Strafen und Erziehen – Wirkung des Bestraftwerdens

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Kausale und genetische Betrachtungsweise. — Körperstrafe seitens der Mutter. — Bei verschiedenen Völkern. — Anschauungen von Philosophen — Von Aerzten und Juristen. — Späte Folgen der Schlageszenen für die seelische Entwicklung. — Alles passive Erleben drängt zum reziproken Tun. — Die verschiedenen Reaktionen des Kindes. — Gefährlichkeit der ungerecht verhängten Strafe. — Wie die Kinder selbst über die Körperstrafe urteilen.

Man ist zur Klärung der Wirkung der Erziehungsstrafe zu viel von der Absicht des Erziehers und vom Zweck, den die Strafe erfüllen soll, ausgegangen. Unser Weg der kausalen Betrachtung ist mühsamer, führt aber allein zum Ziel. Wir haben schon bisher die Reaktionen des Kindes auf Tun und Rede des Erziehers verfolgt; die Wissenschaft lässt erwarten und die längere Erfahrung zeigt, dass hier komplizierte Zusammenhänge walten und verwickelte Kausalvorgänge ablaufen. Sie konnten erst verstanden und zerlegt werden, als man die späten Folgen der Erziehungsmassnahmen und insbesondere der Erziehungsstrafe bis zur Reife und weiter noch im Leben des Erwachsenen nachzuweisen lernte.

Die Beobachtung, dass ein Nadelstich, der einem in der Entwicklung begriffenen Lebewesen an einer bestimmten Stelle zugefügt wurde, bestimmte Störungen in der späteren Entwicklung des Organismus setzt, sagt noch wenig; bedeutungsvoll ist aber schon die vergleichende Erfahrung, dass die Folgen um so schwerer sind, je früher die Verletzung gesetzt wurde. Aus der vergleichenden Feststellung dieser Spätfolgen je nach dem Sitz der Verletzung gelang es, die verschlungenen Wege der Körperreifung zu verfolgen. In analoger Weise setzen bei der Erziehung offenkundige und anonyme, grobe und feine Einflüsse Veränderungen der werdenden Seele. Die sich verknüpfenden, einander bald verstärkenden, bald hemmenden Wirkungen liegen noch sehr im Dunkel. Doch zeigt sich schon ein Ordnungssystem, das praktisch brauchbare Folgerungen ziehen lässt. Um es benützbar zu machen, musste man immer mit dem Leben und Erleben der Kinder, wie es wirklich ist, in Fühlung bleiben und, ohne dogmatische Voreingenommenheit, Seelisches durch Seelisches verstehen. Zweitens musste man das Gewordene, z. B. die Gewohnheiten und den Charakter eines Menschen, genetisch, d. h. im Werden, erfassen, auf dem langen Wege von der Vererbung der Bereitschaft, in bestimmter Weise zu reagieren, über die Modifizierung durch soziale, wirtschaftliche und erzieherische Einflüsse, zur Erstarrung in Gewohnheits- oder Charaktereigentümlichkeiten.

Wo immer wir Schlüsse aus direkten Beobachtungen am Lebensexperiment ziehen wollen, werden sich reichlich Lücken beim Versuch zeigen, auf Grund von Einzeltatsachen das Ganze zu deuten und für besseres Handeln nutzbar zu machen. Trotz aller individuellen Verhaltensweisen von Kindern und Erziehern erraten wir aber dennoch meist ein Gemeinsames, Typisches und Ge-samtgültiges, wir sind so in der Lage, Lücken in der einen Beobachtung durch das Heranziehen anderer Feststellungen auszufüllen. Unter diesen Voraussetzungen lässt sich auch das Material über die Wirkung von Strafen und Bestraftwerden übersehen und ordnen.

Beobachtungen und Rundfragen ergaben, dass die meisten Kinder die Prügelstrafe als schlimmste Strafe ablehnen, während Eltern und Erzieher in ihrem praktischen Vorgehen — trotz gelegentlicher theoretischer Abkehr — ihr den Vorzug geben, manche nur selten und ausnahmsweise, andere methodisch und ohne Bedenken. Die Strafe durch Schlagen steht meist im Mittelpunkt der erzieherischen Auseinandersetzungen, zum mindesten in Laienkreisen, sie ist uralt und dürfte nach den Feststellungen über die Entstehung des Strafens auch ihren sakralen Ursprung nicht verleugnen. Ihre Bevorzugung bei religiöser Erziehung ist nicht nur im Christentum gestützt — wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es —, sondern auch in anderen Systemen zur sittlichen und frommen Erziehung von Triebwesen.

