Galileo Galilei: Der Prozeß

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Vorspiel.

Wegen der Veröffentlichung seines Dialoges wurde Galilei vor die Inquisition geladen. Er sollte sich verantworten, weil er in diesen Ausführungen die 1616 verbotene Lehre des Kopernikus als wahr hingestellt hatte. Allerdings hat Galilei in einer Einleitung versucht, dem Leser vorzutäuschen, daß er das kopernikanische System gar nicht für wahr halte, sondern es nur auseinandersetzen wolle. Diese Einleitung war zwischen ihm und dem Zensor genau besprochen worden. Es läßt sich heute nicht aktenmäßig feststellen, aus welchem Grunde der Papst sich nach der Veröffentlichung des Dialogs so außerordentlich feindselig gegen Galilei verhielt, wie er es wirklich tat. Urban VIII. verlangte, daß der florentinische Hofmathematiker sofort nach Rom kommen solle. Der im 69. Lebensjahr stehende Galilei wies vergebens auf seinen sehr bedenklichen Gesundheitszustand hin. Wenn er nicht freiwillig komme, ließ Urban sagen, so werde er ihn in Ketten legen und in diesem Zustand nach Rom transportieren lassen! Der Papst maßte sich die richterliche Gewalt in geistlichen Dingen in allen katholischen Ländern an — und Florenz war nicht Venedig! Der Großherzog Ferdinand II. wagte gegen den gefürchteten und als sehr energisch bekannten Urban VIII. nicht den geringsten Widerspruch. Er riet selbst zur Abreise. Mitten im Winter wurde der greise Gelehrte durch das von der Pest verseuchte Land in einer Sänfte nach Rom getragen, wo er am 13. Februar 1633 ankam. Unterwegs hatte er eine zehntägige Quarantäne an der Grenze des Kirchenstaates erdulden müssen.

Nun enthülte sich das Drama dieses Lebens. Jene eigentümliche Konstellation entstand, aus der heraus Galilei zum Märtyrer gestempelt werden mußte, um so jene Volkstümlichkeit zu erlangen, die seit Archimedes kein Wissenschaftler erworben hatte. Wie immer bei allem geschichtlichen Geschehen war es auch hier so, daß die bewegenden Kräfte im Drama nicht aus großen kulturellen Strömungen flössen, sondern entscheidend blieb lediglich das Persönliche. Es ist wahr, daß man das kirchliche Dekret vom 5. März 1616 gegen den großen Mathematiker aufzog. Die volkstümliche Geschichtsschreibung sagt: Seht, welche Schande, da sich die Religion in die Wissenschaft mengt — Und schon im achtzehnten Jahrhundert erklären die Freigeister: Wie kann eine Religion wahr sein, die eine offenkundige Unwahrheit durch feierlichen Machtspruch zu glauben befiehlt und zugleich den Glauben an die Wahrheit verbietet?

Gewiß ist dies richtig. Unrichtig ist nur, wie wir schon wiederholt hervorgehoben haben, der Gedanke, es sei ausgerechnet die Religion, insbesondere der Katholizismus so borniert „gewesen“. Nein, alle Wissenschaften waren beschränkt und sind auch heute noch zu einem guten Teil in Vorurteilen und Schiefheiten eingesponnen. Aber daß im einzelnen Fall nicht die generelle Dummheit des Zeitalters, sondern persönliche Zufälligkeiten den Ausschlag gaben, sieht man gerade im Falle Galilei. Einige Milligramm Jod mehr in der Schilddrüse des Urban VIII. hätten vielleicht ausgereicht, ihm das bessere Verstehen zu ermöglichen. Dann hätte sich die Kirche ebenso schnell mit der Erdbewegung abgefunden wie hundert Jahre vorher mit der Kugelform der Erde. Sang- und klanglos wäre der Übergang zum heliozentrischen System erfolgt. Hätte beispielsweise Galilei es verstanden, sich mit den Vätern vom Orden Jesu gut zu stellen, hätte er ihrer Arbeit stets mit Anerkennung gedacht — dann wäre auf ihre Hilfe zu rechnen gewesen.

Der Prozeß gegen Galilei war ja schon seit vielen Jahren von nicht wenigen Gelehrten und Priestern gefordert worden. Ja, man darf annehmen, daß wie in anderen Ländern in bezug auf die Hexenprozesse so in Italien gegen Galilei, die volkstümliche Meinung ganz auf Seiten der Kirche stand, solange das Drama im Abwickeln begriffen war. Denn gerade so wie ein schlechter Unterricht verkehrte Anschauungen im Schüler erzeugt, so strömte aus dem Lager der Gebildeten (und strömt immer noch) der Wust von Verkehrtheiten ins Volk. Hexenglauben und Ketzerhaß waren in früheren Zeiten unbekannt gewesen, sie waren von oben her künstlich geweckt worden, wie in der Gegenwart beispielsweise die nationalen und politischen Vorurteile durch Schule und Literatur in die Völker Europas getragen worden sind.

Das Dekret von 1616 war für die protestantischen Länder Anlaß genug, der neuen Lehre gegenüber duldsam zu sein. Der Papst galt ihnen ja als Teufel oder Antichrist, und sonach war das, was er verboten hatte, in Wittenberg, Zürich und Genf erlaubt. Aber darum waren die Lutheraner, Zwinglianer und Calvinisten keineswegs duldsame Menschen — ganz im Gegenteil.

Der Mensch ist, wie es scheint, von Natur aus unduldsam. Wer die religiöse Unduldsamkeit bekämpft, müßte sich erst ausweisen, ob er selber in allen Dingen duldsam ist. Die Geschichte lehrt, daß zu allen Zeiten eine große Zahl von Vorurteilen für das Handeln der Menschen bestimmend gewesen ist. Die religiösen Vorurteile und irrtümer sind im gesamten Komplex nur ein Teil. Die Unduldsamkeit und der völlige Mangel an friedfertiger Gesinnung ist vielleicht eine menschliche Schwäche, die in einem höheren Kulturzustand überwunden sein wird, so wie wir ja heute schon die mit jener Unduldsamkeit verbundene außerordentliche Grausamkeit des öffentlichen Gerichtsverfahrens überwunden haben. Daß wir aber auch in der Gegenwart noch hinreichend grausame geheime Verfahren besitzen, beweist die russische Tscheka, die deutsche Feme, der amerikanische Ku-Klux-Klan. Wir haben schon darauf hingewiesen, daß die Massenmorde des 20. Jahrhunderts eben nur um anderer Ideale willen stattfanden als jene des dreißigjährigen Krieges. Ob die Ersetzung des religiösen Wahnes durch den nationalen Wahn als ein Fortschritt zu betrachten ist, mag billig bezweifelt werden.

Kehren wir zu Galilei zurück. Er hatte seit 1611 immer wieder versucht, die Freiheit der Lehre gegenüber der Bibel durchzusetzen. Der Widerstand, dem die zeitgenössischen Gelehrten kräftigen Ausdruck verliehen, führte zum Verbot von 1616, das 1620 bestätigt wurde. Der Dialog von 1632 stellt sich als ein Versuch Galileis dar, die Kirche gewissermaßen durch die Macht der öffentlichen Meinung zur Freigabe der kopernikanischen Lehre zu zwingen. Galilei war kein großer Psychologe, er glaubte, seine Zeitgenossen durch klare Beweise überzeugen zu können. Aber die Menschen leben stets in Illusionen, und Beweise gibt es nur für Mathematiker. Solche zwingende Beweise hatte Galilei keineswegs zur Verfügung, und auch wenn er sie gehabt hätte wären sie nutzlos gewesen, weil die Menschen im allgemeinen ja keine Mathematiker sind. Galilei hat sich auch nicht im Unklaren darüber befinden können, daß er ein gefährliches Spiel „mit dem schlafenden Hund“ treibe. Er war aber wie von einer unwiderstehlichen Macht getrieben, zu beweisen, was er für richtig und wichtig hielt. Urban VIII. hatte früheren Versuchen („Goldwäger“ und Brief an Ingoli) nachsichtiges Stillschweigen entgegengebracht. Er hätte wahrscheinlich auch den Dialog seines berühmten Freundes geschluckt, wenn nicht eine solche Veränderung der Sachlage eingetreten wäre, daß der Papst von einem Freund zu einem Feinde wurde. Die Feindseligkeit der Jesuiten gegenüber Galilei spielte dabei sicher eine Rolle. Daran war Galilei nicht unschuldig, denn er hatte dem Pater Grassi gegenüber weder gerecht noch höflich gehandelt. Erinnern wir uns an die Kometendiskussion von 1619. Ähnlich lag die Sache in bezug auf den Pater Scheiner, wo die Entzweiung ebenfalls aus einer rein sachlichen Meinungsverschiedenheit (Sonnenflecken) ihren Ausgang nahm. Auch hier muß gesagt werden, daß Galilei nicht imstande war, dem deutschen Pater gerecht zu werden. Es lag also in der tragischen Verwicklung eine nicht geringe Schuld im Charakter des Galilei, der keine anderen Sterne neben sich dulden wollte. Er sagt selbst im Dialog, daß andere ihre Meinungen durch möglichst viele alte Schriftsteller oder neue Autoren zu belegen versuchen, er aber halte darauf, seine Entdeckungen alle allein gemacht zu haben.

Galilei macht die Gestalt des Simplieio, der im Dialog die Lehren des Aristoteles und des Ptolemäus verteidigt, in recht bissiger Weise lächerlich. Man mag sagen, daß sich hier eine dramatische Ader kundgibt und wird doch gleichwohl finden, daß sowohl Aristoteles wie auch Ptolemäus in Wahrheit sehr bedeutende Menschen waren, denen nun Galilei durch eine solche verhöhnende Darstellung ebensowenig gerecht wird wie so vielen seiner Zeitgenossen. Mußte eine solche Auffassung nicht die zeitgenössischen Gelehrten, die ja mit wenigen Ausnahmen den alten anhingen, verletzend erscheinen?

