die Körperstrafe bei den Naturvölkern

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Die seelische Wirkung der Körperstrafe.

Erziehung ohne Prügelstrafe bei heroischen Völkern. — Älteste Strafe, Kastration als älteste Strafe — Von der Beschneidung — Kastrationskomplex und Straffälligkeit. — Angst — Schuldgefühl — Ambivalenz. — Zwang als Bedingung der Kultur-Zivilisation. — Erziehung durch Dressur als Schutz vor Gefahren. — Sexuelle Wirkung der Körperstrafe — Trotzphase — Das Wesen der Unart. — Unart der Eltern. — Michael Kohlhaas. — Was Rosegger erzählt — Vom strafenden Erzieher. — Reaktionen auf das Zusehen beim Strafen. — Der Intellekt als Helfer beim Fortschritt der Menschheit.

Nach Mitteilungen von Brakens zählt ein Ethnologe 32 Naturvölker auf, deren Kinder ohne Prügel erzogen werden. Sie weisen ausgezeichnete Erziehungsresultate auf. Wohl sind die Erziehungsziele jener Völker andere wie unsere, aber charakterlich können sie sich ausgezeichnet mit den Kulturmenschen messen. Die grönländischen Eskimos hängen, wie durch Nansen erwiesen, mit einer besonderen Liebe an ihren Kindern, sie halten jede Züchtigung für unmenschlich. Auch das harte Wort ist verpönt. Nansen erzählt:

«Obwohl ich in vielen Eskimohäusern der Westküste verkehrt habe, ist mir nur ein einziges Mal eine ungezogene Eskimorange begegnet, und das war in einer mehr europäischen als grönländischen Familie. Wenn die Kinder grösser und verständiger waren, genügte stets eine freundliche Aufforderung seitens des Vaters oder seitens der Mutter, damit sie unterliessen, wozu sie keine Erlaubnis hatten. Nie habe ich Eskimokinder, sei es im Haus oder im Freien, sich erzürnen, schimpfen oder gar schlagen sehen. Ich habe ihnen oft beim Spielen zugeschaut, auch oft genug mit ihnen Fussball (ein eigenes, von ihnen selbst erfundenes, dem englischen Football ähnliches Spiel) gespielt, und dabei haben, wie bekannt, Knaben oft genug Grund zum Zanken: aber nie sah ich einen heftig werden, ja, ich sah nicht einmal ein unfreundliches Gesicht. Wie könnte das in Europa vorkommen?»

Auf ihre Erziehungsmethoden gehen wir später noch ein. Auch von einzelnen Indianerstämmen wissen wir ähnliches. Bei den Melanesiern mit mutterrechtlicher Organisation schildert Malinowsky, dass Kinder zurückhaltend und vorsichtig erzogen werden, die Prügelstrafe spielt keine Rolle.

Nicht wenige Völker, bei denen die Körperstrafe verpönt ist, haben aber andere, ältere Erziehungseinrichtungen oder hygienische Massnahmen gewaltsamer Natur, vor allem jene Urstrafe der Menschheit, die Kastration und deren Abschwächung in der sakralen Beschneidung als Weihezeremonie. Andere Pubertätsriten sind als sühnender und reinigender Akt auf der Seite der Jugend aufzufassen und als feindselige Aktion der Stammesväter gegen die heranwachsenden Söhne, deren unbewusste Inzestgelüste vorbeugend geschwächt und gebändigt werden sollen. Die Straffunktion der echten Kastration ist deutlich sichtbar bei den Skopzen in Russland, die in sakraler Angst vor ihren eigenen Trieben sich vorbeugend bestrafen. Die Ambivalenz der menschlichen Natur erklärt, dass die Beschneidung zum — oft unbewussten — Strafmittel wird und dadurch im Bewusstsein Anlass zu einer grossartigen Hebung des Ichgefühls gibt. Aber auch ihre Unterlassung kann ein Strafmittel stärkster Wirkung werden. Bryk berichtet über eine Mitteilung eines Forschers:

«Der Ritus der Beschneidung wird von der Seite der Xosa-Kaffern und Fingos als eine der wichtigsten in ihrem Leben angesehen, der auf ihre soziale Stellung von grösstem Einfluss und von weitgehender Tragweite und Bedeutung ist. Wer sich nicht beschneiden lässt, wird sein ganzes Leben lang als Knabe angesehen und nicht nur von Männern, sondern auch von den Mädchen verlacht und verspottet, er wird gewissermassen als Zivil-Toter betrachtet und geht aller Ehren verlustig, darf keiner Versammlung beiwohnen, man nimmt keinen Rat von ihm an — lauter Nachteile und Strafen, die für einen Kaffer einfach ganz entsetzlich und furchtbar sind. Endlich kann ein Unbeschnittener nicht heiraten.»

