der Kakao, seine Kultur und Verarbeitung

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Kein Feldzug ohne Schokolade!

Unsere heutige Jugend kennt nicht mehr die Zeiten, da Schokolade und Kakao Genussmittel waren, die man sich nur aus ganz besonders festlichen Anlässen gestattete. — Schokolade und Kakao sind auch heute immer noch ein recht begehrter Artikel geblieben.

Aber ihr Preis ist durch die gesteigerte Produktion und die infolge Vervollkommnung der Fabrikationsmaschinen verbilligte Verarbeitung derartig gesunken, dass diese früher recht teueren Genussmittel jetzt Allgemeingut des täglichen Lebens auch für die minder begüterte Bevölkerung geworden ist.

Welche Bedeutung hat heute der Kakao bei der Verproviantierung der Armeen! Kein Feldzug ohne Schokolade! Welch’ grosse Dienste leistete sie unseren wackeren Südwestafrikanern im Herero– und Hottentottenkriege! —

Aber die wenigsten wohl, welche heute Schokolade und Kakao für sich verwenden, wissen viel mehr von diesem Produkt, als dass es aus einer tropischen Bohne gewonnen wird, die man ja auch im rohen Zustande dann und wann einmal in den Schokoladeläden zur Schau gestellt sieht, und sie wissen vielfach auch nicht, dass aus unseren Kolonien, namentlich aus Samoa und Kamerun, ein vorzüglicher Kakao kommt. Und darum möchte ich meine verehrten Leserinnen und Leser bitten, nach einer schnellen Fahrt über den Ozean mit mir einen Rundgang durch eine Kakao-Pflanzung zu machen. Nach einer Fahrt durch hochstämmigen, lianendurchflochtenen Urwald, belebt von bunten Papageien und Kolibris, gelangen wir zu der als Ziel unseres Ausfluges erwählten Kakaopflanzung. — Sie sieht mehr wie ein Wald aus, aber wie ein regelmässig gepflanzter. In langer Reihen stehen etwa 15 Meter hohe Bäume und zwischen diesen Reihen je drei Reihen niedriger Bäume, etwa 5 Meter hoch, in Form und Schnitt unseren Apfelhalbstämmen ähnelnd, im Laub allerdings sehr verschieden. Diese letzteren sind Kakaobäume. Die hohen dagegen sind die Schattenspender für die zwischengepflanzten je drei Kakaoreihen, denn der Kakao verträgt nicht die unausgesetzte Bestrahlung der Tropensonne. Die schattenspendenden Bäume (fast ausschliesslich Leguminosen oder Stickstoffsammler, oder neuerdings praktischerweise auch Parakautschukbäume) führen dem Boden zugleich neuen Nährstoff dadurch zu, dass sie mit den Blättern Stickstoff aus der Luft ziehen und diesen an den Wurzelknoten aufspeichern. Sie vollziehen nebenbei durch den Laubfall der ebenfalls stickstoffhaltigen Blätter eine umfangreiche Gründüngung, die sehr erwünscht ist, weil der Kakao eine grosse Menge von Stickstoff verbraucht.

Die Kakaobäume sind schwer behängen mit braun-roten Früchten, die nicht nur an den Zweigen hängen, sondern auch zum Teil unmittelbar am Stamme angewachsen sind. Die reifen Früchte haben eine rot-gelbe Färbung angenommen. Arbeiter sind gerade damit beschäftigt, diese letzteren abzuschneiden mit Hilfe von Erntemessern, die an lanzenartigen Stöcken belestigt sind. In Säcken tragen die Arbeiter, die Reihen entlang von Baum zu Baum gehend, die geernteten Früchte an die zahlreichen Querwege, von wo andere Arbeiter mit Lasttieren sie an die Hauptwege bringen. Auf kleinen Feldbahnen werden die Früchte dann an den Hauptsammelstellen zusammen gefahren. Dort werden sie ausgekernt. Ein Schlag mit einem nicht zu scharfen Messer, von geübter Hand geführt, öffnet die mässig harte gurkenartige Schale, so dass ein zweiter Handgriff genügt, die untere Hälfte der Schale wie den Teil eines Etuis herabzuziehen. Mit zwei Fingern werden nun die an einem spindelartigen Stiel hängenden Bohnen herabgestreift und in Kästen geworfen. Schon nach verhältnismässig kurzer Zeit gelangen die Arbeiter zu einer grossen Fingerfertigkeit beim Entkernen. Die entkernten Bohnen werden nun ins Gärhaus gebracht und dort in Kästen eingefüllt, um einen mehrtägigen Gärprozess durchzumachen. Dieser beginnt meist schon nach 24 Stunden dadurch, dass sich der Zuckergehalt des die Kakaobohnen umgebenden Fruchtschleimes unter Wärmeentwicklung in Alkohol und Kohlensäure umsetzt. Durch mehrmaliges Umschaufeln des Kakaos wird verhindert, dass die Wärmeentwicklung eine zu grosse wird.

