Juden und Phönizier

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Zugleich mit den Indogermanen und Chinesen tauchen jüngere Semitenstämme auf: die Phönizier, die Minäer, die Juden und die Karthager. Auch von ihnen gilt das, was die Arier durchgemacht haben, nämlich, daß sie von der Wucht älterer Kulturen starke Einwirkungen erlitten. Die Gesetze des alten Testamentes erinnern vielfach an das Gesetz Hammurabis. Bei dem Zug Abrahams mit Amraphel wird eine ältere östliche Chronik im alten Testamente benutzt.

Durch die Mischung mit den kasischen Ureinwohnern Kanaans, ein Vorgang, den ja die Propheten so bitter beklagen, wurde auch eine Mischung jüdischer Eigenart und der angestammten Kulturbegriffe mit den Vorstellungen und Sitten der vorsemitischen Rasse angebahnt. Wenn Salomon den Göttern seine vielen Frauen opfert, so ist das ein Fall, der nicht nur im Königshaus, sondern auch im ganzen Volke häufig gewesen sein muß. Die Juden errichteten seit 1100 eine eigene Herrschaft.

Diese ging in ihren Grenzen jedoch selten über die Ausdehnung des heutigen Badens oder Hessens hinaus. Unter Salomon um 950 setzte eine rege Kolonialtätigkeit ein. Goldminen wurden in Südafrika, südlich vomSambesi ausgebeutet, und wahrscheinlich wurde schon damals der ganze schwarze Erdteil von phönizischen Schiffen umsegelt. Die jüdische Überlieferung sprach von Ophir oder in der alten Form Sofira; das ist wahrscheinlich die Sofala, und die Goldmine war wohl das heutige Zimbabwe, wo noch gewaltige Ruinen von ehemaliger Schürftätigkeit künden, und die Nachbarschaft bis zum Sambesi hin. In unseren Tagen hat Karl Peters bewußt und nicht ohne Erfolg an die salomonischen Versuche angeknüpft und hat ebenfalls beträchtliches Gold in der Nähe von Ophir dem Erdboden entrissen.