Für den sakralen Ursprung lässt sich wohl auch die Tatsache verwerten, dass Frauen ihre Kinder mehr schlagen als Männer. Das hängt nicht nur damit zusammen, dass die Mütter mehr Gelegenheit und Zeit für diese Handlung haben, sondern mit der weiblichen Eigenart, über welche die Biologen und Psychologen verschiedene Erklärungsversuche anstellen. Handwerker nimmt an, dass die Prügelstrafe in der Kindererziehung eine in der frühesten Menschheitsgeschichte entstandene Instinkthandlung sei und die Mütter aus einem uralten Instinkt heraus vor allem ihre Töchter schlügen. Auf Grund bestimmter Überlegungen glaubt er, dass Schlagen auf das Gesäss ein uralter Fruchtbarkeitszauber sei, der biologische Grundlagen hätte. Wirkliche Beweise für die Richtigkeit einer solchen Theorie lassen sich nicht bringen.

Josef Hauser hat 1909 die verfügbaren Quellen bearbeitet. Nach ihm gab es immer Zeiten, in denen die körperliche Züchtigung, je nach dem leitenden Gesichtspunkt der Gesellschaft oder des Staates bevorzugt war oder bekämpft wurde. Bei den Kulturvölkern des Orients, z. B. bei den Chinesen, wo der Vater eine unbeschränkte Gewalt über seine Kinder hatte, war die Hand mit einem Stock das Schriftzeichen für Lehren. In Indien mussten die Lehrer Nachsicht und Geduld anwenden und durften nur im Notfall schlagen; auch bei den Persern standen die Strafverfahren im Zeichen der Milde. Kinder unter 8 Jahren durften bei diesem Volk niemals geschlagen werden. Bei den Juden stand die Ehrfurcht vor Gott und den Eltern im Vordergrund und damit das scharfe Messer der Zucht. Das ging so weit, dass wenn die üblichen Strafmittel versagten, die Kinder vor die Stadt geführt werden sollten zur Steinigung. In der nachchristlichen Zeit hat bei den Juden unter dem Einfluss des Talmud eine mildere Zucht eingesetzt. Dabei wurde betont, dass durch die Züchtigung das Ehrgefühl nicht verletzt werden dürfe. Bei den Aegyptern stand das Unterrichts- und Erziehungswesen auf hoher Stufe, man darf das wohl darauf zurückführen, dass die Frau eine würdige Stellung in der Familie hatte. Bei ihnen spielte das Schlagen eine wesentliche Rolle. Bei den Griechen und Römern herrschte in der Erziehung viel Strenge. Die Griechen entzogen den Eltern die Kinder nach dem siebenten Lebensjahr und liessen sie in einer staatlichen Anstalt erziehen. Die Rute war ein bevorzugtes Erziehungsmittel.

Es gab aber immer Lehrer und Staatsmänner, die sich für eine milde Erziehungsmethode eingesetzt haben. Von Sokrates stammt der Spruch:

«Wen das Wort nicht schlägt, den schlägt auch der Stock nicht.»

Plato setzte sich dafür ein, dass die freien Knaben nur im Notfall geschlagen werden sollten. Bei den Römern hatten die Erziehungssklaven ein unbedingtes Züchtigungsrecht. Terenz u. a. verteidigten die Ansicht, dass das Ehrgefühl und die Milde einen grösseren Erziehungserfolg hätten als Furcht und Strenge. Cato vertrat die gleiche Anschauung. Im Mittelalter hatte die Rute einen Ehrenplatz in der Schule, und zu Hause das alte Bibelwort:

«Wer seinen Sohn lieb hat, züchtigt ihn.»

Auch in den Klöstern wurde reichlich geschlagen. Der Birkenwald war der geheiligte Hain der Lehrer. Die Schüler haben sich nicht selten dagegen zur Wehr gesetzt und gelegentlich ihre Lehrer bedroht, sogar getötet, oder wie Ekkehard von St. Gallen berichtet, auch einmal das Schulhaus angesteckt, um einer Rutenstrafe zu entgehen. Neben dieser harten Zucht liess man die Schüler auch zeitweise Feste feiern und ihre Kindheit geniessen. Doch gab es auch damals Persönlichkeiten, die erklärten, dass man ohne Prügelstrafe erziehen könne, so der berühmte Notker von St. Gallen und Hrabanus Maurus.

