Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – IX. Die byzantinische Zeit.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

«Ihr seid also jene Römer, die zehn Sprachen sprechen, aber nur allein die Lüge kennen!»

Konstantins Neuerungen treten zunächst nach außen wenig in die Erscheinung. Sein gewaltiges Reich steht nach wie vor in mächtiger Geschlossenheit den die Grenzen bedrohenden Feinden gegenüber — hier Römer, dort Barbaren —und man braucht nur einen byzantinischen Historiker aufzuschlagen, um diesem Gegensatz auf Schritt und Tritt zu begegnen.

Doch kommt durch die Christianisierung des Reiches im Laufe der Zeit audi in dem Verhältnis zu den Barbaren allmählich das religiöse Moment zur Geltung. Die römische Kirche im Westen, die griechische im Osten haben die alte Kultur eingesogen, das Christentum wird immer mehr zum Träger derselben, und bei seiner Ausbreitung übermittelt es den Fremde Völkern auch die alten Kulturgüter. So kann sich neben dem politischen Gegensatz «Römer — Barbaren» der religiöse Christen — Barbaren» geltend machen, und der Übertritt zur wahren Religion befreit gewissermaßen von der Barbarei.

Im Aufbau des Römerreiches selbst besteht das Epoche machende der konstantinischen Neugründung darin, daß durch sie der Schwerpunkt der Welt wieder nach dem Osten zurückverlegt wird und das Griechentum so abermals in die erste Reihe rückt. Im Jahre 395 folgt die Teilung des Reiches in eine westliche lateinische und eine östliche griechische Hälfte, die von nun an in immer schrofferen nationalen und kirchlichen Gegensatz geraten. Während dann Rom im 5. Jahrhundert dem Anprall der Barbaren erliegt und politisch zusammenbricht, vermag sidi das bis heute vielfach unterschätzte und mißachtete byzantinische Reich in tausendjährigem erfolgreichen Ringen der unaufhörlichen Angriffe der Feinde zu erwehren. In Rom tritt zunächst der Papst und die katholische Kirche das Erbe des römischen Reiches an, und so überträgt sich die gesamte politische Macht des alten Imperiums auf das Kaisertum von Byzanz und indirekt auf das in der Bevölkerung überwiegende griechische Element. Mit den Griechen geht infolgedessen in ihrem Verhältnis zu Kaiser und Reich eine bedeutsame Veränderung vor.

Hatte es bisher stets begeisterte Hellenen gegeben, die in den Römern doch nur die mindergebildeten Unterdrücker erblickten und sich daher für das erweiterte Vaterland nicht zu erwärmen vermochten, so gewöhnen sich die Griechen nun allmählich daran, den in ihrer Hauptstadt Konstantinopel residierenden Kaiser als ihren Kaiser und sein Reich als ihr Reich anzusehen, als dessen Angehörige sie nun den Namen «Römer» (in der griechischen Form. Rhomaioi, Rhomäer) nicht mehr wie ein äußeres Zeichen der Knechtschaft empfinden, sondern willig, ja mit Stolz führen, da er sie als Herrschervolk kennzeichnet. Das hellenische Nationälgefühl ist allerdings nicht erstorben, sondern flackert gelegentlich hell auf, im wesentlichen aber erschöpft es sich in der Anhänglichkeit an die orthodoxe griechische Kirche, und das religiöse, nicht das nationale Moment bildet auch das Bindeglied zwischen Herrscher und Volk.

Dabei mag auch die weitverbreitete, auf das Buch Daniel zurückgehende Vorstellung von den vier Weltmonarchien von Bedeutung gewesen sein. Nach christlicher Anschauung soll auf diese Monarchien das Erscheinen des Antichrist und der Untergang der Welt folgen. Schon der Kirchenvater Hippolytos (um 200) hat nun die vierte und letzte Monarchie mit dem römischen Reich gleichgesetzt und in diesem «den Hemmenden» erblickt, der die letzten Dinge auf halte. Seine Auffassung wurde von Hieronymus, Augustinus und Orosius übernommen und beherrschte von da ab die mittelalterliche Geschichtschreibung. Die Notwendigkeit des Fortbestandes des «römischen» Reiches war also ein weitverbreiteter frommer Glaube, der ja auch auf deutschem Boden wirksam war, und der sehr wohl auch bei den orthodoxen Griechen dazu beigetragen haben kann, sich mit dem Römertum zu versöhnen.

Alle diese Umstände bereiten nun einen merkwürdigen Bedeutungswandel des Begriffes «Römer» vor. Zunächst behält er auch im oströmischen, im Rhomäerreich den allgemeinen staatsrechtlichen Inhalt «Angehöriger des römischen Reiches», und die bunte Mischung dieser «römischen» Nation zeigte sich besonders augenfällig im Heere, das namentlich den kriegführenden Nachbarn als Repräsentant und Exponent des Reiches erschien. Dieses machte ihnen daher den Eindruck eines zwar einheitlichen, aber polyglotten Staates. So konnte der Türkenhäuptling Turxanthos (6. Jahrhundert) einer Gesandtschalt zurufen:

«Ihr seid also jene Römer, die zehn Sprachen sprechen, aber nur allein die Lüge kennen!»