Aber mehr noch: Simplicio führt alle Argumente ins Treffen, die zu jener Zeit gegen das kopernikanische System bekannt waren. Das können aber keine anderen Gründe sein als diejenigen, die seine Heiligkeit selbst in den wiederholten Besprechungen mit Galilei ins Treffen geführt hatte! So mag es den Patres vom Collegium Romanuni, die ja auch wußten, was in Rom vor sich ging und gegangen war, nicht schwer gefallen sein, nach dem Erscheinen des Dialogs das Gerücht in Umlauf zu setzen: Galilei hat mit der Gestalt des Simplicio seine Heiligkeit selbst bezeichnet! Daß Urban VIII. von diesen Gerüchten zeitig erfuhr, dafür war leicht zu sorgen.

Nicht genug daran: Über jene Argumente hinaus, die zu jener Zeit gegen Kopernikus im Schwünge waren, hatte der Papst noch ein besonders spitzfindiges Galilei gegenüber angeführt: Wenn auch, so meinte Urban etwa, uns das kopernikanische System richtiger zu sein scheint als die in der Bibel enthaltene Auffassung, so dürfen wir hieraus doch nicht den Schluß ziehen, daß das kopernikanische System wahr sei. Denn wir würden auf diese Weise Gott einen Zwang auferlegen, da er ja doch allmächtig und allwissend ist, und es ihm sonach möglich wäre, die Welt nach ganz anderen Gesetzen zu bauen als Kopernikus zu erkennen meinte. Dessen System als wahr und sicher hinstellen, heißt also, der Omipotenz Gottes eine Beschränkung auferlegen, und das verstößt in klarster Weise gegen den heiligen Glauben. Dieses päpstliche Argument bringt nun Simplicio am Schluß des vierten Tages vor.

In den oben erwähnten, die Zensur der Dialoge betreffenden langwierigen Verhandlungen zwischen Galilei und dem Pater Riccardi war ja vereinbart worden, daß Anfang und Schluß das ausdrückliche Bekenntnis im Sinne des Dekrets von 1616 enthalten müßten. Wie hält sich nun Galilei an diese Verpflichtung? „Was die gepflogenen Erörterungen betrifft,“ sagt Simplicio, „so verstehe ich allerdings die Sache nicht so ganz, aber nach der, wenn auch noch so unvollkommenen Vorstellung, die ich mir darüber habe bilden können, muß ich zugeben, daß Eure Erklärung mir geistvoller erscheint als alle anderen. Gleichwohl halte ich sie nicht für richtig und beweisend. Meinem geistigem Auge schwebt vielmehr stets eine unerschütterlich feststehende Lehre vor, die mir einst eine ebenso gelehrte wie hochgestellte Persönlichkeit gegeben“. Und nun folgt mit wenig Zeilen das oben besprochene Argument des Papstes.

Darauf erwidert Salviati:

„Eine bewunderswerte, wahrhaft himmlische Lehre! Mit ihr stimmt jene andere göttliche Satzung vortrefflich zusammen, die uns wohl gestattet, den Bau des Weltalls forschend zu suchen, die uns jedoch für immer versagt, das Werk seiner Hände wirklich zu durchschauen, in der Absicht vielleicht, daß die Tätigkeit des Menschengeistes nicht abgestumpft und ertötet werde“.

Man kann begreifen, daß Urban VIII. sich beleidigt fühlte. Sein Argument, darauf er so stolz war, und das er für ebenso bedeutungsvoll hielt wie die Hypothese des Kopernikus, war hier mit neun Zeilen abgetan! Und die Wirkung, die das Argument hervorbrachte, war eine Unterwerfung, die man sehr wohl als eine hochmütige Ironie auslegen konnte. Und Urban legte sie so aus! — Damit war das Tischtuch zerschnitten. Aber erkennen wir die Sachlage recht. Es war nicht einfach so, daß nunmehr der Papst seine schützende Hand von Galilei zurückzog und den großen Mathematiker der Inquisition überließ. Galileis Buch hatte ja die Zensur passiert, und Galilei hatte sich in bereitwilligster Weise allem gefügt, was hierbei in Rom und in Florenz verlangt worden war. Das Dekret von 1616 verbot keineswegs die wissenschaftliche Erörterung des kopernikanischen Systems; man durfte nur nicht diese Lehre als wahr hinstellen. Sonach hätte die Inquisition an und für sich wenig Handhabe gehabt, gegen Galilei einzuschreiten, zumal hinter diesem der Hof von Florenz stand.

Urban VIII. war ein Kirchenfürst von ungewöhnlicher Energie und Härte. Ein Menschenleben galt ihm nichts, und seine Skrupellosigkeit wurde nur durch diplomatische, keineswegs durch menschliche oder etwa gar religiöse Bedenken gehemmt. Fügen wir aber gleich hinzu, daß er sich in dieser Hinsicht nicht im geringsten von anderen Fürsten seines Zeitalters unterschied. Wenn er also Galilei gegenüber zum persönlichen Angriff schritt, so tat er damit nichts anderes, als was etwa der Doge von Venedig ebenfalls getan hätte, wenn er sich von Galilei höhnisch und ironisch behandelt gefühlt hätte. Daß der Papst mit der Inquisition arbeitete, während der Doge wahrscheinlich Gift verwendet hätte, macht wenig Unterschied aus. Immerhin bediente sich Urban VIII. eines originellen Mittels, um Galilei seine Macht spüren zu lassen. Urban ließ jenes Dokument vom 26. Februar 1616 in die Akten der Inquisition hineinschreiben, das ein Versprechen Galileis, künftig in keinerlei Weise über die neue Lehre zu schreiben, enthielt! — Die Einschiebung dieses Schriftstückes geschah einfach in der Weise, daß die leer gebliebene vierte Seite jenes Bogens, dessen erste Seite die Zahl 377 enthält, zur Niederschrift benutzt wurde. Die Fortsetzung dieser Niederschrift befindet sich auf der dritten Seite jenes Bogens, dessen erste Seite die Zahl 357 trägt. Die genannten rückwärtigen Selten, heute mit 378 und 379 bezeichnet, sind ursprünglich sicherlich leer gewesen und sie wurden erst 1632 beschrieben *) Denn am 11. September 1632 meldet Noccolni nach Florenz, daß Galilei ein in den Akten enthaltenes besonderes Verbot, das ihm 1616 auferlegt worden sei, übertreten habe! — Bis zu diesem Augenblick wußte niemand etwas von diesem Verbot, am allerwenigsten jene, die es in erster Linie hätten kennen müssen, nämlich Galilei und die bei der Zensur beteiligten Patres. Mit Freuden hätte der Pater Riccardi nach diesem Balken gegriffen, um das Erscheinen des Dialogs zu verhindern — statt dessen ergriff er einen Strohhalm nach dem andern, um den Druck zwei Jahre lang hinzuhalten! —

*) Unmittelbar bevor ich das berühmte Vatikan-Manuskript mit der Ultraviolettlampe untersuchte (Nov. 1926), erfolgte zu den verschiedenen vorhandenen Paginierungen eine neue, derart, daß jene Seite 379 nunmehr rechts unten als Seite 44 bezeichnet ist.

Galilei vor seinen Richtern.

Am 13. Februar 1633 war Galilei in Rom angekommen, am 18. Februar konnte er seinen 69. Geburstag feiern. Galilei hatte alle Ursache, sich über das Vorgehen der Inquisition zu wundern; war ihm nicht die Zensur für das Buch erteilt worden? Hatte er nicht bereitwillig erklärt, alles daran zu ändern, was man verlangen würde? Und nun — es war kein Zweifel: Der heilige Vater hatte sich von ihm abgewendet!

Wir wissen ja nicht, was in Galileis Seele vorging — war jene Ironie und bissige Schärfe im „Dialog“ nur Literatur? Entsprach sie nicht dem, was Galilei in Wahrheit dachte? — Jedenfalls ließ man ihn zwei Monate lang bei Niccolini, dem florentinischen Gesandten, in der Villa Medici wohnen, ohne sich anscheinend um ihn zu kümmern. Allerdings wurde ein Unterhändler hingeschickt, der auszukundschaften hatte ob Galilei halsstarrig oder nachgiebig sein werde. Wir wissen aus Niccolinis Briefen, die er an den florentinischen Staatssekretär richtete, daß Galilei tatsächlich zunächst die Absicht hatte, das Kollegium der heiligen Inquisition von der Richtigkeit der kopernikanischen Lehre, wenigstens im Gebiet der Philosophie, also unter Benützung des Prinzipes von der doppelten Wahrheit, zu überzeugen! — Wir haben schon ausgeführt, wie ähnlich heute von unseren Philosophen gedacht wird: Für die physikalische Forschung möge die Zeit als relativ zugegeben werden, deswegen bleibt sie aber für die Philosophie immer noch absolut!

Der weltkluge Niccolini hatte alle Mühe, seinen von ihm hochverehrten Gast von diesem Gedanken abzubringen. Hatte er doch seit schon Monaten erkannt, daß hier in Wahrheit gar kein Inquisitionsprozeß, sondern ein Racheakt des römischen Pontifex durchgeführt werde. Er war nun neun Jahre in Rom und kannte den strengen Herrn genau. Im Kastell Gandolfo hatte ihm Urban VIII. in freundschaftlichen Gesprächen seine Regierungsmaxinien erklärt. Sie mögen nicht weit von dem, was Macchiavclli hundert Jahre vorher geschrieben hatte, entfernt gewesen sein. Galilei begriff endlich, um was es ging und versprach, gefügig zu sein. Hatte er bis dahin immer noch die Fiktion aufrecht erhalten, es gelte nur wie anno 1616 Mißverständnisse aufzuklären, so wurde ihm aus den vorsichtigen Andeutungen seines gütigen Gastgebers der Ernst der Sachlage klar. Es ging um sein Leben. — Am 12. April erschien Galilei zum ersten Verhör im Palast der Inquisition. Die Spannung der Wartezeit und die allmähliche Erkenntnis der Sachlage mochten ihn wohl gebrochen haben, die Stimmung des Greises war resigniert und furchtsam. Man fragt ihn, ob das ihm vorgezeigte Buch „Dialogo di Galileo Galilei linceo‘‘ von ihm sei? — Man muß laut sprechen, denn Galilei ist schwerhörig. Er nimmt das Buch in die Hand, sieht es genau an, Blatt für Blatt wendet er mit zitternden Händen und dann sagt er: „Alles, was darin ist, anerkenne ich als von mir verfaßt“. Nun fragt der Inquirent, aus welchem Anlaß Galilei 1616 in Rom gewesen sei? — Galilei erwidert: „Damals sei er nach Rom gekommen, um zu erfahren, ob gegen die kopernikanische Ansicht Bedenken vorliegen.