In der Zeit der Reformation und des Humanismus blieb die Praxis des Schulwesens lange Zeit fast unberührt von den neuen Anschauungen, bis sich allmählich durch einzelne Humanisten das Bestreben allgemein durchsetzte, statt der brutalen Züchtigung moralisch auf die Kinder einzuwirken. Die Jesuiten wandten die körperliche Züchtigung nur als äusserstes und letztes Mittel an. Im Zeitalter der Aufklärung setzten die Bestrebungen von Jean-Jacques Rousseau ein. Campe verspricht sich einen guten Erziehungserfolg, wenn man den Menschen die angenehmen Folgen des Guten einpräge. Bahrdt in Graubünden betrachtet den Stab der Zucht in Schule und Haus als den Stab Aarons, der zur Schlange wird, wenn man ihn wegwirft, aber Blüten treibt, wenn man ihn ins Heiligtum stellt.

Die Pädagogik des 19. und 20. Jahrhunderts zeigt als Zielrichtung eine Versöhnung der Gegensätze von Strenge und Milde. Die meisten Pädagogen standen der Frage gefühls-gespalten gegenüber. Unter den Philosophen äusserte sich Schleiermacher — als typischer Vertreter seiner Zeit — zwar auch ambivalent, aber doch mehr geneigt, die Körperstrafe zu verwerfen. In seinen Vorlesungen über Pädagogik hält er — worauf Rohm neuerdings hinwies — prinzipiell noch an der Strafe fest, die für ihn in Schamerregung und physischen Gewaltmassnahmen besteht. Physische Nötigung ist seiner Ansicht nach nur bei ganz kleinen Kindern zulässig, Körperstrafen seien aber späterhin möglichst zu vermeiden, weil sie «weichlich und feige» machen. In den drei Predigten «Ueber die christliche Kinderzucht» macht er dagegen einen Unterschied zwischen Strafe und Zucht, verwirft die Strafe ganz und predigt die Zucht, d. i. eine durch Uebung und Gewohnheit erworbene Beherrschung des Gemüts und der Triebe. Später wendete er sich gegen jegliche Strafe als Erziehungsmittel. Herbart wünscht, dass die körperlichen Züchtigungen mehr aus der Ferne gefürchtet, als wirklich vollzogen werden. Die Erfahrung des Autors und nicht weniger anderer widerspricht diesem Rat. So erzogene Kinder kommen aus der angstvollen Spannung nicht heraus; sie phantasieren geradezu eine «Strafwelt». —

Bezeichnend für die Einsicht eines grossen Menschen, der überzeitlich denkt und lange vor der Entdeckung der modernen Biologie ihre Befunde vorwegnimmt, ist eine Äusserung Goethes:

«Der Mensch hat verschiedene Stufen, die er durchlaufen muss, und jede Stufe führt ihre besonderen Tugenden und Fehler mit sich, die in der Epoche, wo sie kommen, durchaus als naturgemäss zu betrachten und gewissermassen recht sind.»

Pestalozzi ist zwar kein Gegner der Prügelstrafe, versucht aber, neben ihrer gelegentlichen Anwendung, anderen Erziehungsmitteln den Vorzug zu geben.

Die Pädagogen des 19. und 20. Jahrhunderts sind weit mehr geneigt als die mittelalterlichen, auf die Prügelstrafe zu verzichten, aber doch spielt sie wahrscheinlich in Schule und Elternhaus noch eine grosse praktische Rolle. Die Stellung der Ärzte und Juristen ist ebensowenig einheitlich wie die der Philosophen und der Theologen. So sieht der Jurist von Heutig in der Prügelstrafe ein «Verbrechen erregendes Strafmittel». Er sagt:

«Ich bin sicher, daß in einem Land mit allgemeiner Einführung der Prügelstrafe die brutalen strafbaren Handlungen ansteigen würden. Der Staat, der in Gestalt dieses ungeeigneten Strafmittels Winde säte, wird Sturm ernten.»

