wie lernt der Kapitän über den Ozean steuern?

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Wer je als Passagier eine Seereise gemacht hat, der hat sich wohl auch die Frage vorgelegt: in welcher Weise und wo wird der Kapitän für sein schweres Amt vorgebildet?

Dies geschieht auf den Navigationsschulen, die von ihren Schülern eine mindestens 45monatige Seefahrzeit verlangen, ehe sie die erste nautische, die Steuermannsprüfung, ablegen dürfen. Diese berechtigt zum Einjährig-Freiwilligen-Dienste in der Kaiserlichen Marine. Eine dieser Bildungsstätten unserer Nautiker ist die staatliche Navigationsschule der freien und Hansestadt Lübeck, welche bereits am 27. Juli 1908 die Feier ihres 100jährigen Bestehens begehen durfte.

Seit dem 1. Juli 1905 ist dieser älteren Schwester noch eine besondere Abteilung für Seemaschinisten hinzugefügt worden. Die Steuermanns- und die Kapitänsschüler werden im prächtigen Bau des alten Kaisertores unterrichtet, von dessen nach Südost gelegener Galerie astronomische Beobachtungen zu jeder Tageszeit gemacht werden können. Die Schüler werden an trefflichen Apparaten zuerst belehrt in der terrestrischen Navigation, d. h. in der Schifffahrt nach Landmarken. Der werdende Steuermann muss lernen, die Seekarte zu lesen. Er hat sich einzuprägen, was die kleinen Symbole auf diesen sauberen Abbildungen der Erdoberfläche bedeuten. Er muss mit dem Parallel-Lineal den Weg des Schiffes „absetzen“ lernen. Der gesteuerte Kurs muss verbessert werden für die Missweisung, die Deviation, Abtrift und die Einwirkung der Strömungen. Dann soll der zukünftige Nautiker die Kreise am Himmel kennen, die wir uns zur Erleichterung der Orien-tierung gezogen denken. Aus Dreiecken auf dieser Kugel hat er die Zeit, die Breite und das Azimut — die Richtung der Gestirne — zu berechnen. Unsere letzte Abbildung zeigt uns, welche Hilfsmittel der Lehrer dazu benutzt. Sitzen die Rechnungsarten der sphärischen Trigonometrie (Kugel-Dreiecke), dann geht’s mit Peilkompass (peilen gleich pegeln = Richtung nehmen) und Sextanten auf die in der zweiten Abbildung sichtbare Beobachtungsgalerie, wo dann gemessen wird, während ein Gehilfe (im Vordergründe von Bild 2) die Zeit der Beobachtung nach dem Chronometer notiert. Neben dem Schulgebäude steht ein Signalmast, an dem mit Flaggen des internationalen Signalsystems die „Esperanto“-Sprache der Seeleute geübt wird.

Auch die Morsezeichen, durch Windflaggen oder Lichtblitze dargestellt, muss der junge Steuermann erlernen, um sich später auf See zu verständigen. Vorlesungen in der drahtlosen Telegraphie, im Schiffbau und Maschinenwesen kommen hinzu. Der Kapitän muss im Wechselrecht und in der Versicherungs-Wissenschaft beschlagen sein. Er muss als kaufmännischer Vertreter des Reeders im Auslande auftreten. Man sieht, wie reichhaltig der Unterricht auf einer solchen Anstalt ist; wie bei der verhältnismässig kurzen Vorbereitungszeit die jungen Schüler sich anstrengen müssen, das Ziel zu erreichen. Für den Eintritt in die Anstalt wird — leider — noch keine gleichmässige Vorbildung verlangt. So kommt es, dass Prüflinge mit der Vorbildung einer Bürgerschule in derselben Klasse unterrichtet werden, wie Absolventen der Sekunda oder sogar der Prima höherer Schulen. Nach bestandenem Steuermannsexamen erfolgt meistens der Eintritt als Einjährig-Freiwilliger in die Kaiserliche Marine. Nachher muss der junge Steuermann zwei Jahre als solcher Dienst tun, um die zweite Prüfung, die ihm das Kapitänspatent für grosse Fahrt einbringen soll, abzulegen. Im Durchschnittsalter von 26-27 Jahren hat der Navigateur den Abschluss seiner theoretischen Ausbildung erreicht und kann dann allmählich zum Kapitän aufsteigen. Fährt er bei einer der grossen Schiffahrtsgesellschaften, so wird er schwerlich, bei der heutigen ÜberfüIIung im Berufe, vor dem 40. Lebensjahre das Kommando eines grossen Dampfers erhalten. Manche werden diese Stufe vielleicht gar nicht erreichen, da der schwere Dienst die Kräfte früher aufbraucht.

Wer aber gesundheitlich aushält und Glück hat, weiter zu kommen, bekleidet eine angesehene und auch lohnende Stellung. Allerdings muss er auf viele Annehmlichkeiten des Lebens an Land verzichten und die meiste Zeit seines Daseins fern der Familie zubringen, wenn er eine solche gründet. Als Entschädigung für diese vielen Entbehrungen führt ihn sein Beruf aber an ferne Küsten und in ferne Länder zu Menschen mancherlei Art.

Dr. Schulze-Lübeck.

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