Die Nordwest-Passage – Abschied vom Gjöahafen

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Meine Polarfahrt auf der Gjöa 1903 bis 1907

Achtes Kapitel


Mit dem lebhaftesten Interesse sahen wir, wie bei den zunehmenden Frühlingstagen die einförmige Schneedecke, die uns von allen Seiten umgab, allmählich von immer neuen Tierspuren in den verschiedensten Mustern gestreift und wie karriert wurde. Einige Fuchsspuren hatten wir ja den ganzen Winter hindurch wahrgenommen, dann waren eines Morgens die ersten Schneehühner dagewesen, und sie hatten mit ihren trippelnden, befiederten Füßen einen wunderlichen, bizarren Freudentanz aufgeführt.

Dann war eines Tages ein neuer Einschlag in das Gewebe geflochten, und zwar von den ersten Wühlmäusen. Diese Spuren liefen lange gerade aus, dann plötzlich im Zickzack — wie in Angst — und dann kunterbunt durcheinander mit Fuchsspuren vermischt und mit kleinen roten Flecken auf dem weißen Schnee. Wir verfolgten diese wechselnde Oberfläche des Schnees wie eine Zeichnung, die uns das Nahen des Frühlings verkündete. An Bord wurden indessen Eis und Schnee entfernt und alle Luken und Ventile geöffnet. Jetzt konnten Luft und Licht erfrischend in die warmen Winterräume der Gjöa hereinströmen. Mit unsern Eskimofreunden waren wir nun soweit gekommen, daß wir alles, was wir mit ihnen besprechen und verhandeln wollten, ohne große Mühe ausdrücken konnten. Doch ist dies nicht so aufzufassen, als ob wir die Eskimosprache gelernt hätten. O nein, wir waren nach diesem zweijährigen Zusammensein eher weiter davon entfernt als im Anfang; da wir — Ristvedt und ich auf unsrer Schlittenreise im Jahr 1904, und jetzt im Jahr 1905 der Leutnant und Ristvedt — dem Viktoria-Land entlang mit fremden Eskimos zusammentrafen, verstanden diese von dem, was wir zu ihnen sagten, keine Silbe; aber mit unsern alten Freunden hatten wir uns, wie schon früher gesagt, eine Lindström nimmt bei den Netschjillieskimos Unterricht im Schneehüttenbau eigne Sprache zurechtgemacht, und mit dieser konnten wir uns gegenseitig recht gut behelfen. Ich sage »wir«, meine aber damit nur sechs von uns, denn der siebente beharrte hartnäckig auf seiner Verachtung der fremden Sprache und blieb bei seinem Nordländisch-Norwegischen, aber die Eskimos verstanden ihn deshalb doch ebenso gut. Sie hatten bisweilen mehr Grütze im Kopf als mancher „Kabluna“.

Talurnakto war jetzt ganz einer der unser geworden. Um ihn zu jeder Zeit, auch bei Nacht, in erreichbarer Nähe zu haben; ließen wir ihn vor Leutnant Hansens Koje auf dem Boden schlafen. Er schnarchte nämlich kolossal und weckte oft die ganze Ojöa damit auf. Dann nahm ihn der Leutnant in Behandlung; zuerst warf er ihm einen Stiefel an den Kopf, worauf Talurnakto zusammenfuhr und leise grunzte. Doch bald begann das Schnarchen aufs neue, und er bekam eine neue kleine Erinnerung. Beim dritten oder vierten Mal hörte dann das Schnarchen wirklich auf. Als der Leutnant das Schiff verließ, avancierte Talurnakto in dessen Koje, und er war höchlich befriedigt darüber. Ein besseres Bild menschlichen Wohlbehagens als Talurnakto könnte man nicht malen, als wenn er, das runde Gesicht gerade noch zur Decke herausschauend und die brennende, mit einem greulich starken Rauchtabak gestopfte Abendpfeife im Mund, so recht mollig in seinem guten Bett lag. Aber die Ventilation auf dem Schiff war gut, deshalb genierte uns das nicht. Wenn er dann die Pfeife weglegte und sich zum Schlafen zusammen-schnuckelte, dann dauerte es nicht lange, bis er so laut schnarchte, daß man hätte meinen können, der Kopf müsse ihm zerspringen. Ich hatte mich im voraus mit Wurfgeschossen versehen, und nun ging der Kampf los — Bücher, Stiefel und ähnliche Gegenstände flogen quer durch die Kajüte. Es endete meist damit, daß Talurnakto zum letztenmal den Kopf zu den Vorhängen herausstreckte, »Gute Nacht“ sagte und dann ganz lautlos schlief. Talurnakto konnte mehr norwegische Worte als unser vorhin genannter Reisegefährte von der Eskimosprache. Beim Durchgehen der magnetischen Beobachtungen, die wir in der Umgebung der Station gemacht hatten, stiegen mir Zweifel darüber auf, ob nicht am Ende unsre Observatorien zu nahe bei dem Schiff liegen könnten, so daß die große Menge Eisen vielleicht einen störenden Einfluß ausgeübt hätte. Wiik und ich nahmen deshalb eine große Anzahl Beobachtungen auf, die uns jedoch jeden Zweifel benahmen. Der Abstand zwischen dem Schiff und der nächstliegenden Station war ungefähr fünfhundert Meter, und das erwies sich als ganz genügend. Übrigens standen uns in diesem Frühling viele und große Arbeiten bevor. Wir mußten uns zum Aufbruch vom Gjöahafen vorbereiten, und da die Holzkisten wieder als Umhüllungen für die Blechkisten verwendet werden sollten, mußten unsre Häuser eingerissen werden. Ferner mußten alle Instrumente eingepackt, der Proviant verstaut und das Schiff selbst segelfertig gemacht werden. Mit dieser letzten Arbeit mußten wir aber doch warten, bis das Frühlingswetter wirklich beständig war, und das konnte man vor dem Juni nicht erwarten.

Mittlerweile strömten immer neue Scharen von Eskimos herbei, und darunter nicht wenige neue und fremde, die alle durch das Gerücht von den großen Schätzen, die sich in Ochjoktu finden sollten, herbeigezogen wurden, und viele von diesen kamen mehrere hundert Meilen weit her. Großes Gepäck hatten sie allerdings nicht bei sich — auf diesen Wegen kann man ja keine Schiffslasten mitnehmen, ja, für die wenigen Seehundfelle, die sie uns anboten, bekamen sie dann einige Stücke Eisen oder Holz, mit denen sie vergnügt wieder abzogen. Umiktuallu war ein geriebner Geschäftsmann. Er hatte sich gemerkt, daß ich gern gut genähte Kleider haben wollte. Er kaufte nun solche bei seinen Kameraden und verkaufte sie mir dann wieder mit einem bedeutenden Aufschlag. Im Laufe des Winters hatte er sich eine Menge Kugeln und Pulver für seinen Vorderlader eingetauscht. Indessen hatte ihm sein Bruder, der Uhu, seine Remington-flinte, die ich ihm geschenkt hatte, geliehen, und nun mußte er sehen, daß er seine Vorderladermunition mit Remington-patronen vertauschte. Er kam also zu mir und fragte, ob ich auf den Tausch eingehen wolle. Er war ein außerordentlich guter Jäger, und als er mir versprach, uns die Keulen der Renntiere zu bringen, die er erlegen würde, willigte ich ein. Einige Tage nachher erschien er auch an Bord, um den Handel abzuschließen. Mit der unschuldigsten Miene von der Welt übergab er mir alle seine Kugeln; aber das Pulver behielt er. Ich tat, als sei alles in Ordnung und holte meine Remingtonpatronen, während Umiktuallu mit dem ganzen Gesicht grinste, weil ihm seine List offenbar gut gelungen war. Ich zählte ihm die Patronen vor — vierhundert Stück — und begann ganz ruhig das Pulver herauszunehmen. Da hielt er meinen Arm an und sagte, ohne Pulver und ohne Zündkapsel könne er doch die Kugeln nicht gebrauchen. „O nein,“ erwiderte ich, „aber es ist bei mir mit deinen Kugeln ganz dasselbe.“ Hierauf rückte er mit dem Pulver heraus. Der Tausch ging vor sich, und Umiktuallu lachte selbst über seinen mißglückten Streich.