Nicht wenige Ärzte sind grundsätzliche Gegner der Prügelstrafe, andere verteidigen ihre Verwendung als unentbehrliches Hilfsmittel der Erziehung. In Gutachten über die leiblichen Folgen der Körperstrafe zeigt es sich, dass ihr Urteil stark abhängig sein kann von «Temperament» und Lebensauffassung. Es ist nicht nötig, näher zu begründen, weshalb wir eine Stellungnahme aufs Entschiedenste ablehnen, wie sie z. B. in folgender Beurteilung gegeben ist. Im Prozess Grete Beier wurde ein Gutachten über die Gesundheitsschäden als Folge körperlicher Strafe, die zu wiederholten Misshandlungen führte, abgegeben; in ihm heisst es unter anderem:

«Die Neigung des Kopfes nach unten und der starke Blutandrang nach dem Gehirn kommt auch bei gewissen anstrengenden turnerischen Übungen vor, die an sich nicht gesundheitsschädigend sind. In den Schlägen auf die Fussohlen kann ich eine lebensgefährliche Misshandlung nicht erblicken. Ich glaube auch nicht, dass dieselben trotz der Heftigkeit des Hiebes sehr schmerzhaft gewesen sein können, da doch die Sohlenhaut stärker ist als die des Gesässes. Auch die Kostschmälerung halte ich nicht für lebensgefährlich. Eine unmittelbare Lebensgefährdung liegt nach meiner Ansicht in keinem der erörterten Fälle vor.»

Man muss viele Mitteilungen mit Kritik benützen. wonach zahlreiche Rohheitsdelikte lediglich Folge der verrohenden Wirkung der Prügelstrafe wären. Immerhin zeigten nicht wenige Gerichtsverhandlungen, wie bedeutungsvoll wiederholte Schlagszenen auf die Entwicklung einzelner Menschen gewirkt haben. 1922 wurde Edith Cadivec in Wien wegen Misshandlung fremder und ihrer eigenen Kinder zu 5 Jahren schweren Kerkers verurteilt. Ihre Vorgeschichte ergab, dass sie als Kind sehr viel von der eigenen Mutter geschlagen und dabei erotisch gereizt wurde. Sie kam in der Entwicklungszeit ins Kloster, beschuldigte dort öfters Mitschülerinnen strafbarer, von ihr gelbst ausgeführter oder phantasierter Handlungen, um Bestrafung mitzuerleben. Wenn diese dann gezüchtigt wurden oder sie selbst Prügel erhielt, geriet sie in stark sexuelle Erregung. Ähnliche Beispiele von katastrophaler Wirkung des Prügelns knüpfen sich an die Namen Dippoldy von Lützow, Breithaupt u. a.

Die Tatsache, dass bei Beurteilung der Körperstrafe als Erziehungsmittel jene krankhaften Misshandlungen nicht zur Diskussion stehen, darf uns nicht übersehen lassen, dass gerade aus solchen Vorkommnissen wichtige Beobachtungen über die Natur des Kindes und seiner Erzieher gemacht werden können. Wie wir aus Geisteskrankheit, Neurose, Traum und Verbrechen Aufschluss erhielten über normale Gegebenheiten jedes Menschen, die sich unter bestimmten Bedingungen ins Krankhafte entwickeln und steigern, so lassen die Feststellungen an triebkranken Individuen, die schlagen oder geschlagen werden, vieles verstehen, was in allen schläft und doch wirksam ist. Wir meinen, «lass eine an Neurotikern gewonnene Einsicht Freuds sich für das Verständnis der Psychologie des Strafens bewährt: «Was man passiv erlebt, ist man bestrebt, aktiv auszuleben.»

