die seetaktischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)

Vor wenigen Tagen fragte mich ein aktiver Hauptmann der Armee: Ankern eigentlich die Flotten bei einer Seeschlacht oder bleiben die Schiffe in Fahrt?

Auch von anderen Herren, die mit militärischen Dingen sonst bestens vertraut sind, ist mir oft versichert worden, daß sie von seetaktischen Dingen keine Ahnung hätten. Da ich nun dieses Büchlein nicht allein für meine früheren Waffenkameraden, sondern in erster Linie für einen möglichst breiten Kreis der deutschen Jugend schreibe, die, Gott sei’s geklagt, wahrscheinlich mit einem lächerlich geringen Verständnis für seemännische Dinge aufwachsen wird, besonders soweit sich dieses Verständnis nur auf hoher See erwerben läßt, so möchte ich hier einiges darüber sagen, wie Schiffe an den“ Feind herangeführt werden. Von einem Ankern der Flotten in einem gewissen Abstand voneinander und dann einsetzendem Artilleriekampf ist natürlich nicht die Rede. Im Gegenteil kann man annehmen, daß während einer Seeschlacht jedes Schiff stets mit der höchsten Fahrt läuft, die es überhaupt nur irgendwie erzwingen kann. Mit irgendeiner Form des Landkrieges kann man eine Seeschlacht kaum vergleichen. Höchstens mit den Luftkämpfen zwischen Geschwadern von Kampfflugzeugen. Vielleicht wird der Zukunftskrieg Schlachtenbilder entrollen, die einer Seeschlacht nicht ganz unähnlich sind: wenn Massen von riesenhaften, schwer armierten Tanks mit Rennauto-Geschwindigkeiten aufeinanderprallen. Wenn diese sich zu umgehen versuchen, durch Manövrieren die bessere taktische Stellung zu erreichen suchen und schließlich einen erbitterten Artillerie- und Lufttorpedokampf auf große und kleine Entfernungen um die Entscheidung führen.

Für ein Schilf ist „Gefechtsfahrt“ gleichbedeutend mit „Höchster Fahrt“. Dies beruht einmal darauf, daß es auch auf der großen Wasserwüste, die die hohe See darstellt, taktisch vorteilhafte Stellungen gibt, die jeder der beiden Gegner eingenommen haben möchte, wenn die eigentliche Gefechtsberührung und damit der Artilleriekampf beginnt und die jeder während der Schlacht erreichen bzw. behalten will. Die maßgebenden Faktoren für den Wert einer Stellung sind Windrichtung, Sonne, Seegang und Sichtigkeit. Es ist ungünstig, wenn der Pulverqualm der eigenen Geschütze sich vor den eigenen Geschützen lagert, wenn er also am Schilf „klebt“ oder in Richtung auf die feindliche Linie zutreibt. Es ist ferner ungünstig, wenn die Sonne hinter dem Feind steht, weil dadurch die Geschützführer geblendet werden und weil sich die Konturen der feindlichen Schiffe sehr viel weniger scharf abheben. Ebenso ist es ungünstig, wenn man gerade in die Richtung von hoher, heranrollender See hineinschießt, da hierbei die Geschütze oft von Spritzern überschüttet werden, was die Geschützführer an den Fernrohrvisieren und auch die Geschütz-Bedienungsmannschaften stört. Und schließlich können die Sichtigkeits- und Beleuchtungsverhältnisse von entscheidendem Einfluß sein, da diese nach den verschiedenen Himmelsrichtungen hin so verschiedenartig sein können, daß es Vorkommen kann, daß man das gegnerische Schiff gut sehen kann, während man selber für den Gegner, wie von einer Tarnkappe geschützt, völlig unsichtbar ist.

Abgesehen von diesen gewissermaßen örtlichen taktischen Vorteilen gibt es rein taktische Stellungsvorteile, die sich aus der Stellung der Schiffe zueinander ergeben. Liegt z. B. ein Schiff einem feindlichen Schiffe quer vor dem Bug, so kann das querliegende Schiff alle Geschütze einer Breitseite auf den Feind richten und das sind bei einem modernen Schiffe alle schweren Geschütze und die Hälfte der Mittelartillerie. Das Schiff dagegen, das seinen Gegner vorm Bug liegen hat, kann nur ein oder zwei schwere Türme auf den Gegner richten. Beide Breitseiten der Mittelartillerie und die Hälfte der schweren Artillerie fallen aus. Jedes Schiff wird also eifrigst bemüht sein, niemals in diese sogenannte „T-Stellung“ zu geraten, in welcher der im Vorteil ist, der in der Stellung des Querbalkens des T fährt. „Crossing the T“ nennt es der Engländer, zu deutsch: „den Strich über das T ziehen“. Und genau so können ganze Geschwader und Flotten in eine solche T-Stellung kommen. Immer ist es Ziel der schnellsten Schiffe gewesen, sich vor die feindliche Spitze zu setzen, um diese zu „enfilieren“, das heißt von vorn zu bestreichen, zum mindesten aber abzudrücken. Je stärker die Spitze einer Flotte abgedrückt wird, desto kreisförmiger wird allmählich die Aufstellung dieser Flotte, der Kreis wird immer kleiner und schließlich befindet sich diese Flotte im sogenannten „Wurstkessel“! Das kann aber natürlich nur einer Flotte passieren, die ganz erheblich an Geschwindigkeit unterlegen ist, oder die durch das plötzliche Auftreten neuer feindlicher Verbände in der eigenen Kursrichtung überrascht wird. Wie es uns in der Skagerrak-Schlacht ging! Da stieß unsere Flotte schließlich genau in die Mitte der uns halbkreisförmig umgebenden feindlichen Flotte hinein und wäre damit dem mörderischen Feuer der gesamten feindlichen Flotte ausgesetzt gewesen und hätte bald jede Bewegungsmöglichkeit verloren, wenn nicht —, doch ich will nicht vorgreifen. Wir werden das schon noch erleben, wenn wir erst in das Kampfgetümmel der Schlacht eingetaucht sind.