Inquisitor: Was für ein endgültiger Beschluß ist damals gefaßt worden?

Galilei: Die Streitfrage, welche über die Meinung vom Stillstand der Sonne und der Bewegung der Erde ausgebrochen war, wurde von der heiligen Kongregation dahin entschieden, daß diese Meinung der Heiligen Schrift widerspreche und nur als Hypothese zulässig sei, wie Kopernikus sie nimmt.

Inquisitor: Ihr sollt berichten, ob Euch damals der gefaßte Beschluß mitgeteilt worden ist und von wem?

Galilei: Es wurde mir diese Entschließung der heiligen Kongregation des Index bekanntgegeben und von dem Herrn Kardinal Bellarmin mitgeteilt.

Inquisitor: Ihr sollt berichten, was Euch seine Eminenz Bellarmin inbetreff des genannten Beschlusses mitgeteilt hat und ob dieser Euch noch etwas anderes darüber gesagt und was?

Galilei:

„Der Herr Kardinal bedeutete mir, daß die besagte kopernikanische Meinung als Annahme festgehalten werden könne, nämlich, so wie es Kopernikus getan hatte, und seine Eminenz wußte auch, daß ich gleich Kopernikus jene Ansicht nur als Annahme anerkenne, was man aus einer Antwort desselben Herrn Kardinals auf einen Brief des P. Paolo Antonio Foscarini, Provinzials der Karmeliter, ersieht, von welcher ich eine Abschrift besitze, und in der diese Worte enthalten sind: ,Es scheint mir, daß Euer Hochwürden und der Herr Galilei klug daran tun, sich zu begnügen, annahmsweise und nicht mit Bestimmtheit zu sprechen‘. Dieser Brief des Herrn Kardinals ist vom 12. April 1615 datiert. — In anderer Weise aber, das heißt: mit Bestimmtheit aufgefaßt, dürfe man jene Meinung weder festhalten noch verteidigen. Es wird nun Galilei aufgetragen, er möge erzählen, was im Monate Februar 1616 beschlossen und ihm eröffnet worden sei.

Galilei:

„Im Monate Februar 1616 sagte mit der Herr Kardinal Bellarmin, daß, da die Meinung des Kopernikus als bestimmt angenommen, der heiligen Schrift entgegen sei, man sie weder festhalten noch verteidigen dürfe, daß man sie aber annahmsweise (ex suppositione) auffassen und in diesem Sinne darüber schreiben könne. Übereinstimmend mit diesem besitze ich ein Zeugnis von demselben Herrn Kardinal Bellarmin, ausgestellt vom 26. Mai 1616, worin er sagt, daß die kopernikanische Ansicht weder festgehalten noch verteidigt werden dürfe, daß sie der Heiligen Schrift widerstreite; von welchem Zeugnis ich hiermit die Abschrift vorlege.“ (Siehe Abb. 10 S. 160.) Inquisitor: „Waren, als obige Mitteilung gemacht wurden, noch andere Personen zugegen, und wer?“ Galilei: „Als der Herr Kardinal Bellarmin mir sagte und zu wissen machte, was ich betreffs der kopernika-nischen Ansicht berichtet habe, waren einige Väter Dominikaner anwesend, aber ich kannte sie nicht, noch sah ich sie je wieder.

Inquisitor:

„Ist Euch in Anwesenheit jener Väter von diesen oder jemand anderem ein Befehl über eben diesen Gegenstand erteilt worden und welcher?“

Galilei:

„Ich erinnere mich, daß die Verhandlung in folgender Weise verlief: Der Herr Kardinal Bellarmin ließ mich eines Morgens zu sich rufen und sagte mir gewisse besondere Einzelheiten, welche ich, bevor ich sie anderen mitteile, zuerst seiner Heiligkeit zu Gehör bringen möchte*). Der Schluß war aber dann, daß er mir eröffnete, man dürfe die kopernikanische Lehre, als der heiligen Schrift widersprechend, nicht festhalten noch verteidigen. Es ist meinem Gedächtnisse entschwunden, ob jene Väter Dominikaner schon früher anwesend waren, oder ob sie erst später kamen; ebensowenig entsinne ich mich, ob sie gegenwärtig waren, als der Herr Kardinal mir sagte, daß man die bewußte Meinung nicht festhalten dürfe. Es kann sein, daß mir ein Befehl erteilt wurde, ich solle die genannte Ansicht weder festhalten noch verteidigen, aber ich erinnere mich nicht daran, denn es ist dies eine Sache von mehreren Jahren.“

Inquisitor:

„Ich frage, ob, wenn ihr vorgelesen erhieltet, was Euch damals gesagt und als Befehl auferlegt ward, ihr Euch dessen entsinnen würdet?“ —

Galilei:

„Ich erinnere mich nicht, daß mir anderes gesagt oder auferlegt worden wäre, noch weiß ich, ob ich mich an das, was mir damals gesagt wurde, erinnern würde, selbst wenn man es mir verlesen möchte. Ich sage frei heraus, wessen ich mich entsinne, weil ich nicht glaube, in irgendeiner Weise diese Vorschrift übertreten zu haben: nämlich die genannte Meinung von der Bewegung der Erde und Stabilität der Sonne keineswegs festgehalten noch verteidigt zu haben.“

*) Bezieht sich vermutlich auf den geheimen Besuch verschiedener Kardinäle bei Galilei 1616 in Rom.

Der Inquisitor sagt nun Galilei, daß in jenem Befehle, der ihm damals vor Zeugen erteilt worden war, enthalten sei: Er dürfe jene Meinung weder in irgendeiner Weise festhalten noch verteidigen oder lehren. Galilei möge sagen, ob er sich entsinne, in welcher Art und von wem ihm dies mitgeteilt worden sei? —

Galilei:

„Ich entsinne mich nicht, daß dieser Befehl mir von jemand anderem als mündlich von dem Herrn Kardinal Bellarmin intimiert worden wäre, und ich erinnere mich, daß der Befehl lautete: Daß ich nicht festhalten noch verteidigen dürfe. Es kann sein, daß noch dabei gewesen ist: „und nicht lehren“. Ich erinnere mich dessen nicht, auch nicht, daß die Bestimmung „in irgendeiner Weise“ (quovis modo) dabei gewesen wäre, aber es kann sein, daß sie dabei war; denn ich habe darüber nicht weiter nachgedacht, noch gesorgt, die Worte meinem Gedächtnis einzuprägen, da ich wenige Monate später jenes hier vorgelegte Zeugnis des genannten Kardinals Herrn Bellarmin vom 26. Mai erhielt, in welchem sich die mir erteilte Vorschrift: jene Meinung nicht festzuhalten noch zu verteidigen ausgedrückt findet. Die beiden anderen Bestimmungen der besagten Vorschrift, welche mir eben bekannt gemacht wurden, lautend: nicht zu lehren und in irgendeiner Weise — habe ich nicht im Gedächtnis behalten, ich glaube, weil sie nicht in dem bewußten Zeugnisse, auf das ich mich verlassen und das ich zu meiner Erinnerung aufbewahrte, erwähnt sind.“

Nach diesem Verhör behielt man den großen Forscher im Inquisitionspalast zurück. Wir wissen heute ganz genau, daß es Urbans Plan war, Galilei zu demütigen und ihm alle schauerlichen Möglichkeiten der Prozeßführung eindringlich zu zeigen. Doch wollte der Pontifex keineswegs das Leben oder die Gesundheit des alten Gelehrten gefährden. Ein Rest von Wohlwollen — oder eine Rücksichtnahme auf die öffentliche Meinung Europas oder auf den Großherzog bestimmten Urban, Galileis Person mit größter Schonung zu behandeln. Der Gefangene der Inquisition durfte also drei Zimmer im Palast bewohnen, seinen Diener bei sich behalten und sich das Essen von der toskanischen Gesandtschaft schicken lassen. Zudem durfte er ohne Zensur mit Niccolini schriftlich verkehren. Man muß sagen, daß dies lauter sehr ungewöhnliche, niemals üblich gewesene Erleichterungen waren.

In der Haft erkrankte Galilei. Sein Mut hatte ihn nicht verlassen, noch aus dem Bette schrieb er, der offenbar die Niedergeschlagenheit der ersten Tage überwunden hatte: „Daß meine Unschuld und Aufrichtigkeit an den Tag kommen wird, habe ich stets gehofft und hoffe es jetzt mehr denn je.“ Als er wieder einigermaßen hergestellt war, ersuchte er selbst, zur Abgabe einer Erklärung vor der Kommission erscheinen zu dürfen. Am 30. April fand infolgedessen eine neue Verhandlung statt, in welcher Galilei eine Erklärung abgab, durch die er den Gang des Prozesses zu beschleunigen hoffte.