Der Besitz ist immer von allergrößter Wichtigkeit gewesen. Reich sein und mächtig sein, war in der Regel gleichbedeutend. Gerade auch bei einfachen Verhältnissen, etwa bei schweifenden Viehzüchtern sinkt sofort der Einfluß eines Häuptlings, wenn er durch irgendeinen Unglücksfall, sei es durch Seuche oder feindlichen Angriff, sein Vieh verloren hat. Nicht minder ist von uralters an der Handel und Bergbau dazu benützt worden, um die Stellung der Mächtigen zu befestigen. Bei heutigen Negerstämmen hat nicht selten der Oberhäuptling das Alleinrecht, Handel zu treiben, und nicht minder verfügt er unumschränkt über die Metallschätze seines Gebietes. Heutzutage beruht die Macht eines Staates ganz wesentlich auf der Fülle von Mineralien, die sein Boden enthält. Gold und Eisen und Kohle sind die Grundlagen für die Macht Englands und Amerikas, Kohle und Eisen ebenso für die des deutschen Reiches. Genau so war es auch im Altertum. Schon um 3000 hören wir, daß die Pharaonen sich um das Kupfer des Sinai und die mesopotamischen Großkönige um das Kupfer Cyperns bemühten. Von dem Namen dieser Insel hat ja das rote Metall überhaupt seine Bezeichnung. Bereits im fünften Jahrtausend aber hat ein belangreicher Mittelmeerhandel bestanden. Die Haupthandelsstraßen zu Lande gingen einmal von dem mittleren Nil nach der Mündung des Flusses und von dem Ufer des persischen Golfes nach Syrien oder aber nach Trapezunt am Schwarzen Meere. Die Vorzugsstellung Mesopotamiens ist ganz wesentlich darin begründet, daß es ein Durchgangsland für den Handel von Südasien nach dem Abendlande war. Doch hat schon in grauer Vorzeit ein Verkehr auch auf nördlicheren Wegen bestanden, die von dem Kaukasus nach Mittel- und Ostasien und von Südrußland nach der Ostsee führten. So will man herausgebracht haben, daß schon im dritten Jahrtausend das ostasiatische Gewerbe, durch den nördlichen Uberlandweg vermittelt, von westlichen Formen beeinflußt war, und man kann als sicher annehmen, daß im zweiten Jahrtausend abendländiche Topf formen nicht nur bis Ostasien, sondern sogar bis Alaska und Kalifornien gelangten. Auch die See wurde sehr früh befahren. Wir wissen das durch die verschiedenen ägyptischen Schiffsmodelle, die uns erhalten sind, und durch Keilschriften, die uns von Seefahrten in grauer Vorzeit berichten. Uber die einzelnen Seewege können wir jedoch Genaues nur wenig in Erfahrung bringen. Höchstens daß eine Schiffsverbindung zwischen den Mündungen des Euphrat und Tigris mit Ostarabien und ferner eine zwischen Ägypten und den „Inseln im Norden“ bestand. Als Inseln konnten sehr wohl, wie ich im Anfang dieses Werkes dargetan habe, auch Halbinseln, z. B. Kleinasien verstanden werden. Im dritten Jahrtausend erlebte die Schiffahrt einen merklichen Aufschwung. Die Ägypter befuhren mit Erfolg die Ufer des Roten Meeres und gelangten vielleicht bis über das Osthorn Afrikas hinaus, bis nach Somaliland. Hierbei scheint es aber ein ganzes Jahrtausend sein Bewenden gehabt zu haben. Erst die Phönizier brachten hierin neuerdings Wandel. Sie trieben nicht nur festländischen Handel bis nach Indien und Mittelasien hinein, sowie bis zur Bernsteinküste, die an der Ostsee lag, sondern sie dehnten auch die Schiffahrt um mehr als das Doppelte aus. Sie gelangten als die ersten unter den Seevölkern nach dem Westbecken (des Mittelmeeres und nach den Gestaden des Schwarzen Meeres; sie durchfuhren die Straße von Gibraltar und kreuzten bis nach der Bretagne hinauf; hier nämlich ist das Land zu suchen, wo die Phönizier das Zinn holten; sie erreichten endlich fern im Süden, wie oben erwähnt wurde, die Sofala, überschritten also — zum erstenmal in der Weltgeschichte — den Wendekreis des Steinbocks. Die Blütezeit der Phönizier war von rund 1200—800. Ihr Hauptmangel war das Fehlen eines Hinterlandes, auf dem sich ihre Volkskraft hätte entwickeln können. Aus diesem Grunde ist es auch nicht gerechtfertigt, wie man es so oft getan hat, die Phönizier durchaus mit den Engländern zu vergleichen. Denn die Engländer haben sicherlich ein starkes Volkstum. Dafür entschädigten sich die Phönizier in der Weise, daß sie einen weiträumigen Kolonialbesitz erwarben und dort in der Ferne, in Nordafrika und Spanien, hinreichend Boden und Luft und Licht für jede nur gewünschte Ausbreitung hatten. Zwar bildeten die Phönizier alle die Jahrhunderte hindurch nur eine dünne Oberschicht, dennoch ist es ihnen anscheinend gelungen, ihre Sprache und Art auch bei den rassefremden Berbern zur maßgebenden zu erheben. Darin ist sicher eine Ähnlichkeit mit den Engländern zu finden und nicht minder in der Gepflogenheit, auch zahlreiche Mitglieder anderer Völker, der Juden und der kasischen Kiliker zur gemeinsamen Kolonisationsarbeit mit heranzuziehen: Genau so bedienen sich die Engländer der Deutschen und der Iren, die ihnen bei der Kolonisation helfen. Noch enger wird die Ähnlichkeit, wenn man die Neigung der Phönizier zu überseeischem Handel und zur Ausbeute von Bergwerken in Betracht zieht. Als Nerv der Dinge betrachteten auch die Phönizier das Geld und suchten zu dem Ende möglichst viel Metalle, Kupfer und Silber und Zinn zu gewinnen. Das lieferte ihnen die Mittel für ihr Großgewerbe und zugleich für die Kriege, die sie zumeist mit Hilfe fremder Söldner führten.

Der Handelsgeist, den die Phönizier betätigten, war auch ihren Nachbarn, den Juden, angeboren. Man kann niemals zu einem Verständnis des Judentums gelangen, wenn man seine Taten in der vorchristlichen Zeit von denen in der nachchristlichen Zeit scheiden, wenn man nicht einsehen will, daß die Juden vor dreitausend Jahren nicht anders waren, als sie heute noch sind. Wer das verkennt, der kommt entweder zu einer Über- oder Unterschätzung der jüdischen Eigenschaften. Ohne Zweifel haben sie stets ein hervorragendes Talent für Organisation besessen. Aus irgendeinem rätselhaften Grunde aber hat dieses Talent für staatliche Dinge versagt. Die selbständige Herrschaft des ohnehin nicht sehr ausgedehnten Judenreiches hatte kaum ein Jahrhundert gewährt, als das Reich schon auseinanderbrach; und als zwei weitere Jahrhunderte ins Land gegangen waren, da begann die Unterwerfung durch andere Völker, ein Zustand, in dem die Juden so ziemlich bis heute verharrt sind. In der Beziehung sind sie den Iren sehr ähnlich und auch den Polen, die es ebenfalls nie zu eigenen Staatsbildungen von Belang gebracht haben, die aber unter fremder Flagge, in Nordamerika und Sibirien sich als besonders tüchtige Organisatoren bewähren.