In Wirklichkeit aber lag die Sache doch anders. Im Kern des Reiches war die Mehrzahl der Rhomäer Griechen oder doch griechisch sprechende Untertanen, denen in der Hauptstadt eine römische Dynastie mit ihrem Anhang gegenüberstand. Das war für die weitere Entwicklung des Römernamens maßgebend. Die Zentralgewalt, die auf die Untertanen natürlich den staatsrechtlichen Begriff «Römer» ohne Unterschied der Nationalität an wendete, hat daneben noch vielfach die Erinnerung an den ursprünglichen ethnographischen Begriff wacherhalten. Denn auch nach der Trennung und dem Untergang des weströmischen Reiches ist die lateinische Sprache offiziell in Geltung geblieben und wurde insbesondere in den Kaisertitulaturen, im Hofzeremoniell, in der Zentralverwaltung sowie in der Gesetzgebung und Rechtspflege und namentlich in der Organisation der Armee hartnäckig festgehalten. Auch der politische Gesichtspunkt einer möglichen Wiedergewinnung der lateinischen Teile des Reiches war hierfür mitbestimmend. So haftet dem Namen «Rhomäer» selbst dann, als der Machtbereich des römischen Kaisers sich auf den Osten beschränkte und das «römische» Reich somit eigentlich ein griechisches war, noch immer die alte ethnische Bedeutung und der Zusammenhang mit Rom und Italien an. Das ist noch durchaus der Standpunkt des Kaisers Justinian (527—565), auch in seinen in griechischer Sprache herausgegebenen Verordnungen. Nach seiner Auffassung ist sein Reich in ununterbrochener Entwichlung mit den Anfängen des alten Rom verknüpft, und von Äneas führt über Romulus und Numa und weiter über Kaiser Augustus eine gerade Linie bis zu seinem Staate, der sich aus jenen Vorstufen entwickelt hat. Er verknüpft also mit dem Namen «Römer» noch durchaus den alten Begriff des lateinischen Römertums, aus dem er hervorgegangen, er sucht die altrömischen Traditionen in jeder Weise zu bewahren und bezeichnet auch das «Römische», d. h. Lateinische, als «unsere, von den Vätern ererbte Sprache». Allerdings muß er bereits den Umständen insofern Rechnung tragen, als die meisten Novellen zu seiner lateinisch abgefaßten Gesetzessammlung sich bereits der Sprache des Volkes bedienen. Dieser offizielle Standpunkt wird dann in der Folgezeit auch von griechischen Schriftstellern festgehalten. Z, B. der byzantinische Historiker Theophylaktos Simokattas (erste Hälfte des 7. Jahrhunderts) bezeichnet die Byzantiner regelmäßig als «Römer», verwendet aber einige Male auch gleichbedeutend den Namen «Lateiner» und spricht von einem «lateinischen» Reich.

Dazu kam, daß die neue Hauptstadt gleich nach der Gründüng neben dem Namen Konstantinupolis von offizieller Seite auch die stolze Bezeichnung Neu-Rom erhielt, während die Siebenhügelstadt dann als «älteres» oder «westliches Rom» von Byzanz unterschieden wurde. Dieser Sprachgebrauch ist bei Justinian schon völlig eingebürgert und läßt sich von da ab bis in spätbyzantinische Zeit verfolgen. Ein Dichter des 12. Jahrhunderts, Konstantinos Manasses, preist Byzanz als «das neue, ewig junge Rom».

Das Volk ließ sich dieses Spiel mit dem altehrwürdigen Namen gefallen, da dies eine Erhöhung des Ansehens seiner Reichshauptstadt bedeutete, gegen seinen ursprünglichen Träger, das alte Rom, aber zeigte sich eine stetig wachsende Abneigung, wobei neben nationalen Fragen vor allem Glaubenssachen und der Gegensatz zwischen dem lateinischen und griechischen Ritus mitspielten. Den Höhepunkt erreichte die Empörung und die Verachtung der Griechen, als Rom seit 800 seine Kaiser aus Barbarenländern, aus Frankreich und Deutschland holte.

Die Folge dieses Gegensatzes war eine immer schärfer hervortretende sprachliche Scheidung. In Rom, wo zu Beginn des 3. Jahrhunderts die Christengemeinde noch griechisch war, scheint schon im 5. Jahrhundert die Kenntnis des Griechischen so gut wie ausgestorben, und nur vorübergehend hatten im 7., 8. und 9, Jahrhundert orientalische Mönche, die wegen der religiösen Wirren ihre Heimat verlassen hatten und nach Italien ausgewandert waren, die Kenntnis des Griechischen zeitweilig aufgefrischt. Im Osten hinwiederum war das Lateinische über die offiziellen Stellen hinaus nie sehr verbreitet gewesen, so daß z. B. auf den Konzilien die lateinischen Ansprachen der Kaiser und der päpstlichen Legaten stets ins Griechische übertragen werden mußten, um verstanden zu werden. Die Hauptstadt selbst war allerdings als Sitz des römischen Kaisers bisher zweisprachig geblieben. Nun aber begann man auch hier die lateinische Sprache in den verschiedenen Zweigen des öffentlichen Lebens der Reihe nach abzubauen. Hatte schon Justinian einen Teil seiner Verordnungen in griechischer Sprache herausgegeben, so wird dies seit Maurikios (582—612) die Regel, und der offiziellen griechischen Amtssprache folgt bald darauf die griechische Kommandosprache im Heere,- seit dem 8. Jahrhundert werden Münzen mit griechischer Aufschrift geprägt, und Basileios I. (876 —886) ersetzt das lateinische Corpus iuris durch das griechische Gesetzbuch der Basilika. So verschwinden allmählich die letzten Spuren der einstigen lateinischen Vorherrschaft, und das Reich erhält in den letzten Jahrhunderten seines Bestandes ein durchaus griechisches Gepräge, zumal seine Geschicke schließlich von nationaLgriechischen Dynastien gelenkt werden.

