erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)

Am 15. Dezember 1914 war ich zum ersten Male Zeuge vom Zusammentreffen deutscher und englischer Seestreitkräfte. Unsere Schlachtkreuzer beschossen an diesem Tage die befestigte englische Hafenstadt Scarborough.

Ich selber mußte mich an Bord eines Linienschiffes damit begnügen zuzusehen, wie die „Hamburg“ im Morgengrauen ein englisches Torpedoboot erfolgreich bekämpfte. Ungefähr zur gleichen Zeit spielte sich aber eine Begegnung mit unseren Freunden aus der Kieler Woche ab, die hochinteressant war, die aber aus naheliegenden Gründen bisher noch nicht in der Öffentlichkeit bekannt geworden ist. Unseren Schlachtkreuzern waren unsere kleinen Kreuzer zur Teilnahme an der Beschießung zugeteilt worden. An der englischen Küste stand aber eine so gewaltige See und das Wetter war so stürmisch, daß eine Waffenverwendung der kleinen Kreuzer unmöglich war.

Der Führer der Schlachtkreuzer, Vizeadmiral Hipper, entschloß sich daher, die kleinen Kreuzer zum Gros zurückzuschicken. Die Ausführung dieses Befehls barg die große Gefahr in sich, daß die kleinen Kreuzer unterwegs auf überlegene Streitkräfte stoßen konnten. Etwa auf der Hälfte der zurückzulegenden Strecke stießen unsere kleinen Kreuzer auf ein Geschwader englischer kleiner Kreuzer, die wahrscheinlich unter dem Befehl des Kommodore Goodenough gestanden haben. Infolge des unsichtigen Wetters standen sich die Schiffe plötzlich ganz nahe gegenüber. Das englische Führerschiff machte mit dem Scheinwerfer ein Morse-Erkennungssignal, aus zwei Buchstaben bestehend. Dies wurde vom deutschen Führerschiff abgelesen und durch irgendwelche Morsebuchstaben beantwortet. Schließlich merkten die Engländer, wen sie vor sich hatten und eröffneten Feuer, das von den deutschen Kreuzern sofort erwidert wurde. Bei dem herrschenden Sturm war aber eine Waffenwirkung beiderseits so gut wie ausgeschlossen. In einer einsetzenden Regenbö verloren sich die Verbände aus den Augen. Gleich darauf stießen unsere sechs kleinen Kreuzer auf die acht Dreadnoughts des von Vizeadmiral Sir George Warrender geführten zweiten Linienschiffs-Geschwaders! Voller Geistesgegenwart ließ der Führer der deutschen kleinen Kreuzer sofort das vorher abgelesene englische Erkennungssignal machen. Auf dem englischen Geschwader ließ man sich täuschen und glaubte es mit den eigenen kleinen Kreuzern zu tun zu haben. Das war die Rettung unserer Schiffe, denn wenige Salven aus den 34,5 cm-Geschützen der „King George V.“-Klasse hätten genügt, um die kleinen Kreuzer zu vernichten! Nur kurze Zeit behielten sich die beiden Geschwader in Sicht, dann wurden sie durch Regenböen getrennt und die kleinen Kreuzer stießen bald darauf zu unseren Linienschiffen, froh, der großen Gefahr glücklich entgangen zu sein. Ich glaube, sehr schlaue Gesichter werden weder Admiral Warrender noch sein Flaggleutnant Buxton gemacht haben, als sie nachträglich erfahren haben, was für Schiffe sie vor ihren Geschützrohren gehabt hatten. Sir George Warrender ist bald darauf als Geschwaderchef abgelöst worden und erhielt ein Landkommando, wohl deshalb, weil er die einzige Gelegenheit zu einer erfolgreichen Kampfhandlung, die ihm das Geschick geboten hatte, ungenutzt hatte vorübergehen lassen. Ich las 1916 in einem Funkspruch des englischen Nachrichtendienstes, daß er als Chef einer Marinestation gestorben sei.

Die nächste Beschießung der englischen Küste durch deutsche Schlachtkreuzer fand am 25. April 1916 statt, und diesmal hatte ich als erster Artillerieoffizier S. M. S. „Derfiflinger“, unseres größten und am stärksten armierten Schlachtkreuzers, die Aufgabe, unseren Eisenhagel auf die Hafenanlagen der Städte Lowestoft und Great Yarmouth zu lenken.

