Orient und Weltpolitik – Industriepolitik und Siedelungspolitik

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Wir treiben jetzt Kolonial- und Weltpolitik seit gerade dreißig Jahren, also seit einem Menschenalter. Es ist an der Zeit, die Bilanz zu ziehen.

Was ist der hervorstechendste Zug an dem zu Versailles gegründeten Reiche? Nicht der agrarische, denn die von der Landwirtschaft lebende Bevölkerung sank von 1871 bis zur Gegenwart auf weniger als ein Drittel der Gesamtzahl; nicht der militärische, denn das Reich hat seit der Kapitulation von Paris keinen einzigen Krieg von Belang, zum mindesten keinen europäischen Krieg geführt. Es ist vielmehr der plutokratische Zug, der unerhörte Aufschwung von Handel und Industrie. Früher waren die Wünsche der Landwirtschaft und des Heeres nicht nur maßgebend, nein, diese Interessen waren so gut wie allein da.

Außerhalb dieser Kreise vegetierte recht und schlecht die Zunft der Handwerker, rang sich mühsam: das Bürgertum zu politischer Bedeutung durch. Einen ansehnlichen Teil der Macht besaßen im übrigen die Beamten, auch jene, die mit agrarischen und militärischen Interessen nicht sonderlich eng verbunden waren. Seitdem ist ein erstaunlicher Wechsel in der gesellschaftlichen Schichtung eingetreten. Der Hundertsatz der Bevölkerung, der von der Industrie lebt, ist auf 36 gestiegen, stellt den weitaus größten Bestandteil, mit den Handelskreisen zusammen fast schon die Hälfte des deutschen Volkes dar. Dadurch ist einerseits die Arbeiterschaft emporgekommen, der sich die Mehrzahl der Handwerker, wie fast das ganze Heer der niederen Beamtenschaft angeschlossen hat; andrerseits eine beschränkte Anzahl von nouveaux riches, von Bankherren, Industriekapitänen, Reedern, Zechen- und Schlotbaronen, von Fabrikherren und Trustmagnaten. Zugunsten dieses kleinen Ringes wird in der Hauptsache deutsche Weltpolitik getrieben; in zweiter Linie zugunsten der Arbeiter, die durch die fetten Aufträge der. Fabriken und die steigende Ausbeute der Bergwerke in den Stand gesetzt werden, höhere Löhne zu erwirken.

Die hartnäckige und andauernde, die absolute Willenlosigkeit der deutschen Regierung erleichtert nicht nur den Feinden die Erreichung ihres Zieles, sie verbürgt auch einstweilen den Frieden. Wozu sollen die andern Krieg anfangen, wenn sie ohnehin alles erlangen, was sie nur wünschen? Aber einmal wird doch der Zeitpunkt kommen, da die Last zu groß wird, da des Kameeles Rücken bricht; einmal wird sich der Keiler der verfolgenden Meute stellen müssen, sich zur Wehr setzen oder verbluten.

Beim Hottentottenkrieg schöpften drei Betriebe den Rahm von der Milch: die Reederei Woermann, die in einem Kriegsjahre 70 Prozent Gewinn erzielte; Lieferanten wie Tippelskirch, wie Schuh- und Waffenfabriken; endlich die großen-, oligarchisch regierten Siedlungsgesellschaften in Südwest, die während des Krieges Vieh und Frucht gut an einen nahen Markt bringen konnten und deren Grund und Boden durch den Krieg und die danach einsetzende Ansiedlung ungeheuer im Preise stieg. Wer hat bisher den Vorteil von der deutschen Staatskunst in der Türkei gehabt? Neben einigen hundert Kaufleuten, neben Ingenieuren und Monteuren hauptsächlich die Deutsche Bank und die Levantelinie. Alle unsere Bestrebungen in der Türkei drehen sich um die Eisenbahnbauten und Meliorationspläne, um Elektrizitätsanlagen, aus denen die Deutsche Bank (nebst Genossinnnen) Gewinn erhofft. Wer hat den Hauptnutzen aus unserer Freundschaft mit Nordamerika? Die Hapag und der Lloyd. Wer aus dem günstigen Verhältnis zu Ghina? Fast ausschließlich einige wenige große Handelsfirmen und zwei oder drei deutsche Banken, die zunächst an gewichtigen Anleihen, dann an goldgeränderten Eisenbahnobligationen chinesischer Provinzen, drittens am Handel verdienen.