Eines Tages überraschte mich der erfinderische Lund mit einem ganz neuen Gewehr. Das war sein Meisterwerk als Erfinder, und es war auch wirklich gar nicht übel. Ristvedt hatte ihm allerdings ein wenig beistehen müssen, aber das gereicht ihm ja nicht zur Herabsetzung. Das Gewehr war eine wirkliche Rarität, das seinen Platz in jedem Museum verdient hätte. Der Lauf war ein Stück von einem eisernen Rohr, das zu den Petroleumsbehältern im Maschinenraum gehörte. In dem alten Depot auf der Insel Beechey hatte Lund ein altes Gewehrschloß gefunden und mitgenommen. Das Merkwürdige an diesem Büchsenschloß aber war, daß der Namen des Büchsenmachers Andresen in Tromsö darauf stand. Wie es auf die Insel Beechey gekommen ist, kann niemand wissen. Möglicherweise hatte es einem der schottischen Walfischfänger gehört, die ab und zu Beechey aufsuchen. Jetzt hatte Lund es verwendet. Der Gewehrkolben war aus Birkenholz, von dem wir einige Stücke an Bord hatten. Daß die Schußwaffe eigentlich schön gewesen wäre, will ich nicht behaupten. Es war ein Vorderlader, und wir waren alle sehr gespannt, wie der Probeschuß ablaufen würde. Das Gewehr wurde weit draußen aufs Eis gelegt und von dem Drücker eine Zündschnur aufs Schiff geleitet, damit man es von da aus abschießen konnte. Der Versuch fiel ausgezeichnet aus, und mit Stolz konnte Lund seinen Freund Utchjunein ein Gewehr aus seiner eignen Fabrik verehren! Utchjunein erlegte auch mehrere Renntiere mit der Waffe, sagte aber, er müsse sehr nahe an die Tiere herankommen, um sie töten zu können, auch „zische“ das Gewehr ab und zu ein wenig. Eines Tages erschien der Uhu an Bord, froh und vergnügt wie immer. Er hatte viel vom Seehundfang zu erzählen. Die Eskimos fingen jetzt bis zu sechzehn Seehunde am Tage; sie verbrachten jeden Abend unter Tanz und Spiel und aßen Seehundfleisch, so viel sie überhaupt in sich hineinstopfen konnten. Ich lud den Uhu in meine Kajüte ein, und da saßen wir — er, Talurnakto und ich -und plauderten wie gute alte Freunde miteinander. Plötzlich teilte mir Talurnakto mit, der Uhu habe das Schlüsselbein gebrochen — bei einem Fall auf einen Eisklotz. Mit Wiiks Hilfe legte ich einen Verband an und sagte dem Uhu, er müsse sich jetzt vierzehn Tage lang ruhig verhalten. Um ihn kontrollieren zu können, lud ich ihn ein, während dieser Zeit bei uns an Bord zu wohnen, was er mit Freuden annahm. Talurnakto freute sich nicht minder auf die Gesellschaft seines guten Freundes, und die beiden verbrachten manche liebe Stunde über dem Belagerungspiel. Ostern rückte jetzt immer näher herbei, und der Koch machte große Vorbereitungen. Am Gründonnerstag kam mein alter Freund Atikleura mit Frau und Kind an. Wir hatten einander nun seit einem Jahre nicht mehr gesehen. Das Gewehr, das ich ihm geschenkt hatte, brachte er mit, und es war sauber geputzt und glänzend blank, wie neupoliert, dazu auch überaus hübsch aufbewahrt in einem Futteral aus Renntierfell, das seine Frau genäht hatte. Im vorigen Jahre hatte er sich zur Zeit des Eisgangs mit seinem alten Vater Kagoptinner und seiner Familie nach Netschjilli begeben, den Sommer und den ersten Teil des Winters dort zuzubringen.

Ich hatte im vorigen Jahre Lachs bei ihm bestellt, und nun kam er mit siebzig schweren fetten Lachsen an, die er im Herbst in Netchjilli gefangen hatte. Desgleichen verehrte er mir zwei große Behälter mit Seehundspeck, vier Renntierhäute und ein Bärenfell. Als Gegengabe erhielt er eine Säge, eine Axt, ein Messer und hundert Patronen; darüber strahlte er geradezu. Nalungia bekam Nähnadeln, einen Schneiderfingerhut, Perlen und Zündhölzer. Jawohl, Perlen! Ich hatte einen großen Vorrat an Perlen von daheim mitgenommen, und Leutnant Hansen hatte in der Hoffnung, große Geschäfte damit zu machen, dasselbe getan. Unsre Enttäuschung war daher sehr groß, als wir sahen, daß die Eskimos hier nicht die Spur von Wert darauf legten. Da kam uns indes Leutnant Hansens Handelstalent zu Hilfe. Es war das erste, und soviel ich mich erinnere, auch das letzte Mal, daß ich dieses Talent bei ihm entdeckte. Er verarbeitete die Perlen zu Ringen, Broschen, Halsbändern und andern Schmuckstücken. Dann ließen wir eines Tages eine große Einladung ergehen, wo die Eskimos in der Kajüte mit Sirup und Hundetalg bewirtet wurden. Als die Stimmung ihren Höhepunkt erreicht hatte, teilte Leutnant Hansen einen Teil seiner Schmuckstücke als Geschenke aus, und zugleich zeigte er den Gästen einige Photographien von grönländischen’Eskimos, die reich mit diesem Perlenstaat behängt waren. Von diesem Augenblick an stiegen die Perlen im Wert, und als wir Ogchjoktu verließen, waren sie ein äußerst gesuchter Artikel. Als ich eines Tages im Eskimolager einen Besuch machen wollte, traf ich einen jungen Ogluli mit Namen Ugpi, der an dem Einbruch im Proviantzelt beteiligt gewesen war. Da den Spitzbuben, wie oben gesagt, die Rückkehr nach Ogchioktu aufs strengste untersagt war, hatte er sich seither in den Hütten versteckt gehalten. Nun wollte es das Unglück, daß er mir gerade in die Hände lief. Ich faßte ihn beim Arm und sagte barsch: „Was willst du hier, du Dieb! Weißt du nicht, daß ich dir das Herkommen verboten habe?“ Der Bursche wich keinen Schritt zurück und verzog auch keine Miene — er sah mich nur mit einem schlauen Lächeln an. Aber mehrere ältere Eskimos kamen herzu und versicherten mir, der Bursche müsse sogleich das Lager verlassen. Hierauf ging ich in Atikleuras Zelt. Kurz nachher kam dieser selbst mit dem Burschen herein, der sich als sein Schwager, der Bruder von Nalungia, entpuppte. Sie war sehr unglücklich, als sie hörte, er müsse fort, und es rührte mich tief, als ich sah, wie vorsorglich sie ihm eine Tasche mit Lachs und allerlei andern guten Sachen füllte. Ich erkannte, wie festgegründet unsre Autorität hier war, und in Anbetracht dessen, daß wir ohnedies nicht mehr lange hier bleiben würden, sagte ich zu Atikleura, der junge Missetäter dürfe dableiben, wenn er — Atikleura — mir für seine Ehrlichkeit bürgen wolle. Das tat Atikleura, und alle Teile waren befriedigt. Meine Empörung über jenen Diebstahl war ja ohnehin nicht so sehr groß gewesen. Er war in der Not begangen worden und wäre unter gewöhnlichen Umständen nicht vorgekommen. Den erwachsenen Mitschuldigen gegenüber ließ ich aber doch das Verbot bestehen, und als der alte Terraiu mit seiner Familie auftauchte, um sich wieder bei seinen Freunden niederzulassen, wurde ihm sofort mitgeteilt, daß das Verbot nicht aufgehoben sei. Er mußte also den Ort sogleich wieder verlassen. Ich führe diese Dinge an, um zu zeigen, welchen Respekt wir den Leuten eingeflößt hatten. Und ohne mich zu rühmen, darf ich behaupten, daß das Ziel ohne jegliche Brutalität und Roheit erreicht worden war, ausschließlich dadurch, daß wir jederzeit Recht und Gerechtigkeit hatten walten lassen.