Diese und zahlreiche Beobachtungen lassen verstehen, dass der in der heutigen Psychologie bedeutsame Begriff «Kastrationskomplex» (Freud) auch erzieherisch wichtig ist. Die Straffälligkeit von Kindern wird durch schwere Bedrohungen, man schneide ihnen einen Körperteil ab, wenn sie irgend eine Unart nicht unterlassen, zu einer schweren Angstreaktion und Verletzung der normalen Ich- und Gewissensstruktur gesteigert. Das uralte Erbgut der Menschheit, die Sexualangst, wird überstark und verhindert die normale Wirkung der Erziehungsmittel. Homburger, einer der erfahrensten Heilpädagogen, sah unter dieser Schädigung oft das abnorme Anwachsen eines krankhaften Interesses für den eigenen Körper und die verfrühte Ausprägung sexueller Triebhaftigkeit in den ersten Kinderjahren.

Die Erziehung konnte oder könnte wenigstens auf die Prügelstrafe verzichten, wenn in der betreffenden sozialen Gemeinschaft die wichtigsten Einrichtungen und Einstellungen durch Glaube und Gesinnung Aller gesichert erscheinen. Vorher wurde und wird überall durch Gewaltmassnahmen künstlich — oder besser, entsprechend der Menschennatur, natürlich — Angst erzeugt, um den Einzelnen nach den Gesetzen seines Stammes (Standes, Volkes, Staates) zu erziehen und den Stamm (usw.) zur Wahrung seiner Gesetze.

Die Ambivalenz des Kindes bringt es mit sich, dass der Erwachsene meint, von zweien die eine Neigung, die ihm nicht passt, autoritativ unterdrücken zu sollen. Dies gelingt recht gut durch Strafe und durch Angst, unter deren Einfluss eben das Kind sich zu einem «brav gemachten Wilden» entwickelt. Wo aber solche Angsterregungen als Motive wirken, entsteht beim Kinde zwanghaftes Ausweichen in der einen Richtung und zwanghaftes Festhalten an der anderen, der Wille ist innerlich zerrissen und unsicher, aber äusserlich fest. Da das Kind mancherlei Schuldgefühle in sich trägt, so passt es sich der strafenden Erziehung so leicht an, dass es auch, wenn später eine möglichst wenig autoritative Erziehung einsetzt, die alten Schuldgefühle weiter stark spürt und sich, ohne zu wissen weshalb, nach der Erziehung unter Strafe und nach autoritativer Gewalt zurücksehnt. Die autoritative Erziehung gleicht in manchem der Dressur des wilden Tieres. Sie muss einen gewissen Grad von Schreckhaftigkeit beim Kinde pflegen.

Ein Teil der entstandenen Angst wird zwar zum Schuldgefühl veredelt. Die Befreiung von demselben unter Festhalten des Ziels geschieht dadurch, dass an seine Stelle ein Gefühl von Verpflichtung tritt. Ihm ging das befriedigende Gefühl erfüllter Pflicht voraus, wenn man sich vom Schuldgefühl durch gehorsame Befolgung der Gesetze befreit hatte. Weder das Schuldgefühl noch das Pflichtgefühl sind «freie» Gefühle, d. h. sie sind nicht mit einer Empfindung von Freiheit verbunden, sondern mit dem des Zwangs. Doch sind sie für die Kultur nötig, sie ersetzen zum Teil verloren gegangene Instinkte, zum Teil wirken sie Trieben oder Instinkten entgegen. Hoch entwickelte Menschen nehmen Pflichten und Schuldung freiwillig auf sich und versuchen so, die unfreien Gefühle in freie zu verwandeln. Derart frei gewordene Menschen trachten auch als Erzieher, den Zwang in der Erziehung zu verringern. Um auch beim normalen Menschen das Zwanghafte seiner Einordnung als Resultat gelungener Erziehung zu bemerken, betrachte man es vorher in seinen Übertreibungen durch die strengen autoritativen Erziehungsmethoden, die in Menschengruppen mit asketischer Richtung und alttestamentarischen Mitteln (Fluch und Segen) üblich sind. Diese Art von Erziehung steht noch nahe der allerdings viel grausameren und völlig mit Zwang arbeitenden Einflussnahme in der Vorzeit, in der die alten Tabureligionen durch Jahrtausende hindurch den Menschen von der Geburt bis zum Tode beherrschten und so für unsere Voreltern erst den Weg zur Kultur bahnten. Wahrscheinlich können wir im Grund heute nur deshalb auf zwanghafte Disziplinierung verzichten, weil unsere Kinder schon als Erbe jener Zeiten die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung in sich tragen. Wir haben auch in neuerer Zeit den Eindruck, dass jene Völker, welche durch eine Ära des Puritanertums hindurchgegangen waren, dadurch den andern überlegen wurden. Es mag sein, dass Völker, die noch nicht durch den Zwang gegangen sind, für unsere «höhere» Kultur derzeit noch nicht voll befähigt sind.