Galilei hatte sich ein Exemplar seines „Dialogs“ verschafft und es im Gefängnis zu lesen begonnen, um jetzt, drei Jahre nach der Niederschrift, in aller Ruhe zu beurteilen, welche Stellen wohl besonderen Anstoß erregt haben konnten. Obwohl ja das Buch bereits verboten war, gelang es Galilei doch, in Rom ein Exemplar aufzutreiben. (Übrigens hatte auch der florentinische Verleger der Inquisition gegenüber, als diese Auslieferung aller Exemplare des „Dialogs“ verlangte, angegeben, daß alle Bücher bereits in den Händen des Publikums seien!) Nun las also Galilei sein eigenes Werk unter so seltsam veränderten traurigen Umständen wieder. „Es schien mir fast,“ sagte er vor den Richtern am 30. April 1633, „weil ich es so lange nicht in den Händen gehabt, als wäre es eine neue Schrift und von einem fremden Autor.“

Galilei erklärte nun: Er habe gefunden, daß man in der Tat eine Anzahl Stellen so auslegen könnte, als ob der Autor die Bewegung der Erde und den Stillstand der Sonne verteidige. Diese Schreibweise sei aber nicht der Ausfluß seines bösen Willens, sondern nur in der Eitelkeit begründet, mit der der Autor sich darin gefalle, dem Leser möglichst geistreich zu erscheinen. „Ich habe also einen Irrtum begangen und zwar, wie ich eingestehe, aus eitlem Ehrgeiz, reiner Unwissenheit und Unachtsamkeit.“

Es wurde keine Frage an Galilei gestellt — er konnte sich sofort zurückziehen. Indessen scheint er selbst den Eindruck gehabt zu haben, daß seine Erklärung nicht genügend gewirkt habe, und so kehrt er denn nochmals zurück. „Et post paulum rediens dixit“ heißt es im Vatikan-Manuskript mit erschütternder Trockenheit, „gleich darauf kam er wieder und sagte“:

„Zur größeren Bekräftigung, daß ich diese verdammte Meinung von der Bewegung der Erde und dem Stillstehen der Sonne nicht für wahr gehalten habe, noch sie für wahr halte, bin ich bereit, noch einen deutlicheren Beweis zu liefern…“ Und er verspricht, er wolle seinem Dialog noch zwei weitere Tage hinzufügen, worin die gleichen Teilnehmer zusammenkommen und worin die Lehre von der Erdbewegung aufs wirksamste widerlegt werden sollte. Er bittet den hohen Gerichtshof, dieser möge ihm helfen, den guten Vorsatz auszuführen.

„Schwäche und wahrheitsbare Unterwürfigkeit“ nennt von Gebier dieses Verhalten Galileis vor den Richtern in Rom. Und diesen Standpunkt selbst, den er damit gegenüber dem Galileidrama einnimmt — den nennt er „historische Kritik“. Nun überlegen wir einmal: Wenn eine Hexe unter dem Zwange der Tortur aussagt, sie habe mit dem Teufel geschlechtlich verkehrt — nennt man das dann vom Standpunkt der historischen Kritik, die ja das erzwungene Geständnis als baren Unsinn erkennt, nennt man das eine wahrheitswidrige Schwäche der als Hexe Verklagten? Es hat eben nicht jeder den Mut der Katherina von Henoth, die ungeheure physische Widerstandskraft und die Gewalt über die Nerven, die dazu gehören, die Folter zu ertragen. Das Geständnis der Hexe ist erzwungen — das Vorgehen Galileis ist in genau der gleichen Weise erzwungen. Gegenüber der Gewalt, die man anwendete, war meiner Meinung nach jedes Mittel Galileis berechtigt, und da er in Übereinstimmung mit Niccolini und seinem Großherzog die ganze Verteidigung auf restlose Unterwerfung eingestellt hatte — um den erwachten Hund nicht noch mehr zu reizen — so war das freiwillige Anerbieten Galileis mitnichten zu verwerfen.

Freilich konnte Galilei nicht wissen, daß sein weiteres Schicksal gar nicht mehr von seinen Aussagen in diesem Prozeß abhing. Als der Papst sah, daß Galilei seinen Standpunkt völlig preisgab (was ja schon aus den Sondierungen vor dein ersten Verhör klar war) galt es nur noch, eine möglichst strenge Bestrafung des Florentiner Gelehrten anzuordnen, ohne diesem geradezu das Leben nehmen zu müssen. Schon waren die „Gutachten“ der sachverständigen Priester eingeholt worden. Wir bringen den Eingang eines solchen Gutachtens, nämlich das Zeugnis des Melchior Inchofer nach der von uns in Rom aufgenommenen Photographie. Hier wird das Drama zum Lustspiel: Der Herr Melchior Inchofer soll ein Urteil abgeben über Galilei. Oben malt er ein Kreuz hin — dadurch sind alle Aktenstücke des Herrn Inchofer im Vatikanmanuskript kenntlich. Und dann zensiert er.

Aber wenden wir uns den Vorgängen hinter den Kulissen zu. Unablässig versucht Niccolini, vom Großherzog aufs beste unterstützt, den Papst umzustimmen. Daß man Galilei zurückbehalten werde, konnte der Gesandte seinem Gast schon vor dem ersten Verhör andeuten. Am 30. April durfte Galilei das Gebäude der Inquisition verlassen. Er meinte nun, seine Sache sei auf dem besten Weg, sich in einer für ihn günstigen Weise, ähnlich wie 1616, zu entwickeln. Niccolini aber, der aus wiederholten Unterredungen mit dem Papst und aus anderen Quellen allmählich eine klare Einsicht in die Sachlage bekam, konnte den Optimismus des verehrten Greises nicht teilen — und wagte doch anderseits nicht, die volle Wahrheit zu sagen. So konnte es kommen, daß Galilei an Geri Bocchineri am 7. Mai einen Brief voll Enthusiasmus über den bevorstehenden glücklichen Ausgang der Sache schrieb! Aber schon am Tage darauf bereitete Niccolini den Gast darauf vor, daß er am 10. Mai vor dem Tribunal zu erscheinen habe, und daß es gut wäre, wenn er seine Verteidigung gleich schriftlich mitbrächte.

Der Generalkommissar der Inquisition, Pater Fiorenzuola, erklärte am 10. Mai, Galilei werde eine Frist von 10 Tagen gestellt, seine Verteidigung schriftlich einzureichen, soferne er dies zu tun wünsche. Galilei überreichte sofort seine bereits abgefaßte Selbstverteidigung. Diese enthält nichts, was er nicht bereits mitgeteilt hätte. „Nicht wissentlich“, sagt Galilei darin, sondern „nur aus eitlem Ehrgeiz“ seien ihm jene Stellen aus der Feder geflossen, die man als eine Überschreitung des ihm auferlegten Befehls deuten könne. Er verweist dabei mit Recht nochmals auf den Umstand, daß er ja sein Werk dem Obersten Inquisitor vorgelegt hatte. Und er appelliert schließlich an das Mitleid der Richter, die sein Alter bedenken möchten und den Kummer, den er seit zehn Monaten trage, „Nicht minder will ich ihnen meine Ehre und meinen guten Ruf gegen die Verleumdungen der mir Übelgesinnten empfehlen…“ Galilei darf sofort wieder in sein Quartier zu Niccolini zurückkehren. Er ist nun voll bester Hoffnung. Schon erhält er, ohne Zweifel als Antwort auf seine zuversichtlichen Briefe, von allen Seiten Glückwunschschreiben …

Niccolini weiß es besser. Er hatte immer seine Fühler aus — die Stille nach dem 10. Mai war ihm verdächtig. Versuchen wir es, die dunkle Zeit durch eine Konstruktion zu lichten. War das in den Akten enthaltene besondere Versprechen des Galilei echt, dann konnte er auf Grund der Gutachten von Inchofer und anderen verurteilt werden. Daß aber dieses Dokument gefälscht war, mußte damals jedem, der genaue Einsicht nahm, erkennbar sein. Denn es fehlte, um das Wichtigste zu nennen, die Unterschrift Galileis darunter. Und gerade jene Richter, die anno 1633 Galilei nach jedem Verhör unterschreiben ließen, was protokolliert worden war, mußten unbedingt und ohne besondere Schwierigkeit erkennen, daß jenes schriftliche und entscheidende Versprechen zumindestens der Fälschung dringend verdächtig war, da es der Unterschrift ermangelte — und da Galilei im Verhör doch auch angegeben hatte, von einem derartigen weitgehenden Versprechen, durch das er außerhalb des Dekrets gestellt worden wäre, nichts zu wissen.

Und wir sind der Meinung, daß mindestens vier Teilnehmer der damaligen Sitzungen von der Fälschung wußten. Erstens derjenige, der sie ausgeführt hat oder sie durch einen Schreiber ausführen ließ. Zweitens die Kardinäle, die zwar anwesend waren, als Galilei aussagte, die aber dennoch das spätere Urteil nicht unterschrieben haben. Hätte Galilei wirklich ein Versprechen dieser Art gebrochen, so wären auch jene drei zur Unterschrift bereit gewesen. Offenbar ging nun in den Wochen nach dem 10. Mai der Kampf um diese Unterschriften. Das Urteil war längst fertig, Verfahren und Behandlungsweise stand fest. Aber die Unterschrift des Kollegiums war nicht vollzählig. Gerade weil dieses Verhandeln hinter den Kulissen so lange dauerte, muß geglaubt werden, daß einige der Richter wirklich umgestimmt worden sind. Es mag auch sein, daß man sich nicht einig werden konnte, ob Galilei der Folter unterworfen werden sollte — da er doch hartnäckig behauptete, er hätte diese verdammte Lehre seit 1616 nicht mehr als wahr angesehen. In der Tat konnte man gegen diese Aussage billig Zweifel haben. Sicher hätte Galilei auf der Folter alles zugegeben, was man von ihm wollte. Das Schicksal des De Dominis, der 1624 an den Folgen einer allzu harten Tortur im Kerker gestorben war, mag wohl auch bei Urban VIII. zur Milde gestimmt haben. Milde hieß nun: Dem Galilei die Tortur nur androhen, ihn dorthin führen, wo die Werkzeuge der christlichen Forschung an den Wänden hingen, um unter dem Druck dieses Eindrucks etwas zu erzwingen, was freiwillig trotz aller Unterwürfigkeit nicht zu erzielen war.

Über die Sitzungen in dieser Angelegenheit wissen wir nichts, obgleich ich vermute, daß darüber auch heute noch mehr als nichts vorhanden ist*). Doch gibt es eine Urkunde, in der eine Art Auszug aus den Beschlüssen enthalten ist. Gherhardi veröffentlichte 1870 ein Inquisitionsprotokoll, datiert vom 16. Juni 1633, worin das Verfahren, über das man sich schließlich gegenüber Galilei geeinigt hatte, vorgeschrieben ist.