Wir hatten bei Besprechung der Strafrechtstheorien vorweggenommen, dass für die Erziehungsstrafe nur die Theorie von der Besserung und Heilung brauchbar erscheint. Auch die Strafen nach dem Prinzip «gebranntes Kind scheut das Feuer», oder der Isolierung dienen diesen Zwecken, wenn man das Normalwerden als Besserung und Heilung im Vergleich zur abnormen Entwicklung und Gefährdung auffasst. Die Erziehungsstrafe hätte dann die spezielle Funktion, eine künftige Wiederholung der straffälligen Tat zu hemmen oder unmöglich zu machen und auf die Unart eine Reaktion in Gang zu bringen, die überhaupt das Straffälligwerden verringert. Als Mittel dazu dient der Weg, das Gewissen des Kindes als Verbündeten des Erziehers zu wecken. Bei der Bildung des Gewissens aus der ererbten Anlage und der frühen Anregung zur Verähnlichung eines Ichteils mit dem autoritativen Erzieher entstehen immer Schuldgefühle und ein allgemeines Schuldbewusstsein, das sich in Strafbedürfnis und Geständniszwang äussert. Es ist unbestreitbar, dass ohne deren Vorhandensein eine Strafe ohne Resonanz und ohne eigentlich erziehende Wirkung bleiben muss. Daraus ergibt sich, dass jede Strafe als Erziehungsmittel — also nicht als Mittel blosser Dressur — nur dann auf Erfolg rechnen kann, wenn das Kind Gewissen, Scham- und Schuldgefühl in normalem Verhältnis und Zusammenwirken aufweist. Dieser Erfolg wird bei triebstarken und abnormen oder gewissenskranken Kindern erst nach deren Heilung erreicht und fehlt bei Individuen, die durch organische Störung in ihrer Erziehharkeit schwer geschädigt sind. Nur die Erziehungspraxis kann erweisen, ob die verwendeten Erziehungsmittel, z. B. Schlagen oder Liebesentzug die Entwicklung von normalem Schuldgefühl und Gewissen im Kind fördern oder hemmen. Es werden hierfür noch Beispiele gebracht. Eigentlich dürfte nur dann eine absichtliche Erziehungsstrafe verhängt werden, wenn das Kind den Zweck der Strafe soweit versteht, dass sein sittliches Streben durch die strafende Handlung gefördert werden kann. Das setzt voraus, dass sein Verantwortungsgefühl für gut und böse bereits eine gewisse Stufe erreicht hat. Der juristisch-sittliche Schuldbegriff, der vom psychologischen verschieden ist, bleibt für unsere Aufgabe unerörtert, wie auch das Problem des freien Willens.

Beim Bestrafen zeigt sich oft deutlich das Missverhältnis zwischen den Vorstellungen und Absichten des Strafenden, seinen Handlungen und Strebungen und dem subjektiven und objektiven Geschehen im Bestraften. Die Wiedergabe eines Straferlebnisses ist wie jede Zeugenaussage abhängig von der Eigenart des Beobachters.

Nach dem Bericht eines Lehrers hat sich folgendes ereignet: Er gab einem Schüler drei Stockschläge undliess sich dann den Vorgang von den zuschauenden Schülern schildern. Deren Berichte waren alle verschieden, sie wichen stark von dem «objektiven» Vorgang ab, ja sie waren teilweise reines Phantasieprodukt. Jedes Kind mobilisierte bei dem Erlebnis alte und vor allem gefühlsbetonte Eindrücke und Erfahrungen und fälschte nach seiner eigenen Gefühlslage die rein sachliche Beobachtung. Beim Zusehen bei einer Strafhandlung am anderen ist die vorwiegende Färbung der Reaktion bei dem einen Angst, beim zweiten Hass, bei einem dritten Befriedigung des Schuldgefühls, bei einem vierten der Wunsch nach einer ähnlichen Behandlung.

Die seelische Wirkung des Bestraftwerdens hängt von der Beziehung zwischen dem Erzieher und dem Kind ab. Das wird später für die Stellung zur Schule massgebend. Je gesünder in seelischer Hinsicht ein Kind ist, um so mehr passt es, um der Strafe zu entgehen und sein Schuldgefühl zu vermindern — sein Selbstgefühl und Gerechtigkeitsbedürfnis beim Aufbau eigener Moral den Grundsätzen der Umwelt an. Je mehr das Gleichgewicht durch Überstrenge des Gewissens oder durch Unbeherrschtheit des Trieblebens oder beider Tatbestände gleichzeitig gestört wird, um so unsicherer ist die erziehende Wirkung einer selbsterfahrenen oder miterlebten Strafe. Das Material, das sie plastisch formen sollte, ist dann zu hart oder zu weich geworden. Solche Kinder versagen in der Schule und werden in verschiedener Art in ihrer Entwicklung gestört. August Strindberg erzählt aus seiner Kindheit eine Beobachtung, die tiefen Eindruck auf ihn gemacht hat:

«Ein Junge von vornehmer Geburt und reichem Haus, mit schwachem Körper und übergrosser Empfindlichkeit, wurde so erregt, wenn andere geschlagen wurden, dass er einen Anfall von hysterischem Weinen bekam und deshalb beinahe selbst vom Lehrer geschlagen worden wäre. Seine feinsten Gefühle wurden verletzt, aber er vermochte sich nicht wie die anderen, mit einer angenommenen Härte zu panzern.