Nur eins war nach wie vor «römisch» geblieben, der Name von Staat und Volk, der aber eben infolge der geschilderten Entwickung seinen Inhalt und seine Bedeutung vollkommen gewechselt hatte. Da er nach byzantinischer Auffassung nur noch auf die Bewohner des Ostens, die Untertanen des echten römischen Kaisertums, angewendet werden konnte, diese aber durchaus Griechen waren, ergibt sich im Sprachgebrauch schließlich die Gleichung: Rhomäer = Griechen. Von besonderer Wichtigkeit war bei diesem Bedeutungswandel die Zugehörigkeit zur orthodoxen Kirche mit ihren griechischen Traditionen und ihrer griechischen Liturgie. Diese Zugehörigkeit bildet von nun an einen integrierenden Bestandteil des Begriffsinhaltes. Der orthodoxe Grieche mit seiner christlich-byzantinischen Kultur ist eben kein «Hellene» mehr, sondern ein «Rhomäer». Wenn man heutzutage von «Byzantinern» und einem «byzantinischen» Reiche spricht, so ist diese Ausdehnung der Namensbezeichnung der Hauptstadt auf das ganze Reich in dem alten Sprachgebrauch nicht begründet. «Byzantiner» hießen eigentlich nur die Bewohner von Byzanz , das Reich aber war und blieb das «rhomäische».

So zeigt der altehrwürdige Name «Römer» einen eigenen Entwicklungsgang im Laufe der Jahrhunderte. Ursprünglich auf die lateinische Nation beschränkt, wird die Bezeichnung in der Kaiserzeit staatsrechtlich auf alle Völker des römischen Reiches ausgedehnt, um am Ausgang der byzantinischen Periode wiederum einen ethnischen Sinn anzunehmen, aber nunmehr auf die angestammten Gegner der alten Römer überzugehen. Es ist begreiflich, daß dieser Bedeutungswandel bei den Schriftstellern gelegentlich ein Schwanken der Bedeutung zur Folge hat und diese daher von Fall zu Fall aus dem Zusammenhang festgestellt werden muß, oft nicht einmal mit Sicherheit klargelegt werden kann. Wenn die Rede ist vom römischen Reich, römischen Landstrichen oder Städten, vom römischen Heer, Feldherren oder Gesandten, von Gesetzen oder auch vom Gegensatz zwischen Römern und Barbaren, so schwebt auch den Byzantinern zunächst die politische Bedeutung des Wortes vor, die immer noch jenen altrömischen Beigeschmack hat, der sich in einzelnen Beispielen bis in die Zeit erhält, wo «rhomäisch» und «griechisch» längst identisch war. Diese politische Bedeutung schillert aber frühzeitig ins Ethnische über, und es finden sich zahlreiche Fälle, wo «Rhomäer» noch im staatlichen Sinn gedeutet werden könnte, sich aber mit Sicherheit auf Griechen bezieht. So wenn z, B. vom Goten Genton erzählt wird, daß er eine Frau geheiratet hatte, die von den in Epirus wohnenden Rhomäern abstammte, oder wenn mit Bezug auf Athen von Rhomäem gesprochen wird.

Wann sich der endgültige Übergang in den ethnischen Gebrauch vollzog, läßt sich nicht mit einem genauen Datum bezeichnen. In der Volkssprache wird es viel früher der Fall gewesen sein, später folgte, zum Teil widerwillig, das Schrifttum. Der Sprachgebrauch hatte sich derart eingebürgert, daß es als auffällige Erscheinung einer Erklärung bedarf, wenn sich in einem dem Weltgetriebe entrückten Ort noch der alte Name «Hellenen» erhalten hat. Einen solchen Fall erzählt der schriftstellernde Kaiser Konstantinos Porphyrogennetos (10. Jahrh.): «Die Bewohner des lakonischen Städtchens Mai’na stammen nicht von Slaven, sondern von den älteren Rhomäern (d. h. Griechen), die von den Eingeborenen bis heute Hellenen genannt werden, weil sie vor Alters nach Art der alten Hellenen Götzendiener waren. Sie wurden unter Kaiser Basileios getauft und sind Christen geworden». Daß in den letzten Jahrhunderten des byzantinischen Reiches sich die ethnische Bedeutung durchgesetzt hat, beweisen Stellen, wo bereits von Rhomäern (= Griechen) «der Abstammung nach» die Rede ist. Jedenfalls ist die Gleichung Rhomäer = Grieche im 13. Jahrh. völlig eingebürgert, denn nach Georgios Pachymeres beschwört der Kaiser Michael Paläologos, der den Zusammenstoß mit Karl von Apulien vermeiden wollte, den Papst, er solle Karl hindern und nicht zulassen, daß Christen gegen Christen ziehen,-denn auch die Rhomäer, die sie Graiker (Graeci) nennen, gehörten dem gleichen Christus und der gleichen Kirche an wie die Italiker.

Es steht wohl einzig in der Geschichte da, daß ein Volk durch die Umstände allmählich dazu geführt wird, einen ihm ursprünglich verhaßten Fremdnamen schließlich freiwillig anzunehmen. Der Gang der politischen Ereignisse allein hätte dies kaum vermocht, wenn nicht das ebenso einzig dastehende Verhängnis hinzugekommen wäre, daß der eigene angestammte Name entwertet und unbrauchbar geworden war. Seitdem er die Bedeutung «Heide» angenommen hatte, war es für einen Christen griechischer Abkunft einfach ausgeschlossen, sich einen Hellenen zu nennen, und gerade die orthodoxe griechische Kirche, deren erbitterter Kampf gegen die lateinische doch auch im Zeichen des neuerwachten Nationalgefühls geführt wurde, mußte sich gegen den Namen der Vorfahren, der jetzt eine verpönte Weltanschauung kennzeichnete, entschieden ablehnend verhalten und den neuen begünstigen. Wie tief und unausrottbar dieser religiöse Gegensatz wurzelte, zeigt sich darin, daß er selbst nach dem philhellenischen Zeitalter der Paläologen noch zu entschiedenem Ausdruck gebracht werden konnte. Georgios Scholarios, der unter dem Namen Gennadios nach dem Falle von Konstantinopel als erster Patriarch unter der Türkenherrschaft fungierte, entgegnete einem Juden, der ihm diesen Verrat an der griechischen Nation zum Vorwurf machte:

