vom Ätzen

aus dem Kunstmuseum Hamburg

„Wann nun deine vorhabende Arbeit auf der überzogenen Kupffer-PIatte mit den obberneldten Stefften verfertiget ist / so gib Achtung ob etwas in den Rissen der Linien Unreines / oder von dem Firnis behängen bleiben / und so vielleicht ein falscher Strich / Strieme oder sonsten anders dergleichen darauf so du nicht haben will / daß dos Etzwasser einbeissen oder etzen solle wie dann auch die Rande der Kupffer-Platten / welche gemeiniglich nicht wol allenthalben überfirnist worden so verdecke alles auf nachfolgende Weis.“

Diesen Rat, den der brave Abraham Bosse unsern Vorfahren vor Jahrhunderten erteilte, wollen auch wir Enkel heute noch mit Nutzen befolgen. Bevor man nämlich die Platte ätzt, ist es notwendig, alles was der Einwirkung der Säure entzogen werden soll, mit Asphaltlack zu decken.

Diesen bekommt man überall fertig zu kaufen; doch kann man ihn sich auch durch eine Lösung von Asphalt in Terpentin selbst hersteilen.

Die Flasche mit dem Asphaltlack muß aber gut verschlossen gehalten werden, da er sonst leicht zu dick wird. Man gieße ein wenig von dem Asphaltlack, soviel als man gerade braucht, in einen kleinen Tuschnapf und decke nun mit einem Haarpinsel den Plattenrand und sämtliche unabsichtlich entstandenen Kratzer und sonstigen Verletzungen und, wenn man will, auch die ganze Rückseite der Platte zu.

Den Lack streiche man möglichst dünn auf, da sonst das Trocknen zu lange dauert. Wenn man die Platte vorsichtig ein wenig erwärmt, trocknet der Lack schneller. Indem man die mit Lack gedeckten Stellen anhaucht, kann man feststellen, ob sie bereits vollkommen trocken sind wo nämlich der Lack den Hauch annimmt und matt wird, ist dies der Fall. Nachdem man sich überzeugt hat, daß alle zufälligen Verletzungen der Platte gut mit Lack gedeckt sind, ätzt man die Platte, am besten in einer Schale, mit Salpetersäure.

Man kann Schalen aus Porzellan, Glas oder zur Not auch aus Papiermache nehmen; dagegen möchte ich vor emaillierten Eisenschalen warnen, da das Email allmählich von der Säure zerstört wird. Der Vollständigkeit wegen führe ich noch an, daß man auch mit Hilfe eines Wachsrandes ätzen kann.

Aus Jungfernwachs (6 Teile), Burgunder Pech (7 Teile), Rindertalg (4 Teile) und venezianischem Terpentin (3 Teile) macht man sich am Feuer ein leicht knetbares Wachs zurecht; dann formt man lange Streifen, etwa 1 —2 cm hoch, und klebt diese am Rande der Platte ringsherum gut fest, so daß nirgends eine Lücke bleibt, durch die die Säure etwa abfließen könnte. An einer Ecke macht man durch Eindrücken eine kleine Tülle zum Abgießen der Säure. Auf diese Weise entsteht eine Schale, deren Boden die Fläche der radierten Platte bildet. Hierbei braucht man natürlich die Rückseite der Platte nicht mit Lack zu überziehen.

Im allgemeinen wird man dieses langwierige Verfahren nur anwenden, wenn man keine Schale in der erforderlichen Größe zur Verfügung hat. Man kauft in einer Apotheke rauchende Salpetersäure; sollte der Apotheker einen Giftschein verlangen, so erhält man einen solchen unentgeltlich auf dem Polizeibüro.

Die Säure verdünnt man mit Wasser. Am Anfang nimmt man am besten etwa drei Teile Wasser auf einen Teil Säure, und zwar gießt man die Säure in das Wasser, und nicht umgekehrt, da sonst starke Erhitzung eintritt und die Flasche sogar platzen kann. Man verwende nur Flaschen mit eingeschliffenen Glasstöpseln.

Bei jeder Handhabung mit der Säure muß man verschiedene Vorsichtsmaßregeln anwenden. Man komme möglichst nicht mit den Fingern an die Säure, da das gelbe Flecke gibt und in einer Wunde unangenehmes Brennen hervorruft. Ferner muß man sich unbedingt davor hüten, die Dünste der Säure einzuatmen, worunter ja, wie oben zitiert, schon Goethe zu leiden hatte. Diese Säuredünste können nämlich allmählich einen schädlichen Einfluß auf die Atmungsorgane ausüben. Man schützt sich am besten davor, indem man in der Nähe des geöffneten Fensters ätzt oder sonst irgendwie für Abzug der Dünste sorgt.