*) Mir hat zwar der vortreffliche Präfekt des vatikanischen Geheimarchivs, Monsignore Angelo Mercati, erklärt, daß es irn Archiv weiter keine auf Galilei bezüglichen Dokumente gebe. Das ist glaublich. Allein die heute noch bestehende Kongregation hat ja auch heute noch ihre Archive, und diese sind völlig unzugänglich.

Er sei über seine „Intention“ zu befragen unter Androhung der Folter, und zwar so, als ob er derselben wirklich unterworfen werden sollte. Sodann sollte er in einer Plenarversammlung der „heiligen“ Kongregation abschwören und dann sei er zu einer Gefängnisstrafe nach dem Ermessen der „heiligen“ Kongregation zu verurteilen. Auch sollte er, so lautete die ausdrückliche Verfügung Urbans VIII., verhalten werden, künftig nie mehr, weder schriftlich noch mündlich, die verfluchte Lehre erörtern, und zwar weder dafür noch dagegen. So war schließlich alles aufs genaueste geregelt, die opponierenden Kardinäle und Inquisitoren mußten gleichwohl erscheinen, um der Sentenz Nachdruck zu verleihen, und es war viel, daß sie taten, was wir schon wissen: nicht zu unterschreiben, was gegen ihr Gewissen war! Man konnte zur Vorladung schreiten.

Montag, den 20. Juni, abends erhielt Galilei vom heiligen Offizium eine Vorladung für den nächstfolgenden Tag. Es sollte also in diesem letzten Verhör der Angeklagte unter Androhung der Tortur um seine wahre Überzeugung, die beiden wichtigsten Weltsysteme betreffend, befragt werden. Dienstag, am 21. Juni, vormittags erscheint Galilei vor seinen Richtern. Nachdem er den Eid geleistet, beginnt das Verhör (nach der Übertragung von Gebier):

Inquisitor:

Ob Galilei daran festhalte oder daran festgehalten habe und seit welcher Zeit, daß die Sonne und nicht die Erde das Zentrum der Welt sei, und diese sich auch in täglicher Umdrehung bewege? Galilei: „Vor langer Zeit, das heißt: vor der Entscheidung der heiligen Kongregation des Index, und ehe mir jener Befehl erteilt worden war, blieb ich unentschieden und hielt beide Meinungen, nämlich jene des Ptolemäus wie die des Kopernikus, für strittig, weil die eine wie die andere in Wesenheit zutreffend sein konnte. Nach der oben erwähnten Entscheidung aber, überzeugt von der Weisheit der Oberen, hörte in mir jede Ungewißheit auf, und ich hielt, wie ich es noch halte, die Meinung des Ptolemäus, das ist: das Stillstehen der Erde und die Bewegung der Sonne für vollständig wahr und unzweifelhaft.“

Es wird ihm darauf vorgehalten, daß aus der Art und Weise, wie in seinem „Dialog“ diese Meinung behandelt und verteidigt erscheine, ja schon daraus, daß er jenes Werk überhaupt geschrieben und zum Druck befördert habe, sich die Vermutung ergebe, daß er diese Meinung nach jener Zeit festgehalten; er solle offen die Wahrheit sagen, ob er daran festhalte oder festgehalten habe?

Galilei:

„Was den Dialog anbelangt, so habe ich ihn nicht deshalb geschrieben, weil ich die kopernikanische Meinung für wahr hielt; ich habe vielmehr nur in dem Glauben, für das allgemeine Beste zu handeln, die natürlichen und astronomischen Beweisgründe dargelegt, die sich für die eine wie für die andere Ansicht Vorbringen lassen; dabei war ich bemüht, zu zeigen, daß weder die ersteren noch die letzteren weder für die ptolemäische noch für die kopernikanische Meinung entscheidende Beweiskraft besitzen, und man folglich, um mit Sicherheit vorzugehen, seine Zuflucht zu der aus höheren Lehren entnommenen Entscheidung nehmen müsse, wie man dies bei vielen Stellen des Dialogs deutlich sieht. Ich schließe also vor dem Richterstuhle meines Gewissens, daß ich nach der Entscheidung der Oberen die verdammte Meinung nicht festgehalten habe, noch sie festhalte.“

Nun wird ihm eingewendet, daß ja gerade aus diesem Buche und aus den für die darin behauptete Meinung von der Bewegung der Erde und dem Stillstehen der Sonne vorgeführten Beweisgründen, wie schon gesagt, die Mutmaßung entstehe, daß er die kopernikanische Lehre festhalte oder sie doch wenigstens nach dem erteilten Verbot festgehalten habe; deswegen werde man, wenn er sich nicht entschließe, die Wahrheit zu gestehen, mit den geeigneten Rechtsmitteln gegen ihn verfahren. Galilei: „Ich halte nicht, noch habe ich diese Meinung des Kopernikus festgehalten, nachdem mir der Befehl intimiert worden war, daß ich sie aufgeben solle.

Übrigens bin ich hier in euren Händen; tut mit mir nach euerem Gefallen!“

Hierauf sagt man ihm noch einmal, er möge die Wahrheit bekennen, sonst werde man zur Tortur schreiten. Galilei anwortet mit Resignation, aber seinem Programm getreu:

„Ich bin da, um Gehorsam zu leisten, und habe, wie gesagt, diese Meinung nach der erfolgten Entscheidung nicht festgehalten.“

Und nun heißt es am Schlüsse des Protokolls, daß „in Ausführung des Dekrets nichts anderes von ihm erlangt werden konnte!“ Man ließ ihn also unterschreiben, worauf er in sein Logis zurückgeschickt ward. Dieses Logis war aber diesmal wieder im Gebäude der Inquisition. Ob er die gleichen Zimmer innehatte oder andere, das wissen wir nicht, auch nicht, ob er vielleicht in einer wirklichen Kerkerzelle bleiben mußte, doch ist keinesfalls zu vermuten, daß er zum Zweck der Folterung zurückbehalten wurde, da dies ja der oben mitgeteilten Entscheidung des Papstes widersprochen hätte und auch zur Erreichung des gewünschten Zweckes, Abschwörung, nicht erforderlich war. Man wollte einfach den Hergang des Abschwörens in üblicher Weise derart gestalten, daß der der Ketzerei Verdächtige aus dem Gefängnis vorgeführt wurde. Gar zu gelinde, so dünkte es Urban, möchte es erscheinen, wenn Galilei vom Palast des Großherzogs von Toskana in einer Sänfte zum Abschwören in die Kirche getragen würde!

Was Galilei in jener Nacht vom 21. zum 22. Juni 1633 im Gefängnis gedacht haben mag? Um seiner Lehre und der dabei bewiesenen Hartnäckigkeit willen mußte er nun morgen den bitteren Kelch zur Neige leeren! Niemand war da, der ihm gesagt hätte, was morgen mit ihm geschehen würde. Würde man ihn foltern? Wollte man ihn verbrennen? War es möglich, daß Urban so unerbittlich und unversöhnlich gestimmt blieb — daß Ferdinand II. so ohnmächtig war gegenüber Rom?

ln jener Nacht mögen vor dem Auge Galileis die Bilder aus Padua vorübergezogen sein, Venedig und die stolze Regierung der Republik. Die Worte des toten Freundes Sagredo mögen ihm in Erinnerung gekommen sein, und er mag vielleicht zu sich selber gesagt haben: Um Ruhe für meine Arbeiten zu gewinnen, bin ich vom selbstherrlichen Volksstaat in die absolute Monarchie gegangen — sicher hätte ich in Venedig unter dem Schutze der stolzen Republik den Weg ins Gefängnis der Inquisition nicht gehen müssen! Nun hatte er einen vieljährigen Kampf gegen die Anhänger des alten Systems geführt, hatte dabei stets die größte Zurückhaltung zu beobachten gehabt — und doch war alles umsonst, jetzt saß er hier im Gefängnis und mußte das Fazit seines Lebens ziehen: Sein Kampf war vergebens gewesen. Seinen Ruhm und seine Ehre hatte er aufs Spiel gesetzt, und nun war er da, wo vor ihm so viele Ketzer gesessen hatten — er, der treue Sohn der Kirche, der fromme Katholik, der sich doch zu den größten Italienern des Jahrhunderts rechnen durfte…

Mittwoch, den 22. Juni 1633, vormittags, führte man Galilei in die Kirche des Dominikaner Klosters St.-Maria sopra la Minerva, wo ihm vor seinen Richtern und einer Versammlung von Kardinalen und Prälaten der heiligen Kongregation folgende Sentenz verlesen wurde:

„Wir, Caspar, vom Titel des heiligen Kreuzes in Jerusalem, Borgia*); Bruder Felix Centino, vom Titel des heiligen Anastas, zugenannt von Ascoli; Guido, vom heiligen Titel der Maria vom Volke, Bentivoglio; Bruder Desiderius Scaglia, vom Titel des heiligen Carl, zugenannt von Cremona; Bruder Anton Barberini, zugenannt des heiligen Onuphrius; Laudivio Zachia, vom Titel des heiligen Peter Kettenfeier, zugenannt des heiligen Sixtus*); Berlingero, vom Titel des heiligen Augustin, Gessi; Fabricius, vom heiligen Laurenz, Verospius, zubenannt der Priester; Franz, vom heiligen Laurenz in Damascus, Barberini*); Martius, heilige Maria Novä Ginetti, Diacon; durch Gottes Barmherzigkeit Kardinäle der heiligen römischen Kirche, in der ganzen Christenheit als Inquisitoren gegen Ketzerei vom heiligen apostolischen Stuhle eigens ernannt.

*) Hat nicht unterschrieben.