«Der Sprache nach Hellene, möchte ich mich doch niemals als Hellenen bezeichnen, da ich nicht von der Gesinnung bin, die einst die Hellenen hatten. Sondern ich möchte nach meinem Glauben benannt werden, und wenn mich jemand fragt, was ich bin, werde ich antworten: ein Christ . . . Bin ich ja doch Byzan-tier, obschon mein Vater aus Thessalien hier eingewandert ist, und nenne mich nicht einen Thessaler, da ich in Byzanz geboren bin».

Da nun anderseits der staatsrechtliche Begriff «Römer» durch den Lauf der Ereignisse ohnedies immer deutlicher in den ethnischen «Grieche» überging, wuchs der Name gleich-sam von selbst in die entstandene Lücke hinein. So wird er im Mittelalter offiziell verwendet 292), und so hat er bis auf den heutigen Tag seine unverwüstliche Lebenskraft bewahrt. Das Volk der Neugriechen bezeichnet seinen Dialekt immer noch als «rhomäisch» (rhomäikd), während für die neubelebte «reine» Schriftsprache der alte Name hellenikd (spr. ellinikä) wieder eingeführt wurde. In der Form RÜm finden wir dann den Namen des stolzen Rom auch in der arabischen und tür-kischen Sprache, wo damit das oströmische Reich und seine Bevölkerung bezeichnet wurde, und daher werden auch jetzt noch die Griechen von den Türken so genannt. Und da durch den Namen «Rhomaeos » schon im Mittelalter insbesondere die Zugehörigkeit zur griechischen Kirche hervorgehoben wurde, wird das Wort (rüm) heute noch von den Arabern in Palästina und Syrien, auch ohne Rücksicht auf die Nationalität, nur zum Ausdruck des orthodoxen Glaubensbekenntnisses angewendet, während der römisch-katholische Geistliche wie ehemals als lätin bezeichnet wird . Die Erben der politischen Macht Ostroms waren aber die Türken, und so ist der Name in diesem Sinne auf sie übergegangen. Schon das seldschukische Reich, das im 11. Jahrhundert in Konia entstand, hieß Rüm, jetzt haftet der Name an der europäischen Türkei, Rumili (Rumelien), und der in Konstantinopel residierende Sultan ist für die Bewohner Asiens der Rüm-Pädischähi (wörtlich «römischer Kaiser»), während das Volk der Osmanen Rümmilleti (« Römervolk ») heißt .

Der eigentliche Erbe der national-griechischen Traditionen war nun allerdings das heidnische Hellenentum, das denn auch den christlichen Schriftstellern mit dem alten Griechentum vielfach zu einer Einheit verschmolz. Doch stirbt es mit dem 10. Jahrhundert wohl endgültig aus. Aber auch der christliche Glaube hat ja den gebildeten Griechen nie gehindert, den Zusammenhang mit der altgriechischen Literatur aufrechtzuerhalten. Auch das christliche byzantinische Schrifttum ist zunächst naturgemäß eine Fortführung des althellenischen, wenn auch römische und orientalische Einflüsse hinzukommen, und immer wieder greifen die Schriftsteller auf den unerschöpflichen Born der klassischen Vorbilder zurück. Der christliche Philosophieprofessor des 11. Jahrhunderts, Michael Psellos, erklärt die Beschäftigung mit der hellenischen Lehre ausdrücklich für zulässig, wenn dies mit der nötigen Vorsicht geschieht. Den Auftakt zu diesen Bestrebungen hatte im 9. Jahrhundert der begeisterte Vorkämpfer für seine Nation, der gelehrte Patriarch Photios, gegeben, und seitdem sind, namentlich im Zeitalter der Komnenen, Sammler und Grammatiker für die Wiederbelebung der Antike tätig, während unter den Paläologen bereits die Zeit des Humanismus und eine reiche Entfaltung der literarischen Renaissance einsetzt. Ihr Hauptmerkmal aber ist der auch in dieser späteren Zeit auftretende Attizismus, der die Sprache rein zu erhalten sucht und sich dadurch immer mehr vom Volksidiom entfernt.

Da somit wenigstens in der Literatur immer wieder an die ruhmreiche Vergangenheit angeknüpft wurde, -wird auch die alte Verwendung unserer Termini immer wieder in Erinnerung gebracht und tritt mit den sprachlichen Neuerungen in verwirrende Konkurrenz. Man kann beobachten, wie die Autoren mit dem Problem ringen, wie sie sich dem Zwang der lebendigen Sprache nur mit Widerstreben fügen und sich bemühen, das Alte womöglich wieder in seine Rechte einzusetzen. Besonders schmerzlich mußte jedem national Empfindenden der Verlust des ruhmreichen Volksnamens «Hellenen» sein, den es denn möglichst zu schonen galt. Wenn man daher durch den Sprachgebrauch gezwungen ist, das Wort in der Bedeutung «Heide» anzuwenden, so wird wenigstens durch einen Zusatz angedeutet, daß man mit diesem Sprach* gebrauch nicht einverstanden ist: man spricht von «sogenannten Hellenen».