Aus Lowestoft liefen damals bei Beginn des Bombardements der Hafenstädte zwei kleine englische Kreuzer und etwa 20 Torpedobootszerstörer aus, und es entwickelte sich zwischen uns und diesen Seestreitkräften nach Durchführung des Bombardements ein kurzes Gefecht. Aber dieses Gefecht, in dem wir mit Leichtigkeit einen großen Teil der feindlichen Streitkräfte hätten vernichten können, wurde nach wenigen Minuten abgebrochen, da von einem unserer zur Sicherung im Süden aufgestellten kleinen Kreuzer das Herannahen überlegener feindlicher Streitkräfte gemeldet wurde. So haben wir an diesem Gefecht keine rechte Freude gehabt, obwohl wir in den wenigen Minuten einen kleinen Kreuzer in Brand schossen und ein oder zwei Torpedoboote zum Sinken brachten. Die Meldung des kleinen Kreuzers stellte sich außerdem später als falsch heraus. Als wir bereits von der Küste abliefen, griff uns noch ein Landflieger an, den unsere Flaks aber so gut eindeckten, daß er von uns abließ und der schwerverwundete Offizier nur gerade noch die rettende Küste erreichen konnte, wie ich später in einer englischen Zeitung las. Trotz des geringen militärischen Erfolges gegen die englischen leichten Streitkräfte war der Vorstoß gegen die englische Küste doch eine herzerfrischende Kriegsfahrt gewesen. Unvergeßlich bleibt mir die Stunde, als Englands hohe Küste im Morgengrauen vor uns auftauchte, als wir die Einzelheiten von Lowestoft und Great Yarmouth ausmachten und wir dann unsere gewaltigen Salven aus den schweren Geschützen auf die Hafenanlagen feuerten. Gorch Fock hat in seinem Buche „Nordsee“) in dem „Tag- und Nachtbuch S. M. S. ,Wiesbaden‘“ über diese Fahrt gen England vom 24. und 25. April 1916 berichtet. Er hat an der Fahrt an Bord der „Wiesbaden “ teilgenommen, also auf demselben Schiffe, auf dem” er in der Skagerrak-Schlacht gefallen ist. Folgende prächtige Sätze von ihm mögen veranschaulichen, welchen gewaltigen Eindruck diese Fahrt auf den Dichter gemacht hat:

„Um den Mittag machen wir wieder seeklar und nun weiß es mit einem Male das ganze Schiff, daß es ein Vorstoß gegen England werden soll, daß wieder eine große, bedeutsame Stunde geschlagen haben kann! Überall schießt und jagt es los: eine Weltmacht stürmt auf Tod und Leben hinaus, eine starke Flotte. Da sind wir nur Treiber, und die riesigen grauen Torpedoboote sind nur die Hunde der großen gewaltigen Jäger vom Range eines Lützow, eines Seydlitz, eines Derfflinger! Sieh dich vor, John Bull, sieh dich vor! Der deutsche Zorn, der heiße, lachende Zorn eines Siegfried über die Treulosigkeit der Sachsen, kommt über dich.

Wie das Schiff zittert! So weit das Auge reicht: deutsche Kriegsschiffe, bohrende, jagende, zornige Jäger und Hunde! Immer blauer wird die See, höher heben sich die Köpfe der Wogen, weißer wird die Bugwoge, sprühender die Kielfurche!

Es dunkelt rasch. Nun brausen wir todesernst in die Nacht hinein, ganze Berge von leuchtendem Gischt aufwühlend. Blasse Sterne stehen am Heben. Die See geht höher. Hin und wieder blitzt einMorselicht auf. DieTorpedoboote sind kaum zu sehen, nur die weiße Schaumwoge leuchtet zu uns herüber.

Das Schiff ist ein feuerspeiender Berg geworden. Auch unsere Nachbarn sind Vulkane! Ein zorniger Riese mit übermenschlichen Kräften tobt sich aus! Alle alten Götter sind aufgestanden und kämpfen mit, Walhall in der Götterdämmerung.

Und kein Licht auf der See! Urgewaltig und urweltlich droht sie mit den Hämmern der Nacht!

Ein Zeppelin segelt über uns: ein Schattenstreifen im Nachtgewölk. Sterne sind…..“

Die Fortsetzung dieses Tagebuches ist mit dem Dichter an Bord der „Wiesbaden“ in der Schlacht vor dem Skagerrak untergegangen.

Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.

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