Die arme kleine Kabloka—das vortreffliche Frauchen des Uhu—, die sich immer zu jedem Dienst, um den man sie bat, sofort bereit erklärte, war endlich nach dreijähriger Ehe in andre Umstände gekommen. In diesem Zustande war sie zwanzig Meilen am Tag mit ihrem Manne gewandert. Wahrscheinlich aus Freude über ihren Zustand hatte sie den am weitesten vorstehenden Teil ihrer kleinen Person mit einer Menge Perlen behängt, was im höchsten Grade komisch aussah. Erst jetzt waren wir auf so guten Fuß mit den Eskimos gekommen, daß sie Vertrauen zu uns hatten und uns in ihre Angelegenheiten einweihten. Schon zu wiederholten Malen hatte ich sie gefragt, ob sie nicht etwas von der Franklin-Expedition wüßten, hatte aber immer nur ausweichende Antworten erhalten. Jetzt endlich brachte ich den Oglulieskimo Utchjunein dazu, mir zu sagen, was er davon wußte. Dieser Utchjunein war ein besonders guter, verständiger Mensch, und seine Angaben stimmten mit denen, die Schwatka vor fünfundzwanzig Jahren erhalten hatte, genau überein. Das eine Schiff war bis nach Ogluli hingetrieben und an einem Wintertag von Eskimos, im Südwesten von Kap Crozier, der Südwestspitze von King Williams-Land, aufgefunden worden. Sie hatten dann alle Eisen- und Holzteile, die sie losmachen konnten, mitgenommen, und im Frühjahr, als das Eis aufging, war das Schiff gesunken. Die Eskimos hätten damals etwas aus einigen Büchsen, die den unsrer glichen, gegessen, aber sie seien krank davon geworden, einige seien sogar daran gestorben. Von dem andern Schiffe wußten sie nichts. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es auf der Nordspitze von „The Royal geographical Society-Island“ im Eis erdrückt worden. Nach diesen Angaben konnten wir als sicher annehmen, daß der einzige unbeschiffte Teil der Nordwestpassage an dem Punkt, wo dieses Schiff gesunken war, begann und bis Cambridge Bay auf Victoria-Land reichte, wo Collinson im Jahre 1852 überwinterte.

Eines Tages kam Talurnakto strahlend und stolz an Bord und erzählte, er habe Atikleura ein blaues Auge beigebracht. Die Sache verwunderte und interessierte mich, und ich versuchte, den Zusammenhang herauszubringen. Ja, es war ganz richtig! Eine Anzahl Männer hatte vor Atikleuras Hütte gestanden und geprahlt. Da hatte Talurnakto eine Bemerkung gemacht, die Atikleura nicht gefiel, und er verabreichte dem kleinen Dicksack eine Ohrfeige. Unter gewöhnlichen Umständen hätte Talurnakto diese Zurechtweisung still hingenommen. Aber jetzt war er ja halb Kabluna, wohnte an Bord und war überhaupt ein Mann von Ehre und Würde. Deshalb holte er aus aller Kraft aus und schlug Atikleura aufs Auge. Weiter ging die Sache nicht—Schlag um Schlag, und damit basta! Die Eskimos nahmen solche Vorfälle mit der größten Ruhe auf. Es war jetzt Ende April, und die Sonne hatte auf dem Lande an einzelnen Stellen schon den Schnee weggeschmolzen. Wie im vorigen Jahre war der Anblick des nackten Erdbodens ein unbeschreiblicher Genuß für unsre Augen und unsre Gemüter. Am ersten Mai hatte das Eis eine Dicke von hundertachtundachtzig Zentimetern gegen dreihundertachtzig im vorigen Jahre. Vom ersten April bis zum ersten Mai hatte es in diesem Jahre um zwei Zentimenter abgenommen, während es zu derselben Zeit im vorigen Jahre noch bedeutend zunahm. In diesem Jahre gab es nur wenig Schneehühner. Wir bekamen höchstens einmal in der Woche welche zum Essen. Füchse dagegen gab es in Mengen. Ristvedt fing sie in Fallen, und er hätte noch viel mehr bekommen können, wenn er Zeit und Gelegenheit gehabt hätte, regelmäßig nach seinen Fallen zu sehen. Aber das hatte er nicht, und so fand er sehr häufig nur noch die Überbleibsel von gefangnen Tieren, die von ihren Stammesgenossen aufgefressen worden waren. Übrigens hatte der Fuchs jetzt im Frühling eine sehr komische Sitte; er ging aufs Eis hinaus und suchte sich Seehundlöcher. Dann wühlte er, so gut es ging, im Wasser herum; aber viel mehr als den Geruch des Seehundes wurde ihm nicht zuteil.

Bei unsrer Abreise von Hause hatten wir keine Schrotflinten mitgenommen, weil man uns versichert hatte, wir könnten solche mit größter Leichtigkeit in Godhavn bekommen. Nur Ristvedt hatte seine Schrotflinte bei sich. Aber als wir nach Godhavn kamen, war selbst um teures Geld keine Schrotflinte aufzutreiben. Der Vorstand und der Assistent waren indes so freundlich, uns die ihrigen abzutreten. Ich bekam eine einläufige, Leutnant Hansen eine doppelläufige; doch wurde uns zugleich gesagt, es seien keine besonders feinen Waffen. Aber etwas war immerhin besser als gar nichts, und die Flinten taten uns trotzdem gute Dienste. Der Leutnant allerdings mußte sich des öftern schwer über die seinige ärgern; er schoß wiederholt die Läufe weg, und schließlich sah sie aus, wie ein «Schrotrevolver“ und bekam den Namen «Gartenspritze“. Im Herbst 1904 wurde die Flinte ganz außer Dienst gestellt. Dann fand Hansen sie eines Tages; er putzte sie und schenkte sie dem entzückten Talurnakto, der überzeugt war, daß sie vortrefflich sei, wenn er sich nur nahe genug an die Vögel heranschleiche. Aber eines Nachmittags kam er weinend an Bord. Die hellen Tränen liefen ihm herunter, und er erzählte, die Gartenspritze sei zersprungen. Er hatte beide Läufe zugleich abgedrückt, und das hatte das alte Möbel nicht ausgehalten. Als er sah, daß wir uns das Unglück sehr wenig zu Herzen nahmen und nur den Mann selbst glücklich priesen, der mit heiler Haut davongekommen war, verwandelte sich sein Weinen bald in Lachen.

Ich genoß einen sehr schmeichelhaften Kredit bei den Eskimos. Unsre beste Tauschware, die Messer, waren uns ausgegangen. Doch hatten wir noch vier große prächtige stählerne Eissägen, und diese konnten ja zu einer Menge Messer verarbeitet werden. Da aber der Messerschmied zurzeit auf Reisen war, mußte ich Wechsel auf künftige Messer ausstellen, die vierzehn Tage nach der Rückkehr des Schmieds eingelöst werden würden. Auch auf Munition stellte ich Anweisungen aus, die ebenfalls durch den Schmied, der zugleich auch Munitionsverwalter war, honoriert werden sollten. Im Anfang waren natürlich die Eskimos sehr verwundert, als sie anstatt eines Messers oder fünfzig Patronen einen Fetzen Papier bekamen, aber als sie die Bedeutung verstanden, wurden alle meine Wechsel ohne weitres auf Treu und Glauben angenommen. So hatte ich im Sommer 1904 mehrere dieser Wechsel ausgestellt, die dann erst im Sommer 1905 präsentiert und zur großen Freude der Besitzer sogleich eingelöst wurden. Im Anfang Mai schienen alle Frauen auf einmal auf die Idee gekommen zu sein, daß ich einen ungewöhnlich hohen Preis auf Seehundblasen gesetzt hätte. Sie selbst verwahrten im Sommer ihren Seehundtalg in diesen Blasen. Nun kamen sie in großer Anzahl mit ganzen Haufen von diesen aufge-blasnen Dingern an Bord. Eine Weile nahm ich sie an und gab ihnen Nähnadeln dafür; aber da es für einen einzelnen Mann wirklich des Guten zu viel wurde, mußte ich ihnen mitteilen, daß die Blasen außer Kurs gesetzt seien. Natürlich hatte einer meiner Kameraden den Leuten diesen Bären von meiner Blasenliebhaberei aufgebunden. Nach dieser »Blaserei“ hing die ganze Kajüte voll von diesen dickaufgetriebnen Ballons; wo man hinsah, an der Decke, an den Wänden — nichts als Seehundblasen.

Am neunten Mai begannen die Frühjalirsarbeiten im Ernst. Dabei war uns Talurnakto eine gute Hilfe, der übrigens gerade in diesen Tagen in einem ganz neuen Kostüm auftrat. Wiik hatte ihm ein paar Seehundfellhosen von Godhavn geschenkt. Sie saßen auf Talurnaktos Beinen wie die Haut auf einer Wurst, und wenn er sie am Morgen anzog, hatte er seine liebe Not damit. Hatte er sich schließlich hineingezwängt, dann machte er versuchsweise ein paar Kniebeugen — ganz kleine natürlich, denn größere verboten sich von selbst — und erklärte mit inniger Befriedigung, sie seien für Kajakhosen wie geschaffen. Darin hatte er recht; in einer solchen „Zwangsjacke« war es keine Kunst, sich ruhig zu verhalten. Die eine Hälfte des Segeldaches über der Jacht wurde weggenommen und der Baum frei gemacht. Lindströms unterirdisches Dasein hatte nun ein Ende. Die Küche, die die ganze Zeit über drunten im Raum gewesen war, wurde wieder auf Deck gestellt. Es mutete uns ganz heimelig an, als der alte Kasten wieder auf seinem alten Platz stand — obgleich er natürlich durch den Aufenthalt da unten in dem dunkeln Loch nicht schöner geworden war. Im Laufe des Winters hatte sich drunten im Raum eine Menge Feuchtigkeit angesammelt, und wir schafften nun das Ventilationssegel hinunter, um dort aufzutrocknen. Fünfzig Fässer Petroleum, die auf dem Boden des Schiffs lagen, wurden in die festen eisernen Tanke abgelassen. Die leeren Fässer wurden ans Land geschafft, und da standen sie nun, von den Eskimos eifrig bewundert und ebenso eifrig heimlich begehrt. Ich hatte beschlossen, alle unsre leeren Tonnen, Kisten und Konservenbüchsen, alles alte Holz und dergleichen zu sammeln, in zehn Haufen zu verteilen und dann den tüchtigsten und besten unter den Eskimos zu schenken. Vorläufig mußten sie sich jedoch an dem Anblick und dem Geruch genügen lassen.