Da ging er zu seiner Grossmutter, einer feinen Alten aus dem ancien regime und beklagte sich, drohte, er werde in die See oder zur See gehen. Die Grossmutter sagte: «Komm zu mir, ich werde Dich verteidigen.» Gesagt, getan, der Junge blieb einen Tag bei der Alten und durfte Bilderbücher besehen. Er befolgte ihren Rat, indem er sich auf ihre Autorität verliess und darum verhältnismässig unschuldig war. — Dann kam es! Die Schule schwänzen, darauf stand Relegation, eine Schande fürs ganze Leben. Die Strafe wurde im Gnadenweg umgewandelt in Schläge, in Gegenwart des Vaters vor der ganzen Klasse. — Es war eine furchtbare Szene! Zuerst ein inquisitorisches Verhör, bei dem der Junge nichts zu seiner Entschuldigung anzuführen wagte. Er durfte nicht sprechen von den rohen Szenen, die er nicht vertrug, durfte nicht den Rat der Grossmutter anführen, denn dadurch hätte er seine Portion Strafe nur vergrössert — «weil er die Schuld auf andere schieben wollte».

Der Vater weinte, als ob er selbst die Strafe erleide, aber er blieb stumm, denn er wollte nicht die eigene Mutter als Verbrecherin anklagen.

Der Knabe wurde gezwungen, Offizier zu werden, um an der Rohheit des Lebens stark zu werden. Aber er konnte seine Natur nicht ändern! Daher ging er freiwillig fort von allen, in recht jungen Jahren, fort von der harten Folter dieser Welt.»

Wie eine Bitte klingt es aus den letzten Worten des Dichters, es möge der Erzieher aus der wortlosen Sprache der Heranwachsenden manches Rätselhafte ahnen oder verstehen. Fontane schliesst ein Gedicht mit den zwei Zeilen:

Nur manchmal eine stumme Predigt Hält uns der Kinder Angesicht.

Selbst wenn wir annehmen, dass die eigenartige Persönlichkeit des grossen Dichters Strindberg aus jener Kindheitsszene eine dramatische Handlung machte, deren objektiver Gehalt von anderen Teilnehmern anders geschildert würde, haben wir das Recht, die Erzählung als Sinnbild einer typischen pädagogischen Haltung zu nehmen, die historisch in Schule und Elternhaus geübt wurde und gelegentlich noch wird. Wenn die Schule in dieser Art ein wohl gesittetes Kind zu seinem Verderben in bester Absicht erziehen konnte, so ist daran die eigene, falsch entwickelte Persönlichkeit des Erziehers oder die ethisch allzu sichere Stellung vieler Erzieher zur Frage der Schuld selbst mitschuldig; denn sie ist bei jeder Strafaktion beteiligt, sie prägt sich auch dem Kinde ein, das die Bestrafung anderer erlebt. So straft man oft, was man hätte vermeiden können und sollen, was man ohne zu wollen, hat begehen lassen. Das geht auch aus Beobachtungen hervor beim Verhängen von Schulstrafen, über die wir später sprechen werden. Wir messen dem Bericht Strindbergs als Künstler und als Erkenner unbewusster Geschehnisse eine besondere Bedeutung bei.

Wie so oft zeigt hier das Genie die Kämpfe und Wunden in vergrössertem Ausmass, welche allen Menschen gemeinsam sind. Wenn wir noch keine entwicklungsgemässe und als richtig erkannte Pädagogik für Kinder von Mittelmass besitzen, so ist die Erziehung des «Prinzen von Genieland» und die seelische Hygiene des genialen Kindes überhaupt noch ganz im Argen. Zweifellos ist der Erzieher am Scheideweg gestanden, ob er überhaupt oder insbesondere bei dem durch Uebermass der Begabung stark plastischen und eindrucksfähigen Kinde strafen darf.

