Kriegführung

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Der Krieg hat sich in seinen Formen von Grund aus umgestaltet. Aber die Eigenschaften, die dabei entfaltet werden, sind bis zum heutigen dieselben geblieben. Man hat ja öfters gemeint, daß durch die immer steigende Verbesserung der Feuerwaffen und ihre immer größere Fernwirkung persönliche Tapferkeit völlig ausgeschaltet und der Nahkampf ganz unmöglich werden würde. Der ostasiatische Krieg brachte fast täglich Beispiele vom Gegenteil. Schon im 15. Jahrhundert konnte man einen ähnlichen Umschwung so in der Technik wie in der Psychologie des Krieges beobachten. Positionskriege waren Mode geworden, Kriege, die nicht durch Schlachten sondern lediglich durch Manövrieren entschieden wurden. Die Heere bestanden aus Söldnern. Eine Hauptsache war, für die Söldner das nötige Geld zu schaffen, bei der damaligen Naturalwirtschaft und der geringen Zentralisation der Staaten kein leichtes Geschäft. Nun marschierten die Feldherren mit ihren Truppen hin und her durch die Lande.

Sie bemühten sich, ihrem Gegner die Zufuhr abzuschneiden, ihn in unfruchtbare Gegenden zu drängen, und trachteten auf jede Weise dahin, den Krieg möglichst lange hinauszuziehen, den Gegner zu ermüden, bis er an dem Punkte angelangt: point d’argent, point de Suisses. Nun kam auf einmal am Ende des Jahrhunderts Karl XII. von Frankreich und suchte Italien mit einer andern Methode zu erobern. Er schlug tüchtig drauf los. Er ließ stechen und feuern und töten. Darob große Empörung. So eine plumpe Metzelei, hieß es, das sei ja gar kein Krieg. Wo bleibe da die Taktik, die Feinheit der Kunst, die Strategie? Ähnlich hatte es zu unsrer Zeit bereits den Anschein gewonnen, als ob die Technik das meiste im Kriege zu sagen hätte. Wer die kälteste Berechnung ausführt, wer das rauchloseste Pulver erfindet, wer die schönsten Scheinwerfer, die besten Eisenbahnen, die zündbarsten Minen hat, und dann vor allem noch, werdas meisteGeld besitzt, der siegt. Auch hat ein japanischer General geäußert, das Telephon sei ihm schier wichtiger als seine Kanonen. Das alles ist durchaus unanfechtbar. Aber der unterdrückte, der zeitweise latente menschliche Gehalt, der beim Kriegführen denn doch schließlich die Hauptrolle spielt, der hat sich wieder z. B. bei den Buren und in Ostasien, wie kürzlich in Tripolis offenbart. Wie bei den einzelnen, so bei ganzen Völkern. Unerschütterte Charakterfestigkeit, zähe Ausdauer, klangloses Ertragen von Entbehrungen, und bei aller steigenden Erbitterung dennoch zugleich steigende Hochachtung für einander. Auch fehlt es keineswegs an einzelnen dramatischen Zügen. Kühne Patrouillenritte, nächtliche Überfälle, zahlreiche Bajonettkämpfe, geräuschlose Arbeit in unterirdischen Minen, Spionenabenteuer; Treue und Aufopferung, Siegesjubel und Verzweiflung.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
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Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
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Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
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Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
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Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
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Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
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Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
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Faktoren der Gegenwart : Kriegführung
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