Das erste, was wir an Bord schafften, waren zehn Tonnen Ballast — große Felsstücke vom Lande. Um nun den Proviant an Bord zu schaffen, mußten wir erst wieder unsre Kisten haben und mußten also das, was wir gebaut hatten, wieder einreißen. Den „Magnet“ konnten wir am leichtesten entbehren. Das Variationshaus wollte ich so lange wie möglich aufrechterhalten, um die Beobachtungen fortzusetzen. So brachte also Wiik alle seine Sachen an Bord und nahm seinen Platz in der Kajüte wieder ein. Am fünfzehnten Mai begann das Niederreißen des „Magnets“. Die ganze Station mit allen ihren kleinen Gebäuden war uns ordentlich ans Herz gewachsen, und es erregte geradezu Wehmut, sie niederreißen zu müssen. Als der Magnetgipfel wieder so kahl und nackt dalag wie bei unsrer Ankunft, erschien er uns fast mehr denn damals als ein Bild der Einsamkeit und Verlassenheit. Aber hinter diesem traurigen Gefühl stieg ein andres in uns auf, ein stärkeres, helleres: dies war ja der Anfang zu weiterem Vordringen! Jede Kiste, die wir herunternahmen, brachte uns dem Aufbruch näher, und näher auch dem Ziele unsrer Hoffnung und unsrer Sehnsucht. Ich kann nicht leugnen, daß mir das Herz brannte, wenn ich an den Augenblick dachte, wo wir auf der andern Seite der Nordwestpassage das erste Schiff mit unsrer Flagge grüßen würden! Alle Traurigkeit und alle Wehmut verschwand vor diesem Gedanken, und mit ungeduldigem Eifer rissen wir eine Kiste nach der andern herunter. Samstag, der zwanzigste Mai, war ein großer Tag auf der Gjöa. Bis gegen Abend verlief er ohne etwas Außergewöhnliches. Um zwölf Uhr mittags stand die Sonne im Süden an derselben Stelle wie sonst; um halb vier hatte Lindström sein gewohntes Mittagsschläfchen beendigt; um halb sieben nahmen wir das Abendessen ein und gedachten, wie gewöhnlich, um halb zehn zu Bett zu gehen. Wiik kam vom Magnetgipfel zurück, wo er die meteorologischen Beobachtungen aufgenommen hatte, und meldete, er habe Leute übers Eis daherkommen sehen. Aber das geschah sehr häufig. Da er indes bemerkt haben wollte — trotz der weiten Entfernung —, daß es ein mit besonders vielen Hunden bespannter Schlitten sei, der mit großer Geschwindigkeit näher komme, schickte ich Talurnakto als Kundschafter aus.

Unsre Eskimofreunde pflegten ja nicht mit Eilzügen zu reisen. Als Talurnakto nicht zurückkehrte, glaubten wir sicher, es sei eine Eskimofamilie gewesen, die sich jetzt zum Übernachten draußen einrichte. Ich legte mich also ruhig nieder; aber ich hatte noch nicht lange gelegen, als ich auf Deck eilige und unbekannte Fußtritte hörte und gleich darauf ein Mann in die Kajüte hereinplatzte: „Go morning! You give me‘ moke!“ Es war Atangala. Mit seinem breitesten und trium-phierendsten Lächeln stand er vor mir und reichte mir die Hand, bat mich aber zugleich, sie nicht zu stark zu drücken, da er „ein Weh“ daran habe. Was kümmerte ich mich viel um sein Lächeln, um seine Hand und „moke“, ich sah nur nach, wo er die Postsachen habe. „Hast du keine Briefe?“ „Briefe? Ei freilich, draußen auf dem Schlitten, einen ganzen Haufen.“ Er war höchst überrascht und auch etwas gekränkt darüber, daß diese Briefe so große Eile haben sollten; aber ich warf nur ein paar Kleidungsstücke über, und dann hinaus mit uns beiden! In größter Eile hatten wir uns alle auf die Strümpfe gemacht, und bald umringten wir Atan-galas Schlitten. Aus allerlei Kram und Lumpen zog er schließlich eine hübsche, aber zugelötete Blechbüchse heraus. Das war die Post!

Ich will es nicht einmal versuchen, meine Gefühle zu beschreiben, als ich diese Blechbüchse in der Hand hielt, die Botschaft aus der lebenden, lärmenden Welt brachte. Wir wußten ja wohl, daß sie keine direkten Nachrichten von unsern Lieben daheim enthalten konnte. Aber es waren doch Nachrichten von der großen menschlichen Gesellschaft, der wir alle angehörten, und von der wir nun so lange ausgeschlossen gewesen waren. Schon allein das Wort „Post“ erweckte einen unbeschreiblichen Widerhall in unsern Herzen. Wir trugen unsern Schatz an Bord und drängten uns um ihn. In einem Nu hatte Lund die Lötlampe bereit, und bald war die Büchse geöffnet. Das erste, was mir in die Hand kam, war ein Brief von Major Moodie, Chef of The Royal North-West Mounted Police und erster Kommandeur auf „The Arctic“; die der kanadischen Regierung gehörte. Es war die frühere „Gauß“, die für die deutsche Südpolexpedition gebaut und von dieser unter Professor Erik von Drygalski benützt worden war. »The Arctic“ lag jetzt zur Untersuchung der Verhältnisse in der Hudsonbai vor Kap Fullerton bei Roves Welcome, einem Arm der Hudsonbai, wo sie überwinterte. In einem überaus liebenswürdigen Schreiben bot Major Moodie alle erdenkliche Hilfe an, falls wir in seine Nähe kämen. Außerdem sandte er mir fünf Schlittenhunde. Von dem ersten Offizier der Arctic, Kapitän Bernier, erhielt ich auch einen langen, liebenswürdigen Brief. Seine Aufschlüsse über die amerikanischen Walfischfänger auf der Nordwestküste waren mir außerordentlich willkommen und von höchster Wichtigkeit. Der Kapitän schickte uns außerdem eine Menge Photographien und Zeitungsausschnitte, die wir begierig verschlangen. An demselben Ort überwinterte der amerikanische Walfischfänger „Era“, von dessen Führer, Kapitän Corner, ich einen liebenswürdigen Brief bekam. Auch er schickte mir fünf Hunde. Da ich gehofft hatte, Atangala werde vor Leutnant Hansens Abreise wieder an Bord sein, hatte ich um die Hunde gebeten gehabt. Jetzt kamen sie erst sechs Wochen nach dem Abgang der Schlittenexpedition, und da wir nicht Futter genug für sie hatten, mußte ich sie leider zurückschicken. Major Moodie erbot sich bereitwillig, unsre Postsachen mit nach Hause zu nehmen. Ich habe nicht Worte genug, diesen drei Herren für ihre Hilfe zu danken, die sie uns auf herzliche und liebenswürdige Weise anboten.

