die Bremer Baumwollbörse

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Der Baumwollhandel war schon vor Gründung der Bremer Baumwollbörse ein bedeutender Geschäftszweig des bremischen Gesamthandels. Bereits in der Mitte des vorigen Jahrhunderts waren die direkten Zufuhren von Baumwolle nach Bremen nicht unerheblich und in steter Steigerung begriffen, bis der nordamerikanische Bürgerkrieg auch auf den bremischen Baumwollhandel den unheilvollsten Einfluss übte.

Zu Beginn der sechziger Jahre hörten die direkten Zufuhren nach Bremen fast vollständig wieder auf. Das Baumwollgeschäft konzentrierte sich zu jener Zeit ausschliesslich in Liverpool; selbst Schiffe, welche für bremische Rechnung Baumwollladungen beförderten, wurden nach Liverpool dirigiert. Doch schon Ende der sechziger Jahre machte der bremische Baumwollhandel energische und erfolgreiche Anstrengungen, sich dieser Abhängigkeit zu entziehen. Die direkten Beziehungen mit Amerika wurden wieder angeknüpft, und diese Bestrebungen hatten den Erfolg, dass nach wenigen Jahren die direkten Bezüge von Amerika der bremischen Einfuhr aus England annähernd gleichkamen.

Trotz dieser günsigen Entwicklung des bremischen Baumwollhandels konnte man sich zunächst noch nicht zu einer selbständigen Normierung der den Geschäften zugrunde zu legenden Bedingungen und Gebräuche entschliessen, sondern bediente sich der Usancen, welche sich an den auswärtigen Börsen, insbesondere in Liverpool, gebildet hatten.

In der richtigen Erkenntnis, dass die Bestrebungen des bremischen Baumwollhandels sich von fremden Ländern immer mehr unabhängig zu machen, dauernd nur auf Erfolg rechnen konnten, wenn den heimischen Platzverhältnissen angepasste Geschäftsnormen dem Geschäfte zugrunde gelegt würden, vereinigte sich in den Jahren 1871/72 eine Anzahl bremischer Baumwollimporteure, Händler und Makler als „Komitee für den Bremer Baumwollhandel“ zu dem Entschluss, inner der Bezeichnung „Bremer Baumwoll-Usancen“ die Bedingungen für den bremischen Baumwollhandel zusammenzufassen.

Im Jahre 1886 wurde der Gedanke angeregt, Spinner in das Komitee aufzunehmen, um eine engere Fühlung mit der Baumwollindustrie zu erzielen. Man hoffte, durch die dadurch herbeigeführte fortdauernde Fühlung des Handels mit der Industrie zum Segen beider Bremen zu einem grossen nationalen Baumwollmarkt erheben zu können.

Nachdem über die Grundzüge eine Einigung erzielt war, beschloss man, auf den 18. und 19. Juli 1886 eine Versammlung von Delegierten der Bremer Baumwollbörse und der deutschen Spinner nach Augsburg einzuberufen zur Beschlussfassung über die definitive Konstituierung der Vereinigung und Feststellung der entsprechend zu revidierenden „Bestimmungen der Bremer Baumwollbörse“. Es kam nunmehr für die Bremer Baumwollbörse eine Zeit der regsten Tätigkeit. Dank dem Entgegenkommen der Staats- und Reichsbehörden entwickelte sich der Bremer Baumwollhandel von Jahr zu Jahr. Im Jahre 1897 betrug der Import 1.400.000 Ballen, während 1.090.000 Ballen arbitriert worden sind. Im Jahre 1905 erreichte der Import 1.933.754 Ballen, während 1.778.409 Ballen arbitriert worden sind.

Von Anbeginn an hatte die Baumwollbörse für ihre Tätigkeit in gemieteten Räumen Unterkunft gefunden. Mit der Zunahme der Arbeiten und dem Anwachsen des Geschäftspersonals hatte im Laufe der Jahre wiederholt für Erweiterung der Geschäftsräume Sorge getragen werden müssen. Im Hinblick ferner auf die mit der Zunahme des Imports stetig anwachsenden Arbeiten konnte man sich nicht mehr der Einsicht verschliessen, dass die Gründung eines eigenen Heims zwingende Notwendigkeit sei, wenn die Arbeiten in erspriesslicher Weise geleistet werden sollten. Im Jahre 1897, in welchem die Bremer Baumwollbörse auf eine 25jährige Tätigkeit zurückblicken konnte und in welchem zugleich die Arbilrationen auf über eine Million Ballen gestiegen waren, beschloss die Generalversammlung die Errichtung eines eigenen Geschäftshauses auf einem grossen zentral gelegenen Areal.

Im April 1902 hat die Bremer Baumwollbörse ihr eigenes Geschäftshaus, welches einschliesslich des Grunderwerbs einen Kostenaufwand von über 4 1/4 Millionen Mark erforderte, bezogen.

