Frankreichs Kriegsvorbereitungen in Bild und Wort

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Alle, die Frankreichs Geistesleben sympathisch gegenüberstehen und an seine moralische Kraft glauben, werden seit Beginn des großen Krieges durch die Frage verfolgt: wie kommt es, daß eine Nation, deren Stolz, es von jeher war, klares Denken und Erkennen mit Maß und Würde zu vereinen, seit dem Augenblick, da das Schicksal sie in einen furchtbaren Kampf warf, in ihren Äußerungen so ganz die ihr von der übrigen Welt zugeglaubte Natur verleugnet.

Es ist höchst erstaunlich, daß ein intelligentes Volk, wie das französische, dessen Stärke grade psychologische Durchdringung, kühles Prüfen aller Erscheinungen ist, bei der Darstellung der Tatsachen dieses Krieges und seiner Nebenerscheinungen alles Licht – Unschuld, Friedfertigkeit, Tapferkeit, Ritterlichkeit, freie Vaterlandsliebe, Barmherzigkeit auf die eine Seite bringt, der anderen Seite nichts als heimtückischen Kriegswillen, Eroberungsgelüste, unlautere Kampfart, Spionage- und Knechtssinn, Grausamkeit, Mordlust, Raub- und Diebesbenehmen zuschreibt, ein Verfahren, das jeder historischen Erfahrung and jeder Logik widerspricht. Es ist auch nicht anzunehmen, daß ein intelligenter und kultivierter Franzose sich nicht genau bewußt ist, wie gleichmäßig in den europäischen, vom Gesichtspunkt der Zivilisation ungefähr gleichaltrigen Völkern Gutes und Böses verteilt ist, wie überall heroische Taten und Niedrigkeiten zu verzeichnen sind, überall Kriegsparteien und Friedensparteien wirken, überall Grausamkeiten und Werke aufopfernder Nächstenliebe vollbracht werden.

Noch viel erstaunlicher aber berühren den Außenstehenden die Formen, in denen sich diese Anschauungen dokumentieren, die mag es sich um Pressestimmen oder Theateraufführungen, um Broschüren oder wissenschaftliche Aufsätze anerkannter Gelehrter, um Films oder Illustrationen, Witzblätter oder Kunstblätter handeln einen Tiefstand des Kulturniveaus bewiesen, wie er sich zur Zeit in keinem anderen Lande, auch in Frankreich wohl noch nie gefunden hat, selbst in früheren, großen geistigen Krisen und seelischen Epidemien nicht, mag man auch bis zum Mittelalter hinabsteigen.

Erschüttert, in seinem Glauben wankend, fragt man: ist das noch dasselbe Volk eines heldenmütigen, sittlich strengen Racine und Corneille, eines kraftvoll heiteren Rabelais und Moliere, eines frommen, abgrundtiefen Pascal, eines in Gerechtigkeit erglühenden Zola, ist das noch das Volk, das Künstler hervorbrachte, wie Poussin, Watteau, Manet, Cezanne?

Und hören wir heute wirklich die Enkel jener reinen und großen Vorfahren, was treibt sie dazu, sich selbstzcrstörerisch aus der Bewunderung und Liebe ihrer Zeitgenossen herauszureißen, ihre eignen Herzen und Hände zu besudeln, mit mörderischem Aussatz zu bedecken?

Treibt sie ein dunkler Dämon ins Verderben oder der freie Mülle, die Überzeugung von der Zweckmäßigkeit ihres Tuns?

Diktiert der „überlegende Wille“ alle jene Äußerungen eines anormalen geistigen Zustandes, halten also die führenden Geister sie für zweckmäßig oder notwendig, so müssen sie überzeugt sein, daß die Kraft der Waffen Frankreichs und seiner sieben verbündeten Nationen nicht ausreicht, seine Feinde zu bezwingen, und daß es für den guten Ausgang des Kampfes notwendig ist, immer neue Genossen unter den Neutralen zu werben, mit jedem zu Gebot stehenden Mittel, sei es auch moralisch, geschmacklich, künstlerisch noch so niedrig, eigentlich eine Beleidigung für die selbständige Urteilskraft der neutralen Länder. Oder aber – und vielleicht gleichermaßen — sind alle diese Äußerungen Mittel, die geistige Temperatur des französischen Volkes zur Siedehitze zu bringen und sie darin zu erhalten, dann würde das beweisen, wie wenig die geistigen Führer das französische Volk für befähigt halten, die notwendige Kampfes-energie und Ausdauer aus spontaner Tapferkeit, Vateilandsliebe und Pflichttreue, aus der Seele einer mutbeseelten edlen Rasse zu schöpfen.