Die Reihe kann leicht fortgesetzt werden. In so manchen Ländern ist Zweck und Ziel unserer Diplomatie allein, den Ankauf von Kruppkanonen und Schiffsbestellungen auf unsern Werften durchzusetzen. An und für sich können diese Tatsachen kaum bestritten werden. Es handelt sich hier lediglich darum, sie in das richtige Licht zu setzen. Im übrigen soll weder unsern klugen und kühnen Unternehmern ihr Gewinn beneidet, noch soll bestritten werden, daß davon auch weitere Kreise, und zwar nicht nur Arbeiter einen tüchtigen Anteil mitgenießen. In jedem Falle aber geht der Hauptanteil in die Hände weniger; gerade diese wenigen aber werden für die Entscheidungen unserer Weltpolitik immer bedeutsamer. Freilich ist das in andern Ländern auch der Fall, in Frankreich, wo die ganze Marokkopolitik von der Gruppe Schneider-Creuzot gemacht wurde, in den Vereinigten Staaten, wo Rockefeller und Pierpont Morgan über das Schicksal der Nachbarstaaten beinahe unbeschränkt verfügen. Und selbst in dem jungen Japan, dessen dividendenlüsterne Großkapitalisten die Angliederung und Ausbeutung Koreas ins Werk geleitet haben. Die Folge ist, daß die auswärtige Politik in Form und Gestalt eine Politik der Plutokraten wird. In der Form: Die Botschafter und Gesandten, die Legatdonsräte, selbst Konsule werden mit Vorliebe der aufsteigenden Klassen reiccher Parvenüs entnommen. Washington entsandte nach London und Petersburg nie andere Leute als vielfache Millionäre; und als es einmal einen Unbemittelten nach Berlin schickte, den Historiker Day, da empörte sich — Berlin. Warum? Weil er nicht ausreichend repräsentieren könne. Augenblicklich ist der Minister des Auswärtigen in Paris, Herr Jonart, einer der Hauptstützen der Schneider-Creuzot-Gruppe. Er ist der Schwiegersohn von Aynard, dem Leiter des Credit Lyonnais, dem Bankier des Creuzot-Konzerns. Bei uns werden die Erben der Stum-schen Eisenhütten, der Höchster Farbwerke, einer Frankfurter Sektfirma, werden die Söhne von Eisenbahnspekulanten, Lederfabrikanten und Bierbrauern gern im auswärtigen Dienst verwendet. Dagegen ist an sich nichts zu sagen, nur darf die Aufmerksamkeit mit Recht darauf gelenkt werden, wenn dieses Element stark überwiegt. Die Gefahr eines Überwiegens ist doppelter Art. Einmal wird dadurch den auswärtigen Geschäften eine bestimmte Geistesrichtung einseitig aufgedrückt, und zweitens ist es unmöglich, daß dabei die Interessen des Volkes zu ihrem Rechte kommen.

Je reicher ein Kapitalist ist, umso leichter tritt an ihn oder seine Nachkommen die Gefahr heran, entnationalisiert zu werden. Von den Erbinnen Amerikas weiß man da manches Lied zu singen. Alljährlich gingen an 200 Millionen Mark aus den Vereinigten Staaten ostwärts über den Ozean, um das alte Europa zu stärken. Consuela Vanderbilt allein hat dem Herzog von Marlborough 40 Millionen Mark mitgebracht, und Jane Gould ebensoviel dem alten Gecken und bankerotten Royalisten Boni de Castellane, der das Geld mit anderen Frauen rasch durchbrachte und die stolze Tochter des Hauses Gould zur Scheidung zwang. Und nicht nur Frauen, auch Männer verließen the greatest country in the world, um auf fremdem Boden Wurzel zu schlagen. So ging Waldorf-Astor von Newyork nach England und strebte danach, Peer zu werden; zu welchem Ende er ein Schloß mit schöner Jagd in Schottland und die Pall-Mall Gazette erwarb. (In letzter Zeit sind freilich solche Übersiedlungen selten geworden.) Umgekehrt gehen reiche Deutsche nach Amerika, um sich dort dauernd niederzulassen; ich erinnere an die neben Morgan bedeutendste Bank der Union, Löb, Speyer & Co., sowie an das Bankgeschäft des Frankfurter Hallgarten. Ausgedehnte Landgüter kann man nicht in die Westentasche stecken, noch kann man sie schnell in bar Umsetzern Wievieler Jahre und welcher Mühe bedurfte doch Clod-wig Hohenlohe, seinen Besitz in Rußland zu verkaufen. Er, Kanzler, dem dabei noch alle möglichen Vergünstigungen vom Zaren selbst gewährt wurden. Dagegen ist es Keine sehr schwierige Aufgabe, eine Kapitalistenexistenz von einem Lande in das andere zu verpflanzen. Man braucht noch nicht einmal seine Aktien zu verkaufen, wählt einfach einen Aufenthalt in irgendeinem andern Lande, das einem besonders zusagt, und verlegt ganze Häuser von einem Reiche in das andere. So ist das Frankfurter Haus Rothschild nach Paris übergesiedelt, so hat sich der deutsche Inhaber der Metallweltfirma Müller im Haag niedergelassen. Selbst Fabriken, die doch mit immobiliarer Zähigkeit am Boden zu haften scheinen, sind vor einer Überführung nach fremden Territorien nicht sicher. Es gibt einen Arthur Krupp in Wien, es gibt österreichische Schuckert- und Mannesmannwerke, die selbständig geworden sind. Die russische Filiale von Siemens ist beinahe vollkommen verrusst. Überhaupt müssen alle Inhaber ausländischer Werke im Zarenreiche sich als Russen nationalisieren lassen. Selbst wenn die Inhaber Deutsche sind, verstehen die Kinder und Enkel oft schon kein Deutsch mehr. Das gleiche wird bei den Tochtergesellschaften deutscher Elektrizitäts- und Bankfirmen in Italien und Süd-Amerika platzgreifen. Tatsächlich gehen deutsche Konzerne schon vielfach mit ausländischen zusammen, haben schon halbwegs internationalen Charakter angenommen. Die A. E. G. steht mit der General Electric Co. Nordamerikas in enger Verbindung und gründete die Victoria Falls Power Co. für die Speisung der Randminen im Transvaal, fördert also englische Goldmagnaten, begünstigt das Erstarken des englischen Imperialismus. Noch deutlicher freilich wirkte in der selben Richtung Alfred Beit, ein Hamburger, der sein schon großes Vermögen in London zu einer halben Milliarde vermehrte und sich völlig, in den Dienst der imperialistischen Idee von Cecil Rhodes stellte. Ich spreche hier nur von Leuten, die bereits vorhandene Kapitalien in das Ausland überführten; sonst könnte ich‘ auch die Herren Baring, Goeschen und Cassel erwähnen, die erst jenseits des Kanals zu großem Vermögen gelangten.