Dazu kam nun, daß die alte Terminologie literarisch tatsächlich nicht zu entbehren war. Selbstverständlich war vor allem, daß man die alten Griechen auch weiterhin als Hellenen bezeichnete. Aber auch für die byzantinischen Epigonen stand lange Zeit keine andere Bezeichnung zu Gebote, wenn es sich um Abstammung, Sprache oder Bildung handelte. Wurde ja «römisch» entweder, wie bemerkt, noch staatsrechtlich und übernational verstanden oder konnte gar in alter Weise auf den lateinischen Volksstamm und die lateinische Sprache bezogen werden, Da bot der alte Volksname wenigstens dann, wenn eine Beziehung auf die Religion ausgeschlossen war, ein willkommenes Auskunftsmittel, und wir finden in diesem Sinne häufig auch Hellenen und Römer in altgewohnter Weise gegenübergestellt.

Unterstützt wurde dieser Sprachgebrauch dadurch, daß sich zu allen Zeiten auch der Name des Landes Hellas forterhielt, wenn auch dessen Umfang verschieden vorgestellt wurde. Gewohnlich bilden die Thermopylen die Nordgrenze, doch ist es nicht verwunderlich, wenn ein Bewohner von Thessalonike auch Thessalien und Makedonien hinzurechnet oder ein volksbewußter Byzantiner in der Zeit des neuerblühenden Hellenismus den altberühmten Namen gar auf das ganze Reich ausdehnt . Eine Einengung erleidet der Begriff nach der Einführung der neuen Themenverfassung («Thema» etwa soviel wie «Provinz»), deren Zeitpunkt allerdings noch nicht feststeht. Seitdem ist der Name «Hellas» als Bezeichnung eines Themas offiziell auf das östliche Mittelgriechenland, d. h. im wesentlichen Attika, beschränkt und kommt daher in der Literatur gelegentlich im Gegensatz zum Peloponnes vor, der seinerseits ebenfalls ein Thema bildete . Wenn dann der Zusammenhang deutlich auf einen dieser den alten Namen tragenden geographischen Begriffe hinweist, so kann ohne Gefahr eines Mißverständnisses von «Hellenen» gesprochen werden.

Unzweifelhaft am wirksamsten aber wurde die Erinnerung an die alte Wortbedeutung lebendig erhalten durch die unverwüstlichen Formeln «Hellenen und Barbaren», «Hellas und Barbarenland», die auch in der byzantinischen Epoche allzeit im Gebrauche blieben.

Aber gerade diese Formel wirkte bereits wie ein Petrefakt, der auf die neuen Verhältnisse nicht mehr paßte, und im übrigen hätte der alte Griechenname meist Anlaß zu Mißverständnissen gegeben. So mußte man fich unter Umständen nach einem Ersatz für ihn umsehen. Zwei alte halbvergessene Wörter werden hervorgeholt. Das eine, Helladikös, von dem Namen des Landes abgeleitet, bedeutet eigentlich «den Bewohner von Hellas, den Griechenländer», so wie der Bewohner von Italien Italikös, Italiker heißt. Es deckt sich also nicht von vornherein mit der Bezeichnung «Hellene», sondern wird auch in byzantinischer Zeit nur auf denjenigen angewendet, der aus dem eigentlichen Griechenland stammt, im Gegensatz insbesondere zum Byzantiner. Wie dieser Name den durch den Bedeutungswandel unbrauchbar gewordenen alten ersetzt, illustriert z. B. eine Stelle in der Chronik des Johannes Malalas (6. Jahrhundert), wo berichtet wird, die Gemahlin des Kaisers Theodosios II. sei eine Helladike (Griechin), die Tochter des athenischen Philosophen Leontios namens Athenais gewesen, die der Kaiser taufen ließ und Eudokia nannte, da sie eine «Hellenin» (Heidin) war . Als aber «Hellas» zu dem kleinen Thema dieses Namens zusammenschrumpfte, wurde der Begriff Helladikol keineswegs auf dieses Gebiet eingeschränkt, sondern blieb auch für den Peloponnes in Geltung . Das untergeordnete Verhältnis der Provinz zur Residenz hatte wie überall eine gewisse Geringschätzung zur Folge, die auch in der Verwendung dieses Volksnamens zum Ausdruck gekommen sein mag.

Der zweite Name wurde auf dem Umwege über das Lateinische in Erinnerung gebracht: Graecas, Graikös, dessen Verwendung aber als Wiederbelebung einer urgriechischen Bezeichnung gelten konnte, da die Hellenen nach einer Überlieferung, die den byzantinischen Chronisten wohlbekannt war, so genannt worden waren, bevor ihnen ihr Stammheros Hellen seinen Namen gab. Das Wort ist durchaus eindeutig und wird daher von den byzantinischen Schriftstellern vielfach angewendet. Einbürgern konnte es sich aber schon deshalb nicht, weil ihm durch die Römer ein verächtlicher Beigeschmack anhaftete, der denn auch an manchen Stellen, natürlich im Munde von Gegnern, zu erkennen ist. Auf diesem Wege war also ein vollwertiger Ersatz für den alten Volksnamen nicht zu beschaffen.