Wir wollen später untersuchen, wie es geschehen kann, daß dieses Volk sich von den plumpen und beleidigenden Mitteln seiner Führer düpieren und seine Gefühle durch die billigsten Gifte betäuben läßt. Bedenken wir vorher einen Augenblick die Gründe zu dem Mißverstehen der angeborenen Fähigkeiten und Kräfte der französischen Rasse. Es ist nicht besonders erstaunlich. Haben doch die ernsten Denker Frankreichs seit Jahren erkannt, welche tiefe Kluft zwischen dem französischen Volk und der Pseudo-Elite besteht, die sich anmaßt, Führer dieses edlen, tapferen und intelligenten Volkes zu sein.

Frankreich zeigt ein Doppelantlitz. Auf der einen Seite ein idealistisch gesinntes, genügsames, methodisch arbeitendes Volk, das wenige kennen; am wenigsten die flüchtigen Besucher von Paris. In ihm lebt ein tiefer Idealismus, aus ihm gehen jene Künstler und geistigen Arbeiter hervor, die in Verzicht auf jeden Genuß ihr Dasein fristen, nur ihrer Kunst, ihrem Werk oder ihrer Familie leben, keinerlei erniedrigende Kompromisse schließen, keine Zugeständnisse machen. Sie wohnen in elenden Behausungen, begnügen sich mit ererbtem Hausrat, und haben nur das eine Ziel: innerlich weiter kommen, etwas leisten, von ein paar Gleichgesinnten verstanden werden. Bis tief hinab ins Volk, bis in die scheinbar tote Provinz, und gerade in der Provinz, findet man solche Charaktere. Sie kennen nicht den Ehrgeiz, eine Rolle zu spielen, sie sehnen sich nicht nach Vergnügen und Zerstreuung. Sie leben für die Ihren, für die ein oder zwei vergötterten Kinder, denen sie jeden Stein aus dem Wege räumen möchten.

Und auf der anderen Seite steht eine Oberschicht von internationalen Geldmännern und Journalisten, die die Öffentlichkeit durch die Zeitungen beherrschen. Wie wenig aber die Presse mit den besseren Kräften der Nation gemein hat, beweisen zahlreiche Aussprüche von Franzosen. Sie nennen die Journalisten „Parasiten, die an uns fressen“, käufliche Lohnschrcibcr ohne eigne Gedanken und fremde nur zulassend, insofern sie Vergnügungsinstrumente oder Parteiwaffen sind, elende Abenteurer in Literatur, Finanz, Politik.

Das sind nach der Meinung weitsichtiger Franzosen jene „geistigen Führer“, die mit ihrem Lärm das Volk überschreien und betäuben. Aber nicht nur die Presse verdient diese Verdammung, sondern im gleichen Maße die Literatur, das Theater. Was von der französischen Literatur sich schnell im In- und Ausland verbreitet, steht nicht hoch über den Feuilletons der Tageszeitungen, das heißt, es ist für die Bedürfnisse eines müßigen Publikums von kosmopolitischen Nichtstuern geschrieben. Und als dritten Verbündeten im Triumvirat derer, die Frankreichs Ruf und Kultur bestimmen, sehen wir die Politiker, die in der Mehrzahl ebenso eitel, selbstgefällig, gewissenlos und schwatzhaft sind wie die französischen Journalisten. Gehen sie ja zum größten Teil aus den Zeitungsredaktionen hervor. Auch sic mißbrauchen das Volk für ihre Zwecke und lassen sich selbst zu persönlichen Zwecken von anderen brauchen, in der Hoffnung, bald dasselbe tun zu können. Selbst wenn ein Politiker seine Laufbahn voller Idealismus beginnt, wird er bald in das allgemeine Räderwerk hineingcrissen, das ohne Korruption und Schiebungen nicht rotieren kann.

Diese Führer, denen es stets nur um ihren Erfolg zu tun war, spekulierten von jeher auf die niedrigsten Instinkte und züchteten diese, anderntcils kamen sie den Bedürfnissen jenes nervenmüden, abgestumpften Publikums von internationalen Müßiggängern und Spekulanten entgegen und schmeichelten ihnen. Die Masse als Leser, die internationale reiche Gesellschaft als Förderer und Teilhaber ihrer geschäftlichen und gesellschaftlichen Unternehmen, das sind die beiden Räder, die die Maschinen ihres Egoismus in Gang halten.

Die große Frage ist nun: wie konnte ein nüchternes und intelligentes Volk sich von solchen durch Kapitalismus und Internationalismus ihm aufgedrängten Herren, geistig so knechten lassen? Wie konnte es kommen, daß es die egoistischen Interessen der Presse nicht durchschaut, die das geistig hochstehende Frankreich oft genug selbst gebrandmarkt hat; wie ist cs möglich, daß sich das beste Frankreich nicht errötend von den grotesken Übertreibungen seiner Akademiker und „Gelehrten“ abwendet?