«Der Weg zur Kultur ist durch eine Strasse von Blut gezeichnet.»

(Nietzsche).

Was wir an augenblicklichen Folgen und späterer Nachwirkung der Körperstrafe finden, lässt uns bezweifeln, dass sie eine Erziehungsstrafe in dem geforderten Sinn sei. In der allerersten Kindheit, in der das Kind nach dem Prinzip «Gebranntes Kind scheut das Feuer» lernen muss, was zu seiner Selbsterhaltung dienlich ist, ist die Dressurmethode bei den meisten Kindern nicht ganz zu umgehen. Ein leichter Klaps auf die Hand setzt einen wichtigen Reflex, der auf anderem Weg sich zu langsam einspielen würde, dessen Fehlen aber das Kind in ernstliche Gefahr bringen kann. Andererseits schleift ein nicht allzu spätes Vertrautwerden des Kindes mit «Messer, Gabel, Schere, Licht» in ihm ein Stück Wirklichkeitsanpassung ein; man muss zwar vorsichtig bei dieser Erziehung zur Wirklichkeit vorgehen, wie bei allem in der Erziehung, doch man soll nicht allzu lang damit warten. Wenn man dem Kind immer wieder sagt «das kannst du nicht» und «das darfst du nicht» und weiter nichts tut, wird es schlechter fahren, als wenn wir es in angepasster Form erfahren lassen, wie man auch mit nicht ganz gefahrlosen Dingen allmählich umzugehen lernt; man wird so sein Selbstgefühl persönlicher Würde wecken und entwickeln. Je weniger in den ersten Jahren «dressiert» wird, um so wahrscheinlicher wird das Kind selbständig und fähig zum Sichselbstbeschäftigen und Spielen. Auch die Geste, das Wort und der vorsichtig angewandte Liebesentzug sind Mittel, um notwendige Reflexe und Gewohnheiten einzubahnen.

Schon im zweiten Lebensjahr neigt das Ich des Kindes dazu, eigener Richter für Verbotenes zu werden und, wie wir schon sahen, Schuldgefühl und Strafbedürfnis zu entwickeln. Damit tritt es in jenes Entwicklungsstadium, in dem allmählich die Voraussetzungen geschaffen werden, Fremdstrafe und Selbststrafe im Sinne des Erziehers zu verstehen und auszunützen.

Nach übereinstimmender Beobachtung von Biologen und Psychologen, auch solchen, die — wie Moll — der Psychoanalyse fern oder feindlich gegenüberstehen, durcheilt das Kind nach dieser Zeit ein Stadium stark triebhafter Entwicklung mit typischen Äusserungen der Frühformen seiner Sexualität. Die Körperstrafe, vor allem das Schlagen auf das Gesäss, provoziert und verstärkt die Neigung zu Hass und zu Schmerzlust und zu krankhaftem Strafbedürfnis, sie verstärkt damit stets auch deren aktiven Gegenspieler, die Grausamkeit, und die Lust am Schlagen anderer. Das Schlagen des Kindes steigert die Angst und die triebhafte Erregung, deren Verkoppelung Angstlust auslöst. Die Erfahrung lehrt ferner, dass viele Eltern, die ihre Kinder schlagen, wie unter dem Druck eines Schuldgefühls auch überzärtlich sind. Nichts durchbricht aber die geruhsame Entwicklung des Kleinkinds schlechter als der Wechsel zwischen Prügel und Zärtlichkeit. Das Phantasieleben solcher hin- und hergerissener Kinder wuchert zu Inhalten, die seine Reifung gefährden; es flüchtet, um einer eigenen Verantwortung für sein Denken und Tun zu entgehen, zur Unverständigkeit der allerersten Kindheit zurück, in der es noch passiv die Geschehnisse der Umwelt erleben musste, und das ganze Interesse der rein leiblichen Befriedigung seiner primitiven Wünsche galt. Hamburger meint:

«Nicht mehr bestritten ist die erregende Wirkung der Prügelstrafe; sie ist natürlich nicht durchweg vorhanden, aber die Möglichkeit ist immerhin so gross, dass man wachsam sein muss, und wenn die normale Schmerzreaktion vermisst wird, sich nicht mit der Annahme der Gleichgültigkeit des Kindes gegen die Bestrafung zufrieden geben oder aus ihr die Notwendigkeit zu schärferer Züchtigung ableiten darf. Wenn sich gar ein Kind nicht etwa in echter Zerknirschung, sondern mit jener eigenartig gefärbten unterwürfigen Duldermine selbst meldet, es habe wieder Prügel verdient, muss man gegen solche verblüffende Reumütigkeit und Vergeltungswünsche äusserst auf der Hut sein; man muss sich ernstlich fragen, ob hier nicht eine masochistische Bindung an den Vollstrecker der Strafe vorliegt, die zu einer zukünftigen dauernden Abwegigkeit führen kann.

Das Gemeinsame aller dieser regelwidrigen Erregungen des kindlichen Sexualtriebs liegt, wie schon hervorgehoben, in der bahnenden Wirkung. Wenn wir der Annahme Freuds von der polymorph-perversen Natur des Kindes auch nicht in der von ihm vertretenen Allgemeingültigkeit beipflichten können, so müssen wir doch betonen, dass eine nicht zu unterschätzende Zahl von Kindern, insbesondere unter den psychopathisch veranlagten, leicht durch entsprechende Erlebnisse in eine abnorme Richtung hineingedrängt werden könne, von der sie später nur schwer, vielleicht überhaupt nicht mehr völlig frei werden.»

Erschwerend wirkt noch die Tatsache, dass die Eltern vieles als Unarten und als Ausdruck der Schlechtigkeit des Kindes werten, was sie selbst durch das Milieu des Kindes provoziert haben.

Verschärft werden diese Missverständnisse durch die normale Trotzphase, zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr. Es würde weniger‘ gestraft werden, wenn der Erzieher über ihre Wirkung Bescheid wüsste. Es wäre auch gut, sich vor Augen zu halten, wie das Benehmen der Menschen im Bereich des Kindes die Vorbilder für seine Entwicklung werden. Lassen wir statt gelehrter moderner Psychologen Gotthilf Salzmann in seinem «Krebsbüchlein» sprechen:

Ein Universalmittel,

den Kindern allerlei Untugenden beizubringen.

Herr Robert behielt einmal einige Freunde zu Tisch und erlaubte seinen Kindern an der Gesellschaft teilzunehmen. Da betrugen sie sich nun so, dass die Gesellschaft mit ihnen äusserst unzufrieden war. Sobald sie sich gesetzt hatten, fing Christoph an:

«Das ist etwas recht Dummes und Albernes! Da ist mein Messer nicht da. Kaspar, Du hast es mir versteckt!» Kaspar: «Halt den Rachen, Du Tonkopf! Was schert mich denn Dein Messer!»

Christoph: «Freilich, Du hast es doch genommen, Du stiehlst alle Schubladen aus!»

Mama: «Stille, Stille, Kinder! Da, Christoph, hast Du ein anderes Messer.»

Christoph: «Das ist auch ein rechtes Ding. Mit dem Schindermesser mag ich auch nicht fressen.»

Kaspar: «Nun, was soll denn das sein? Da hat der dumme Junge, der Christoph, mein Brot unter den Tisch geworfen.»

Mama: «Er wird es nicht gerne getan haben, Christoph, heb es wieder auf!»

Christoph: «Da hat es der infame Racker, der Hund, schon wieder in seinem Schinderrachen.»

