch die Kannibalenvölker, deren Existenz wohl niemand bezweifelte aber auch niemand bisher fest behaupten konnte. Nur verschwommen und sagenhaft war die Kunde über derartige Menschenfresser gewesen, von denen schon der alte Homer in der Odyssee berichtete.

Als erster Europäer kam der Holländer Abel Tasman auf seinen Fahrten nach den Fidschi-Inseln, einst dem Paradies des Kannibalismus. Seine Berichte über diesen Punkt sind aber recht mangelhaft. Erst Cooks Leibarzt, Anderson, schrieb eingehend und ausführlich über die Kannibalen Neuseelands. Es soll nun in diesen Zeilen weniger eine Aufzählung oder eine blosse Berichterstattung über die betreifenden Zustände gegeben werden als vielmehr ein Versuch, mit Hilfe der vorhandenen Reiseberichte der älteren, neueren und neuesten Zeit durch wissenschaftliche Beleuchtung ein besseres Verständnis dieser merkwürdigen menschlichen Verirrung zu gewinnen.

Rührt die Sitte wohl aus der Zeit her, wo der Urmensch dem Tiere noch ganz nahe stand? Hat sie sich von damals bei den Völkern erhalten, die noch nicht zur Höhe unsrer Kultur gestiegen sind? Undenkbar, denn erstens sind unsre nächsten Verwandten im Tierreich durchweg Pflanzenfresser, und zweitens zeigen die Ursachen des Kannibalismus eine solche Ueberlegung, dass er erst in einer Zeit entstanden sein kann, wo der Mensch schon ein verhältnismässig sehr hohes Denkvermögen erklommen hatte.

Bei den Jäger- und Fischervölkern steht der im höchsten Ansehn, der sich seiner Feinde am besten erwehrt, und wer recht viele von ihnen erschlagen hat, der wird etwa so geehrt wie bei uns jemand, der sich eine hohe gesellschaftliche Stellung erworben hat. Dann ging man einen Schritt weiter. Der erschlagene Feind lag vor dem Naturmenschen. Seine religiösen Vorstellungen waren ein Gebäude von Animismus und Fetischismus, und er musste unbedingt auf den Gedanken kommen: wenn du den Kerl auffrisst, so nimmst du zugleich seine Stärke und alle seine Eigenschaften in dich auf. Von derselben Vorstellung geht der ostafrikanische Neger aus, wenn er vom erlegten Löwen ein Stück vom Herzen, um stark zu werden, vom Auge, um gutes Sehvermögen zu erlangen, und vom Kugeleinschlag isst, um fortan dieselbe Treffsicherheit zu haben. der Kannibalismus in seinen Ursachen und Zuständen weiterlesen

Indogermanischer Volksglaube

Buchübersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Vorrede

Wie ich einst unter dem Eindruck jahrelang fortgesetzter kulturhistorischer Wanderungen und Studien des Volklebens im nördlichen Deutschland den Versuch gemacht habe, in der Schrift »Der heutige Volksglaube und das alte Heidentum« aus den noch jetzt herrschenden Sagen und Traditionen die niedere, volkstümliche Mythologie der betreffenden Stämme in der Anlehnung der mythischen Gestalten an die Natur zu entwickeln: so beabsichtige ich mit den Untersuchungen, welche ich mit diesem Buche beginne, in aufsteigender Linie bis zur indogermanischen Mythologie vorzudringen, d. h. in großen Umrissen den Glaubensstand zu zeichnen, welcher sich etwa für die Zeit der Trennung der arischen Stämme, als sie Kolonisatoren nach Ost und West wurden, zu ergeben scheint.

Denn wenngleich, wie ich verschiedentlich schon ausgeführt habe, die religiöse Entwickelung derselben zu jener Zeit noch nicht zu dem Begriff des Göttlichen, selbst nicht im Homerischen Sinne, vorgedrungen war, sondern sich noch mehr oder weniger innerhalb des Stadiums einer einfachen »Naturanschauung« bewegte und die mythischen Elemente selbst noch in gewissem Sinne flüssig waren, so macht sich doch daneben schon ein gewisser homogener Hintergrund in betreff einer allgemeinen, mythisch-religiösen Weltanschauung bemerkbar, der als eine gemeinsame Entwicklungsphase in dieser Hinsicht anzusehen ist, die nur dann während und mit der Zeit der Sonderung der einzelnen Stämme zu Völkem teils zurückgedrängt, teils unterbrochen wurde, so daß eben nur aus den Niederschlägen, die sie in der Tradition gefunden hat, noch ein Bild derselben zu gewinnen ist.

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