Aber auch der Bedeutungswandel des Wortes «Römer, Rhomäer» hatte mannigfache sprachliche Schwierigkeiten zur Folge. Seitdem es die ethnische Bedeutung verloren hatte und einen jeden Angehörigen des Reiches bezeidhnete, und seitdem also auch die Griechen und andere Völker «Römer» geworden waren, kann man den lateinischen Stamm nicht mehr eindeutig mit diesem Namen bezeichnen. Es ist nur dann möglich, wenn noch ein klarer Hinweis hinzukommt, sei es, daß es sich um die lateinische Sprache handelt und lateinische Beispiele folgen, oder daß der Gegensatz «Römer — Hellenen» andeutet, daß beide Bezeichnungen noch in alter Weise verwendet werden. Sonst behilft man sich mit einem einschränkenden oder erklärenden Zusatz. So sagt man mit Bezug auf die Vergangenheit «die alten Römer», auf die Gegenwart «die westlichen Römer» oder «die Römer, d. h. Italiker» u. dgl.. Die Schwierigkeit der Ausdrucksweise steigert sich, seitdem die Byzantiner sich als die eigentlichen Römer fühlen und nationale Heißsporne die Italiker überhaupt nicht mehr als Römer anerkennen wollen.

Dies ist einer der Hauptgründe, warum auch hier andere Namen zur Anwendung kommen. Bei einem derselben, Alisones, mag auch der Sinn für Romantik mitgespielt haben. So nannten nämlich die Griechen der Vorzeit ursprünglich einen italischen Stamm und dann die Urbewohner Italiens überhaupt. Der Ausdruck wird nun von den Byzantinern ausgegraben und in Poesie und Prosa in der Bedeutung «Römer» verwendet. Ja die Gleichstellung wird eine so vollständige, daß das Wort schließlich auch das Schicksal seines Synonyms teilt, d. h. auf alle Römer, auch die Oströmer oder Byzantiner selbst angewendet wird und so nur einen gewählten Ausdruck für das übliche Rhomaioi darstellt.

Geeigneter und daher häufiger waren zwei andere Ausdrücke, «Italiker» (Italös, Italiötes) und «Lateiner» (Latinos), von denen der eine mehr den geographischen, der andere mehr den sprachlichen und später den kirchlichen Unterschied betonte und auch auf die Kreuzfahrer ausgedehnt wurde, die das «lateinische» Kaisertum in Konstantinopel begründeten. Beide Termini standen so im Gegensatz zu «Rhomäos».

In all diesen sprachlichen Wirrnissen lassen sich die Einflüsse verfolgen, die das seit dem 9. Jahrhundert neuerweckte hellenische Nationalgefühl und die Rückkehr zum Studium der althellenischen Literatur ausgeübt hat. Für die attisch gerichteten byzantinischen Schriftsteller waren die besprochenen Umwertungen alter Begriffe, abgesehen von dem immer stärker wirkenden nationalen Moment, schon allein vom Standpunkt der Korrektheit der Sprache unerträglich und ihr konservatives Bestreben also darauf gerichtet, auch die Namen «Hellenen» und «Römer» soweit als möglich in der ursprünglichen Bedeutung beizubehalten. In der Art, wie sich die Schriftsteller zu dieser Frage stellen, spiegelt sich bis zu einem gewissen Grade ihre nationale, politische und religiöse Gesinnung wieder.

Im Groben kann man zwei Hauptrichtungen unterscheiden und sie als «Rhomaisten» und «Hellenisten» bezeichnen. Die ersteren sind Anhänger der Dynastie und des römischen Reiches und lassen daher das nationale Moment zurücktreten. In kirchlichen Fragen können sie an der Einheit mit Rom festhalten oder aber dem Papsttum ablehnend gegenüberstehen. Ein Beispiel der letzteren Art ist Johannes Kinnamos, der Geheimsekretär des Kaisers Manuel (1143—1180), «der Typus eines Griechen, der in dem dynastischen und Staatsgedanken aufgegangen ist». Nur die Byzantiner sind ihm die echten Römer und werden daher stets als «Rhomäer» bezeichnet und den «Italern» gegenübergestellt. Für die griechische Nation als solche hat er kein Interesse, und der Name «Hellenen» kommt in seinem Geschichtswerk gar nicht vor.

Dem stehen die national-hellenistisdhen Bestrebungen gegenüber, die ihren Höhepunkt im Zeitalter des Humanismus erreichen. Als ihr Vertreter sei daher der schon genannte Humanist Laonikos Chalkondylas (15. Jahrhundert) namhaft gemacht, ein vornehmer Athener, also eigentlicher Grieche. Seiner Begeisterung für das Hellenentum und die altgriediisdie Sprache verleiht er in der Einleitung zu seinem Geschichtswerk beredten Ausdrudk. Für ihn ist Byzanz nicht ein römisches, sondern ein hellenisches Reich. Die Römer haben zwar Rom dem Papst überlassen und die griechische Stadt Byzanz zu ihrer Hauptstadt gemacht, aber die viel zahlreicheren Hellenen haben sich mit ihnen vermischt und dabei ihre Sprache und Sitte bewahrt. Den angestammten Namen freilich hätten sie geändert, da die Kaiser von Byzanz ihren Stolz darein setzten, sich Kaiser der Römer zu nennen, nicht Kaiser der Hellenen. Die (wirklichen) Römer aber und der Papst hätten sich kirchlich von den Hellenen getrennt und sich entschlossen, den römischen Kaiser einmal den Galatern, dann den Germanen zu entnehmen. Laonikos stellt sich also auch in der Terminologie auf den streng klassizistischen Standpunkt und bezeichnet in seinem Geschichtswerk die Byzantiner konsequent als «Hellenen», die Lateiner als «Römer» und kennt also auch nur einen «hellenischen Kaiser». Ähnlich verfährt der bedeutendste griechische Vertreter der Renaissance, der Philosoph Georgios Plethon Gemistos, der die Untertanen des Kaisers ihrer Abstammung nach als Hellenen bezeichnet, wie ihre Sprache und altererbte Kultur erfordern. Die Hellenen waren im Peloponnes und den angrenzenden Ländern und Inseln autochthon und dauernd ansässig und daher sei auch Byzanz, weil von Dorern, d. h. Peloponnesiern gegründet, eine hellenische Stadt und hätte den hellenischen Charakter auch durch die römische Neugründung nicht verloren, da die Sabiner, die mit den Aineaden Rom gegründet hätten, aus dem Peloponnes stammten. Daß diese klassizistische Terminologie auch in die Diplomatenspräche Eingang gefunden hatte, beweisen Briefe des Sultans Nasir Nasreddin Muhamed an römische Kaiser der Paläologenzeit.