Von den vielen und großen Neuigkeiten, die wir erhielten, war der Krieg zwischen Rußland und Japan die wichtigste. Mit Freude und Dankbarkeit nahmen wir die Nachricht auf, daß die dänische Regierung bei Leopolds-havn ein Depot für uns errichtet hatte, das uns möglicherweise noch von großem Nutzen sein konnte. Bis spät in die Nacht hinein saßen wir beisammen und besprachen alle die Neuigkeiten. Bei der Eile, mit der wir aus den Kojen gekommen waren, hatten wir uns keine Zeit zu einer sorgfältigen Toilette genommen, und als wir nun eifrig bei den Zeitungen und Briefen saßen, boten wir einen höchst komischen Anblick dar. Atangala benützte die Zeit und Gelegenheit, und er bekam den einen „moke“ nach dem andern. Er war diesmal von seinem Sohn Arnana begleitet, einem Burschen von fünfundzwanzig Jahren, der prächtig aussah. Als ich endlich Zeit fand, mich mit Herrn Atangala zu beschäftigen, berichtete er mir, seine Reise sei ausgezeichnet verlaufen, — obgleich es mit Lebensmitteln äußerst knapp bestellt gewesen wäre — bis er in die Nähe seiner Heimat bei Chesterfield Inlet gekommen sei; der Weg hatte ihn nämlich über seine Heimat geführt. Hier war er auf Moschusochsen gestoßen und hatte natürlich Jagd auf sie gemacht Eine Patrone hatte sich in seinem Gewehrlauf festgesetzt, und bei dem Versuch, sie herauszubringen, war sie — natürlich — losgegangen, wobei Atangala den Zeigefinger einbüßte. Als er zu seinem Stamm kam, wollten ihn natürlich Freunde und Verwandte überreden, die ganze Postexpedition aufzugeben und daheim in aller Ruhe und Behaglichkeit seinen Finger ausheilen zu lassen. Aber Atangala hatte allen Versuchungen widerstanden und war weiter gezogen. Der Lohn, der ihm nach glücklich vollendeter Reise in Aussicht stand, war ein altes Gewehr nebst vierhundert Patronen. Ich möchte deshalb glauben, daß ihn nicht allein die Aussicht auf Bezahlung zur Pflichterfüllung angespornt hatte, sondern offenbar auch der moralische Trieb, sich als ein Mann von Wort zu zeigen. Unter Verhältnissen wie den unsrigen in Ogchioktu schätzt man natürlich einen solchen Mann doppelt. Dieser ausbedungne Lohn wurde ihm daher beträchtlich erhöht, und er wurde während seines Aufenthalts bei uns als ein hochgeehrter Gast behandelt. Er war natürlich sehr entzückt darüber, aber ganz besonders glücklich war er über das Lob, das ich ihm für seine Ehrenhaftigkeit ausstellte. Am dreiundzwanzigsten Mai vormittags elf Uhr zog er mit den überflüssigen Hunden und mit einer neuen Postsendung abermals südwärts; er sollte womöglich die Arctic erreichen, ehe das Eis aufginge und das Schiff abführe.

Indessen sorgten wir an Bord für unsern Proviant. Die Blechkisten wurden herbeigeholt und in ihre Holzkisten gesetzt, numeriert und in die Proviantliste eingetragen. In zwei Tagen war diese Aufgabe erfüllt, und zum zweitenmal — und wohl auch zum letztenmal — stand unser Proviant zum Einschiffen bereit. Die Eskimos waren uns sehr nützlich; meistens stellten sich einige junge Leute ein, die sogleich zur Hilfeleistung herbeigezogen wurden. Mit drei Eskimos vollbrachte ich die Arbeit an Land, während Lund und Hansen alles an Bord taten. Die Arbeit ging lebhaft und rasch vonstatten. Die Kisten wurden auf Schlitten zum Schiff gefahren, dann an Bord gehoben, in den Raum hinuntergeschafft und da auf ihrem bestimmten Platz verstaut. Ein genaues Verzeichnis wurde aufgenommen, so daß man jederzeit alles leicht finden konnte. Jetzt tauchten auch die Renntiere allmählich auf; Talur-nakto war beständig draußen und erlegte eine ganze Anzahl von ihnen. Am Nachmittag kehrte er zurück, zog aber nochmals hinaus, um die Beute zu Schlitten heimzuschaffen. Ich hatte von den Netschjillieskimos einen Hund gekauft. Er hieß „Achkeamullea“ — ein ungewöhnlich leicht auszusprechender Name, wenn man ihn rasch herbeirufen wollte. Ich fand ihn auch etwas lang und taufte den Hund in „Akchja“, das heißt Nordlicht. Außerdem behielt ich einen von den Hunden, die Atangala mitgebracht hatte, zurück; dessen Name war indes noch schlimmer, und so taufte ich ihn »Fix«. Dieser Fix war bei seiner Ankunft mager wie ein Skelett, aber nach vierzehn Tagen war er so fett, daß er sich kaum noch rühren konnte. Wir fütterten beide Hunde mit Renntierabfällen, und sie mußten für Talurnakto die er-erlegte Beute nach Hause fahren. Bei einer Balgerei riß indes Fix dem Akchja den ganzen Bauch auf, so daß er bald nachher starb. Das war sehr dumm von dem guten Fix, denn nun mußte er die ganze Arbeit allein tun. In den letzten Tagen des Mai fand der Winterfang der Eskimos seinen Abschluß, und sie begaben sich zu ihrer Sommerbeschäftigung, Jagd und Fischfang, ans Land. Auf dem Wege kamen sie in großen Scharen nach Ogchioktu, uns zu begrüßen und womöglich einige Geschäfte zu machen. Bei dieser Gelegenheit verteilte ich meine Belohnungen unter sie. Meine zehn Haufen von Holz und Eisen waren zu elf geworden. Es waren so viele Eskimos da; die uns die ganze Zeit über treu geblieben und von großem Nutzen gewesen waren, lauter gute, fleißige Menschen, denen diese Hilfe von allergrößtem Nutzen sein würde. Und es war ein wahres Vergnügen, die Freude der guten Leutchen über unsre Gabe zu sehen. Besonders Talurnakto war wie aus dem Häuschen vor Freude. Mit der würdigen ernsten Miene eines reichen Mannes ging er davor auf und ab. Armer Kerl! Wenn er zum zweitenmal den Platz eines Mitehemanns in Aklas Haus einnahm, dann adieu Reichtum!

Am ersten Juni 1905 wurden nach neunzehnmonatlichem ununterbrochnem Gang die selbstregistrierenden Instrumente abgestellt. Ganz allein hatte Wiik sie unter sich gehabt, und er war seiner Arbeit mit einer Sorgfalt und Genauigkeit nachgekommen, die ich nicht genug rühmen kann. An diesem Tag war das Himmelfahrtsfest, und deshalb ruhte alle Arbeit. Am Nachmittage versammelte ich alle unsre Eskimofrauen, um sie mit unsern leeren Konservenbüchsen zu bereichern. Wir hatten mehrere hundert solcher Büchsen, und sie lagen auf einem großen Haufen mitten auf dem Hügel. Ich ließ nun die Frauen einen Kreis um den Hügel her bilden und sagte, sobald ich auf drei gezählt habe, dürften sie darauf losgehen, und jede dürfte nehmen, was sie erraffen könne. Die Männer stellten sich hinter ihre Damen, und eins, zwei, drei! stürzten diese, beide Hände wie Schaufeln ausgestreckt, darauf los. Sie warfen die Büchsen durch die Beine nach hinten — Röcke hatten sie ja keine, die sie gehindert hätten — dann fingen die Männer auf, was dahergeflogen kam, und sammelten es. Lachen und Scherzen, Schreien und Brüllen — und die Büchsen flogen, und die Männer liefen — und dann war der Haufen wegrasiert! An demselben Nachmittag kam eine Familie, die aus Mann, Frau und drei Söhnen bestand. Der älteste von diesen war ein Bursche von fünfundzwanzig Jahren. Er war von seiner Kindheit an gelähmt, und die Eltern zogen ihn auf einem Seehundfell. Dies hatten sie seit vielen Jahren getan. Der Lahme war ein schöner Bursche, schlank und gut gewachsen, mit langem, rabenschwarzem Haar. Er war auf der Nase tätowiert; und das war der einzige tätowierte Mann, den ich gesehen habe. Außerdem stand er als Angekok — Zauberer — in hohem Ansehen. Damit sie den Kranken besser transportieren könnten, schenkte ich diesen Leuten einen von unsern vielen Schlitten. Sie freuten sich unbeschreiblich darüber, und der junge Mann selbst wußte gar nicht, wie er uns seine Dankbarkeit bezeugen sollte. Er schenkte mir deshalb das Teuerste, was er besaß, seine Zaubererabzeichen. Diese bestanden aus einer Krone und einem Stirnband aus Renntierfell, die ich sehr hoch schätzte, denn sie waren ja ein äußerst wertvoller Zuwachs für unsre ethnographische Sammlung.