Die Antwort ist nicht aus dem augenblicklichen Seelenzustand der Franzosen zu schöpfen, nicht allein aus Erbitterung oder Besorgnis zu erklären. Eine Krankheit tritt nicht unvorbereitet auf, und der Trunkene, der Wahnbefangene, der geistig Zerrüttete wird nie von ihm völlig fremden Ideen besessen, sondern stets von solchen, die er auch in normalem Zustand hegte, also von Gedanken, die die Wege seines Gehirns so oft durchlaufen haben, daß schließlich der leiseste Anstoß, jede Erregung, jede Assoziation imstande ist, den ganzen zugehörigen Komplex von Gefühlen und Vorstellungen zu wecken.

Und wenn wir untersuchen, welches vor dem Kriege die tägliche Nahrung der Franzosen in der Presse, dem Durchschnittstheater, Vorträgen und Broschüren war, machen wir die überraschende Entdeckung, daß alle jene Vorstellungen und Phantasien der Grausamkeit, der Barbarei, der Greueltaten, der Hinterlist längst in die Köpfe hineinfiltriert worden sind und sich dort zu festem Bestand abgelagert haben. Alle jene „noch nie dagewesenen“ haarsträubenden Tatsachen und Typen, die jetzt als Kriegserlebnisse auftauchen: unschuldig Gespießte, Gehängte, Verbrannte, Erdrosselte, vergewaltigte Frauen, erschossene Kinder, angezündete Häuser friedlicher Bürger, Geblendete, Gekreuzigte, Aufgeschlitzte, Brunnenvergiftungen, Mord als Vergeltung für Hilfeleistungen, Verbrechen an Kranken und Verwundeten, das alles findet sich in zahllosen Stücken, Filmaufführungcn, Erzählungen, die dem französischen Volk in den letzten Jahren aufgedrängt wurden. Die Schuld daran trägt jene falsche Führerschaft in Presse, Theater, Literatur, die mit fortwährendem Übersteigern sensationeller Reize das übersättigte Publikum anlocken wollten. Dieses Übersteigern betraf ebenso die Erfindung erotischer, perverser, chauvinistischer Motive, wie die Schilderung verbrecherischer Situationen, die einen wie die andern in roher, grauenhafter Weise ausgemalt. Man braucht nur die typischen französischen Theaterstücke, Filmvorstellungen, Feuilletonnovellen der jüngsten Zeit vor dem Geist vorüberziehen lassen, um den Beweis dieser Behauptung zu erhalten.

Vergeblich gingen angesehene Franzosen wie Marcel Arnold, Professor Jacob (schon 1899) gegen die ungesunde Lektüre in den angesehenen Blättern vor. Der eingeschlagene Weg wurde weiter verfolgt. Jeden Morgen konnte, mußte der französische Bürger sensationell zugestutzte Vcrbrechcrgcschichtcn lesen, Berichte über Morde, Überfälle, Raubzüge, Einbrüche, mit drastischen, grausigen Bildern ausgestattet. Vielleicht las mancher Bürger diese Dinge zuerst mit Widerwillen. Aber die Phantasie stumpft schnell ab. Erst gewöhnt sic sich an dergleichen Gifte, und dann verlangt sie nach ihnen und schließlich nimmt sie nur noch solche Nahrung auf, wie der Fall der Einbrecherbande Bonnot beweist, der im Frühjahr 1912 ganz Paris, ja vielleicht ganz Frankreich in Atem hielt.

Neben diesen Berichten über wirkliche Ereignisse war aber in fast jeder Zeitungsnummer eine Feuilletonnovellc zu finden, die ähnliche Stoffe behandelte: ein Sohn, der seinen Vater ermordet, ein Mädchen, das seinen Geliebten erdrosselt, ein anderes, das seine Schwester erdolcht. Ein Weißer, der in Afrika seine schwarzen Untergebenen martert. Ein Marokkaner, der einen europäischen Industriellen aul der Jagd erschießt oder ins Meer stürzt oder vergiftet. Grausige Geschichten aus dem „Wilden Westen“. Sentimentale Verherrlichungen von Dirnen, Zuhältern, Dieben.

Viele große Zeitungen brachten Romane, täglich Fortsetzungen von zweien bis dreien, deren Helden in der überwiegenden Mehrzahl Verbrecher und Detektivs waren. Aber selbst in Romanen, die nicht, wie diese, notgedrungen von Mord und Totschlag, aufregenden Fluchten und Überlistungen, Hinrichtungen, Blut, Messer und Strick handeln mußten, spielten fast stets Entführung, Vergewaltigung, polizeiliche Überwachung eine große Rolle.

