Zeitalter des Nationalismus : Disraeli

Durch die Errichtung des Deutschen Reiches wurden die Verhältnisse Europas auf vierzig Jahre hinaus befestigt. Ein Gegengewicht war sowohl gegen das übermächtig sich ausdehnende Rußland, als auch gegen die unruhigen Franzosen geschaffen, ein Hort des Germanentums auf dem Kontinent. Eine neue Zeit der Weltherrschaft brach für die Niedersachsen an. Seit langem waren sie die maßgebenden im britischen Reiche und in Amerika; in Rußland hatten sie von den Ostseeprovinzen her eine so bedeutende Stellung erlangt, daß Karl Jentsch den Ausspruch tat, Rußland sei zwar ein Slavenreich, aber eines, das von den Deutschen organisiert sei. Da in Preußen die plattdeutsch sprechende Bevölkerung überwiegt und da Preußen in Deutschland den Ausschlag gibt, so ist auch in Mitteleuropa das Niedersachsentum an den führenden Platz getreten.

Ein europäisches Gleichgewicht war hergestellt. Bismarck sah seine Hauptaufgabe darin, dies sein Werk nun auch zu behaupten und gegen alle Feinde im Innern und draußen zu schützen. Er war deshalb durchweg für den Frieden und war sogar dann zur Nachgiebigkeit geneigt, wenn vielleicht Unversöhnlichkeit besser gewesen wäre. Moltke wollte noch zweimal Krieg führen, aber der Einfluß Bismarcks verhinderte das. Er konnte aber nicht verhindern, daß von dem europäischen Gleichgewicht die Entwicklung zu der Frage des Weltgleichgewichtes weiterführte. Mit anderen Worten: Der Gang der hohen Politik beschränkte sich nicht mehr auf Europa, sondern zog allmählich die ganze Erde in ihren Bann, ln Deutschland freilich war man zu sehr mit den eigenen Angelegenheiten beschäftigt; auch war man noch zu sehr trunken vor Freude über den herrlichen Erfolg von 1871, als daß man sich um die Dinge außerhalb Europas viel hätte kümmern wollen. Das benutzten die Engländer. Sie konnten in Afrika und Asien ihre Interessen fördern, konnten ihr Gebiet weiter ausdehnen, ohne daß man dies in Deutschland bemerkt oder zum mindesten beanstandet hätte, ln England kam die Strömung auf, die man jetzt als Imperialismus bezeichnet. Benjamin Disraeli hat am meisten dazu beigetragen aus Kleinengland ein Großengland zu machen. Disraeli, später Lord Beakonsfield war ein Vollblutjude. Er begann mit dem Schreiben von Romanen, wie er denn immer einen starken Schuß von Phantasie auch bei seinen politischen Plänen wahrnehmen ließ. Er wurde 1838 als Tory ins Parlament gewählt und wurde 30 Jahre später zum erstenmal und 1874 zum zweitenmale Premierminister. Dis-raeli verdrängte den Partikularismus der Liberalen aus dem Herzen der Nation und gewann die Nation für die Reichsidee. Während Gladston und seine Anhänger riefen: Weg mit Indien! — waren im Gegenteil die Anhänger Disraelis bemüht, die Kolonien enger an das Mutterland zu fesseln. Zu Trägern des Imperialismus gewann er auch die Arbeiter. Er setzte eine Erweiterung des Wahlrechtes durch, wodurch ungefähr eine halbe Million Arbeiter Stimmrecht erhielten. Das war schon im Jahre 1865. Vermutlich ist auch Bismarck dadurch beeinflußt worden, als er einen kühnen Schritt ins Dunkle tat und das allgemeine Wahlrecht für den deutschen Reichstag einführte. Disraeli hat ferner 1875 und 76 die Gewerkvereine mit bedeutenden Rechten ausgestattet, hat insbesondere die Streikfreiheit der Arbeiter in weitem Umfange verbürgt. Er krönte sein Werk 1877, indem er die Königin Viktoria dazu bestimmte, sich den Titel „Kaiserin von Indien“ zuzulegen. Immerhin waren diese imperialistischen Bestrebungen nur Anfänge; überwiegend stand das Zeitalter noch unter dem Zeichen des Nationalismus.

Zwanzig Jahre nach der großen Meuterei in Indien war die englische Herrschaft dort befestigt genug, um jenes „Avancement“ der Queen zur Kaiserin zu rechtfertigen. Von innen heraus ist bis heute der Frieden Indiens kaum gestört worden, wenn man von einzelnen Krawallen, die vorläufig noch keine überragende Bedeutung erlangten, absehen will. Nur von außen her befürchteten die Engländer Gefahren, nämlich von Rußland, das sich von Norden aus Jahr für Jahr der indischen Grenze näher schob. Auf die Einverleibung Khiwas 1873 durch die Russen folgte 1876 die Ferganas. Dadurch hatten die Russen ganz Afghanistan flankiert und waren nur noch durch das Pamir und den Hindukusch von Indien getrennt. Als Gegenstoß unternahmen die Engländer einen Zug nach Belutschistan und besetzten für immer die Gegend von Kelat und wurden so nicht nur im Osten, sondern auch im Süden Afghanistans Nachbarn. Eine gemischte rußisch-englische Kommission wurde eingesetzt, um die Grenzen Afghanistans festzuiegen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
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Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
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Faktoren der Gegenwart : Das monarchische Prinzip
Faktoren der Gegenwart : Kampf gegen das Papsttum
Faktoren der Gegenwart : Kriegführung

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