Navja wurde nun wieder als Näherin an Bord angestellt. Sie kam nach dem Frühstück und blieb bis zum Abend, bekam auch ihre Kost an Bord. Ihr kleines Söhnchen Nanurlo brachte sie mit. Sie nähte in der Kajüte, und da leistete sie Wiik beständig Gesellschaft, während dieser seine magnetischen Beobachtungen in die Hauptbücher eintrug. Trotz ihrer fünfzig Jahre war Navja wild und ausgelassen wie ein Backfisch; ein rechter Schelm war sie und dazu eine unermüdliche Plaudertasche. Sie hatte Läuse am Körper — was sehr selten war, die andern hatten sie meistens nur auf dem Kopf. Ein gewöhnliches Vergnügen von ihr war, die Hand vorne hineinzustecken und Wiik Läuse hinzuhalten; der aber legte durchaus keinen Wert auf diese Aufmerksamkeit. Als er eines Tages auf Deck gerufen wurde, aber schon nach fünf Minuten wieder herunterkam, hatte Navja die Feder ergriffen und die ganze Seite in dem Hauptbuch mit allen den zierlichen Zahlenreihen versudelt. Sie war sehr stolz auf ihr Werk, wurde aber mit einer Flut von Scheltworten überrascht. Man konnte jedoch Navja nie ernstlich böse sein, und so verzieh ihr auch Wiik schon nach kurzer Zeit. Als Näherin war sie ungemein tüchtig, und sie verarbeitete alle meine feinen Felle zu Kleidern. Aus meinen Bärenfellen machte sie Hosen und aus den zarten Renntierfellen Anorakke. Für jedes Kleidungsstück, das fertig wurde, bekam sie irgend einen kleinen Gegenstand als Lohn. Am höchsten im Kurs bei ihr, wie bei unsern Eskimodamen überhaupt, stand das emaillierte Blechgeschirr, desgleichen Gefäße aus Porzellan und Steingut. Sie schwärmten für die weiße Farbe, und in ihren Flütten saßen sie stundenlang und leckten und putzten diese Gefäße. Die kleinen Eskimojungen hatten nun ihre Plätze wieder draußen auf dem Eis eingenommen, wo sie kleine Dorsche fingen. Ich machte die Runde bei ihnen, um ihnen zuzusehen, und da konnte ich meiner Lust, selbst ein wenig zu fischen, manchmal nicht widerstehen. Sie gaben mir ihre Leine und fanden die ganze Sache furchtbar komisch. Es war ihnen unbegreiflich, daß ein erwachsner Mann freiwillig kleine Dorsche fangen wollte. Am zweiten Juni wurde das Variationshaus abgebrochen. Lund und fiansen führten diese Arbeit aus, und mit Hilfe der Eskimos ging sie rasch vonstatten. Bei meiner Abreise von der deutschen Seewarte hatte mir Professor Neumayer eine Photographie mitgegeben, die ich so nahe wie möglich an dem magnetischen Pol niederlegen sollte. Auf meiner Schlittenfahrt nach dem Pol, im Frühling 1904, hatte ich die Photographie mitgenommen, aber keinen passenden Platz gefunden, wo ich sie hätte vergraben können. Wenn die Stelle von uns mit irgendeinem Wahrzeichen versehen worden wäre, hätten die Eskimos die erste Gelegenheit benützt und alles geplündert. Ich steckte sie also jetzt zu mir, um sie da, wo wir unsre hauptsächlichste Arbeit vorgenommen hatten, unter dem Variationshaus zu vergraben. Als nun das Haus entfernt war und die Eskimos den Platz durchwühlt hatten, benützte ich einen Augenblick, wo niemand zugegen war, und vergrub die Photographie da. Auf die Rückseite der Photographie hatte ich geschrieben: „In tiefer Dankbarkeit und in ehrerbietiger Erinnerung lege ich diese Photographie hier auf der Halbinsel Neumayer nieder. Gjöaexpedition, 7. August 1905. Roald Amundsen.“ Die Photographie wurde in eine flache Blechkapsel gelegt und unter der zementierten, steinernen Unterlage, worauf bie Registrierungsinstrumente gestanden hatten, vergraben, und dann wurde die Stelle mit Sand zugeworfen.

Ein langgestreckter Erdhügel in der Form des Hauses bezeichnet die Stelle, wo die Gjöaexpedition neunzehn Monate lang ihre selbstregistrierenden Instrumente stehen hatte. Sollte eine künftige Expedition an diese Stelle kommen und ihre Instrumente genau auf demselben Platz wie wir aufstellen wollen, dann kann diese Blechbüchse als Wegweiser dienen. Die Lage des Hauses wurde dann von Leutnant Hansen aufs genaueste aufgenommen. An der Stelle, wo wir unser Observatorium für die absoluten Vermessungen gehabt hatten, wurde mitten unter dem Instrumentengestell, das die ganze Zeit denselben Platz gehabt hatte, ein gelber Kalkstein von einem Fuß Länge und einem halben Fuß Breite eingegraben, der auf seiner Oberfläche ein eingehauenes G hatte. Dieser Stein wird bei einigem Nachsuchen jederzeit gefunden werden können. Wenn wir an dieser Stelle eine Warte errichtet hätten, würden sie die Eskimos vielleicht wohl ein paar Jahre respektiert haben; aber dann wäre sie unweigerlich eingerissen worden. Als alles glücklich an Bord verbracht war, kam die Reihe des Herrichtens an die Jacht selbst. Es wäre ja doch möglich, daß wir in diesem Jahre „Menschen“ begegneten, und da sollten diese nicht sagen können, wir in Norwegen behandelten unsre Schiffe schlecht. Die Gjöa wurde deshalb von unten bis oben frisch gemalt und geölt. Desgleichen alle unsre Boote, und dann war die Gjöa ebenso fein und hübsch wie an dem Tage, wo sie die Werft verließ. Alle beteiligten sich eifrig an dieser Arbeit. Ristvedt und Lund hatten überdies eine aus Eisen und Holz bestehende geradezu elegante Fallreeptreppe fabriziert, die riesiges Aufsehen erregte, als wir damit nach Francisko kamen.

„Niemand soll sehen können, daß wir zweimal überwintert haben!“ An einem von diesen Junitagen kam ich einmal ins Lager der Eskimos und sah da einen von ihnen mit einem von unsern Tischmessern essen. Ich nahm es ihm sogleich ab und fragte, woher er es habe. O, es sei ein Geschenk von Talurnakto. Der Sünder wurde herbeigerufen, und er war sogleich geständig. Das Messer war zufällig über Bord geworfen worden; da hatte er es stibitzt. Er versuchte sich gar nicht unschuldig zu stellen, und obgleich das Verbrechen nicht besonders groß war, verbot ich ihm doch — nur um ein Exempel zu statuieren — acht Tage lang den Zugang zum Schiff. Er ging und hielt das Verbot aufs strengste; aber als die Zeit um war, kehrte er ebenso vergnügt lächelnd wieder. Wir warteten jetzt eifrig auf die Rückkehr der Schlittenexpedition. Als sie nach Verfluß der ersten sieben Wochen nicht zurückgekehrt war, schloß ich daraus, daß sie das Depot bei Kap Crozier unversehrt gefunden hätten. Aber auch in diesem Fall hätten sie am sechzehnten Juni wieder da sein müssen. In der letzten Zeit waren viele Eskimos weit von Ogluli hergekommen, aber keiner wollte etwas von ihnen gesehen haben, und ich wurde allmählich etwas ängstlich. Seit die Eskimos so zahlreich herbeigekommen waren, hatten wir Nachtwache an Bord eingerichtet. Ich legte der Nachtwache nun sehr ans Herz, gute Ausschau zu halten und mich sogleich zu wecken, wenn irgend etwas auftauche, was auf unsre Schlittenfahrer deuten könnte. Am vierundzwanzigsten Juni, dem Johannisfeiertag, sollte auch bei uns Feiertag sein. Der Tag wurde ein doppeltes Fest, denn morgens um halb sieben kam Lund, der die Wache hatte, zu mir hereingestürzt und rief: „Da haben wir sie!“