Nicht nur die Zeitungen pflegten die Art von Literatur, sondern auch der Buchverlag, die Theater und das Kino. Eine starke gegenseitige Beeinflussung fand statt. Feuilletons und Romane wurden zu Schauerdramcn verarbeitet; Kinematographenbilder und Volksstücke befruchteten die Phantasie der Romandichter.

Obenan in der Gattung derjenigen Stücke, die darauf berechnet waren, die Zuschauer an pervers-grausame und grauenerregende Bilder zu gewöhnen und ihren Nerven die erregendsten Stimulanticn zu bieten, standen die Vorstellungen des Grand Giägnol und seines Ablegers, des Gnignol Lyonnais. Doch beeinflußten die Aufführungen dieser beiden Theater auch die übrigen Bühnen, so daß man als „Jever de rideau“ fast überall „echte“ Grand Guignol-Sprößlingc genießen konnte.

Im Grand Guignol selbst wurden jeden Abend etwa vier bis sechs Einakter oder zwei bis drei Dreiakter gegeben, von denen mindestens zwei das Publikum in Mark und Bein erschüttern wollten. Ohnmächten, Nervenkriscn, Schreie, hysterisches Gelächter waren denn auch bei einem Teil der Zuhörerschaft die Folgen.

Das Guignol Lyonnais, das in Südfrankreich seine Gastspiele gab und häufig noch stärkere Dosen des Grausens verabfolgte, gab seine Stücke hundert- bis zweihundertmal. „Alle sind ohnmächtig vor Schrecken, selbst der Arzt“, stand als Lockmittel auf dem Programm, hier sah man Mädchen, die unter der sanften Maske Meuchelmord treiben, Greise, die das Feuer im Hause über schlafenden Helden anlegcn, Leutnants, die ihre Untergebenen oder Gefangenen durch Torturen zum Verrat der Stellungen zwingen. Man sah die Grausamkeit französischer und fremder Offiziere und Soldaten.

Leider blieb diese Gattung nicht das Monopol der genannten „Guignols“ und der kleinen eleganten Boulcvardtheater. Ihr Einfluß machte sich schnell auf den Volks- und Vorstadtbühnen geltend. Und wenn im Grand Guignol und ähnlichen Unternehmen das Gift aller dieser grausamen, perversen, rohen Bilder und Ideen nur in die fast immunen Sinne einer an alle Exzentrizitäten gewöhnten internationalen Gesellschaft träufelte, die durch ihre Abenteuer, Liebschaften, mondänen, spekulativen oder künstlerischen Erregungen bald von dem Gesehenen und Gehörten ab-gclcnkt wurden, so wirkten dieselben und ähnliche Motive auf die naiven, empfänglichen Gemüter des Volkes, des Mittelstandes sicher in unendlich erhöhtem Maße und tausendmal verderblicher. Dies bewegliche, für Aufnahme und Anpassung so fähige Volk wurde ein Opfer der gewissenlosen Theaterspekulanten, nicht die sensationslüsternen internationalen Müßiggänger, für die die stärkeren und immer stärkeren Dosen ekler und grausiger Phantasiegebäde ursprünglich berechnet waren. In den Volkstheatern wurden die Motive meist noch etwas mehr ins Derbe abgewandelt, ohne dadurch an ausgeklügelter Scheußlichkeit zu verlieren.

Die Möglichkeit, diese aufreizenden Genüsse unter einer noch größeren Volksschicht zu verbreiten, bot natürlich das Kino. Seine Mittel fordern brutale Wirkungen, und so wurden denn viele Stoffe der genannten Stücke auch für Kinopantominen verwertet.

Die Zahl der französischen Kinostücke, in denen Verbrechertypen geschildert, grausame Todesarten, Einbrüche, Diebstähle, Verstümmelungen als interessante oder heldenhafte Taten verherrlicht werden, ist Legion. Morde aus Eifersucht, wie zum Beispiel Hammerschlägc auf den Kopf einer Nebenbuhlerin (ein Verfahren, bei dessen erster Darstellung die Schauspielerin Mistinguette schwer verletzt wurde) wurden als rührende Ausbrüche des Temperaments dar-gcstellt. Bombenwürfe, schreckliche Explosionen und Eisenbahnunglücke, Überfälle, Ausräubungen, Urkundenfälschungen, Vergewaltigungen, das sind alles Taten, die in den realistischen Bildern des Kino Besitz von der Phantasie des Volkes nehmen mußten.