Da du, Galilei, Sohn des Vincenz Galilei aus Florenz, 70 Jahre alt, im Jahre 1615 bei diesem heiligen Offizium angezeigt wurdest, daß du die falsche, von vielen verbreitete Lehre als eine wahre festhaltest: nämlich die Sonne sei im Zentrum der Welt und unbeweglich, und die Erde drehe sich auch in täglicher Umdrehung; ferner, daß du einige Schüler habest, welche du in dieser Lehre unterrichtest; ferner, daß du mit einigen Mathematikern Deutschlands über dieselbe eine Korrespondenz unterhaltest; ferner, daß du einige Briefe erscheinen ließest, mit dem Titel: „Über die Sonnenflecken“, in welchen du diese Lehre als wahr erklärtest; und weil du auf die Einwürfe, die dir zu wiederholten Malen aus der heiligen Schrift gemacht worden, durch Erklärung der heiligen Schrift nach deinem Sinne antwortetest; und da eine Kopie eines in Briefform verfaßten Schriftstückes vorgelegt ward, welche sich als ein von dir an einen deiner ehemaligen Schüler geschriebenes herausstellte, und du darin, der Hypothese des Kopernikus anhängend, einige Sätze gegen den wahren Sinn und die Autorität der heiligen Schrift aufnimmst:

*) Neffe von Urban VIII. Seine Unterschrift fehlt. Er war Mitglied der Lincei.

Wollte infolgedessen das heilige Tribunal gegen die Unzukömmlichkeiten und Nachteile, welche daraus entspringen und zum Schaden des heiligen Glaubens überhandnehmen, Fürsorge treffen, und es wurden im Aufträge unseres Herren und Ihrer Eminenzen der Herren Kardinäle dieses höchsten und allgemeinen Inquisitiongerichtes von den Qualifikations-Theologen die Behauptung von dem Stillstehen der Sonne und der Bewegung der Erde folgendermaßen begutachtet:

Der Satz, die Sonne sei im Zentrum der Welt und ohne örtliche Bewegung, ist absurd und philosophisch falsch und formell ketzerisch, weil er ausdrücklich der heiligen Schrift widerspricht.

Der Satz, die Erde sei nicht das Zentrum der Welt und nicht unbeweglich, sondern bewege sich, und zwar auch in täglicher Umdrehung, ist ebenfalls absurd und philosophisch, wie theologisch falsch und zum mindesten irrig im Glauben.

Da es uns indessen gefiel, mit Milde gegen dich zu verfahren, so wurde in der am 25. Februar 1616 in Gegenwart unseres Herren gehaltenen Kongregation beschlosen: Seine Eminenz, der Herr Kardinal Bellarmin soll dir auftragen, die erwähnte falsche Lehre ganz aufzugeben, und im Weigerungsfälle sollte dir vom Kommissär des heiligen Offiziums der Befehl erteilt werden, diese Lehre aufzugeben, weder andere darin zu unterrichten, noch dieselbe zu verteidigen oder zu erörtern, und, falls du dich bei diesem Befehl nicht beruhigen würdest, solle man dich einkerkern. Behufs Ausführung dieses Dekretes wurde dir Tags darauf im Palaste seiner Eminenz, des genannten Kardinals Bellarmin, nachdem du von ihm sanft ermahnt worden warst, von dem damals fungierenden Herrn Kommissar des heiligen Offiziums in Gegenwart eines Notars*) und vor Zeugen der Befehl erteilt, daß du von der erwähnten falschen Meinung gänzlich abstehen mögest, und daß es dir in Zukunft nicht erlaubt sei, sie zu verteidigen oder in irgendeiner Weise (quovis modo) zu lehren, weder mündlich noch schriftlich; und als du Gehorsam versprochen hattest, wurdest du entlassen.

Und damit eine so verderbliche Lehre gänzlich ausgerottet werde und nicht weiter zum großen Schaden der katholischen Wahrheit um sich greife, erschien von der heiligen Kongregation des Index ein Dekret, durch welches jene Bücher verboten wurden, die von der obigen Lehre handeln, und sie selbst ward für falsch und der heiligen und göttlichen Schrift als ganz widersprechend erklärt.

*) Warum wird der Notar nicht genannt?

Und als endlich im letzt verflossenem Jahre in Florenz dieses Buch erschien, dessen Titel zeigte, daß du der Verfasser desselben seiest, da nämlich der Titel lautete: Dialogo di Galileo Galilei delie due massime Sisteme del Mondo, Tolomaico e Copernicano, da zugleich die heilige Kongregation erfahren hatte, daß durch den Druck des obigen Buches die falsche Lehre von der Bewegung der Erde und dem Stillstand der Sonne täglich mehr Boden gewinne: so wurde dieses Buch sorgfältig untersucht und in demselben offenbar eine Übertretung des obigen Befehls, welcher dir erteilt worden war, gefunden, weil du in demselben Buche die erwähnte, schon verdammte und in deiner Gegenwart als solche erklärte Lehre verteidigst hattest, wenn du gleich in diesem Buche dich bemühst, durch verschiedene Wendungen zu überzeugen, sie sei von dir als unentschieden und ausdrücklich nur als wahrscheinlich gelassen worden, was gleichfalls ein grober Irrtum ist, da eine Lehre auf keine Weise wahrscheinlich sein kann, die bereits als der heiligen Schrift widersprechend befunden und erklärt ward.

Deshalb wurdest du auf unseren Befehl vor dieses heilige Offizium gerufen, wo du verhört unter deinem Eide bekanntest, das Buch sei von dir geschrieben und in den Druck gegeben worden. Ferner bekanntest du, daß du beiläufig vor zehn oder zwölf Jahren, nachdem dir der obige Befehl erteilt worden war*), das genannte Buch zu schreiben angefangen habest; ferner daß du um die Erlaubnis nachgesucht, dasselbe zu veröffentlichen, ohne denjenigen, die dir dazu die Ermächtigung gaben, anzuzeigen, daß dir befohlen worden sei, diese Lehre weder in irgendeiner Weise festzuhalten, zu verteidigen, noch zu lehren.**)

Du bekanntest gleichfalls, der Inhalt des genannten Buches sei an vielen Stellen so verfaßt, daß der Leser sich die Meinung bilden könne: die für den falschen Teil vorgebrachten Argumente wären derart ausgedrückt, daß sie vermöge ihrer Kraft den Verstand eher umstricken könnten, als leicht zu widerlegen seien; zu deiner Entschuldigung bringst du vor, du seiest darum in einem Irrtum geraten, der (wie du behauptest) deiner wirklichen Absicht (intentione) so ganz ferne liege, weil du das Buch in Form von Dialogen abgefaßt habest, und auch wegen des natürlichen Wohlgefallens, das jeder über seine scharfsinnigen Erfindungen empfindet, wie auch um sich in dem Erdenken von sinnreichen und wahrscheinlich klingenden Reden, selbst zugunsten von falschen Behauptungen, geistreicher zu zeigen, als es die Leute gemeiniglich sind.

*) Das hat Galilei nicht bekannt.

**) Wäre aber das Verbot wirklich 1616 ergangen, so hätte es die römische Zensur in den Akten finden können, da sie doch alle Ursache hatte, dieser Frage wegen das Protokoll von 1616 nachzusehen! Also war es offenbar 1630 noch nicht in den Akten zu finden!

Und da dir ein angemessener Termin zur Abfassung deiner Verteidigungsschrift ausgesetzt worden war, brachtest du ein handschriftliches Zeugnis seiner Eminenz, des Herrn Cardinais Bellarmin, vor, das du, wie du sagtest, dir verschaffst hast, um dich gegen die Verleumdungen deiner Feinde zu verteidigen, welche behaupteten, du habest abgeschworen und seiest von dem heiligen Offizium mit einer Strafe belegt worden. ln diesem Zeugnis wird nun gesagt, daß du weder abgeschworen habest, noch bestraft, sondern nur von der Erklärung in Kenntnis gesetzt worden seiest, die von unserem Herren gegeben und von der Kongregation des Index veröffentlicht wurde, des Inhalts, daß die Lehre von der Bewegung der Erde und dem Stillstand der Sonne der heiligen Schrift zuwiderlaufe und deswegen nicht verteidigt und nicht festgehalten werden dürfe. Weil darin somit keine Erwähnung der zwei Bestimmungen des Befehls geschieht, nämlich ,zu lehren‘ und ,auf irgendeiner Weise (,docere‘ et ,quovis modo‘), so müsse man annehmen, daß sie dir im Verlaufe von vierzehn oder sechzehn Jahren entfallen seien, und du infolgedessen diesen Befehl verschwiegen habest, als du um die Erlaubnis, das Buch drucken lassen zu dürfen, einkamst; und dies werde von dir nicht vorgebracht, um deinen Irrtum zu entschuldigen, sondern damit er eitlem Ehrgeiz und nicht bösem Willen zugeschrieben werde. Aber gerade dieses Zeugnis, welches du zu deiner Verteidigung beibrachtest, hat deine Sache noch verschlimmert, insofern darin gesägt wird, die vorerwähnte Meinung sei der heiligen Schrift zuwider, und du es dennoch wagtest, dieselbe zu erörtern, sie zu verteidigen und als wahrscheinlich darzustellen. Dabei spricht die von dir mit Künsten und Listen herausgelockte Erlaubnis keineswegs zu deinen Gunsten, da du den dir auferlegten Befehl nicht mitteiltest*).

Weil es uns aber schien, daß du in betreff deiner Intentionen nicht die volle Wahrheit gesagt habest, so erachteten wir es für nötig, zur strengen Untersuchung (rigorosum examen) gegen dich zu schreiten, in welcher du (ohne irgendeine Präjudiz betreffs deiner Bekenntnisse und der obigen Folgerungen hinsichtlich deiner Intention) katholisch geantwortet (respondisti catholice). Deshalb sind wir nach Betrachtung und reiflicher Erwägung des Meritorischen dieser deiner Sache sowie deiner oben angeführten Bekenntnisse und Entschuldigungen und alles dessen, was nach dem Rechtswege zu untersuchen und zu erwägen kam, zu folgender definitifen Sentenz gelangt:

*) Das Urteil geht also mit keinem Wort auf die eigentliche Verteidigung ein, sondern nimmt als bewiesen an, was Galilei bestreitet und durch Bellarmins Zeugnis widerlegt.