Ich war nicht faul, in die Kleider zu kommen. Es war ein herrlicher Morgen, vollständig windstill mit stechendem Sonnenschein. Drüben an der äußersten Landspitze kamen unsre zwei Kameraden daher. Ich kann kaum ausdrücken, wie froh und erleichtert ich mich bei ihrem Anblick fühlte. Und die Behandlung, die sie ihren Hunden zuteil werden ließen, deutete schon von weitem darauf, daß sie bei guten Kräften sein mußten. In einem Nu war die Flagge aufgezogen, und mit ihr erschienen alle die andern auf Deck. Das war ein Jubel an Bord! Ein „besseres“ Frühstück wurde aufgetischt, und dabei erfuhren wir sogleich die wichtigsten Erlebnisse. Die Reise hatte ihnen abwechselnd leichte und harte Arbeit gebracht, aber doch vorzugsweise harte. Das Depot bei Kap Crozier war von Bären vollständig zerstört gewesen, aber schon da hatten sie vier Renntiere erlegt gehabt. Die Oberfahrt nach der Viktoriastraße war äußerst beschwerlich gewesen. Das Eis war schwierig und aufgetürmt, und an einzelnen Tagen waren sie nicht mehr als zwei bis drei Seemeilen vorgerückt. Um überhaupt vorwärts zu kommen, hatten sie da die größten Umwege machen müssen. Auf der andern Seite der Straße waren sie auf einen neuen Eskimostamm gestoßen, auf die Kiilnermiun-eskimos vom Kobberminefluß, die auf dem Seehundfang waren. Während nun diese Eskimos fast gar nichts aus Eisen hatten, waren sie mit Holz weit besser ausgestattet als die Netschjillieskimos. Viel besser waren insbesondre die Bogen und die Schlitten. Unsre beiden Reisenden tauschten sich um Nägel und kleine Messer so viel Seehundfleisch ein, wie sie brauchten. Sie blieben bei diesen Leuten über Nacht, um einen Rasttag zu halten, der sowohl den Menschen als den Tieren nach der harten Arbeit durch das Eis hindurch sehr nötig war. Dann setzten sie ihre Reise der unbekannten Ostküste des Viktorialandes entlang fort. Das Land war so niedrig und flach, daß es dem größten Teil der Küste entlang kaum von dem Eise zu unterscheiden war. Während des Vordringens nahmen sie eine Karte von der Küste auf. Auch schossen sie regelmäßig Seehunde, Renntiere und Bären,, so daß sie fast immer Überfluß an Lebensmitteln hatten.

Am Freitag, den sechsundzwanzigsten Mai, kehrten sie um, nachdem sie an dem nördlichsten Punkt, den sie erreichten, eine Warte gebaut und einen Reisebericht darin niedergelegt hatten. Der Rückweg ging rascher und hurtiger vor sich, da sie jetzt keine Vermessungen mehr zu machen hatten. Auf diesem Rückweg wurde das von Dr. Rae in der Viktoriastraße beobachtete Land genau untersucht. Es erwies sich als eine Gruppe vieler kleiner Inseln »The Royal Geo-graphical Society-Island. Diese wurden so gut wie möglich kartographisch aufgenommen, was später von großer Bedeutung für unser weiteres Vordringen war. Das Ogluli-meer zwischen Amerika, Viktorialand und King Williams-Land zeigte sich zum großen Teil mit Inseln angefüllt und offen, wie es auf der alten Karte angegeben ist. Es war gut, daß wir das wußten, für den Fall, daß wir in einer dunkeln Nacht hindurchfahren würden. Auf dem Rückweg nach Kap Crozier hatten die Reisenden glücklicherweise besseres Eis gefunden, auf dem sie leichter vorwärts kommen konnten. Außer ein paar wunden Hundepfoten war alles in bestem Stand. Die Reise hatte vierundachtzig Tage gedauert mit einem mitgenommnen Proviant für nur fünfzig Tage. Die Expedition hatte also ausgezeichneten Erfolg gehabt, ja man konnte ihn geradezu glänzend nennen, wenn man das viele schlechte Wetter bedenkt, das die beiden gehabt hatten, sowie alle die sorgfältigen Vermessungen, nebst der Zeit, die sie auf die Jagd hatten verwenden müssen, um sich die notwendigsten Lebensmittel zu verschaffen. Alles dies erfuhren wir beim ersten Frühstück. Im übrigen verging der Tag der Rückkehr unter Jubel und Freude, in Saus und Braus. Gegen Ende Juni wurde es sehr heiß, und am Ufer begann das Eis zu schmelzen. Wenn es auf diese Weise weiter ging, konnten wir ein sehr gutes Eisjahr bekommen, wie anno 1903. Das Land war schon fast von Schnee befreit, und die Mücken plagten uns gewaltig. An Bord mußten wir uns nun in verschiednen Beziehungen anders einrichten, weil Wiik und Ristvedt vom Festland hereingezogen waren. Der Leutnant und ich mußten die Kajüte mit ihnen teilen. Da Wiik beständig mit der Ausführung seiner Beobachtungen beschäftigt war, konnte die Kajüte nicht mehr als Dunkelkammer benützt werden. Eine Dunkelkammer aber mußte der Leutnant haben; die Frage wurde nach allen Richtungen hin besprochen und beraten, und schließlich endete Leutnant Hansen in einer Dunkelkammer, auf deren ursprüngliche Bestimmung ich nicht näher eingehen will. In der Not frißt der Teufel Fliegen, lautet das Sprichwort. Da jetzt aller Proviant an Bord geschafft und dadurch das Proviantzelt leer war, diente es zu den verschiedensten Zwecken. Zuerst als Trockenraum für alle Vogelbälge, die darin aufgehängt wurden, und die bei dem beständigen Luftzug rasch trockneten. Hierauf wurde das Zelt als Kontor und Badehaus benützt. Unser kleines Dampfbad wurde dort aufgestellt und der Eingang so niedrig gemacht, daß er niemand am Waschen verhindern konnte. Den Primus anzünden und ihn wieder löschen, sowie nach vollendetem Bade wieder Ordnung machen, — das war alles, was verlangt wurde. Einen Bademeister gab es nicht. Wir stellten auch einige lange Tische auf, auf denen wir unsre Beobachtungsbücher und magnetischen Kurven, ehe sie verlötet wurden, zu einer letzten Durchsicht ausbreiteten.

Der Uhu, Umiktuallu und Nuliein reisten am zweiten Juni mit ihren Familien westwärts auf die Renntierjagd nach Kamiglu in die Nähe der Insel Eta in der Simpsonstraße. Ich versprach ihnen, dort anzuhalten, wenn wir mit der Ojöa vorüberkämen, damit sie uns die Renntierkeulen an Bord bringen könnten. Wir gaben ihnen eine lange Stange mit einer Flagge daran, die sie aufrichten sollten, damit wir leichter sehen könnten, wo sie sich befänden. Schon lange hatte ich Lindström ein paar Ferientage versprochen, die er auf die Untersuchung des geheimnisvollen Innern des Landes verwenden wollte. Die Eskimos hatten so viel von einem Fluß — Kaa-aaga-angi — droben im Norden gesprochen, der über und über voll von Lachsen sein sollte. Verschiedne Familien waren jetzt dahingezogen, und es liefen Nachrichten von einem großartigen Fischfang ein. Da gingen denn Lindströms Wünsche nach Kaa-aaga-angi (dem Großen Fluß), und seine Sehnsucht zog ihn immer stärker aus der Küche hinaus und zu dem großen Lachsflusse hin. Endlich am vierten Juli war seine Expedition zur Abfahrt bereit. Sie bestand aus ihm selbst und Talurnakto als erstem Offizier. Von den andern war dieses Unternehmen schon längst „Expedition zur Erforschung des Innern von King Williams-Land“ getauft worden. Ich versuchte es am längsten, dieser Expedition gegenüber meinen vollen Ernst beizubehalten. Lindström hatte sich ja auch wirklich das Ziel gesetzt, seine zoologischen Sammlungen zu erweitern, und die andern Kameraden trieben ein fast lästerliches Spiel mit ihm. Aber man konnte sich in der Tat das Lachen nicht verbeißen, als man diesen zwei Polarforschern nachsah, wie sie sich unter einer Flut von mehr oder minder spöttischen Zurufen langsam vom Schiff entfernten und auf dem Eise dahinwanderten. Sie waren beide von absolut gleicher Gestalt, das heißt, von jenem Typus, der in liegender Stellung am größten aussieht, und sie rollten nun wie zwei Kugeln nebeneinander her. Am nächsten Tage waren Ristvedt und Wiik, die die unglaublichsten Narrenstreiche miteinander ausführen konnten, droben im Eskimolager und wählten sich ein Exemplar von demselben Typus, einen Jungen