Wenn man Erwachsene fragt, wie sie selbst zu den Strafen ihrer Kindheit stehen, erhält man ganz verschiedene Antworten, aber es muss immer dabei beachtet werden, dass selten ein Erwachsener weiss, was ihm in der Kindheit geschadet oder genützt hat. Der Hauptteil der Erziehung ist anonym und Vieles wird aus dem Bewusstsein gedrängt und anderes überwertet, weil der erwachsene Mensch andere Ziele hat und seine Kinderziele gar nicht mehr kennt oder sie verlacht. Es ist daher von besonderem Interesse, zu erfahren, wie Kinder selbst zu der Strafe stehen. Der Lehrer Pipal hat Schüler aufgefordert, mitzuteilen, was sie denken, wenn sie geschlagen werden.

Ein Mädchen von elf Jahren erzählt: « Wenn mich der Vater oder die Mutter schlagen, möchte ich ihnen auch zurückschlagen. Einmal sind wir bei Tisch gesessen, da hat mir die Mutter eine Ohrfeige heruntergebaut. Da hab ich einen solchen Zorn bekommen, dass ich alle Schimpfworte sagen wollte.»

Ein Knabe von fünfzehn Jahren teilt mit: « Wenn ich Schläge bekam, wurde ich zornig, dass ich vor Wut nicht wusste, was ich tun sollte. Oft wollte ich auch Zurückschlagen, so war ich zornig.»

«Ich werde zornig, ich möchte am liebsten zurückhauen — wenn ich auch zurückhauen könnte — ich hatte den Eltern eine Ohrfeige herunterhauen wollen.»

Ein Knabe von zwölf Jahren: «Der Vater wollte mir eine Ohrfeige gehen, ich bückte mich und der Vater schlug die Essigflasche vom Tisch herunter. Ich dachte mir, gelt, das war fein! Ich musste ohne Essen schlafen gehen. Als sich aber der Vater und Mutter schlafen legten, stand ich auf und nahm mir zwei Stück Butterbrote, so schlief ich getrost ein.»

Dieser Lehrer stellte auch 89 Schülern und 83 Schülerinnen einer Haupt-und Bürgerschule folgende Fragen zur schriftlichen Beantwortung:

A) «Soll man Kinder, die etwas angestellt haben, schlagen? Begründe Deine Antwort warum?»

B) «Gibt es bessere Strafen, welche schlage ich vor?»

C) «Wie wird ein Kind, das viel geschlagen wird?

D) «Kannst Du aufschreiben, was Du denkst, wenn Du geschlagen wirst?»

Es handelt sich hier um Kinder von 11—14 Jahren, die Pipal nie unterrichtet hatte. Für sie bedeutete diese Aufgabe etwas gänzlich Neues; sie mussten unvermittelt zu diesen Fragen Stellung nehmen.

Die erste Frage wurde von 80 Knaben mit «Nein», von neun mit «Ja» beantwortet. Die Gegner der Prügelstrafe gaben folgende Gründe an: «Es tut nicht sehr wohl, — es ist nicht angenehm, weil es weh tut, — weil es schaden könnte, —- weil sie dadurch etwas bekommen können (schwere Krankheiten, körperliche Schäden, Kopfschmerzen), — weil es nicht schön und der Kinder unwürdig ist, — weil man nur Tiere schlägt und Kinder keine Tiere sind, — weil sie dadurch dumm werden und sich alles schlecht merken, weil es auch ohne Schläge gehen muss.

Hier die Meinung der Bejaher:

«Bei manchen Kindern geht es ohne Schläge nicht — weil sie sonst dem Vater oder der Mutter nicht aufs Wort folgen, — wenn sie einmal Schläge bekommen, tun sie es das nächste Mal nicht mehr, — weil sie sich es merken und noch fleissiger lernen, — wenn das Kind wirklich nicht folgt, soll man es auf den Rückwärtigen schlagen.»

Sämtliche Mädchen haben sich gegen das Schlagen ausgesprochen. Ihre Begründungen weichen von denen der Knaben oft sehr erheblich ab. Naive Grundangaben wie «es tut nicht wohl, — es ist nicht angenehm, weil es weh tut usw. kommen schon bei Zwölfjährigen nirgends mehr vor. Da schreibt die zwölfjährige Frieda S.:

«Nein, antworte ich, das Schlagen ist ungesund und reizt die Haut; es kann dem Kind zur Gewohnheit werden, so dass es sich nichts daraus macht.»

