der Islam in Afrika: seine Verbreitung und politische Bedeutung

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Wer während der letzten Jahre die Ereignisse in Deutsch-Ostafrika oder im Hinterlande von Kamerun aufmerksam verfolgt hat, den wird es nicht wundergenommen haben, dass auf dem letzten Kolonialkongress in Berlin die Islamfrage aufs lebhafteste behandelt wurde. Immerhin hat es doch viele überrascht, dass wir in unseren Kolonien mit einem starken mohammedanischen Faktor zu rechnen haben und zwar nicht nur in Ostafrika, sondern auch im Hinterlande von Kamerun und Togo.

Während der Islam im Osten an der Küste sitzt und mit dem Handel langsam in das Innere vordringt, kommt er im Westen aus dem Inneren und zwar in Kamerun aus der Tschadseegegend, und in Togo aus der Sahara und den angrenzenden Steppengebieten, wo er besonders durch das Handelsvolk der Haussa vermittelt wird. Der Islam ist auf verschiedenen Wegen in Afrika eingedrungen. Nordafrika (Aegypten und das Berberland) übernahm den Islam von den einwandernden Arabern, die hier auf den Trümmern des byzantinischen Reiches von der Mitte des siebenten Jahrhunderts ab das Kalifenreich gründeten, das sich bekanntlich auch über Vorderasien ausdehnte. Auf den Karawanenwegen durch die Sahara und durch das obere Niltal drang der Islam allmählich nach Zentralafrika vor, wo ihm schon um 1100 das grosse Reich Kanem-Bornu seine Entstehung verdankte.

Das Eindringen des Islam in den östlichen Sudan ist erst im 14. Jahrhundert erfolgt. So entstanden die Eingeborenenstaaten Darfur, Wadai und Baghirmi. Schon sehr früh hatte sich der Islam aber auch im Westen Afrikas ausgebreitet und zwar war er von Marokko aus nach Senegambien vorgestossen und Timbuktu wurde zum Zentrum des Islam in Westafrika. Um 1400 wurde durch den Übertritt der Haussa zum Islam und in neuerer Zeit durch die Gründung des Fulbe-Kaiserreiches von Sokoto auch das Gebiet zwischen Senegambien und dem Tschadsee vom Islam durchsetzt. Langsam schiebt er sich heute gegen den Süden und gegen die Westküste vor.

Ganz anders geartet war die Ausbreitung des Islam an der Ostküste Afrikas. Hier kam er von Hadramaut und anderen Landschaften des südlichen Arabiens, da der natürliche Wechsel der Monsune die Schiffahrt zwischen den genannten Ländern ungemein erleichterte. Schon vom achten Jahrhundert ab und auf die Dauer immer stärker können wir arabische Besiedlungen im Somalilande oder an der Suaheliküste bis nach Mozambique und Madagaskar hinunter nachweisen. Bis zu welcher Blüte es der Islam damals in Ostafrika gebracht hat, beweisen die aus vorportugiesischer Zeit stammenden Moschee- und Burgruinen, die sich an der ganzen Küste finden, besonders grossartig aber in Kilwa-Kisiwani. Diese Islamisierung blieb lange Zeit ausschliesslich an der Küste haften, doch drang seit Beginn dieses Jahrhunderts mit den Sklavenjagden der Araber der Islam auch über den Tanganjika– und Njassasee hinaus in Zentralafrika ein.

