die Kolonialfrauenschule in Witzenhausen

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Deutsche Frauen, deutsche Ehre, Deutsche Treue übern Meere !

Je mehr die Entwicklung unserer Kolonien vorwärtsschreitet, um so mehr hat sich auch die Erkenntnis Bahn gebrochen, wie wichtig die Mitarbeit der Frau auf diesem Gebiete ist. Nur durch geordnete häusliche Verhältnisse und echt deutsches Familienleben unserer Ansiedler werden die Kolonien auch innerlich deutsch werden. Darum müssen wir Frauen aus den besten Kreisen unseres Volkes hineinführen in die koloniale Arbeit. Aber wir wollen nicht, dass unsere jungen Männer unvorbereitet und ungeprüft in die Kolonien übersiedeln, wie viel weniger dürfen wir unsern Frauen und Mädchen zumuten, ohne geeignete Vorbildung und ohne zuverlässigen Rückhalt an die schwere Aufgabe des kolonialen Lebens heranzutreten.

Von diesem Gesichtspunkte ausgehend ist im Jahre 1908 die Gründung der Kolonialfrauenschule in Witzenhausen an der Werra erfolgt. Die Schule ist ein Internat für Töchter gebildeter Stände, welche in den Kolonien entweder eine Berufsstellung einnehmen oder sich selbständig machen wollen. Die Ausbildung der Schülerinnen soll eine möglichst praktische sein. Aber diese praktische Ausbildung soll sich aufbauen auf guter theoretischer Grundlage in den verschiedenen Fächern.


Es ist deshalb ein grosser Vorteil für die Kolonialfrauenschule, dass ihre Schülerinnen berechtigt sind, an den Vorlesungen der Kolonialschule teilzunehmen, dass sie dergestalt in den Stand gesetzt werden, sich eine Ausbildung anzueignen, welche derjenigen der jungen Männer entspricht. Mit der theoretischen Unterweisung muss die praktische Arbeit gleichen Schritt halten. Für diese Zwecke stehen in erster Linie die Lehrmittel der Kolonialschule Wilhelmshof zur Verfügung: ihr umfangreicher Gärtnereibetrieb mit Baumschulen, Obstpflanzungen und Weinbergen, sowie namentlich auch den Gewächshäusern. Dazu kommt der Landwirtschaftsbetrieb der Kolonialschule mit mustergültigem Milchviehstall und der Molkerei.

Die praktischen Arbeiten im Haus umfassen Kochen (einfache Küche), Backen von Brot, Semmeln usw., Schlachten, Verwertung und Aufbewahrung des Fleisches (Pökeln, Räuchern), Wurstbereitung, Herstellung von Obstweinen usw. Auch verschiedene Handwerke werden geübt, Tischlerei, Schuhmachen, Polster- und Sattlerarbeit und dergleichen mehr. Die Pflege des Hühnerhofes ist eine wichtige Aufgabe. In Kranken- und Säuglingspflege wird theoretischer Unterricht gegeben, als erster Anfang kommen in Betracht häusliche Krankenpflege und Samariterkurse. An diese schliessen sich an Frauenhygiene und Säuglingspflege. — Die Vorlesungen, gemeinsam mit den Schülern der Kolonialschule, erstrecken sich auf Kultur- und Kolonialwissenschaft, Chemie, Tier- und Pflanzenkunde. Ernährungslehre, Tierheilkunde, tropische Landwirtschaft, Tropengesundheitslehre, Buchführung und Rechtskunde.

Von grosser Wichtigkeit ist der Seuchenimpfkursus, in dessen Verlauf die Schülerinnen unterwiesen werden in der Behandlung der verschiedenen Krankheitsarien durch Schutzimpfung. Auch die Herstellung von Lymphe wird gelehrt. Auf Grund des ihnen von dem betreffenden Dozenten erteilten Zeugnisses erhalten die Schülerinnen später in Südwestafrika die Berechtigung, auf eigner Farm oder auf Nachbarfarmen Impfungen vornehmen zu dürfen. Von wie grossem Werte gerade diese Kenntnis im Falle ausbrechender Seuchen ist, liegt auf der Hand.