Andere Meinungen:

«Mit dem Schlagen kommt man nicht weit, das Kind gewöhnt sich daran und das, was es angestellt hat, wird dadurch auch nicht besser. Daher ist es unnötig, Kinder zu schlagen. Kinder werden dadurch nur gereizt und zum Lügen verleitet. — Man soll ihnen gute Mahnungen geben und das Versprechen abringen, dass sie es nicht mehr machen werden. Kinder werden dadurch nicht besser und auch nicht gescheiter usw.»

Natürlich sind auch Hinweise auf körperliche und gesundheitliche Schädigungen vorhanden. Interessant ist, wie erwähnt, dass alle Mädchen die Körperstrafe ablehnen. Es wurde schon betont, dass erwachsene Frauen viel geneigter zum Schlagen sind als Männer.

Zur zweiten Frage: «Gibt es bessere Strafen, und welche?» meinen manche Knaben, dass das Strafeschreiben der bessere Ersatz für Körperstrafe sei. Andere raten zur Körperstrafe, während Mädchen den Hausarrest als die bessere Strafe bezeichnen. In ihren Antworten steht der Entzug von Liebe in der Strafe im Vordergrund.

Die dritte Frage, wie ein Kind wird, welches viel geschlagen wird, findet vielfache Beantwortung: ängstlich, nervös, lügenhaft, abgehärtet, gleichgültig, trotzig usw.

Die vierte Frage, was ein Kind denkt, wenn es geschlagen wird, bleibt oft unbeantwortet. Unter den Antworten fällt auf, dass nicht wenige die Strafe als eine Erlösung empfinden; wir würden sagen als Kompensation für das Schuldgefühl und als Auflösung der Angstspannung. Da schreibt eine 14jährige:

«Es ist wohl lange her, dass ich Schläge bekam, aber ich werde berichten, was ich damals gedacht habe. Ich bereute damals sehr, was ich angestellt hatte und nahm mir vor, es nicht mehr zu tun. Aber ganz im Inneren hatte ich einen heimlichen Zorn und dachte mir, ich werde meiner Mutter zum Namenstag nichts mehr kaufen.»

Die 14jährige Rosa G. meint:

«Meine Kinder werden niemals Schläge bekommen, denn ich weiss selbst, dass es schlechte Folgen haben könnte.»

Es zeigt sich, dass die Scham vor sich und den anderen besonders stark geweckt wird.

Die folgende Mitteilung eines Schülers von zehn Jahren ist deshalb interessant, weil das Kind nie geschlagen wurde, doch das Bedürfnis zum Geschlagenwerden aufweist.

Schüler N. begeht wiederholt kleine Verstösse gegen die Schulordnung. Als ihn der Lehrer einmal rügt und ihm androht, es auch dem Vater zu sagen, ruft er mit aufgehobenen Händen:

«Bitte, hauen Sie mich lieber durch, aber sagen Sie nichts meinem Vater.»

Erstaunt fragt der Lehrer, wieso er auf einen solchen Gedanken verfalle und annehme, dass ihn der Lehrer schlagen werde, es sei ja etwas Schreckliches, ein Kind zu schlagen.

«Ja», antwortet er, «es ist mir aber lieber, wenn ich Schläge bekomme, denn nachher sind Sie wieder gut auf mich. Mein Vater aber spricht auf mich gleich ein paar Tage, ja manchmal gleich eine Woche nicht. Und wenn er recht böse auf mich ist, daun darf auch meine Mutter nicht auf mich reden und das kränkt mich am meisten. Wenn ich lang mit niemand sprechen kann, dann bin ich ganz blöd.»

Diese Erziehung hat der Vater des Kindes bei einer Aussprache als modern bezeichnet. Sie entspricht keinesfalls dem, was wir von einer selbständigen Erziehung, von einer Erziehung zum Reifwerden, fordern. Das Beispiel zeigt, dass das Geheimnis brauchbarer Erziehungsmittel nicht in der «Straffreiheit» gegeben ist.

Diese Frage interessiert uns so sehr, dass wir auch verlässliche Beobachtungen bei Völkern heranziehen wollen, die ihre Kinder nach ganz anderen Grundsätzen erziehen und jegliche Körperstrafe ablehnen.

Siehe auch:
Strafen und Erziehen-Ursprung und Entwicklung des Strafens
Grund und Zweck des Strafens, die Strafrechtstheorien. Das Erziehen durch Strafe.
Zur Psychologie der Strafe und des Strafens

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.