Befriedigt geht der Bürger aus der „harmlosen“ Abendzerstreuung in sein stilles Heim und träumt vielleicht noch ein paar Tage und Nächte von dem Gesehenen. Er ahnt kaum, daß eine ganze Reihe von Vorstellungen, Ideen, Bildern, Situationen seinem Hirn vertraut geworden sind, beinahe lieb, wie dem Trinker der Alkohol, dem Don Juan die Erotik, dem Spekulanten die Geldjagd. Der Augenblick des gestörten Gleichgewichts, der Erschütterung und Erregung der Seele, geistige Erkrankungen oder Rauschzustände, in dem der Betroffene meist unfähig ist, irgendwelche neue Gedanken zu reproduzieren oder auch nur neue Eindrücke logisch zu verarbeiten, lassen den Geist diejenigen Gedanken reproduzieren, die in gesundem Zustand einen wesentlichen Bestandteil seiner inneren Welt ausmachten: der Wagen läuft in den gewohnten Geleisen von selbst weiter. Das hysterische Mädchen glaubt überall brünstige Liebhaber zu treffen, liest aus jeder Buchzeile erotische Anspielungen, aus jeder Zeitungsannonce versteckte Lockungen. Der religiös Wahnsinnige sieht Engel und Heilige um sich her und erlebt himmlische P’reuden. Der durch Geiz Zerrüttete glaubt sich von Dieben und Räubern verfolgt. Der geisteskranke Börsianer kann vielleicht die Tatsache eines Krieges nicht mehr erfassen, aber er stellt noch immer logische und weitsichtige kaufmännische Berechnungen auf, weil dabei die Gedanken in gewohnten Geleisen laufen. Der berauschte Choleriker wird in der Trunkenheit Streit und Zank anfangen, der Mißtrauische überall Fallen wittern.

Und ganz dieselben typischen Erscheinungen erleben wir heute am französischen Volk. Der Krieg löste in ihm – wie überall — eine Art Rausch, eine hysterische Erregung aus. Diese ergoß sich wie ein rasender Wassersturz in das lange vorher von der geschilderten Literatur gegrabene Flußbett gewohnter Gefühle und Vorstellungen. Treffen aber Erregung und Vorstellung erst einmal zusammen, so vollzieht sich stets und notwendiger Weise eine gegenseitige Steigerung. Die Erregung weckt die Vorstellung; dann erhöht die Vorstellung die Erregung. In abwechselnder Überbietung rufen sie schließlich durch Gedanken-Assoziation die Idee einer Ursache der Erregung herbei und an sic klammert sich dann meist der ganze heraufbeschworene Komplex der Gefühle. Wir erleben fast täglich Ähnliches am einzelnen Menschen.

Ein nervös erregter Mann vermißt irgendeinen für ihn oder seine Arbeit wichtigen Gegenstand. Er ärgert sich, sucht, das Suchen steigert seinen Ärger. Schließlich findet er den Gegenstand im Zimmer seiner Frau. Ist nun die Phantasie dieses Mannes schon vorher durch Vorstellungen von ungetreuen oder gehässigen Ehefrauen, von Neid und Zerstörungswut, von Grausamkeit usw. besessen, so können sich mit Leichtigkeit alle diese Vorstellungen auf die scheinbar außer ihm liegende „Ursache“ seiner Erregung, die Frau, werfen, und er ist überzeugt, daß seine Frau den Gegenstand heimlich entwendet habe, mit der Absicht, ihm zu schaden, ihm die Arbeit unmöglich zu machen, seine Zukunft zu untergraben, einem Liebhaber etwas zu verschaffen, oder ihn zu quälen. Wut und Haß sind dann notwendige Folgegefühle.

Ganz so in Frankreich. Da die Ursache der Kriegserregung — wie in allen Ländern — im Feind gesehen werden mußte, projizierte sieh der ganze Vorstellungskomplex von Grausamkeit, Roheit, Bestialität, Verbrechertum, der dem Volk vertraut geworden war, auf den Begriff Deutscher.

Der fanatische Haß und die sofort einsetzende Wut waren dann nur notwendige, ja natürliche Folgen. Der kulturell so tiefstehende, jeder Würde und jedes Maßes beraubte Ausdruck dieses Hasses und dieser Wut ist allerdings innerhalb Europas ein Monopol des französischen Volkes, im Gegensatz zum Ausdruck der Kriegsgefühle in sämtlichen anderen Ländern. Und auch für diesen Ausdruck ist nur die Vorarbeit einer mit den gröbsten Mitteln arbeitenden Presse, die groteske Übertreibung der Schauerromane und Aufführungen verantwortlich zu machen.

