„Timeo Danaos“ oder Englands Schwenkung zu Deutschland

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Der Staatssekretär von Jagow, der in die Spuren Kiderlens zu treten scheint, lobte neulich seinen Vorgänger, weil er ein freundlicheres Verhältnis zu Großbritannien vorbereitet habe. Verschiedene Merkmale der jüngsten Zeit weisen darauf hin, daß man in Downing Street beflissen ist, der Wilhelmstraße gegenüber wieder sanftere Saiten aufzuziehen. Darob großer Jubel beim braven Michel, als ob nun wahr und wahrhaftig ein goldenes Zeitalter anhöbe.

Ein bedeutsamer Wechsel in der Haltung der Engländer ist allerdings eingetreten. Das bekundet sich weniger in der Zustimmung zu dem Flottenstandard 16:10 — einer rein akademischen Zustimmung, die ohne praktische Folgen bleiben wird —, als in der offensichtlichen und erstaunlichen Schwenkung auf dem Balkan. Die Briten sind auf einmal zu der Meinung gelangt, daß die Slaven jetzt genug eingesackt haben, und beginnen sich gegen übermäßige slavische Ansprüche zu wehren. Dergestalt schwenken sie plötzlich zu den Österreichern und erklären, Albanien (für das sie überhaupt eine große Zärtlichkeit bekunden) könne ohne Skutari nicht leben. Der wiederholte Hinweis auf Greueltaten, von slawischen Banden auf dem Balkan begangen, ist ein Symptom of the same breede.

Was ist von dieser Schwenkung zu halten?

Auf der einen Seite ist es klar, daß tatsächlich den Engländern ein allzustarkes Wachstum der Slaven, namentlich des größten Slavenstaates, Rußlands, nicht erwünscht sein kann und daß in Sonderheit die Aufrollung der Dardanellenfrage durch das Petersburger Kabinett ihnen außerordentlich angenehm sein muß. Auf der andern Seite ist ein gescfiichTTicher Rückblick geeignet, in dem unbefangenen Beurteiler die Überzeugung zu erwecken oder zu verstärken, daß das Schwenken und Herüberwechseln von der einen Partei zur andern ein spezifisches Ausrüstungstück der britischen Staatskunde darstellt. Alle Beobochter sind sich darüber einig, daß der einzelne Engländer in der Regel ein ordentlicher, zuverlässiger Mensch ist, der seinen Verpflichtungen mit Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit nachkommt, während der Engländer als Politiker völlig entgegengesetzte Eigenschaften aufweist. Es empfiehlt sich, um die Staatskunst des Inselvolkes klarzulegen, wieder einmal einige hervorstechende politische Taten dieses Volkes zu beleuchten. Schon Wilhelm der Oranier stellte als obersten Grundsatz der auswärtigen Politik fest: die Nebenbuhler Englands müssen dadurch geschwächt werden, daß man sie in Streitigkeiten untereinander verwickelt und in diesen Streitigkeiten zumeist selbst Partei ergreift, auf daß man einen der streitenden Teile verhindern könne, nach einem Siege zu mächtig zu werden. Also einerlei, ob man einen Streiter ins Gesicht boxt oder mit iihm Arm in Arm geht und den Arm mehr oder weniger freundschaftlich drückt: man wird so immer in der Lage sein, beide, Feind und Freund der Früchte eines Sieges zu berauben. Dieser Grundsatz ist seit mehr als zwei Jahrhunderten bis zum heutigen Tage der Polarstern der britischen Staatsmänner geblieben. Die Ausführung kann natürlich im einzelnen verschieden sein. Eine Hauptregel ist, daß der Kampf lange genug fortgesetzt wird, bis der Verbündete Englands siegt; danach nähert sich England dem geschlagenen Gegner, um den Verbündeten um seinen Erfolg zu betrügen. Der Oranier selbst schloß mit dem Kaiser, mit Schweden und Spanien das Augsburger Defensivbündnis gegen Frankreich. Just als Markgraf Ludwig von Baden gegen Paris losstürmte, er-öffnete der englische König geheime Verhandlungen mit Ludwig XIV., vertrug sich mit ihm und drohte den Mächten des Bündnisses, mit einer plötzlichen Schwenkung dergestalt seinen ursprünglichen Gegner, den Franzosenkönig rettend. Der Friede von Ryswick (1697) war nur zugunsten Englands, aber zu ungunsten des Deutschen Reiches. Der deutsche Vetter hat aber nicht gelernt. Bei dem unmittelbar darauffolgenden spanischen Erbfolgekriege kämpften abermals britische, deutsche und spanische Truppen Schulter an Schulter. Die Engländer erboten sich, den Sohn des Kaisers, den Prätendenten

