Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Das Großkönigtum lebte einstweilen nur bei den Assyrern fort. Das ist ein rauhes, äußerst kriegerisches Volk, das seit ungefähr 1100 im Aufstieg begriffen ist und gegen 700 eine Weltmachtstellung erringt. In allen anderen Ländern war Kleinstaaterei im Schwange. In China sowohl als auch in Vorderasien, in Ägypten und bei den Griechen bildeten sich Feudalstaaten aus, die meist untereinander in steter Fehde lagen.

ln Ostasien ist die Zahl dieser feudalen Staatswesen zeitweilig bis auf zwölfhundert gestiegen. Seit dem achten Jahrhundert trat jedoch eine Wendung ein. Die halbtatarische, halbchinesische Dynastie der Tsin, deren Gebot südlich vom Hoango-Knie galt, machte die größten Anstrengungen, um ein ausgedehnteres Gebiet unter ihrer Herrschaft zu vereinigen. Das löste dann eine Gegenwirkung bei den anderen aus, die sich ebenfalls zu stärkeren Staaten zusammenschlossen. Allmählich wurden so im Kampfe ums Dasein die kleineren Staatsbetriebe ausgeschaltet, und zuletzt blieben nur noch sieben einigermaßen gleichgeordnete Staatswesen in China übrig.

Die Besiedlung von Neuland ging inzwischen ohne Unterlaß vor sich. Schon um 600 waren alle die weiten Striche zwischen Hoango und Yangtse von Chinesen bevölkert, wenn auch noch in vielen, weniger zugänglichen Gegenden die vorchinesischen Ureinwohner, die vermutlich einer tibetischen Rasse angehörten, sich behaupteten. Innerhalb des gleichen Zeitraumes besetzten die Hindu das Fünfstromland oder das Becken des oberen und mittleren Indus. Sie vertrieben von dort die früheren Besitzer, die entweder Dravida oder schwarzes Blut in ihren Adern hatten; diejenigen aber, die nicht weichen wollten, wurden von den Eroberern zu Sklaven und Hörigen herabgedrückt. Es gab da offenbar eine ganze Reihe von Abstufungen. Wir haben es im mittelalterlichen Deutschland erlebt, daß zwar die Masse der Slaven zu Sklaven wurde, daß aber in Mecklenburg die slavischen Fürsten als gleichberechtigt von den germanischen anerkannt wurden, wie sie denn bis zu dem heutigen Tage als Souveräne, Herrscher weiter wirken. Ähnlich werden sicherlich in vielen Fällen die Hindukönige und Edelleute sich mit adligen Sippen der Ureinwohner verschwägert haben. So manchen Stämmen wird man ferner eine Selbstverwaltung zugestanden haben, etwa wie bis zur jüngsten Zeit die Finnländer sich der Selbstverwaltung erfreuten. Was war nun die Folge dieser verschiedenen Abstufungen? Die Ausbildung des sogenannten Kastensystemes. Durch schwer zu übersteigende Mauern wurde die eine Kaste, die in der Regel ein ganzes Volk von bestimmter Eigenart darstellt, von der anderen Kaste geschieden. Da nun von jeher gewissen Völkern auch gewisse besondere Fähigkeiten an gehaftet haben, wie den Zigeunern der Sinn für Musik, den Finnländern das Talent zur Seefahrt und zur Zauberei, den Iren die Liebe zum Tiefbau, den Dalmatinern und Tessinern das Verständnis für Rebenpflanzung, den Tataren der Umgang mit Pferden, den Savojarden der mit Murmeltieren, so ist sehr häufig in Indien eine Kaste mit einer bestimmten Beschäftigung, mit einem bestimmten Handwerk oder Berufe verknüpft. Man hat häufig über das Kastenwesen geklagt und hat es geradezu sprichwörtlich für eine engherzige Absonderung der Menschen zu erwähnen gepflegt. Allein es handelt sich hier nicht um eine Klassentrennung, sondern um einen niemals zu verwischenden Gegensatz von Rassen. Ja, man kann es fast bedauern, daß die Scheidung der Kasten nicht streng genug war. Denn trotz dieser Scheidung hat sich eine weitgehende Mischung doch nicht vermeiden lassen, und es ist sehr die Frage, ob die Mischung mit den dunkelhäutigen Ureinwohnern zum Vorteil der hellen Hindu gewesen sei. Zum mindesten in der Gottesverehrung dürfte der dunkle Einfluß nicht günstig gewesen sein. Denn alle die scheußlichen, blutdürstigen und zerstörungswütigen Gottheiten, die einen Teil des indischen Pantheons so abschreckend gestalten, wie Schiwa und die Göttin Kali, sind ursprünglich Dravidagottheiten. Nicht minder gehen die verzerrten Fratzen, denen man so häufig in der indischen Kunst begegnet, auf Dravidaursprung zurück. Selbst die Sprache der Hindu hat gelitten. Wortungeheuer, die aus Zusammensetzungen von dreißig und mehr Silben bestehen, waren ursprünglich den Hindu fremd und sind erst durch die zusammenleimende, „agglutinierende“ Art der Dravidasprachen in das Sanskrit und das Pali hineingebracht worden.