Mit diesem Tatbestand muss die europäische Kolonisation als mit einem gegebenen rechnen. Überraschend ist aber die unbestreitbare Beobachtung, dass die eben skizzierte Verbreitung des Islam in den letzten Jahrzehnten ganz gewaltig an Umfang gewonnen hat. Man hat die Gründe dafür in der Neubelebung des Islam suchen wollen, die man häufig mit dem Namen Panislamismus bezeichnet und namentlich die Organisation der religiösen Bruderschaften, der afrikanischen Senussi u. a., und die religiöse Propaganda des abgesetzten Türkensultans und Kalifen Abdul-Hamid dafür verantwortlich zu machen versucht. Richtig daran ist wohl nur, dass ein Teil der Gründe dieses seltsamen Wachsens des islamischen Einflusses in dem Inhalt seiner Lehre zu suchen ist, seiner absoluten Siegesgewissheit, seinem dem Negergemüt sympathischen Fatalismus, der Betonung des Rituellen und der Rückensteifung, die er dem Schwarzen gegenüber dem Europäer zu geben vermag. Da ist weiter die Form der Propaganda. Wer Mohammedaner werden will, braucht keinerlei umständliche Formalitäten zu erfüllen. Der Wille zum Übertritt genügt, und der Islam breitet sich aus, indem er sich der heidnischen Volkssitte anpasst. Da ist endlich die Kopiersucht des Negers, der vom Europäer, wenn er seine Äusserlichkeiten nachahmt, wohl die Hose, den Sonnenschirm und den Spazierstock übernimmt, vom Araber oder Haussa aber sich den Rosenkranz, die Beschneidung, den Gebrauch der Amulette, das öffentliche Gebet, die Abscheu vor Schweinefleisch und ähnliches aneignet. Der Gebrauch der Hose und des Sonnenschirmes macht ihn noch nicht zum Christen, mit der Beschneidung und der Abscheu vor dem Schweinefleisch ist er aber ein halber Mohammedaner.

Aber alle diese Gründe erklären doch noch nicht, warum sich der Islam gerade unter der europäischen Herrschaft so besonders stark ausbreitet. Man sollte das Gegenteil annehmen und doch ist es sicher, dass die Ausbreitung der europäischen Herrschaft in Afrika der eigentliche Grund ist für den wachsenden Einfluss des Islam. Konnte früher der Islam nur durch kriegerische Nationen in die festgefügten ethnischen Gebilde Innerafrikas hineingetragen werden, so hat dieser Kampf aller gegen alle in Afrika jetzt so gut wie aufgehört. Der Sklavenjäger früherer Jahrhunderte ist jetzt zum friedlichen Kaufmann geworden, der mit seinen Waren auch die geistige Kost des Islam importiert. Ungehindert kann er jetzt dank dem europäischen Gottesfrieden von Ort zu Ort ziehen, geschlossene Gebiete, die sich früher gegen alle fremden Elemente ablehnend verhielten, öffnen sich jetzt freiwillig oder unter dem Druck der europäischen Vormacht, dem internationalen Handel, und dieser Handel liegt eben ausschliesslich in den Händen der handeltreibenden Nationen Afrikas, der Haussa, der Araber, der Suaheli, die alle den Islam bekennen. Die moderne Eingeborenenpolitik hat allerdings von diesen Tatsachen gelernt. Man erhält jetzt nach Möglichkeit die bestehenden administrativen Einrichtungen der Eingeborenen. Aber gerade diese Politik zwingt die Verwaltung dazu, sich an die gehobene Klasse der Bevölkerung zu halten und Mittelglieder zu schaffen zwischen sich und dem Gros der Eingeborenen. Diese Mittelglieder sind aber in Ostatrika fast durchweg Mohammedaner. Unsere Askari, die Mehrzahl der Boys, viele Akiden und Jumben sind mohammedanisch. So kommt es, dass in Deutsch-Ostafrika jede Regierungsstation im Hinterlande gleichzeitig ein Vorposten für den Islam wird. Auch die Schaffung moderner Verkehrssprachen dient in gleicher Weise der Propaganda des Islam, denn nicht nur das Arabische, auch das Suaheli und das Haussa sind vollkommen von der islamischen Bildung und Terminologie durchsetzt. Und trotzdem müssen wir diese Verkehrssprachen haben. Eine weitgehende Einführung des Deutschen wäre überaus bedenklich, da wir uns damit der Möglichkeit begeben, uns über die Köpfe der Eingeborenen weg zu verständigen. Das Beispiel der französischen Erfahrungen in Nordafrika sollte uns hier warnen.