Vielleicht werden manche einwenden, warum es notwendig ist, den Schülerinnen eine so umfassende theoretische Ausbildung zu geben. Demgegenüber muss betont werden, dass die Anforderungen, welche draussen an die Frau gestellt werden, ob sie nun als Angestellte auf fremdem Besitz wirkt oder auf eigner Scholle, bei weitem grösser sind, als etwa im ähnlichen hier. Wir wollen, dass die Frau in den Kolonien von vornherein die Stellung einnimmt, die sie in der alten Heimat auch haben sollte, aber leider recht oft nicht hat oder nicht ausfüllt. Die Frau in den Kolonien muss sein der treue Kamerad, die verständnisvolle Gehilfin des Mannes, die Schulter an Schulter mit ihm wirkt und schafft und die, wenn die Umstände es erfordern, ihn auch vertreten kann in der Leitung oder Ueberwachung eines grossen Farmbetriebes. Die Frau in den Kolonien muss in viel höherem Masse wie dies hier zumeist gefordert wird, teilnehmen können an den Interessen und Bestrebungen des Mannes, mit ihr soll er sich aussprechen können über seine Pläne und Arbeiten im grossen und einzelnen.

Durch die vertiefte Bildung auf allen Gebieten, welche den Schülerinnen in den Vorlesungen übermittelt wird, soll nicht nur ihr Gesichtskreis im allgemeinen erweitert werden, sondern dies soll gleichzeitig ein Mittel sein, sie zu schützen vor innerlicher Verödung und Verflachung da draussen. Wohl der Frau, die einen Schatz an literarischen und künstlerischen Interessen mit hinausnimmt.

Er wird ihr stets ein erfrischender Quell bleiben, aber mehr ein Born der Erinnerung. Draussen in den Kolonien gibt es vorläufig noch keine Vorlesungen, keine Theater, keine Konzerte, und ein gutes Buch ist daher ein viel köstlicherer Freund als hier. Die Frau wird nur wenig Neues in dieser Richtung dazu erwerben können, sondern sich mehr darauf beschränken müssen, das einmal Erworbene zu erhalten.

Trotzdem ist das Leben in den Kolonien nicht arm, es ist nur andersartig, es ist in höchstem Masse lebendig, weil es im innigsten Zusammenhänge steht mit der unverfälschten Natur und die Anspannung aller Kräfte fordert in jedem Augenblick. Es sind die rein wirtschaftlichen Fragen, welche draussen im Mittelpunkt des Interesses stehen, und für sie im einzelnen wie im grossen auf allen Gebieten muss die Frau das richtige Verständnis haben, muss sich dafür erwärmen und mitsprechen können. Sie darf nicht untergehen in den rein häuslichen Fragen, in der Kleinarbeit des täglichen Lebens.

Treu und gewissenhaft soll sie ihre Pflicht erfüllen in Maus und Hof und am Herd, aber offenen Auges und warmen Herzens soll sie mitreden und mitraten können auch über die öffentlichen Fragen der wirtschaftlichen Hebung und Entwicklung des Landes, das ihre zweite Heimat geworden.

Geistige Interessen und eine möglichst gute Bildung sind für die Frau in den Kolonien noch aus einem weiteren Grunde notwendig. Sie muss befähigt sein, die Kinder wenigstens in die Anfangsgründe der Schulweisheit einzuführen. Nicht jeder Farmer ist in der Lage, sich auf seiner einsamen Farm einen Lehrer oder eine Lehrerin zu halten. Je weniger also die Mutter die Fähigkeit besitzt, die Jugend zu unterrichten, desto früher muss sie ihre Lieblinge aus dem Hause in entfernte Schulen geben.

Es ist ein sehr weites Arbeitsfeld, welches sich den Frauen in den Kolonien eröffnet, eine schöne, dankbare Aufgabe, vor die sie sich gestellt sehen. Wir brauchen Frauen, die mit Ernst an diese Aufgaben herantreten, die in strenger Selbstzucht veredeln wirken auf ihre Umgebung. Nicht allein auf das, was die Frau kann, nein, vor allem auf das, was sie ist, kommt es an. Das Können ist viel, die Persönlichkeit alles! Nicht in freiem, burschikosem Wesen soll ihre Tatkraft sich äussern, sondern in echter Weiblichkeit soll sie dem neuen Deutschland über dem Meere den Stempel ihrer Wesensart aufdrücken, nicht bloss streben und arbeiten soll sie draussen, sondern sie soll sein, beseelt vom Geiste echten Christentums, die Hohepriesterin deutscher Zucht und Sitte, die Trägerin deutscher Kultur, ein Segen dem fernen Lande:

Deutsche Frauen, deutsche Ehre, Deutsche Treue übern Meere !

Gräfin Zech.

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