Es ist höchst wahrscheinlich, daß sieh der ganze vorhandene Vorstellungskomplex genau so hemmungslos auf den Begriff „Engländer“ oder „Italiener“ gelenkt hätte, wenn diese Völker heute als Feind Frankreich gegenüberstünden. Allerdings waren gerade für den Deutschenhaß künstliche Vorbedingungen vorhanden. Ich erwähne sie erst jetzt, da ich zuerst den Beweis führen wollte, daß auch ohne jede direkt chauvinistische und deutschenhetzerische Aufwiegelung des Volkes, allein durch die von keiner Politik bedingte Vergiftung der Seelen mit der geschilderten geistigen Nahrung, der psychische Verlauf beim französischen Volke zu jenem ganzen halb kindlichen, halb eklen System der Beschimpfung und Besudelung des Feindes führen mußte, zu jenem ganzen Sagenkreis von abgeschnittenen Händen und Brüsten, aufgespießten Kindern und Greisen, grundlosen Brandstiftungen und rohen Vergewaltigungen. Daß dergleichen in einzelnen Fällen und bei furchtbarer Kampferregung in allen Heeren vorkommt, ist selbstverständlich. In keiner Nation aber hat sich auf mehr oder minder glaubwürdige Dokumente der Grausamkeit ein solches wildes Heer keifender, geifernder, kreischender Stimmen gestürzt, wie von seiten der französischen Autoritäten in Presse, Politik, Wissenschaft, denen jeder Anlaß gut genug ist, um ihn zur symptomatischen Bedeutung, zur allgemeinen Verdächtigung aufzubauschen, zum Anlaß von Verhöhnungen und Beschimpfungen zu benutzen.

Hatten noch in den siebziger und achtziger Jahren des XIX. Jahrhunderts Maupassant, Victor Tissot, Catulle Meudts und andere versucht, den Deutschenhaß zu stärken, so waren in den zehn Jahren zwischen 1895 und 1905 deutschfeindliche Bücher und Stücke seltner geworden. Erst mit der entschiedenen Schwenkung der französischen Politik zu England, mit der infolge eines erhöhten Kraftgefühls einsetzenden neuen nationalen Bewegung, mit dem erneuten Wunsch nach „Revanche“ tauchte auch wieder die (scheinbar als notwendig angesehene) Deutschenverhetzung und die Haßpredigt gegen alles Deutsche in der Literatur auf und mit ihnen jene schon durch die Wut der siebziger Jahre entstandene Typisierung der Deutschen als schwerfällige, geschmacklose, tölpelhafte „boches“ mit einer Aussprache, die durch Wurst und Sauerkohl verfettet ist; dickbäuchig, pausbackig, bebrillt, rothaarig, struppig und borstig, schmutzig und stinkend. In ihrem Auftreten sind sie plump und steif, pendeln haltlos zwischen Brutalität und hündischer Unterwürfigkeit, zwischen Taktlosigkeit und Schmeichelei hin und her. Da sie nur für leibliche Genüsse empfänglich sind, nur am maßlosen Essen und Trinken Freude haben, fehlt ihnen jedes Veständnis für Schwung, künstlerisches Empfinden, Feingefühl oder Großmut. Ihr Charakter ist falsch, hinterlistig, heimtückisch, daher sind sie geborene Spione. Ihre Roheit, ihre Kraftprotzerei verwehrt ihnen irgendwelche Achtung vor Frauen, vor Greisen, vor Schwachen. — Deutsche Soldaten und Offiziere sind stets Räuber und brutale Messerhelden. Sie stehlen, wo sie können, vergewaltigen und saufen, quälen und martern. Meist sind zu diesen Eigenschaften noch Spitzbüberei und Heuchelei gesellt, so daß die deutschen Offiziere oder Soldaten der französischen Romane, bevor ihnen der Krieg Gelegenheit zu zügelloser Roheit gab, als Spione in französischen Familien alle Möglichkeiten, Frankreich hinterlistig und schmählich zu besiegen, auskundschafteten, da ja ganz Frankreich angeblich mit einem engen Netze von Spionen überzogen war. (Ein Motiv, das ja auch in den heutigen französischen Hetzroinanen wieder zu voller Führe gelangt ist.) Und diese abgefeimten Scheusale hatten die Romane so oft gezeichnet, daß bereits am 31. August 1914 der „F’igaro“ schreiben konnte: „Und wie nichtswürdig ist er, der Gegner! Das ist kein menschliches Geschöpf, das ist ein Scheusal. Es verzehrt nicht die kleinen Kinder, es läßt sie erwürgen; es äschert nicht Rom ein, es legt die Fackel an ärmliche Dörfer. Der kaiserliche Narr will das ganze All in Schrecken halten, sich brüsten vor der Welt wie einst Alexander. Für hat sein knechtisch ergebenes brutales Volk geduckt, wie man Hunde abrichtet. Diese Riesenmeute hetzt er auf uns los.“

Jenen menschlichen Ungeheuern stehen in den Romanen die französischen „Helden“ gegenüber, deren Heldentum sich fast stets im Franktireurwesen erweist. Aller Glanz liegt auf den edlen, tapferen, siegreichen Freischärlern, deren oft grausame Rachetaten durch die Widerwärtigkeit des Feindes begreiflich und entschuldbar werden.