Unter Anrufung des heiligsten Namens unseres Herren Jesu Christi und der glorreichsten Mutter und unbefleckten Jungfrau Maria behaupten, verkünden, urteilen und erklären wir durch diese unsere definitife Sentenz, die wir, zu Tribunal sitzend, unter dem Beistand und nach dem Gutachten der ehrwürdigen Lehrer der Theologie und der Doktoren beider Rechte, als unserer Rechtsbeistände, in dieser Schrift aussprechen, bezüglich der vor uns verhandelten Frage und Fragen zwischen seiner Herrlichkeit Carolus Sincerus, Doktor beider Rechte und Fiskal-Prokurator dieses heiligen Offiziums, einerseits, und dir, Galileo Galilei, der du wegen der hier vorliegenden prozessualisch verhandelten Schrift angeklagt, untersucht, verhört und wie oben geständig warst, anderseits, daß du, obgenannter Galilei, wegen dessen, was sich im Prozesse ergab und du selbst wie oben gestandest, dich bei diesem heiligen Offizium der Häresie sehr verdächtig gemacht habest; das heißt, daß du eine Lehre geglaubt und festgehalten hast, welche falsch und der heiligen und göttlichen Schrift zuwider ist, nämlich: Die Sonne sei das Zentrum des Erdkreises, und dieselbe gehe nicht von Osten nach Westen, die Erde bewege sich und sei nicht das Zentrum der Welt, und es könne diese Meinung für wahrscheinlich gehalten und verteidigt werden, nachdem sie doch als der heiligen Schrift zuwiderlaufend befunden und erklärt worden war; daß du in Folge dessen in alle Zensuren und Strafen verfallen seiest, welche durch die heiligen Canones und andere allgemeine und besondere Konstitutionen gegen derartige Fehlende bestimmt und über sie verhängt sind. Von diesen wollen wir dich freisprechen, sobald du mit aufrichtigem Herzen und nicht erheucheltem Glauben abschwörst, verfluchest und verwünschest die obgenannten Irrtümer und Ketzereien und jeden anderen Irrtum, welcher der katholischen und apostolischen Kirche zuwiderläuft, nach der Formel, wie sie dir von uns wird vorgelegt werden.

Damit aber dieser, dein schwerer und Verderblicher Irrtum und Ungehorsam nicht ganz ungestraft bleibe und du in Zukunft vorsichtiger verfahrest, auch anderen zum Beispiel dienest, daß sie sich von dergleichen Vergehen enthalten, so bestimmen wir, daß das Buch: „Dialog von Galileo Galilei“ durch eine öffentliche Verordnung verboten werde; dich aber verurteilen wir zum förmlichen Kerker (ad formalem carcerem) bei diesem heiligen Offizium für eine nach unserem Ermessen zu bestimmende Zeitdauer und tragen dir als heilsame Buße auf, in den drei folgenden Jahren wöchentlich einmal die sieben Bußpsalmen zu sprechen, uns vorbehaltend, die genannten Strafen und Bußen zu ermäßigen, umzuändern, ganz oder teilweise aufzuheben.

So sagen, verkünden und erklären wir durch Sentenz, bestimmen und verurteilen und behalten uns vor, in dieser und jeder anderen besseren Weise und Form, wir wie von Rechts wegen können und müssen.

So verkünden wir endesunterzeichnete Kardinäle:

Br. Cardinal von Ascoli,

G. Kardinal Bentivoglio,

Br. Kardinal von Cremona,

Br. Anton, Kardinal des heiligen Onuphrius,

B. Kardinal Gessi,

F. Kardinal Verospius,

M. Kardinal Ginetti.“

Gewiß ist dieser Urteilsspruch „ein häßlicher Schandfleck in der Geschichte der Inquisition“ — aber ich kann die besondere Entrüstung nicht teilen, die sich an Galileis Aburteilung anschließt, — war denn nicht die gesamte Tätigkeit der Inquisition ein Schandfleck am Kleid der abendländischen Menschheit — war nicht die grausame und idiotische Hexenverfolgung ein Schandfleck in ganz Europa — war nicht das hexenfeindliche Gutachten so vieler juristischer Fakultäten genau so ein Schandfleck wie das Gutachten des Herrn Melchior Inchofer gegen den Unsterblichen — war nicht der evangelische Volksbetrug ein Schandfleck — ist nicht die Entstehungsgeschichte der anglikanischen Hochkirche ein Schandfleck — war nicht die Verbrennung des Hus, des Servet, des Bruno, des Vanini Schandfleck über Schandfleck? — Das Urteil über Galilei war sachlich ganz ungerechtfertigt, es war auf Grund einer Fälschung ermöglicht. So viel Rücksicht hatte man eben auf den Schützling des Großherzogs zu nehmen, daß man einen ansehnlichen Grund zur Verurteilung künstlich schaffen mußte. Das Urteil lag im übrigen ganz im Geschmack der Zeit. Aber ist etwa unsere Zeit sehr viel besser? Ich möchte es bezweifeln. Auch heute noch werden überall ungerechte Urteilssprüche gefällt und sie werden mehr oder minder geschickt bemäntelt. Heute ist es ja nicht mehr die Kirche, die die Macht zu Urteilssprüchen besitzt, sondern es ist der Staat, der sich dabei gar nicht von religiösen Sätzen leiten läßt. Wenn dennoch — wie kein Mensch mit offenen Augen übersehen kann — so viele ungerechte Urteilssprüche vorkommen, so ist damit bewiesen, daß der Hang zur Unterdrückung, zur Rache, zum Unrecht und zur Unduldsamkeit mit der Religion gar nichts zu tun hat und auch damals nichts zu tun hatte. Die Menschen sind es, die ungerecht und grausam sind, blind und beschränkt. Wer die „Religion“ dafür verantwortlich macht, ist ein Esel oder Betrüger, denn damit gibt er einer häßlichen Sache ein schönes Mäntelchen. Der Urteilsspruch, durch den Galilei verurteilt wurde, ist ein Irrtum gewesen, soweit es sich um die Erddrehung handelte, aber er war ein niedriger persönlicher Racheakt, soweit es sich um die „Bestrafung“ des Gelehrten handelte. Der Urteilsspruch war die Antwort des Papstes auf die Darstellung des Simplizio in Galileis „Dialog“.

Wäre Galilei ein Kepler gewesen, so hätte er eben zum Wanderstabe gegriffen, als die Kämpfe mit den Jesuiten und den Dominikanern ausbrachen. Denn es ist sinnlos, mit einem spanischen Rohr gegen einen Elefanten kämpfen zu wollen — oder mit Tinte gegen einen Hund.

Anderseits ist zu sagen: Es scheint, als ob die Menschen durch Leid hindurchgehen müßten, um besser zu werden. Das grausame und irrtümliche Urteil gegen Galilei hat den großen Gelehrten mit einem solchen Ruhmesglanz umgeben, wie ihn kein christlicher Märtyrer schöner hatte. Und heute ist die Kirche sehr vorsichtig geworden im Verdammen von wissenschaftlichen Lehren. Der Urteilsspruch von 1633 hat durch seine jahrhundertelange Nachwirkung auch einen gewissen Fortschritt gebracht! — Der Fortschritt ist teuer erkauft — aber die Menschen können, wie gesagt, anscheinend nur durch solche Mängel und ihre nachträgliche Erkenntnis zu Fortschritten gelangen. Das ist der Sinn des Urteils gegen Galilei, das am 22. Juni 1633 in der Kirche zur Minerva verlesen ward. Die Kardinäle Caspar Borgia, Laudivio Zacchia und Franzesco Barberini haben nicht unterschrieben…

Galilei schwört ab.

Auf Grund dieser, von den Mitgliedern des heiligen Tribunals nicht einmal einhellig beschlossenen Sentenz mußte Galilei gleich nach Anhörung des Richterspruches, demütig knieend, vor der ganzen Versammlung folgende entwürdigende Abschwörung aussprechen:

„Ich, Galileo Galilei, Sohn des weiland Vincenco Galilei aus Florenz, 70 Jahre alt, persönlich vor Gericht gestellt und kniend vor euren Eminenzen, den hochwürdigsten Herren Kardinälen, General-Inquisitoren gegen Ketzerei in der ganzen christlichen Welt, die heiligsten Evangelien vor Augen habend und sie mit den Händen berührend, ich schwöre, daß ich immer geglaubt habe, gegenwärtig glaube und mit dem Beistand Gottes in Zukunft glauben werde alles das, was die heilige katholische apostolische römische Kirche festhält, bestimmt und lehrt. Aber, weil mir das heilige Offizium von Rechts wegen durch Befehl aufgetragen hatte, daß ich jene falsche Meinung vollständig aufgeben solle, laut welcher die Sonne das Zentrum der Welt und unbeweglich, die Erde aber nicht Zentrum sei und sich bewege, und daß ich die genannte Lehre weder festhalten noch verteidigen oder in irgendeiner Weise (quovis modo) schriftlich oder mündlich lehren dürfe; und weil ich, nachdem mir bedeutet worden war, die genannte Lehre stehe mit der heiligen Schrift in Widerspruch, ein Buch schrieb und es drucken ließ, in welchem ich diese schon verdammte Lehre erörtere und Gründe von großem Gewicht zu ihren Gunsten vorbringe, ohne irgendeine abschließende Lösung hinzuzufügen; so bin ich demnach als der Häresie schwer verdächtig erachtet worden, das heißt: festgehalten und geglaubt zu haben, daß die Sonne das Zentrum der Welt und unbeweglich, und die Erde nicht Zentrum sei und sich bewege.

