Kampf gegen das Papsttum

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Um die römische Frage dreht sich die Hälfte der Politik in den romanischen Staaten. In Deutschland ist das Zentrum lange die führende Partei gewesen. Die polnische Frage ist größtenteils eine päpstliche Frage.

Einerlei, ob geehrt wie in Spanien und Mexiko, oder angefeindet wie in Frankreich und Italien, die Kurie ist da, sie ist ein Element, das nicht umgangen, ein Faktor, mit dem gerechnet werden muß. Gerade auch die heftigste Feindschaft gegen sie zeigt ihre Bedeutung. Die ganze innere Politik Frankreichs war zeitweilig nach der Kurie und ihrer Haltung orientiert. Und auch für die auswärtige Politik — Protektorat der Katholiken in Syrien, in China, in Marokko, in Tripolis — war nicht selten Rom der Leitstern. Denn „l’anticlericalisme n’est pas un article d’exportation“. Namentlich aber mischt sich die Kurie in die Nationalitätenkämpfe der Gegenwart und wird so unmittelbar ein Element der Weltpolitik auch da, wo sonst jede Grundlage dazu fehlen würde. Bei den Kämpfen der Kroaten und Serben, der Madjaren, der Tschechen, der Polen, der Wallonen gegen Volksfeinde und Fremde, da ist immer Rom schürend und aneifernd dabei. Es hilft dabei stets dem Schwächeren gegen den Stärkeren. Genau wie das England seit Jahrhunderten in der profanen Politik befolgt hat Namentlich aber ist die Kurie gegen das Deutschtum, in dessen philosophischem Geiste und wissenschaftlichem Forscherfreimut sie stets ihren gefährlichsten Gegner erblickt hat.

Ihr wird der Plan zugeschrieben, einen großen Ring, von der Adria anfangend über Österreich nach Polen auf der einen, über die Schweiz und Lothringen bis nach Belgien auf der andern Seite um das neue Deutsche Reich zu legen, einen Ring der Erdrückung, in dem die Begünstigung der Franzosen in den Reichslanden, der Polen in Posen und den Rheinlanden nur weitere Glieder bilden würde. Der Plan kann nicht bewiesen werden, aber möglich ist er schon. Erfolge jedenfalls hat Rom sowohl gegen Bismarck als gegen Kaiser Wilhelm II. genug und übergenug aufzuweisen. Selbst die Jerusalem fahrt des Kaisers erwies sich fast als ein Triumph des Papstes. Nicht minder ist durch seine Missionen in aller Welt das Papsttum ein nie zu unterschätzender Faktor der Weltpolitik. Währenddie Missionen des Protestantismus in Dutzenden von Einzelunternehmungen nach Sekte und Nationalität zerfallen, hält die Fäden aller katholischen Missionen das collegium propagandae fidei in seiner Hand. Dadurch ist ihm eine ganz andere Nachdrücklichkeit und Andauer des Wirkens gewährleistet. Man hat es im Gabun, in Uganda, in Siam und Annam und besonders augenfällig in China gesehen, wie mächtig die katholische Mission in die Weltpolitik einzugreifen versteht.

Der Missionstätigkeit des Christentums gegenüber steht die vielleicht nicht minder eifrige des Buddhismus und die des Islams.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
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Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
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Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
Deutschtum und Türkei : Der Sultan
Deutschtum und Türkei : Westöstliches
Deutschtum und Türkei : Mohammedaner und Christen
Deutschtum und Türkei : Kaiserbesuch
Weltkriege der Gegenwart : Burenkrieg und Boxerwirren
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Deutsche Kulturbeziehungen zum Ausland
Faktoren der Gegenwart : Das monarchische Prinzip
Faktoren der Gegenwart : Kampf gegen das Papsttum
Faktoren der Gegenwart : Kriegführung
Faktoren der Gegenwart : Der Staat in der Gegenwart
Faktoren der Gegenwart : Nationalitätenstreit

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