Eine besondere Gruppe Hetzerzählungen bilden die der Elsässer, die nach Rene Ha zins „Les Oberle“ und nach Maurice Barres zahlreichen Romanen wie Pilze aus dem französischen Literaturboden schossen. Barres hat sein ganzes Lebenswerk in den Dienst des französischen Rachegedankens gestellt und vereint mit anderen Elsässern, wie Wetterle, Waltz-IIansi, Blumenthal, Preiss, eine große antideutsche Propaganda betrieben, die als ihre Mittel auch Vorträge, Kinderbücher, Karikaturen, Kabarettvorträge gebrauchte.

Selbst die ernsteren Theater wurden in den letzten Jahren mit in diesen Strudel gerissen und versuchten mit deutschfeindlichen Stücken ihre Kasseneinnahmen zu erhöhen. Daß daneben der Film sich ebenfalls der deutschfeindlichen Bewegung anschloß und alles Deutsche in besonders brutaler Weise verhetzen konnte, ist selbstverständlich. Außerdem sah man jeden solchen F’ilm monatelang in riesigen Plakaten an allen Ecken von Paris, an den Mauern, an den Gängen der Untergrundbahn, an den Anschlagsäulen, den Theatereingängen. So prägten sich die schlagendsten Bilder und Auftritte immer wieder und dauernd in das Bewußtsein ein und nahmen nach und nach eine Lebendigkeit an, die sie zu Vorstellungen wirklicher Geschehnisse erhob.

Es kann niemand erstaunen, daß diese Vorstellungen sich schnell und organisch mit der Grand Guignol-Literatur verbanden. Und daß sie vereint jedes Tun des deutschen Feindes, jeden Gedanken und jede Äußerung wie in einem Vexierspiegel verzerrt und grotesk entstellt zeigten; besonders für die suggestive, eigenem Urteil abgeneigte Masse des Volkes.

Erstaunlieh ist, wenn ehrwürdige Gelehrte wie Onesime Rechts und mit ihnen gebildete, einsichtige Menschen sieh von ihrem Fanatismus so sehr verwirren lassen, daß sie, den Wunsch über jede logische Erwägung stellend, ihr Volk der Lächerlichkeit preisgeben, indem sie vor jedem Ansatz zu einer siegreichen französischen Offensive Vorschläge zur völligen Aufteilung Deutschlands, zur Bestrafung des Hauses Hohenzollern usw. usw. machen. Fühlen sie nicht, daß sie sieh mit diesen ohnmächtig wütenden Worten in die leere Luft dem Ton des Urweltlers nähern, der in dunkler Vorzeit den Kot seines Widersachers aufsuchte und ihn unter geheimnisvollen Verwünschungen und Formeln des Hasses vergrub, in der Überzeugung, daß er damit dem Leben des Feindes schade und seine Seele vernichte? —

Ruhige Bürger neutraler Staaten, die Frankreich während des Krieges bereisten, bezeugen, daß dort auch heute noch klar blickende Menschen leben, die die glorreiche Tradition ihres Volkes nieht verleugnen und die mit tiefer Beschämung die Äußerungen der französischen Presse, der Kriegsliteratur und Kriegskunst verfolgen. Sie zueken die Aehseln, wenn die Presse ihnen Schauergeschichten von dem Benehmen deutscher Heerführer und Prinzen im besetzten Lande erzählt; denn ihre tapferen Lieben im Fehle berichten anderes. Sie wenden sieh mit Abscheu ab, wenn sie auf fast allen ihren Bildern, Kunstblättern und Postkarten die Ausgeburten bestialischer oder perverser Phantasie und rohen Gemütes sehen; sie äußern Empörung oder Verachtung, wenn sie die kindischen Versuche ihrer Gelehrten lesen, alle deutschen Denker, Staatslenker, Dichter, ja sogar Musiker zu verneinen oder urteilend zu vernichten.

Und dennoeh erhebt sieh aus der kleinen wahren Elite, die da ist, keine einzige Stimme, die sieh mutvoll gegen die „ungeheure Glocke der Öffentlichkeit“, die jene elenden Unterdrücker des Volkes schlagen, auflehnte. Ängstlich verschließen sie Empörung und Beschämung in ihren Herzen und wagen kaum, sie in vertrautem Kreise laut werden zu lassen. Und das ist vielleicht das Traurigste, das für Frankreichs Zukunft Bedenklichste; denn ruft nicht Frankreich selbst die Meinung in die Welt: dasjenige Volk werde den endgültigen Sieg davontragen, dem die größte moralische Kraft innewohnt?