Da ich nun euren Eminenzen und jedem katholischen Christen diesen starken, mit Recht gegen mich gefaßten, Verdacht benehmen möchte, so schwöre ich ab, verwünsche und verfluche ich mit aufrichtigem Herzen und nicht erheucheltem Glauben die genannten Irrtümer und Ketzereien sowie überhaupt jeden anderen Irrtum und jede der genannten heiligen Kirche feindliche Sekte; auch schwöre ich fürderhin, weder mündlich noch schriftlich etwas zu sagen oder zu behaupten, wegen dessen ein ähnlicher Verdacht gegen mich entstehen könnte, sondern wenn ich einen Ketzer oder der Ketzerei Verdächtigen antreffen sollte, werde ich ihn diesem heiligen Offizium oder dem Inquisitor und dem Bischof des Ortes, wo ich mich befinde, anzeigen. Außerdem schwöre und verspreche ich, alle Bußen zu erfüllen und vollständig zu verrichten, welche mir dieses heilige Gericht auferlegt hat oder noch auferlegen wird. Sollte es mir begegnen, daß ich irgendeinem dieser Versprechen, Proteste und Eidschwüre (was Gott verhüten möge) zuwiderhandle, so unterwerfe ich mich allen Bußen und Strafen, welche durch die heiligen Canones und andere allgemeine und besondere Konstitutionen gegen derartige Übeltäter bestimmt und verhängt sind: so wahr mir Gott helfe und die heiligen Evangelien, die ich mit meinen Händen berühre.

Ich, obgenannter Galileo Galilei, habe abgeschworen, geschworen, versprochen und mich zu vorstehendem verpflichtet und zur Beglaubigung dessen eigenhändig die vorliegende Urkunde meiner Abschwörung unterschrieben und sie Wort für Wort gesprochen zu Rom im Kloster Minerva am heutigen Tage, dem 22. Juni 1633.

Ich Galileo Galilei habe wie oben mit eigener Hand abgeschworen.“

Es gibt fromme Seelen, die der Meinung sind, Galilei habe hier keinen Meineid geleistet, sondern aus Überzeugung abgeschworen. Ein katholischer Anonymus schrieb noch 1841: „Wahrscheinlich hat sich Galilei schließlich davon überzeugt, daß seine Lehre physikalisch abgeschmackt sei und hat dann der Stimme der Vernunft und der Religion Gehör gegeben“ … und andere Schriftsteller weisen darauf hin, daß doch tatsächlich zu Galileis Zeiten ein Beweis für die Drehung der Erde nicht erbracht war.

Was den Meineid anbelangt, so gehört er meiner Meinung nach zur entschuldbaren Abwehr. Zwischen einer gewöhnlichen Aussage vor Gericht und einer beschworenen zu unterscheiden, ist auch heute noch üblich, und namentlich in Deutschland blüht der wirkliche und der angebliche Meineid als juristisch scholastischer Unsinn — ein scharfes Zeichen, daß auch unsere Wissenschaft vom „Recht“ genau so mit dämonologischen Anschauungen durchsetzt ist wie die Religion und die anderen geistigen Provinzen des modernen Menschen. Ich möchte wissen, wieviele Menschen die Nerven haben, einen Meineid zu verweigern, wenn sie andernfalls die Aussicht haben, bei lebendigem Leib geröstet zu werden. Galilei hat ganz Recht gehabt, zu schwören, was er schwor. Nur — er hätte eben schon viel früher die Sachlage erkennen und den „Hund“ in Ruhe lassen sollen. So schmählich der Eid war — um nichts schlimmer wäre dieses Schweigen über das kopernikanische System gewesen!

Was aber die fehlenden Beweise anbelangt, so kann man heute, 1927, nur sagen: Wir haben sie auch heute nicht! Gewiß lernen wir die Sachlage schon in der Schule so, wie Galilei schwören mußte, daß sie nicht sei — eben deswegen fällt es uns schwer, gehörig objektiv zu urteilen. Aber es kommt uns heute nicht mehr darauf an, etwas für absolut richtig oder sicher zu halten — wir wollen eine brauchbare und widerspruchslose Naturbeschreibung haben, mehr nicht. Seit sich die Physik der Fixsterne so großartig entwickelt hat, wäre es lächerlich, anzunehmen, daß diese riesigen und schier unendlich vielen (mindestens unzählbaren) Welten alle einen Tanz um die Erde ausführen sollten. Im Grunde sind es alle schon dem Kopernikus wohlbekannten Wahrscheinlichkeitsgründe, die heute ein ungleich größeres Gewicht bekommen haben, nicht aber die besonderen von Galilei hervorgezogenen Beweise wie Ebbe und Flut, um derentwillen wir von der planetarischen Natur der Erde überzeugt sind. An dieser Sachlage ändern auch die sogenannten direkten Beweise nichts, wie die östliche Abweichung des fallenden Körpers oder der Foucault’sche Pendelversuch. Alle diese Erscheinungen bestätigen lediglich die vernünftige und widerspruchslose Gestalt unseres Weltbildes, ohne ihm die Sicherheit einer absoluten Wahrheit zu geben. Ja man kann geradezu sagen, daß Galilei das kopernikanische System in einem höheren Grad für wahr hielt, als dies ein moderner Mensch verantworten könnte, indem jener nämlich darin eine „absolute“ Wahrheit sah, während wir uns mit einer praktischen Erkenntnis begnügen.

Galilei kniete vor seinen Richtern, als er den Eid sprach. Ob er im Hemde war, wie einige berichten, haben wir nicht ausmachen können. Jedenfalls hat sich die geschichtliche Forschung erst sehr spät dieser historischen Szene angenommen, zu einer Zeit da sie schon längst mit der Gloriole des „schiefen Turms“ umsponnen war. Mit der Abschwörung ist nämlich wieder ein historisches Märchen verknüpft, vielleicht das berühmteste aus dem Leben des Galilei. Als er nach dem Schwur aufstand, soll er beim Weggehen gerufen haben: „E pur si muove!“ Und sie bewegt sich doch. — Wir müssen nach der Darlegung der genauen Zusammenhänge wohl nicht mehr beweisen, daß diese Bemerkung nie gefallen ist. Galilei war im Gegenteil aufs höchste erschüttert und wohl auch empört über die Behandlung, die man ihm angedeihen ließ — aber er hat sich gehütet, einen derartigen Ansspruch zu tun. Dieser Ausspruch ist erfunden worden. Er tritt erst viele Jahrzehnte nach Galileis Tod in der Literatur auf.

Bis in die Gegenwart hinein war die Meinung sehr verbreitet, daß Galilei gefoltert worden sei. Hält man alles zusammen, was wir heute wissen — dokumentarische Belege und indirekte Schlüsse — so kann man mit fast völliger Sicherheit sagen: Galilei ist nicht gefoltert worden! — Aber wenn man auch etwa annehmen wollte, daß dieses gefälscht — unterschoben — sei, so erlaubt der übrige Gang des Prozesses eine solche Annahme, nämlich die Folterung des Galilei, durchaus nicht. Denn dann hätte ja als Ergebnis der Folterung das von Galilei erpreßte Geständnis erscheinen müssen, daß er doch noch nach 1616 die verdammte Lehre als wahr geglaubt habe. Aber von einer solchen Erklärung ist ja weiter im Urteil nicht die Rede, man hat sich vielmehr mit der Galileischen Weigerung, diese Häresie zuzugeben, begnügt. Wir wollen uns auf die Spitzfindigkeiten, denen zufolge auch nach 1616 der Glaube an die Richtigkeit des Kopernikanischen Systems nicht ketzerisch gewesen wäre, weil weder die päpstliche Bestätigung des Edikts noch etwa eine Konzilerklärung Vorlagen, nicht einlassen. Praktisch kam die Anhängerschaft an Kopernikus seit 1616 auf Ketzerei hinaus. Und die Ketzer wurden stets, wenn sie ihre Ketzerei nicht zugaben, gefoltert — bis sie sie Zugaben.

Auch könnte die Folterung nur in der Zeit vom 21. bis zum 24. Juni, da Galilei im Palast der Inquisition weilte, vorgenommen worden sein. Aber da er schon am 22. abschwören mußte, so bleibt gar kein zeitlicher Platz für die Folterung, die ja einen Teil der Untersuchung bildet. Die Folterung müßte ja doch vor der Urteilsfällung erfolgen, da das aus der Tortur folgende Geständnis eben die eventuelle Grundlage der Erkenntnis bilden muß.

Am 24. durfte Galilei in das Gesandtschaftspalais zurückkehren, wo er in strengster Zurückgezogenheit leben mußte. Das war eine „Begnadigung“, denn Galilei war ja zur Kerkerhaft im Gefängnis der Inquisition verurteilt worden. Von Trinita de Monti bei Rom aus schrieb Galilei jenes rührende Bittgesuch, das sich heute noch bei den Akten befindet: „Heiligster Vater“, schreibt er, „Galileo Galilei bittet demütig…“ und er wünscht, statt in Rom in Florenz in Gefangenschaft zu sein, begründet das mit seiner Kränklichkeit und mit der erwarteten Ankunft seiner Schwester, die mit 8 Kindern aus Deutschland nach Florenz kommt. Aber Urban war der Meinung, man dürfe nicht so rasch Vorgehen mit den Straferleichterungen, daher entschied er, Galilei solle sich zum Erzbischof von Siena begeben. Dieser Kirchenfürst, mit Namen Piccolomini, ein sehr ergebener Freund des Galilei, hatte den greisen Gelehrten schon während des Prozesses eingeladen, auf der Rückreise in Siena haltzumachen und bei ihm einige Tage zu verweilen. So konnte es Galilei denn als eine wirkliche Gnade des Papstes betrachten, daß dieser ihn nach Siena schickte. Am 2. Juli überbrachte Pater Vincenz Macolani di Fiorenzuola, der Vorsitzende der Inquisition, die Botschaft persönlich Galilei. ln Siena mußte Galilei bis Ende 1633 bleiben, dann wurde ihm die Rückkehr nach Arectri bei Florenz gestattet, wo er ein Landhaus hatte. Er blieb aber unter ständiger strenger Bewachung durch die Inquisition und war nichts anderes als ein Gefangener im eigenen Hause.

Die einzelnen Abschnitte:
Galileo Galilei
Das erwachende Europa in der Zeit vor Galilei.
Einzelbilder aus der vorgalieischen Zeit.
Galileis Werdegang
Galileis Zeitgenossen
Galileon Galilei : Die Sonnenflecken
Verbot des Heliozentrischen Systems.
Kepler und Galilei im Vorhof des Gravitationsgesetzes.
Galileo Galilei : Die Kometen des Jahres 1618.
Galileo Galilei letzte Lebensjahre.
Galileo Galilei : Der Prozeß.

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