Die Uneinigkeit der Juden, die heutigen Tages sich zu einem Gegensatz zwischen West- und Ostjuden zugespitzt hat, ist ebenfalls schon seit den Anfängen vorhanden gewesen. Nicht minder die Abneigung gegen Fremde, die sogenannten Gojjim oder Göj, verknüpft mit dem eifrigen Bestreben, die Fremden zu gewinnen oder gar sich selbst ihnen anzuähnlichen. Gerade dieser widerspruchsvolle Zug wird sich vermutlich am ehesten aus Göj erklären.

Wir haben vorhin gesehen, daß die semitischen Juden sich mit kasischen Ureinwohnern Kanaans innig verbanden; dazu sind, wahrscheinlich schon seit dem vierzehnten Jahrhundert vor Christi, indogermanische Elemente gekommen, und selbst afrikanische sind nicht ganz ausgeschlossen. So kommt es, daß auf der einen Seite ein Verständnis und eine rege Empfänglichkeit für den Geist der Fremden besteht, während auf der anderen Seite die eifernde Ausschließlichkeit der Semiten doch auch ihr Recht behaupten will. Die Überlieferungen der Juden, wie sie in dem alten Testamente niedergelegt sind, verhüllen nichts und beschönigen keine Schwächen; sie künden von so manchem unangenehmen und wenig ehrenvollen Zuge des eigenen Volkstums. Was dagegen den Stil dieser Überlieferungen auszeichnet und was ihnen bis in die Gegenwart eine unübertroffene Wirksamkeit gewährleistet hat, das ist die plastische Lebendigkeit, mit der Dinge und Personen angefaßt werden. Übertrieben zwar, in einseitiger Beleuchtung, aber dennoch mit zwingender Wucht.

Das Persönliche ist schon früher in die Weltgeschichte getreten.

Wenn wir auch von Hammurabi nicht wissen, ob er selbst sein Rechtsbuch verfaßt oder ob er nicht, wie wahrscheinlicher, bloß seine Hofjuristen dazu befohlen hat, so besitzen wir doch verschiedene Briefe von ihm an seine Verwaltungsbeamten. Auch diese mögen von seinen Schreibern ausgedacht sein, aber schließlich gilt doch der alte Spruch: Wie derHerr, so die Diener. Und man gewinnt entschieden von Hammurabi den Eindruck eines weisen, besonnenen und maßvoll schaltenden Herrschers. Allein schon vor ihm ist das Persönliche in der Geschichte wahrnehmbar. Ich denke dabei vorzüglich an die lebenswahren, man könnte sogar sagen: naturalistischen Porträtbüsten, die wir von sumerischen Königen und altägyptischen Staatsbeamten besitzen. Nur leider wissen wir sonst gar nichts von den Urbildern jener Porträte, wissen gar nicht, was sie gesagt und getan haben, und wissen nicht einmal immer den Namen des Betreffenden. Ein bestimmter, mit Gewißheit nachweisbarer Zusammenhang zwischen Porträtbüsten und Standbildern mit geschichtlichen Persönlichkeiten, über deren Leben wir ausreichend durch Inschriften unterrichtet sind, hebt erst nach 1500 an, mit der ägyptischen Dynastie der Tuthmosiden und Ramseniden. Namentlich von Ramses II., dessen Mumie mit einem sehr ausgesprochenen, sicherlich porträtähnlichen Gesichte das Louvre in Paris aufbewahrt, kennen wir die Ansichten, Sprüche und Handlungen ziemlich genau. Von hier bis zu den Charakterschilderungen des alten Testamentes ist aber doch ein großer, gar nicht leicht zurückzulegender Schritt. Mit welch dramatischer Frische muten uns die Schilderungen von Saul, David und Salomon an, wenn auch noch so manche Züge dabei sagenhaft sein mögen! Auch ist in diesen Charakterbildern zum erstenmal eine richtige Verkettung von Verdienst und Glück, von Schuld und Sühne.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen

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