Sehr unangenehm ist es auch, wenn die Säure auf die Kleidungsstücke spritzt, da nach kurzer Zeit rote Flecke und sogar Löcher entstehen. Wenn man in einem solchen Falle sofort mit Ammoniak nachreibt, wird der Schaden einigermaßen wieder gut gemacht. Man gießt die verdünnte Säure in die Schale und legt dann die Platte vorsichtig, unter Zuhilfenahme eines passenden Instrumentes, im Notfälle einer gebogenen Haarnadel, hinein.

Es ist natürlich notwendig, daß die Platte vollkommen von der Säure bedeckt ist. Nach kurzer Zeit will man nun bemerken, daß an den Stellen, wo man besonders stark gedrückt hat, an denen also auch die Säure besonders kräftig ätzt, Luftblasen entstehen. Diese Bläschen fegt man von Zeit zu Zeit mit einer weichen Feder, oder noch besser, mit einem (nicht in Metall gefaßten, sondern mit Bindfaden zusammengebundenen) Borstenpinsel ab, da sonst eine unregelmäßige Ätzung, die sogenannte Ringätzung, entstehen könnte.

Die Salpetersäure wirkt zugleich in die Tiefe und in die Breite. Man muß darum gut aufpassen, daß man nicht so stark ätzt, daß die Zwischenräume zwischen den einzelnen Strichen an den eng radierten Teilen ganz weggefressen werden; dies würde nämlich blinde oder graudruckende Partien ergeben, wodurch gerade das Gegenteil von dem, was man beabsichtigt hat, eintreten würde.

Zum Ätzen kann man auch Eisenchlorid nehmen. Man kauft dieses in einer möglichst konzentrierten Lösung und verdünnt es wenig mit Wasser. Eisenchlorid ätzt in die Tiefe und erzeugt sehr kräftige, klare Striche, hat auch den Vorteil, daß es keinerlei schädliche Dünste abgibt, aber den Nachteil, daß man infolge des Fehlens der Bläschenbildung und einer sich bald einstellenden Trübung der Flüssigkeit den Ätzprozeß nicht so genau kontrollieren kann wie bei der Salpetersäure.

Für Salzsäure möchte ich ein Rezept von I. L. Raab anführen, das Walter Ziegler in seinem vorzüglichen Buche „Die Techniken des Tiefdruckes“ zitiert:

„Man kocht 50 Teile chlorsaures Kali mit 500 Teilen destillierten Wassers und gießt sie zu einer Mischungvon 300 Teilen Salzsäure und 300 Teilen destillierten Wassers. Diese Säure muß warm, etwa 3g0 Celsius, angewendet werden und ätzt ohne Entwicklung von Luftbläschen.“ Dagegen muß ich darauf hinweisen, daß auch das also hergestellte Ätzwasser unangenehme Dämpfe hervorruft.

Nachdem ich meiner Pflicht genügt und Eisenchlorid sowie Salzsäure angeführt habe, möchte ich bemerken, daß ich trotz der unangenehmen Dünste der Salpetersäure immer wieder zu diesem einfach herzustellenden und vorzüglichsten aller Ätzmittel zurückgekehrt bin.

Die richtige Dauer der Ätzung zu bestimmen, ist eine Sache langer Übung und Erfahrung; doch schon nach einiger Zeit wird man durch ständige Beobachtung des Ätzprozesses einigermaßen imstande sein, zu beurteilen, ob die Striche genügende Tiefe erreicht haben.

Man gießt dann die Säure durch einen Trichter wieder in die Flasche zurück, läßt sofort reichlich Wasser auf die Platte laufen, spült mehrmals gründlich nach und trocknet mit gutem Löschpapier vollkommen ab. Früher war für diesen Zweck allgemein der Blasebalg in Gebrauch; dabei stellt man die Platte schräg auf und bläst mit dem Blasebalg so lange dagegen, bis die Platte vollkommen trocken ist. Ich habe aber die Anwendung des Fließpapieres für bequemer gefunden.

Jetzt wäscht man an einer der weniger wichtigen, hellsten Stellen der Radierung mit einem spitzen Haarpinsel und etwas Terpentin ein wenig von dem Grunde auf, um unter dem Blendschirm feststellen zu können, ob die Säure genügend angegriffen hat.

Der Blendschirm ist ein viereckiger Holzrahmen (wie die beim Malen verwendeten Keilrahmen), etwa 40 X 50 cm groß, und mit Pausleinwand oder dünnem Papier bespannt. Er wird schrägstehend an der oberen Kante des Radierpultes befestigt, um das Licht etwas abzublenden.

Das Radierpult ist ein schrägstehendes, verstellbares Pult, das am unteren Ende mit einer niedrigen Leiste versehen ist, die das Herabgleiten der Platte verhindert. Die Platte selbst kann man mit einem oder zwei Reißnägeln auf dem Radierpulte befestigen.

Wenn man die Überzeugung hat, daß die Säure genügend geätzt hat, d. h. daß die Striche entsprechend in die Kupferplatte vertieft sind, so deckt man alle helleren Partien durch Überstreichen mit Asphaltlack ab. Nachdem der Lack getrocknet ist, bringt man die Platte wiederum w ie vorher in die Säure, die man eine Zeitlang einwirken läßt, nimmt sie wieder heraus und verfährt dann wie oben beschrieben.