Der Islam ist ein kompliziertes Gebilde und nicht nur eine religiöse Weltanschauung, die das Leben bis in alle Einzelheiten durchdringt, sondern er ist zugleich eine politische Theorie, ja der Ausdruck einer ganzen Zivilisation. Uns interessiert hier nur diese politische Theorie des Islam. Sie stellt sich dar als die Forderung eines grossen, einheitlichen mohammedanischen Reiches unter der Führung eines Kalifen. Sie hat aber auch noch eine andere, weniger staatsrechtliche als religiös-dogmatische Ausprägung gefunden. Es ist dies die Hoffnung auf einen Mahdi, einen Rechtgeleiteten, der vor dem Anbruch des jüngsten Gerichtes auf Erden erscheinen soll, um die Welt mit Gerechtigkeit zu erfüllen, wie sie bisher mit Ungerechtigkeit erfüllt war. Diese ursprünglich nur gegen ungerechte mohammedanische Herrscher gerichtete Lehre hat in letzter Zeit häufig auch eine anti-europäische Tendenz angenommen. Ich erinnere nur an die Geschichte des Mahdi von Chartum, an die Mahdiunruhen im Hinterlande von Kamerun und an die Mekkabriefaffäre in Deutsch-Ostafrika, die sich auf derselben theoretischen Grundlage aufbaute.

Diese Mahdilehre ist denn auch lür die Praxis unendlich viel wichtiger als die staatsrechtliche Lehre des Islam; denn wenn auch die Theorie ein einiges mohammedanisches Reich fordert, so gehen die Wünsche der einzelnen mohammedanischen Herrscher doch nach der anderen Richtung, und es würde keiner gutwillig sein Reich an irgend einen grossen Türkenkalifen abtreten. Die junge Türkei hat aber sogar alles Interesse daran, keine allzu starke Kalifatspolitik zu treiben, denn ihre ganze Existenz hängt davon ab, ob sie sich aus der Vormacht des Islam zu einem konstitutionellen Reiche entwickelt, in dem Christen und Mohammedaner gleichberechtigt sind.

Mahdiunruhen dagegen wird es solange geben, als der Islam besteht. Es wird immer ungebildete, leicht verhetzbare Kreise geben, in denen sich die Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen in die Form von Mahdihoffnungen kleidet, und ein geschickter Hetzer wird es namentlich in Afrika immer leicht haben, Anhänger zu gewinnen und den Glauben an seine übernatürliche Mission zu verbreiten. In der Jahrtausende alten Geschichte der Kolonisation gibt es wohl kein Beispiel dafür, dass das kolonisierte Volk dem Kolonisierenden dankbar gewesen wäre. Die Beherrschten haben stets die Beherrscher gehasst, und der Hass ist umso grösser, je vielseitiger die Unterschiede zwischen oben und unten sich gestalten. So werden auch in Afrika die schwarzen Rassen die europäischen Völker nur ertragen, weil sie es müssen, und es wird immer Opposition zu erwarten sein. Da ist es denn ganz gleichgültig, ob diese Opposition sich in die Form von Mahdiunruhen kleidet, oder ob sie die Gestalt der äthiopischen Bewegung annimmt, d. h. im Namen des Christentums ein freies Afrika für die Schwarzen fordert, oder ob sie endlich in der rein heidnischen Organisation eines Wasserzaubers zu wirken versucht, wie wir es 1905 im Maji-Maji-Aufstande erlebt haben.

Als eine politische Gefahr kann ich also den Islam in Afrika nicht ansehen. Die starke Verbreitung des Islam und die geringe Durchsetzung Afrikas mit Weissen zwingt uns unter allen Umständen zur Toleranz, ganz abgesehen davon, dass wir in den Gebieten, die unter die Kongoakte fallen, durch internationale Abmachungen dazu verpflichtet sind. Eine strenge Aufsicht wird dem Islam gegenüber allerdings vonnöten sein. Eine solche Aufsicht ist aber auch selbständigen schwarzen Christengemeinden gegenüber unerlässlich.

C. H. Becker.

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