Der Palast der Bremer Baumwollbörse bildet entschieden eine Sehenswürdigkeit der an imposanten Bauten gewiss nicht armen Hansestadt. Unsere Bilder geben einen guten Begriff von der äusseren und inneren Ausgestaltung der Anstalt. Interessant ist die Arbeit, die in ihren Räumen geleistet wird. Es ist dies die „Arbitrage“ d. h. die Beurteilung: der in Bremen eingehenden Baumwollsendungen. Sobald der Käufer einer angebrachten Partie Baumwolle, welche auf Grund der Bedingungen der Bremer Baumwollbörse gekauft worden ist, das Gutachten des Baumwollprobenzimmers der Börse über den Ausfall der Ware einzuholen wünscht, so hat das innerhalb vier Wochen nach Landung der Partie unter Benachrichtigung an den Vertreter des Verkäufers zu geschehen. Proben, welche bei Landung der Partie von den beiden Vertretern des Käufers und des Verkäufers gemeinschaftlich gezogen und versiegelt worden sind, müssen dann von ihm innerhalb der gleichen Frist unter Einreichung einer Arbitrageanmeldung auf dem von der Börse dafür vorgeschriebenen Formular dem Baumwollprobenzimmer übergeben werden.

Im Bureau der Börse liegt dem Schriftführer, an welchen alle Arbitrageanträge und sämtliche auf die Arbitration Bezug habenden Schrittstücke zu richten sind, die Gesamtkontrolle der Arbitrageangelegenheiten ob. Die einlaufenden Anträge werden dort gebucht und mit fortlaufenden Nummern versehen. — Nachdem die Proben selbst im nordöstlichen Portal des Börsengebäudes direkt vom Wagen in den dort befindlichen Lift abgeliefert sind, werden sie durch diesen in den Vorbereitungsraum im Dachgeschoss befördert und dort von zwei Angestellten, welchen auch die Aufsicht über die weitere Behandlung der Proben bis zur Arbitrage obliegt, in Empfang genommen. Diese Angestellten haben in erster Linie zu prüfen, ob die Siegel intakt sind, diese Tatsache im Arbitrageantrag durch Eintragung der Buchstaben des Siegels zu vermerken und dann die Probenrollen einer jeden Partie, von denen bei nordamerikanischer Baumwolle jede zwanzig Proben enthält, durch Stempel mit der fortlaufenden Nummer, unter welcher der Arbitrationsantrag im Bureau gebucht ist, zu versehen. Um die unparteiische Arbeit des Probenzimmers zu sichern, werden dabei auch die Etiketten auf den Probenrollen, welche den Namen des Antragstellers der Arbitrage, den Dampfernamen, die Anzahl und das Signum der Ballen aufweisen, mit einem undurchsichtigen Zettel überklebt. Dieser Zettel wird erst nach stattgehabter Arbitrage entfernt, so dass die Proben während der ganzen folgenden Manipulation keine Merkmale ihres Ursprungs aufweisen. Alsdann werden die Siegelproben unter Aufsicht der vorhin genannten Angestellten zur Erleichterung des Überblicks bei der Begutachtung in eine gleichmässige Form gebracht, „gedresst“.

Nach Beendigung dieser vorbereitenden Arbeiten werden die Proben mit dem Lift in den grossen Arbitrageraum, welcher während der Arbeit der beeidigten Klassierer nur von den dort beschäftigten Angestellten der Börse betreten werden darf, befördert, dort von dem die Aufsicht führenden Angestellten in Empfang genommen und den beeidigten Klassierern vorgelegt. Sobald die Klassierer ihr Urteil gefällt haben, tragen sie das Resultat der Abschätzung ein und ebenso nach Entfernung der die Etiketten der Probenrollen verdeckenden Zettel die darauf befindlichen Namen der Firmen. Dann wandert der Schein mit dem Urteil zurück in das Hauptbureau der Börse, wo der Schriftführer für schleunigste Ausfertigung der vorgeschriebenen Zertifikate, die von den beteiligten beeidigten Klassierern in ihrem von den übrigen von der Börse benutzten Räumen getrennt gelegenen besonderen Bureau unterzeichnet werden, sorgt, um solche dann den beiden Parteien prompt zuzustellen. Die Proben der Parteien werden nun den beteiligten Parteien in dem Besichtigungszimmer der Börse zur Besichtigung, die aber nur unter Aufsicht der dafür Angestellten des Probenzimmers geschehen darf, freigegeben. Im Fall eine der beteiligten Parteien durch das Urteil der beeidigten Klassierer nicht zufriedengestellt ist, hat sie bei dem Direktor der Börse Berufung einzulegen.

Das Berufungs-Schiedsgericht, zu welchem die Schiedsrichter unter gleichzeitiger Zeitangabe schriftlich eingeladen werden, tritt unter Hinzuziehung eines der beeidigten Klassierer, welche das erste Urteil gefällt haben, im Arbitragezimmer der Börse zusammen.

Die Proben der endgültig erledigten Partien werden mit einem zweiten Lift in das Kellergeschoss der Börse, welches Raum für Proben aus ca. 240.000 Ballen enthält, befördert und dort in numerierten Fächern untergebracht, deren Nummern in den Lagerbüchern notiert werden, so dass im Bedarfsfall die Proben jeder Partie rasch zur Hand sind. Hier bleiben die Proben bis zur Ablieferung zur Verfügung der Eigentümer liegen.

Kurz und gut, die Bremer Baumwollbörse tut ihr äusserstes, um eine prompte, gewissenhafte und unparteiische Erledigung der ihr obliegenden Pflichten zu betätigen. Dass dies nicht nur von dem Handel, sondern auch von der Industrie in vollem Masse anerkannt wird, dafür darf die stets steigende Ziffer der zur Abschätzung gelangenden Ballenzahl wohl als Bestätigung dienen. Die Tätigkeit der Bremer Baumwollbörse wird für unsere Nationalwirtschaft an Wichtigkeit noch gewinnen, wenn einmal unsere eigenen Kolonien grössere Mengen von Baumwolle liefern.

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