Karl, auf die iberische Halbinsel zu führen. Tatsächlich war ihnen nur darum zu tun, Spanien, in dem sie noch immer den Hauntrivalen erblickten, zu schwächen. Daher ließen sie Karl im Stich, und unterstützten ihn nicht einmal, als sich ganz Katalonien für ihn erhoben hatte; sie verboten sogar dem Prätendenten die Teilnahme am Kriege. Dafür eroberten sie am 4. August 1704, und zwar in erster Linie mit Hannover’schen Truppen. Gibraltar. Eigentlich war die Sache so, daß der Darmstädter Prinz Georg, der besagten Karl, den Kaisersohn, nach Spanien führen sollte, ihn aber nicht in Person mitbekam, von befreundeten Spaniern erfuhr, daß Gibraltar schlecht verteidigt, die Festung erstürmte und für den künftigen Köndg Karl in Besitz nahm. Als Besatzung ließ Georg verbündete holländische Truppen zurück. Allein schon nach vierzehn Tagen löste ein hannoverisch-englisches Kontingent diese Truppen ab und nahm Gibraltar für England in Besitz. Und abermals war Frankreich gedemütigt, und Ludwig XIV. bettelte um Frieden. Da knüpfte England abermals geheime Verhandlungen durch einen kriegsgefangenen französischen Abbe mit Paris an und brachte im Vertrag von Utrecht 1713 neuerdings die Verbündeten um ihre Errungenschaften. Die Engländer erhielten das Vorkaufsrecht für die spanischen Kolonien und — eine schier unerschöpfliche Goldgrube — das Monopol des Sklavenhandels. Auf die ganz außerordentlich verwickelten Operationen gegen Kardinal Alberoni möchte ich hier nur kurz Hinweisen. Der Schlußeffekt war, daß der Freund Englands, der Deutsche Kaiser, zur Auflösung der ostindischen Kompagnie, die Prinz Eugen begründet hatte, gezwungen wurde. Nebenbei gesagt, erinnert jene Gründung auffallend an die Reederei-Unternehmungen des heutigen Fürstenkonzerns. Weitere Wortbrüche beging England gegen das deutsche Kaisertum 1740. Es stand Friedrich dem Großen bei, weil er die Spaltung Mitteleuropas in zwei Großstaaten gerne sah, und zwar obwohl es die Integrität Österreichs verbürgt hatte. Im Siebenjährigen Kriege half es den Preußen und seinen Feinden; es schickte beiden Seiten Geld. Das Ergebnis war eine ungeheuere Mehrung des britischen Kolonialbesatzes. Es wäre leicht, einen ähnlichen Beweis für die napoleonischen Erschütterungen zu führen. Gehen wir zum Orient über! Es war im Interesse Englands, die Türkei in zwei Mächte zu zerteilen, also das Aufkommen Ägyptens seit 1833 zu fördern. Damit begnügte sich England nicht, sondern hetzte Sultan und Khedive gegen einander. Den ursprünglich begünstigten Khedive gaben die Briten in der Folge preis.

Im Jahre 1876 waren Gladstone und die öffentliche Meinung für die Bulgaren; 1878 fuhren die britischen Schiffe in die Dardanellen ein, um den Sultan zu schützen; kurz vor der Eröffnung des Berliner Kongresses schloß Downingstreet einen Gelheim vertrag mit der Hohen Pforte und versprach darin ein „eventuelles“ Schutzbündnis, wenn sie dafür Cypern ausliefern wolle. Genau in der selben Weise haben Politik und öffentliche Meinung in England jetzt während des Balkankrieges geschwankt.

Die Folgerung aus allem ist die, daß man den Briten nicht über den Weg trauen darf. Wenn sie jetzt eine Schwenkung machen, so geschieht das, um den Russen für persische und tibetanische Fälle zu drohen. Wenn sie sich uns nähern, so geschieht es, um sich möglichst bald wieder von uns abzuwenden. Jedoch nicht, ohne vorher wertvolle Zugeständnisse von uns verlangt, ohne uns gründlich geschadet zu haben.

Der alte Kant erklärte: „Die englische Nation, als Volk betrachtet, ist das schätzbarste Ganze von Menschen im Verhältnis untereinander; aber als Staat gegen fremde Staaten der verderblichste, gewaltsamste, herrschsüchtigste und kriegerregendste von allen.“ Gerade der Königsberger Philosoph war ein besonders friedlicher Mann, der in allen Dingen der von Gott gesetzten Obrigkeit untertan war. Es mußten schon starke Anlässe vorliegen, um den Mann zu solchen Worten hinzureißen. Die Ansicht des weitabgewandten Philosophen wird durch einen Ausspruch des größten Realpolitikers, seines jüngeren Zeitgenossen Napoleon, bestätigt. Der äußerte: „Wenn ganz Europa sich infolge englischer Ränke und Geldzahlungen rauft und zaust, sind die englischen Staatsmänner auf ihre eigene Sicherheit, auf Handelsvorteile, auf Beherrschung des Meeres und auf ein Weltmonopol in ihren Händen bedacht.“ Und die Torheit der kontinentalen Politik geißelt der selbe Napoleon im Jahre 1805; er warf den Österreichern auf das bitterste vor, daß sie ihn hinderten, England niederzuwerfen. Der Dank Englands für diese Haltung der Habsburger blieb natürlich aus. In zwei Dingen ist sich Weltbritannien immer gleichgeblieben: in der Verhetzung der Kontinentalstaaten und dem chassez-croisez bei Bündnissen.*)

*) Zu diesem Abschnitt vgl. die Schriften zweier ausgezeichneter Weltpolitiker, die ungefähr zu gleicher Zeit starben, um die Wende von 191M2: Karl Hron, „Rußland oder England?“, Wien 1900; „Die Weltpolitik“, Wien 1898, beide bei Friedrich Schalk. — Alexander von Peez, „England und der Kontinent“,, zweite umgearbeitete Ausgabe, Wien 1909, bei Karl Fromme.

Text aus dem Buch: Orient und Weltpolitik, Verfasser: Albrecht Wirth.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:
Der deutsche Gedanke in der Welt
Kultur-Europa bei den andern Völkern
Orient und Weltpolitik – die Weltlage
Der Nationalismus in Asien
Orient und Weltpolitik – Der Aufstieg des Balkans
Orient und Weltpolitik – Die Balkanvölker im einzelnen
Die Fragen der asiatischen Türkei
China und der Dreibund

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