Die Gesellschaft sah einander an und gab durch Mienen ihren Unwillen ziemlich deutlich zu verstehen. Herr und Frau Robert, die sonst in der Aufführung ihrer Kinder nichts Ungebührliches bemerkt halten, fühlten doch jetzt, dass solch ein Betragen nicht schicklich sei. Sie wurden rot, schlugen die Augen nieder, gaben den Kindern bald gute Worte, bald drohten sie mit dem Finger. Das half aber alles nichts, es kam immer eine Grobheit nach der anderen zum Vorschein.

«Es ist äusserst betrübend», fing endlich Herr Robert an, «dass man seine Kinder nicht kann von böser Gesellschaft bewahren. Sie sehen und hören in unserem Hause nichts Böses, wenn sie aber unter die wilden Gassenjungen kommen, so lernen sie eine Ungezogenheit nach der anderen. Behüte Gott über die Ausdrücke. Solche Worte werden niemals in meinem Hause gehört.» Nach Tisch setzte sich einer der Fremden in die Ecke, nahm Christoph vor sich und fragte:

«Aber höre doch, Christoph! Von wem hörst Du denn die garstigen Worte?»

Christoph steckte den Finger in den Mund und antwortete nichts.

«Na was schämst Du Dich denn, von wem hast Du denn das Wort gehört: Infamer Racker?»

— «Von meinem Papa.»

— «Und von wem hast Du das Wort Schindermesser?»

— «Von meiner Mama.»

Hier kam Mama gänzlich aus ihrer Fassung: «Du Schinderknecht!», sagte sie, «von wem hättest Du das gelernt? Von mir? Warte, lass nur die Herren fort sein, ich will Dir die Gosche zuklopfen. Der Flegel da spricht, von seiner Mutter habe er die Unarten gelernt. Hast Du in Deinem Leben so ein Wort von mir gehört?»

Sehr häufig beruht die «Straffälligkeit» einzelner Kinder auf der Schwierigkeit, in der Trotzphase sich geordnet zu benehmen. Die Eltern sind hier oft ratlos, und statt ruhig zuzuwarten, gleich bereit, sich aus diesem unlustvollem Zustand durch Schlagen des Kindes zu befreien. Jedes Kind macht in der normalen Entwicklung seines Ichs eine Trotzzeit durch; sie wird verschärft und verlängert bei einzigen Kindern — bei diesen ist die normale Anpassung aus unbewussten Gründen erschwert — und bei solchen, welche in den ersten drei Jahren entweder übermässig verzärtelt, oder zu brüsk und streng erzieherisch behandelt wurden. Beide Fehler geschehen vor allem bei der Erziehung zur Reinlichkeit. In der Trotzzeit unterliegt das Kind bei jedem Anfalle von Trotz einem Affektsturm, welcher in eine völlige Gesperrtheit des Willens übergeht. In dieser Periode seiner Entwicklung lebt es ständig in Angst- oder Hassbereitschaft, die oft hinter wildem, «trotzigem» Mut sich verbirgt und neben welcher ein empfindliches Verlangen nach Liebe und Verzeihen fortbesteht. Falsche pädagogische Handhabung lässt oft die beinahe als Regel auftretende Störung, die fast als normale Entwicklungsphase anzusehen ist, erst zu der dauernden Einstellung werden, wie besonders Alfred Adler dargelegt hat. Oft ist die Trotzphase mit einer Kinderneurose verbunden, die, weil ihr falsch begegnet wird, später in der Neurose des Erwachsenen wiederkehrt und diese zu einem hartnäckigen Leiden macht. Die Erfahrung lehrt, dass das Brechen des Trotzes, wie des Willens überhaupt, besonders durch Schläge, immer ein unrichtiges Vorgehen ist. Der Erzieher wusste nichts anderes, als selbst trotzig und eigensinnig sich zu benehmen. Es ist, wie wenn man einen Schlüssel, der sich im Schloss verfangen hat, mit Gewalt weiter drehen wollte. Man tut besser, den Schlosser zu rufen, wenn man nicht selbst behutsam vorzugehen versteht; ebenso soll man beim Kinde den Erziehungsberater fragen. Wie man einen Alkoholberauschten nicht im Rausch erziehen kann, sondern warten muss, bis er nüchtern und einsichtig wird, muss man möglichst vermeiden, im Trotzdelirium des Kindes seine Erziehung anzufangen. Es kommt wieder zu sich und ist bei sachlicher Haltung des Erziehers zugänglich für ernste und wirksame Beeinflussung. Gewaltstrafen verschärfen die Ambivalenz des Kindes und seine Isolierung von seiner Umgehung in Eigensinn und Hass.