An solchen Tatsachen können die verschiedensten Beobachtungen angestellt werden. Hier kommt es einzig und allein auf eane Schlußfolgerung an: Plutokratie wirkt nicht national, sie wird leicht international. Was aber soll an Stelle einer plutokratischen Politik gesetzt werden?

Eine Siedlungspolitik!

Zum Wohle des deutschen Volkes dient nur der Gewinn neuen Ackerbodens. Nur der ist dauernd und zuverlässig, nur der trotzt allen Stürmen, allen Veränderungen, widersteht selbst dem Druck einer Fremdherrschaft; nur er dient wahrhaft zur Ausbreitung, Stärkung und Vertiefung des Deutschtums.

Niemand kann die Uhr der Zeit zurückstellen. Ein Narr, wer gegen die Industrie überhaupt sich ausspräche. Namentlich die Bergwerke, früher Kupfer-, Silber- und Gold-, jetzt in steigendem Maße Kohlen- und Eisengruben, sind die Nerven der Staaten. Selbst die Landwirtschaft kann ohne Industrie nicht bestehen, da ohne Kali und Karbid, ohne industrielle Erarbeitung der Dungstoffe, die jährlich an zwei Milliarden Mark ausmacht, der Ackerbau nicht mehr bestehen könnte; auch nicht ohne die Industriebevölkerung, die mit ihrer steigenden Kaufkraft den Landwirten einen trefflichen Markt liefert und gute, ja, wachsende Preise ermöglicht. Auf der andern Seite muß es erlaubt sein, auf die Gefahren eines übermäßigen Industrialismus hinzuweisen, muß Vorsorge getroffen werden, gegen dieses Übermaß ein Gegengewicht zu schaffen.

Auch die Hypertrophie der Kultur ist vom Übel. Wenn der Kaiser sich gegen eine „öde Weltherrschaft“ wandte, wenn er rühmte, „nach außen beschränkt, nach innen unbeschränkt“, wenn neuere Kulturpolitiker für die Ausdehnung deutscher Kultur eintreten und territoriale Ausdehnung für unmöglich halten oder sie gar verdammen, so ist das nichts anderes als eine Rückkehr zu dem Poeten, der zur Aufteilung der Welt zu spät kommt. Nein, über dieses Hochbild sind wir seit hundert Jahren hinaus. Daß eine wahllose Ausbreitung unsrer Kultur uns staatlich wie gesellschaftlich gar keinen Nutzen bringt, wurde am Anfang dieser Schrift gezeigt. Einzig und allein zu empfehlen und zu erstreben ist eine Zunahme der Siedlung. Alles andere wird uns dann von selbst zufallen.

Text aus dem Buch: Orient und Weltpolitik, Verfasser: Albrecht Wirth.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:
Der deutsche Gedanke in der Welt
Kultur-Europa bei den andern Völkern
Orient und Weltpolitik – die Weltlage
Der Nationalismus in Asien
Orient und Weltpolitik – Der Aufstieg des Balkans
Orient und Weltpolitik – Die Balkanvölker im einzelnen
Die Fragen der asiatischen Türkei
China und der Dreibund
„Timeo Danaos“ oder Englands Schwenkung zu Deutschland
Orient und Weltpolitik – Die Irrtümer der deutschen Politik

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