Es sei mir hier nur noch erlaubt, einige wenige seetaktische Ausdrücke zu erklären. Kiellinie heißt eine Linie von Schiffen, die hintereinander fahren. Fahren die Schiffe nebeneinander, so bilden sie eine Dwarslinie. Fahren sie schräg vor- oder hintereinander, so bilden sie eine Staffel. Eine Flotte, die sich auf dem Marsch befindet, fährt gewöhnlich in Kiellinie, und zwar steht dann meist das stärkste Geschwader vorn, das schwächste Geschwader hinten. Auf dem Marsche fahren vor den Linienschiffs-Geschwadern die Panzerkreuzer, meist ebenfalls in Kiellinie. Vor diesen bilden kleine Kreuzer eine Aufklärungslinie. Die Marschfahrt beträgt meist nicht mehr als 15 bis 17 Seemeilen. Die Schiffe haben aber in allen Kesseln Dampf auf, so daß sie bei Nachrichten vom Feind sofort höchste Fahrt laufen können.

Wie schützt sich nun eine Flotte, die gegen den Feind aufmarschiert, von dessen ungefährer Stellung sie durch ihre Aufklärungsschiffe orientiert ist, deren genaue Aufstellung sie aber nicht kennt, vor dem „Crossing theT“? Dafür gibt es eine sehr einfache Regel: Man bringt die eigene Flotte in eine Linienaufstellung quer zu der Richtung, in der man die Mitte des Feindes vermutet, wobei man die Mitte der eigenen Linie gegenüber der feindlichen Mitte in Stellung bringt. Man nimmt also den Feind „auf die Mitte“. In dieser Aufstellung nähert man sich in breiter Formation dem Feind mit höchster Fahrt. Die Geschwader fahren dabei in Dwarslinie oder in kurzen Kiellinien von höchstens vier Schiffen nebeneinander. Sobald man erkannt hat, ob der Feind nach rechts oder nach links entwickelt, wendet man mit der ganzen Linie auf annähernd denselben Kurs, den der Gegner läuft, und versucht sich in Kiellinie durch höchste Fahrt, unter Vorausschickung der eigenen schnellen Schlachtkreuzer, vor die feindliche Spitze . zu ziehen. Die schnellere Flotte wird bei diesen Umgehungs-bzw. Vorsetzversuchen immer im Vorteil sein. Nähern sich die Flotten im Verlaufe der Schlacht bis auf kleine Entfernungen, womit ich die Entfernungen unter 100 hm bezeichnen möchte, so hat die weiter voraus stehende Flotte noch den Vorteil, eher die Schiffstorpedos verwenden zu können, als die weiter hinten stehende Flotte. Die weiter hinten stehende Flotte läuft gewissermaßen in die auf sie gefeuerten Torpedos hinein, die weiter vorn stehende Flotte läuft den von hinten geschossenen Torpedos fort. Deswegen kann ein vorn stehendes Schiff, das Torpedos von 100 hm Laufstrecke besitzt, schon Torpedos schießen, wenn der Gegner noch 120 hm und mehr von ihm entfernt ist, während das weiter hinten stehende Schiff auf 80 hm und weniger heran sein muß, um seine Torpedos schießen zu können. Doch kommt die Verwendung von Torpedos nur auf kleine Entfernungen in Frage, und diese haben die Engländer mit Rücksicht auf die Torpedogefahr und die gute Durchschlagskraft unserer Artilleriegeschosse stets zu vermeiden gesucht. Infolge der höheren Geschwindigkeit, die sämtliche englische Schiffstypen im Vergleich mit den gleichartigen deutschen Schiffstypen besaßen, waren sie leider auch stets in der Lage, den Abstand von uns nach ihrem Belieben zu regeln.

Zur Erlangung einer günstigen Stellung zu Windrichtung, Seegang und Sonne sind langwierige Bewegungen erforderlich, wobei auch stets wieder die schnellere Flotte den größeren Vorteil hat. So ist es den Engländern durch ihre überlegene Geschwindigkeit auch während der Skagerrak-Schlacht gelungen, ihre anfänglich ungünstige Stellung zur Windrichtung allmählich in eine günstigere umzutauschen, die auch den Vorteil günstigerer Beleuchtungsverhältnisse hatte.

Ich schließe dies Kapitel, da ich glaube diejenigen seetaktischen Grundlagen aufgeführt zu haben, die für das Verständnis des gewaltigen Kampfes notwendig sind, den wir die „Schlacht vor dem Skagerrak“ und die Engländer „the battle of Jütland“ nennen.

Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.