Wir sehen an diesem Beispiel, dass es typische Reaktionen gibt, charakteristische Reaktionen auf das Bestrafen, deren Auftreten durch falsche Erziehungs- und Strafmethoden begünstigt wird; wir nennen sie nur, damit der Erzieher die Tatsache sich leichter einprägt: die Bockreaktion, sie hängt vor allem mit dem Trotz zusammen. Bei nicht wenigen Kindern weist sie auf ein starkes Selbstgefühl und auf Charakterstärke hin. Die Kohlhaasreaktion: hier ist das Gerechtigkeitsgefühl so sehr verletzt, dass das Triebhafte neuerdings durchbricht. Eine Kleinigkeit im Verhalten des Erziehers mobilisiert verdrängte Triebregungen. Es wird ein Recht auf Mord und Todschlag und Übeltat phantasiert, weil, wie Kohlhaas, auch das Kind die Überzeugung gewinnt: wenn das Strafgericht, bzw. die Eltern überhaupt ein Unrecht zulassen, dann dürfen auch wir alles tun, was sonst verboten ist. Der alte Vergeltungsinstinkt steht wieder auf und verschafft sich ein sakrales Recht und seine Blutrache.

Die Magie der Urverbundenheit mit dem Blut des Erzeugers, die Ambivalenz jedem Verbot gegenüber und die Nähe der Leidenslust bei der sinnlichen Freude, verwandt der Wollust, provozieren im Kind die Lust, den Erwachsenen — der die Erziehung zur dramatischen Szene macht — zum Strafen zu verführen. Weil Rosegger davon in seiner «Waldheimat» erzählt, wollen wir diese Reaktion als «Roseggerreaktion » bezeichnen:

«Ich bereute in meinem Innern den Fehler stets, ich hatte das deutliche Gefühl der Schuld, aber ich erinnere mich auch an eine andere Empfindung, die mich bei solchen Strafpredigten überkam: es war ein eigenartiges Zittern in mir, ein Reiz- und Lustgefühl, wenn das Donnerwetter so recht auf mich niederkam. Es kamen mir die Tränen in die Augen, sie rieselten mir über die Wangen, aber ich stand wie ein Bäumlein, schaute den Vater an und hatte ein unerklärliches Wohlgefühl, das in dem Masse wuchs, je länger und ausdrucksvoller mein Vater vor mir wetterte.» . . . Und später: «Ich sah, wie abscheulich es sei, diesen Vater zu reizen, aber ich fand nun auch, warum ich es getan hatte: aus Sehnsucht, das Vaterantlitz vor mir zu sehen, ihm ins Auge zu schauen und seine zu mir sprechende Stimme zu hören; es durchrieselte mich mit süsser Gewalt, es zog mich zu ihm hin. Es war das Vaterauge, das Vaterwort.»

Man behauptet, dass nicht wenige Menschen die Prügelstrafe ohne nachweisbaren Schaden ertragen haben. Wir bezweifeln, dass solche Angaben einer Prüfung standhalten. Solche Schäden betreffen die feinsten Verzweigungen der Persönlichkeit, besonders in ihrer Liebes- und Freundschaftsart, in ihrer Lebensfreude und in dem Ausmasse, einheitlich und stark und auch subtil zu empfinden. Eine exakte Diskussion ist darüber nicht möglich, weil der Massstab, den man an die Höhe der Entwicklung setzt, ein sehr verschiedener ist. Wer zum Landsknecht — im weitesten Sinne — erziehen will, mag an der Prügelstrafe festhalten. Wir wollen meinen, dass die Prügelstrafe auch dem Erzieher schadet. Denn man kann die zugegebene Tatsache, dass man stärker ist als das Kind, erzieherisch besser ausnützen als mit Schlagen. Es gibt Situationen, in denen der Erzieher diesen Beweis dem verzogenen Kind demonstrieren darf. Unter der Voraussetzung, dass der Erwachsene nicht vom Kind zu einer Unbeherrschtheit seiner Affekte verführt wird oder sich selbst hineinsteigert, vielleicht weil er im ungezogenen Kinde vor sich seine eigene Unzulänglichkeit fühlt, kann er, um Beschädigungen zu vermeiden oder um einen erzieherischen Versuch zu erproben, dem wütend um sich schlagenden Kinde durch Festhalten der Arme ins Gedächtnis rufen: es gibt über dir noch einen stärkeren, überlegenen Menschen. Das darf aber nur ganz ausnahmsweise geschehen. Gute Erzieher vermeiden auch solche Situationen völlig durch vorbeugende Erziehung, oder sie lassen das Kind im «Anfall» unbeachtet sich selbst erschöpfen. Aichhorn hat bei verwahrlosten, kriminellen Jugendlichen aufschlussreiche Beobachtungen über das erzieherische Verhalten in Hass- und Wutanfall gemacht. Gerade die vollkommen furchtlose und gleichgültige Haltung entwaffnet den Wütenden.