Man wäscht nämlich, um zu prüfen, abermals ein kleines Stückchen auf und deckt alle die Teile des Bildes, die den nächst dunkleren Tonwert, haben sollen, mit Asphaltlack zu.

Dieses Verfahren kann man beliebig oft wiederholen, wobei sich ergibt, daß diejenigen Stellen, die bei der letzten Ätzung noch unbedeckt waren, die tiefsten und also auch beim Druck die schwärzesten sind. Für den Anfang würde ich jedoch empfehlen, daß man versuche, mit ein oder zwei Ätzungen auszukommen, um die Sache nicht gleich so kompliziert zu gestalten. Nach der letzten Ätzung trocknet man die Platte wieder gut ab, legt sie flach hin, gießt Terpentinöl darüber und befreit sie mit einem weichen Läppchen vollkommen von dem Ätzgrunde und dem Asphaltlack. Man muß hierbei sorgfältig zu Werke gehen, damit gar keine Spuren von Lack oder Ätzgrund in den Vertiefungen Zurückbleiben.

Um die Striche besser sehen zu können, nimmt man ein weiches Läppchen und schwärzt die ganze Platte mit einer dickflüssigen Mischung von Kienruß und Öl ein. Nachdem man den Überschuß heruntergewischt hat, kann man alle Striche deutlich beurteilen und bekommt eine ungefähre Vorstellung davon, wie der Druck wirken wird.

Um diese Vorstellung zu einem präzisen Anschauungsbilde zu gestalten, und gleichzeitig um bequemer weiter arbeiten zu können, empfiehlt es sich, gleich nachdem man den Grund heruntergewaschen hat, einen „Ätzdruck“ oder „Andruck“ machen zu lassen.

Zu diesem Zweck begibt man sich in eine Kupferdruckerei, wie sie in den meisten größeren Orten vorhanden ist wer an einem kleineren Orte wohnt, wird freilich genötigt sein, sich eine eigene kleine Handpresse anzuschaffen. Der Drucker schwärzt die Platte mit Leinewand- oder Mullballen und Lappen mit einer vom Radierer zu bestimmenden Ölfarbe, meist schwarz oder braun, sorgfältig ein. Nachdem er den Überschuß weggewischt hat, verteilt er die Farbe mit dem Ballen der Hand gleichmäßig über die ganze Fläche während dieser Manipulation liegt die Platte auf einem flachen Kasten aus Eisenblech, der im Innern eine Gas- oder Spiritusflamme birgt, wodurch die Platte stets wann gehalten wird.

Der Drucker legt die eingeschwärzte Platte auf das Laufbrett der Presse, das angefeuchtete Papier darüber, über das Papier einige schützende Filzstreifen und läßt alles unter dem außerordentlich starken Druck einer eisernen Walze hindurchgehen.

Nun hebt man das Papier langsam und vorsichtig ab und hat den ersten Abdruck vor sich. Den ersten Druck läßt man am zweckmäßigsten ganz klar wischen, um alle Fehler besser erkennen zu können. Später kann man die Platte auf beliebig verschiedene Art drucken lassen. Entweder ganz klar, oder mit einem gleichmäßig festen Handton, den der Drucker mit der Hand wischt, oder endlich mit einem lockeren Lappenton, der schwach und stark gemacht werden kann und vielfach interessanter wirkt als der manchmal etwas feste und zu gleichmäßige Handton.

Zur Illustrierung führe ich hier eine Radierung vor, die auf 5 verschiedene Arten gedruckt ist. Aus dem Druckerton kann man auch auf der Platte die hellsten Lichter mit einem Hölzchen herauswischen; dies ist aber nicht zu empfehlen, weil eine absolute Gleichmäßigkeit der Drucke dann nicht zu erzielen ist. Überhaupt wird es im Prinzip am besten sein, die Platte so weit zu fördern, daß sie leicht und einfach zu drucken ist.

Für die ersten Probedrucke wird meistens gewöhnliches Kupferdruckpapier genommen, während man für die vollendete Radierung Japanoder holländisches Büttenpapier zu benutzen pflegt. Druckeauf eingelegtem Chinapapier mit weißem Rand, wie es früher häufig verwendet wurde, wirken zwar sehr kräftig, haben aber meist etwas Maschinelles an sich.

An der Hand des Probedruckes arbeite man jetzt an der Platte weiter.

Text aus dem Buch: Die Kunst des Radierens, Verfasser: Hermann Struck

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:
Theoretisches über den Unterschied zwischen Malerei und Radierung
einiges vom Kupferstich
von den anderen Graphischen Verfahren
Intermezzo: Goethe als Radierer
vom Material und seiner Behandlung
vom Radieren
vom Ätzen
vom verbessern der Platte
vom Aufätzen
von der kalten Nadel und verwandten Verfahren
vom Vernis Mou
Lithographie und Holzschnitt

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