Wo aber ist in Frankreich diese moralische Kraft? Bei denen, die, anstatt in ruhiger Würde, in maßvollem Wort, in klarer Gerechtigkeit die moralische Kraft zu beweisen, sieh selbst und das ihnen vertrauende Volk in die Hysterie des Hasses hineinsteigern und einer vorbereiteten Geschmacksverderbnis zu vollem Sieg verhelfen, oder bei denen, die die Kraft nicht finden, diese Führer abzuschütteln, die ihr Volk in den Abgrund stürzen?


 

Der französische Zeichner Georges Jeanniot hat in dieser Zeichnung, die in einer Sondernummer von „L’Art et les Artistes“ am 1. Mai 1915 erschien, eine in Bediers Broschüre S. 9 veröffentlichte Notiz, die angeblich aus dem Tagebuch eines deutschen Soldaten stammen soll, dessen Name von Bedier nicht genannt worden ist, illustriert, das heißt er übernahm die längst vor dem Kriege vorhandenen Hetzbilder und interpretierte sie als Taten der deutschen Armee.


 

Auch diese Greuelszene entstammt, wie das nebenstehende Bild beweist, dem Vorstellungskreis der Franzosen vor dem Kriege. Sie ist hier nur dem Deutschenhass dienstbar gemacht worden.


 

Dieser Film stammt aus dem Jahre 1912 und wurde durch Pathé fréres in den Jahren 1912—14 nachweisbar in Belgien, Holland, Italien und Frankreich aufgeführt. Es gelang der Zensurbehörde des Berliner Polizeipräsidiums, sich ein Exemplar dieses Films zu verschaffen. Das Drama verläuft folgendermaßen: Wahrend des Krieges 1870/71 hatten die Deutschen ein französisches Dorf besetzt. Zu Beginn sieht man neun französische Bauern an der Dorfstraße stehen. Deutsche Soldaten ziehen vorüber, stoßen einige roh zur Seite, verhaften andere in brutaler Weise. Ein alter Bauer kehrt niedergeschlagen mit seinem Enkel in seine Hütte zurück. Der Enkel ergreift ein altes Gewehr und will mit ihm auf die Preußenjagd. Der Alte nimmt das Gewehr, zerbricht es und schickt den Jungen ins Bett. Auch er selbst legt sich schlafen. Der Junge aber steht heimlich wieder auf, nimmt eine Kneifzange und stürmt hinaus über die Felder, klettert auf einer Telegraphenstange hoch und zerschneidet die Drähte. Kürassiere kommen herbeigeritten, ergreifen den Knaben und hängen ihn auf. Nachdem der Alte aufgewacht ist, stürzt er seinem Enkel nach, findet ihn, trägt ihn in seine Hütte und legt ihn in seine Kammer. Plötzlich treten drei deutsche Soldaten bei ihm ein, die „natürlich“ schon beim Eintreten etwas betrunken sind. Er bringt ihnen mit treuherzigem Lachen Wein, bis sie vollständig betrunken sind. Dann verheißt ihnen der Alte einen besonderen Tropfen, indem er Gift in die Glaser mischt. Unter furchtbaren Qualen und unter dem Hohngelächter des Bauern sterben die drei Soldaten. Der Alte holt die Leiche seines Enkels, legt sie auf den Tisch und hebt und zerrt die toten deutschen Soldaten herbei, daß sie vor der Leiche des Kindes niederknieen. Durch einen Tritt in das Kreuz zwingt er den einen in die Kniee und schlägt seinen Kopf auf die Füße des toten Kindes nieder.


 

Aus „Le Ri re“ Nr. 9 vom 16. Januar 1915.

„Von unserem Zeichner nach der Natur aufgenommen, bei einem französischen Dorfe an der Marne, nach dem Durchzug der Deutschen im Oktober 1914.“

Auch der Kindermord ist, wie das nebenstehende Bild zeigt, bereits vor dem Kriege in der französischen Literatur in rohester Form behandelt worden, so daß der Deutschenhaß auch dieses Motiv nur aufzunehmen brauchte.

 

Links ist ein lebendiger Mann in den Wüstensand derartig eingegraben worden, daß sein unbedeckter Kopf der heißen Sonne ausgesetzt ist. In der Mitte und rechts Grausamkeitsszenen.


 

Das gleiche Motiv als Titelblatt des „Rire“ vom 11.September 1915.


 

Auch diese Grausamkeitsszene entstammt, wie das nebenstehende Bild zeigt, den Vorstellungskreis des französischen Volkes.


 

Die Anwendung einer in Frankreich durch Wort und Bild verbreiteten Folterszene auf die Verleumdung der deutschen Armee.


 

Weiter Karrikaturen:



Siehe auch:

Weltkarikatur Völkerverhetzung

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