Als wichtigstes äußeres Merkmal der hellenischen Bestrebungen ist somit festzuhalten, daß durch sie der dem Griechenvolk abhanden gekommene und längst außer Gebrauch gesetzte alte Name wenigstens in der Literatur wieder zu neuem Leben erweckt wurde. Aber natürlich wird dadurch die Verwirrung in der Terminologie nur vermehrt, da nun nicht mehr bloß die Heiden, sondern auch christliche Griechen «Hellenen» heißen können. Die Bedeutung «Heide» muß also wieder durch einen Zusatz bekräftigt werden, etwa: «Hellenen, die Götzendienst betreiben». Bei der Häufung mehrdeutiger Termini bedarf es daher manchmal der genauesten Berücksichtigung des Zusammenhanges, um den richtigen Sinn zu erfassen. Ein besonders bezeichnendes Beispiel sei hier angeführt. Die kaiserliche Prinzessin Anna Komnena (12. Jahrhundert) erzählt anläßlich der Beschreibung eines von ihrem Vater Kaiser Alexios in Konstantinopel errichteten Waisenhauses, zu welchem alle Nationen Zutritt hatten: «Man kann sehen, wie dort der Lateiner unterrichtet wird und der Skythe Griechisch lernt, ein Römer (offenbar = christlicher Byzantiner) die Schriften der Hellenen (= der alten heidnischen Griechen) studiert und der bildungslose Hellene (= geborener Grieche) richtig Griechisch spricht». An die Neubelebung des alten Sprachgebrauches am Ende des Mittelalters knüpft dann das befreite Griechenland der Neuzeit wieder an.

Zum Schluß noch ein Wort über die späteren Schicksale des Wortes «Barbar», namentlich in den Westländern. Es wurde bereits hervorgehoben, wie sehr in der Kaiserzeit das barbarische Element im römischen Heere überhandzunehmen begann und so zu bürgerlicher Gleichstellung gelangte. Das rauhe Kriegshandwerk erforderte rauhe Sitten, und bei der zunehmenden Abneigung der Römer gegen den anstrengenden Kriegsdienst war das Reich namentlich an der Rhein- und Donaugrenze immer mehr auf die fremden Hilfsvölker angewiesen,- insbesondere germanische Abteilungen erscheinen als Kerntruppen des Heeres. Im 5. Jahrhundert gibt überhaupt fast nur noch der Barbar einen brauchbaren Soldaten ab. Freilich die Zucht des einstigen Bürgerheeres ist dahin und es häufen sich die Klagen über schlechte Disziplin und Gewalttätigkeit barbarischer Söldner. Die Führung lag anfangs in römischen Händen, aber seit Konstantin gelangten vornehme Ausländer immer häufiger bis zu den höchsten Kommandostellen und den überlieferten Namen kann man entnehmen, daß unter Julian bereits mehr als die Hälfte solcher Posten von Germanen versehen wurde. So hatten sich im römischen Reich die Träger der Kultur allmählich selbst entwaffnet und ihren Schutz den kulturlosen, aber waffenfrohen Barbaren an-» vertraut. Die Folge davon war, daß sich das Volk daran gewöhnte, die Begriffe «Barbar» und «Soldat» als gleich-» bedeutend anzusehen und damit auch die Vorstellung der Tapferkeit zu verbinden. So kommt es, daß es in einer auf einem ägyptischen Papyrus vom Jahre 346 n. Chr. erhaltenen Eingabe einer Mutter um Befreiung ihres Sohnes vom Militärs dienst einfach heißt, er sei mit den «Barbaren» ausgerückt. Wenn dann sogar von Amts wegen die Militärkasse als fiscus barbaricus bezeichnet wird, so ist dies ein Zeichen, daß die barbari einen angesehenen Stand vorstellen, und es ist eine ansprechende Vermutung der neueren romanischen For-» schung, daß sich aus dem Wort in dieser seiner Bedeutung schließlich das romanische bravo, «brav, wacker», entwickelt hat.

Diese Veredelung der Bedeutung erleichterte bei dem Zusammenprall römischen und germanischen Wesens einen Vorgang, den wir analog bei der Einwirkung der Griechen auf die Römer zu beobachten Gelegenheit hatten. Wie sich die siegreichen, aber kulturell unterlegenen Römer anfangs arglos die Benennung als Barbaren gefallen ließen und selbst verwendeten, so finden wir Ähnliches bei den Ger» manen. Weniger ins Gewicht fällt es, wenn der griechische Historiker Prokopios den im Jahre 548 vor Justinian erschienenen Gesandten der Langobarden die Worte in den Mund legt, «sie hätten sich mit barbarischer Einfachheit ausgedrückt», da hier auch der Standpunkt des Schriftstellers maßgebend sein konnte , bezeichnend hingegen ist es, wenn das siegreiche Germanenvolk auf sich seit der Wende des 5. und 6. Jahr-» hunderts den romanischen Untertanen gegenüber den ihm von diesen beigelegten Sammelnamen barbari oder barbara natio anwendet. Dies geschieht in den Gesetzbüchern der Burgunden und Franken und in anderen Kundgebungen, wobei die römische Gesetzgebung als Vorbild gedient haben mag .