Sie darf keine höhere Temperatur als 50 Grad Celsius erzeugen, da sonst die Bohnen durch die zu grosse Erhitzung brandig werden. Der Gärprozess ist nötig, um den Bohnen den herben, bitteren Geschmack zu nehmen, der ihnen ohne Gärung sonst anhaften würde. Welche chemischen Umwandlungen bei der Gärung vor sich gehen, darüber sind sich die Theoretiker noch nicht ganz im klaren. Der Pflanzer hat durch die Praxis bestimmte Merkmale gewonnen, an denen er sieht, wann die Gärung abgebrochen werden muss, denn eine zu lange Gärung ist ebenso schädlich für den Geschmack des Kakaos, wie eine unvollständige.

Die fertig gewordenen Bohnen werden nunmehr zur Trockenanlage gebracht, und dort auf grossen Hürden der Sonnenstrahlen ausgesetzt und getrocknet. Hört die Sonne zu scheinen auf, so werden die auf Schienen laufenden Hurden in ein dahinterliegendes Haus gefahren, welches mit einer Heizanlage versehen ist, damit bei fehlender Sonnenbestrahlung die Trocknung im Hause fortgesetzt werden kann. Es gibt zahlreiche Systeme von Trockenanlagen. Jeder Pflanzer lobt die von ihm übernommene als die vollkommenste. Neuerdings wird auch mit Maschinen getrocknet, was aber in wenig entwickelten Ländern nicht ratsam ist, wegen des Fehlens fachkundiger Maschinenhandwerker. Nach vollendeter Trocknung sind die Kakaobohnen nunmehr versandfertig, werden gesackt und nach Europa verschifft, wo sie dann in die Hand des Fabrikanten gelangen, um zu Kakaopulver oder weiter zu Schokolade verarbeitet zu werden.

Nach einer Wanderung durch die Kakaofelder und nach Besichtigung der Gär- und Trockenanlagen kehren wir zurück zu den auf einer kleinen Anhöhe gelegenen, von der Brise bestrichenen Wohnungen der Weissen. In dem von tropischer Blumenpracht umrahmten Hause des Verwalters steigen wir ab, werden von seiner jungen deutschen Frau begrüsst und erhalten hier nach Pflanzersitte zubereiteten Kakao zum Trinken, nämlich Kakaopulver mit Wasser aufgebrüht, ohne Zucker und Milch, ein ausserordenlich wohlschmeckendes und anregendes Getränk, an das man sich zunächst gewöhnen muss, dessen Annehmlichkeit man später jedoch sehr schätzt, da bei ihm die feinsten Nuancen des Aromas unverdeckt durch Zucker und Milch zur Geltung kommen. Pflanzer und Sachverständige erblicken in dem Hinzufügen solcher eine eben so grosse Sünde, wie der Weinkenner, dem man einen guten Wein zu einer Bowle „verpantschen“ würde.

Und nun meine lieben Leserinnen und Leser, wollen wir im schnellen Fluge wieder nach Europa zurückkehren. Ein kleines Gedenken jedoch bitte ich von dieser ungefährlichen Tropenreise mit nach Hause zu nehmen: In Wirklichkeit kehrt nicht jeder so gesund wieder zurück, und manch einer von denen da draussen überhaupt nie mehr. Klima und aufreibende Arbeit zehren am Körper derer, welche in unseren deutschen Kolonien Kakao pflanzen! — Dankt ihnen ihre Mühe und unterstützt unsere koloniale Landwirtschaft, indem Ihr, Mütter und Töchter Deutschlands, nur deutschen Kakao verbraucht! — Die Produktion unserer Kolonien wird von Jahr zu Jahr grösser. Es werden bereits sehr bedeutende Quantitäten deutschen Kolonial-Kakaos verarbeitet, und zwar Kamerun-Kakao hauptsächlich zu Pulver, Samoa-Kakao wegen seines vorzüglichen Aromas zu Schokolade. Kamerun-Kakaopulver und Samoa-Schokolade sind preiswerter und in Qualität eben so gut, wie die ausländischen Produkte. Es sind jene die mühevollen Ergebnisse deutscher Kolonialarbeit, die es wahrhaftig verdient, von der deutschen Hausfrau nach Kräften unterstützt zu werden.

Richard Deeken.

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