Auch die Unparteilichkeit kann übertrieben werden. Dann verletzt die Strafe durch die unpersönliche Kälte des Erziehers. Ein gelegentliches Strafen im Affekt mag oft leichter vom Kinde ohne Ressentiment und Groll vertragen werden, es nimmt dem Erzieher den gar nicht erwünschten Nimbus der Vollkommenheit und bereitet das Kind darauf vor, dass es auch im späteren Leben mit der Affektivität der Mitmenschen zu tun haben wird. Doch ist häufiges Strafen ohne gewissenhafte Überlegung sehr schädlich. Dazu kommt beim Erzieher noch die Verliebtheit des Menschen in sich selbst, in seine Autorität und in seine Macht als Stärkerer, erfüllt vom sakralen Machtanspruch und dem mystischen Glauben an die Macht als stärkstes Instrument menschlichen Einflusses. Aber nicht nur körperliche Gewalt kann entwicklungs- und erziehungsstörende Vorgänge mobilisieren, auch rein seelische Eingriffe wirken bei bestimmten Individuen tief auf die seelische Struktur ein.

Ein Knabe von acht Jahren wird wegen dreimaligen Zuspätkommens vom Lehrer in die Ecke gestellt und auf seine Aufforderung hin von der Klasse ausgelacht. Nach diesem Vorfall fällt auf, dass der Schüler eigenbrödlerisch wird, sich asozial benimmt, Minderwertigkeitsgefühle aufweist und im Lernen nachlässt.

Wahrscheinlich hat nicht der Eingriff des Lehrers allein dies verursacht, aber mit verursacht hat er es wohl und so das Geschehen ausgelöst. Eine alte Erfahrung ist, dass unser Tun Ausdruck unseres Charakters ist, ihn aber auch gleichzeitig formt. Sowohl der körperlich Strafende, wie der Zuschauer beim Strafen, sind beim Vorgang nicht rein passiv. Mehr oder weniger erlebt der Andere die seelischen Vorgänge des Bestraften mit. Beide spüren die Erschütterung ihres seelischen Gleichgewichts. Angst, Hass und andere Affekte versperren beim Kind die erwartete, erziehende Reaktion der Abschreckung oder lassen sie, wenn sie in Gang gekommen ist, leicht durch asoziale und zerstörerische Tendenzen überwältigen. Sentimentalität und Grausamkeit sind Geschwister.

Die Pädagogik bestätigt das Versagen der Abschreckungsstrafe beim erwachsenen Kriminellen und dem Publikum. Der Erzieher selbst wird in der Strafhandlung, in die er als Subjekt und Objekt verwickelt ist, immer wieder erinnert an die zwei Strebungen seiner Seele, das Verwachsensein mit dem Triebhaften und Dämonisch-Sakralen und an die Forderung des Gewissens und des gerechten Richters in ihm. Unsere Hoffnung ist auf eine weiterschreitende Entwicklung des Menschen gerichtet. Freud, der mit skeptischer Zurückhaltung den Menschen beobachtet, meint:

«Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum menschlichen Triebleben und Recht damit haben. Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche. Die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft hat. Am Ende nach unzählig oft wiederholten Abweisungen findet sie es doch. Das ist einer der wenigen Punkte, in dem man für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf, aber er bedeutet in sich nicht wenig. Das Primat des Intellektes liegt gewiss in weiter, aber wahrscheinlich doch nicht unerreichbarer Ferne.»

Siehe auch:
Strafen und Erziehen-Ursprung und Entwicklung des Strafens
Grund und Zweck des Strafens, die Strafrechtstheorien. Das Erziehen durch Strafe.
Zur Psychologie der Strafe und des Strafens
Wirkung des Bestraftwerdens.

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