Diese Benennung drückt natürlich keinerlei Werturteil, sondern nur den nationalen Gegensatz zu den Römern aus. Die Vieldeutigkeit, die darin liegt, daß der Ausdruck auf jede nichtrömische Nation bezogen werden kann, vermag in der praktischen Anwendung nicht zu stören, da durch die Umstände stets genügend klar wird, welcher Volksstamm gemeint ist. So versteht der Bischof Gregor von Tours (6. Jahrhundert) und sein Freund, der Dichter Venantius Fortunatus unter den barbari die Franken, und daß der Ausdruck vollkommen indifferent gemeint ist und keinerlei Gehässigkeit enthalten haben kann, ergibt sich schon aus dem politischen Verhältnis zur herrschenden Nation und wird durch einzelne Beispiele bekräftigt. So läßt Gregor Mönche, die herankommende Franken um Schonung für ihr Kloster bitten, diese als «Barbaren» anreden, und Fortunatus schreibt der von ihm hochverehrten Königin Radegunde oder dem Dux Launebod «barbarische» Abkunft zu. Kam es einmal auf den Volksstamm selbst besonders an, so konnte der Name hinzugefügt werden, z. B. barbartis Salicus. Sonst verband man damals in Wendungen wie natione oder genere barbarus mit dem Wort wohl im allgemeinen den Begriff «germanisch».

Nur selten kommt es daneben vor, daß damit ein verächtlicher Sinn verbunden und diese «Barbaren» durch ihre Unbildung oder gar durch böse Eigenschaften, wie Wildheit, Ruchlosigkeit, Habgier, charakterisiert werden . Daß sie diese Verachtung zu vergelten wußten, beweist ein Ausspruch des langobardischen Bischofs Liudprand (10. Jahrhundert), von den Langobarden, Sachsen, Franken werde in der Erregung gegen einen Feind kein anderes Schimpfwort gebraucht als «Römer» und in diesem Namen alle Gemeinheit, Feigheit, Habsucht, kurz alle Laster vereinigt. Die Angriffe sind aber ebensowenig zu verallgemeinern wie anderseits das tendenziöse Lob der Fremden seitens des Salvianus von Marseille (5. Jahrhundert), der nur den Zweck verfolgt, die sündhafte Lebensführung der katholischen Römer mit der nach seiner Ansicht in vieler Beziehung musterhaften der heidnischen und ketzerischen Barbaren in Parallele zu stellen, und der die wirksame Antithese formuliert,

«man suche bei den Barbaren die römische Menschlichkeit, weil man die barbarische Unmenschlichkeit bei den Römern nicht mehr ertragen könne».

Die Analogie zur Einführung des Terminus im alten Rom wird mit dem Fortschreiten der römisch-christlichen Gesittung immer schlagender. Seit der Krönung Karls des Großen zum römischen Kaiser und insbesondere durch seinen Versuch, die antike Wissenschaft neu zu beleben und seinem Volke die Segnungen römischer Schulbildung zuteil werden zu lassen, wird in literarischen Kreisen die Überzeugung befestigt, daß der Mangel dieser neuen Kulturgüter mit Barbarei gleichbedeutend ist. Karls Biograph Einhart nennt sich, da er im lateinischen Ausdruck wenig geübt sei, einen Barbaren und läßt den Kaiser «Barbarenländer» sammeln, und der Mönch Otfried spricht in dem einleitenden lateinischen Briefe zu seiner Evangelienharmonie von der «Barbarei» der deutschen Sprache . Aber ebenso wie die Römer bei fortschreitender Hellenisierung bald den verächtlichen Sinn des ihnen von den Griechen beigelegten Namens herausfühlten und sich dagegen wehrten, so wird auch hier die neue Kulturgemeinschaft immer mehr betont, und man sucht die Bezeichnung «Barbaren», die die Nichtzugehörigkeit zur römischen Kulturwelt zum Ausdruck bringt, abzustreifen. Sie wird auf benachbarte, noch unkultivierte und unbekehrte Völker angewendet. So nennen in Salzburg entstandene Gedichte von der Mitte des 9. Jahrhunderts, welche die Verdienste der ersten Erzbischöfe um die Mission unter den Alpenslaven feiern, diese letzteren barbari, und die gleiche Bezeichnung wird auf die Magyaren angewendet, z. B. in einer Urkunde Kaiser Ottos III. vom Ende des 10. Jahrhunderts. Hier spielt, wie auch sonst öfter, der Gegensatz der Religion herein, so daß sich ähnlich wie auch im Osten Christenheit und Barbarentum gegenüberstehen , Barbari sind daher auch die Sarazenen in Sizilien und die Mauren in Spanien sowie im Zeitalter der Kreuzzüge ebenso wie bei den Byzantinern die ungläubigen Türken . Auch hier geht also das Vortragen der Kulturgrenze und das Zurückweichen des Geltungsbereiches des «Barbarentums» Hand in Hand.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Text aus dem Buch: Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins (1923), Author: Jüthner, Julius.

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Siehe auch:
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – Vorwort
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – I. Name und Begriff.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – II. Die Aufklärung des 5. Jahrhunderts.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – III. Platon und Aristoteles.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – IV. Makedonien und Alexanders Weltreich.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – V. Isokrates und die Anfänge des Attizismus.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – VI. Hellenismus und Kosmopolitismus. Idealisierung der Barbarenvölker.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – VII. Die Römer.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – VIII. Das Christentum.

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