Die epische oder heroische Zeit der Hindu hat sicherlich erst nach 1000 begonnen. Sie dauerte etwa bis 500. Noch bestanden damals Königreiche der Dravida am mittleren Ganges und erfüllten so ziemlich die ganze Südhälfte der Himalajahalbinsel. Dagegen sind nach Ceylon, jedoch auf dem Seewege, wahrscheinlich schon um 500 vereinzelte Hindu-Wikinger gekommen. In Iran dasselbe Bild. Eine Reihe von Feudalherrschaften. Fortwährender Kampf derselben untereinander und zugleich mit den nichtarischen Urbewohnern. Seit dem siebenten Jahrhundert schließen sich die einzelnen iranischen Stämme unter der Vorherrschaft der Meder zusammen. Seit 560 übernehmen die Perser die Führung. Zeitweilig hat wenigstens der Westen Irans unter assyrischem Joche gestanden. Auch kann darüber kein Zweifel sein, daß die ganze Vorstellungswelt der Iranier, sowie namentlich auch ihre Kunst und ihre Verwaltung von Mesopotamien stark beeinflußt wurde. Uber die nicht sehr bedeutenden indogermanischen Fürstentümer in Kleinasien können wir rasch hinweggehen. Nur die Lydier verdienen eine Erwähnung. Es war ein Kas-Volk, das von einem arischen Herrenstamm bezwungen wurde. Die Lydier sollen zuerst Silbermünzen geprägt haben. Geld gab es ja schon längst, allein es wurde lediglich das Metall, zuerst Bronze, dann Kupfer, zuletzt Silber dem Verkäufer zugewogen, ähnlich wie noch heutzutage in China Silberbarren und kleinere, meist hufeisenförmig geformte Silberstücke von bestimmtem Gewicht die Zahlungen vermitteln. Nach Westen weiterwandernd, treffen wir in Griechenland nach der Zeit des Stammkönigtumes eine Reihe von Adelsherrschaften, von Oligarchien, die nur in einem losen Verhältnisse zueinander stehen. Noch um 500 war keineswegs die ganze Bevölkerung von Hellas und von den Inseln des Archipels rein hellenisch, sondern es verblieb noch immer ein beträchtlicher Bestandteil der vorhellenischen, kasischen Urrasse. Durch die gemeinsamen Feste zu Olympia, die im achten Jahrhundert begannen und durch die Amphiktyonen, eine Art priesterlichen und schiedsrichterlichen Kollegiums, bildete sich allmählich ein wenn zwar nur schwaches, doch immerhin wirksames Gemeinschaftsgefühl zwischen den Hellenen aus. Vor allen Dingen fühlte sich jeder einzelne Grieche als etwas Besonderes gegenüber anderen Menschen, die er verächtlich Barbaren zu nennen pflegte.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier

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