mit Namen Tonnich aus. Diese kleine Persönlichkeit wurde mit einer Anzahl verschimmelter Konservenbüchsen ausgestattet und bekam den Auftrag, so lange weiter zu gehen, bis sie Lindström und Talurnakto treffen würde. Ein langer feierlicher Brief an Lindström wurde Tonnich mitgegeben, worin man seine lebhafte Sorge für die große wissenschaftliche Expedition unter Lindström ausdrückte, nebst der Hoffnung, daß die Hilfsexpedition unter des Eskimos Tonnich Leitung die kühnen Reisenden noch am Leben treffe und ihnen Hilfe bringe, ehe es zu spät sei. Als die Expedition am neunten Juli zurückkehrte, wurde sie mit großen Ovationen — allerlei spöttischen Aufmerksamkeiten — empfangen. Die Ausbeute der Expedition bestand aus vierzig Eiern und einigen Eidervögeln. Der wissenschaftliche Rapport war kurz: Kaa-aag-angi sei ein Fluß von der Breite des Nidflusses bei Drontheim. Das Tier- und Pflanzenleben sei am reichsten bei der Station! Leutnant Hansen war indessen an der Herzog der Ab-ruzzen-Spitze gewesen und hatte deren Lage kartographisch aufgenommen. Aber zu dieser Jahreszeit waren Schlittenreisen nichts weniger als angenehm, und der Leutnant kehrte tropfnaß zurück. Mitte Juli legte ich meine Eskimokleider ab und zog meinen frühem Anzug wieder an. Nachdem ich nun zwanzig Monate lang ununterbrochen Eskimokleider getragen hatte, war ich wohl fähig, ein Urteil über deren Brauchbarkeit abzugeben. Als Winterkleider in diesen Gegenden sind, wie ich schon früher gesagt habe, die leichten Renntierkleider das Beste, was man haben kann; nur müssen sie sehr lose auf dem Körper sitzen. Während der strengsten Kälte und bis zum Frühling trug ich wie die Eskimos einen breiten Gürtel aus Renntier- oder Wolfsfell um den Leib, der die Luft von diesem empfindlichen Körperteil abhält. Im Sommer dagegen sind die Renntierkleider nicht praktisch, weil sie bei Regenwetter durch und durch naß werden. Ich kam zu dem Schluß, daß im Sommer wollnes Unterzeug mit Seehundkleidern darüber das zweckmäßigste sei. An den Füßen trug ich immer Socken aus Renntierfell mit den Haaren nach innen; im Vorfuß Sennesgras und darüber Stiefel aus Renntierfell mit den Haaren nach außen. Das Sennesgras zieht alle Feuchtigkeit an. Wenn man dann jeden Abend das Gras herausnimmt und es trocknet, wird sich nicht viel Feuchtigkeit ansetzen. Und wenn man dann ganz sicher gehen will, dreht man den Strumpf über Nacht um.

Ende Juli wurde in Ogchioktu eine Schwimmschule eingerichtet. Wiik und Ristvedt waren die Lehrer, Hansen und Lund die Schüler. Der Süßwasserteich in der Nähe des Schiffes wurde als Schwimmbassin benützt, und hier wurde jeden Abend gebadet, solange das warme Wetter anhielt. Die Wassertemperatur stieg bis auf fünfzehn Grad, und das ist in den Polargegenden recht annehmbar. Im Anfang wurden Schwimmgürtel benützt; aber die Schüler waren gelehrig, und so konnten die Hilfsmittel bald weggelassen werden. Bisweilen kamen die Eskimos herbei und sahen ihnen zu. Sie waren überzeugt, daß die Kabluna wahnsinnig geworden seien. Man sollte glauben, diese Leute, die so viel auf dem Wasser leben, könnten alle schwimmen wie die Fische im Wasser. Aber nein, nicht ein einziger von ihnen konnte eine einzige Schwimmbewegung machen; wenn sie ins Wasser fielen, sanken sie unter wie Steine. Wir erlebten später mehrere traurige Beispiele davon. Es ist übrigens keine ungewöhnliche Beobachtung, daß Leute, die viel auf dem Wasser sind, nicht schwimmen können. Ich erinnere nur an unsre eignen Fischer daheim in Norwegen. Schon längst war verabredet, daß unser treuer Begleiter Talurnakto uns auf der Weiterreise gen Westen begleiten, ja vielleicht ganz mit uns heimreisen solle. Talurnakto fühlte sich schon halb Kabluna; er sah seine Landsleute sehr von oben herab an und unterhielt sich durchaus nicht nur so mit dem ersten besten. Aber als das Eis jetzt allmählich schmolz und die Zeit der Abreise heranrückte, schienen Talurnakto allerlei Bedenken aufzusteigen. Er bekam Anfälle von Schwermut und konnte stundenlang gerade vor sich hinstarren. Im Anfang kümmerte ich mich nicht darum, dachte auch, er habe wohl irgend einen Liebeskummer. Aber eines Tages, als er in der Kajüte neben mir saß, brach er plötzlich in lautes Weinen aus. Da merkte ich denn, daß etwas Ernstliches mit ihm los sein müßte, und erkundigte mich nach seinem Kummer. Schließlich brachte er ihn hervor. Er wage es nicht, mit uns nach „Kabluna nuna“ — dem Lande der Weißen — zu reisen, denn dort werde man ihn totschlagen. Es half alles nichts; so oft ich ihm auch versicherte, wir seien die reinen Engel und wollten nur sein Bestes. Er ließ sich nicht überzeugen und zeigte uns einige Bilder aus dem Burenkrieg. Schließlich sagte ich zu ihm, wenn er nicht von selber gern mitgehe, so wolle und könne ich ihn nicht dazu zwingen. Da fühlte er sich sichtlich erleichtert, und sein altes glückliches Lächeln brach wieder hervor. Er hatte sich offenbar eingebildet, wir hätten seinen Leib und seine Seele in unsrer Gewalt, ja, er sei uns mit Haut und Haar verfallen.

Auf diese Weise ging der Expedition ihr achter Teilnehmer verloren. Da ich aber der Gegenwart eines Eskimos eine gewisse Bedeutung für uns beimaß, wurde bekannt gemacht, daß Talurnaktos Platz frei sei. Und kurz nachher meldete sich der dicke Tonnich — der damals die Ersatzkommission für Lindström gebildet hatte, und der augenscheinlich von einer brennenden Sehnsucht nach den südlicheren Gegenden erfüllt war. Dieser Tonnich war nun allerdings nicht gerade der Mann, den ich mir gewünscht hätte; er war dick und schwerfällig und langsam in allen seinen Bewegungen. Da aber kein andrer sich meldete und er selbst für einen Eskimo von ungewöhnlich guter Laune war, sich auch immer musterhaft aufgeführt hatte, wurde er angenommen. Es war ein ganz feierlicher Augenblick, als Tonnich, als achter Mann der Expedition, den Fuß an Bord setzte. Ein Eimer Wasser, Bürste und Seife warteten seiner. Ohne daß er sich einer großen Wäsche unterzog, konnte keine Rede von „Kablunawerden“ sein. Wiik waltete oben auf Deck des Reinigungamtes, und da wurde es, dessen war ich sicher, gründlich besorgt. Er schnitt Tonnich das Haar ab; dann wurde er gekämmt und mit Insektenpulver eingestreut Nach vollendeter Prozedur wurden ihm Normalunterkleider angezogen. Er meinte nun, die Bekleidung sei damit vollendet, und wollte sich gleich der Expedition vorstellen. Aber er wurde bedeutet, daß dies nicht die gewöhnliche Spaziertracht sei, und erhielt einen funkelnagelneuen, aus unsern heimatlichen Stoffen verfertigten Friesrock nebst Hosen. Noch nie ist irgend jemand stolzer auf seine neue Kleidung gewesen als unser Tonnich. Er lachte vor Freude, zog und zupfte an seinen Kleidungsstücken und betrachtete sich selbst nach allen Richtungen.

Einige Tage später kam Talurnakto mit noch zwei andern Eskimos an Bord, die nicht weniger als siebzig schöne Lachse brachten, von denen die einzelnen drei bis fünf, ja sogar acht Kilogramm wogen. Die Lachse waren in Navjato gefangen worden und noch ganz frisch. Das war nun ein herrlicher Zuwachs zum Lebensmittel Vorrat für die Weiterreise. Es handelte sich jetzt nur darum, wie wir sie am besten aufbewahren könnten. Jeden Tag gesalznen Lachs, — das würde auf die Dauer doch etwas langweilig werden. Da schlug Lund vor, er wolle die Fische räuchern. Geräucherter Lachs! Schon bei dem Gedanken daran lief uns das Wasser im Munde zusammen, und Lunds Vorschlag wurde mit stürmischem Jubel aufgenommen. Er machte sich sogleich an die Einrichtung der Ogchioktu-Räucherei. Eine Anzahl leerer Fässer und Kisten war alles, was er verlangte, und eine Schar Eskimojungen wurde zum Herbeischaffen von Brennholz angeworben. An einigen Stellen wuchs eine ganz kleine Art Heidekraut, und solches sollten die Jungen sammeln. Sie kehrten mit mehreren Säcken voll zurück, und bald stieg der Rauch aus der Räucherei lustig empor. Es dauerte auch nicht lange, bis der erste Probelachs aufgetragen werden konnte. Er übertraf unsre kühnsten Erwartungen. Es war geräucherter Lachs von der allerfeinsten Sorte, und er hätte nicht besser schmecken können, wenn er aus einer der allerersten Räuchereien daheim gekommen wäre.

Am achtundzwanzigsten Juli ereignete sich ein Unfall an Bord, der die ernstesten Folgen hätte haben können. Es war Sonntag, und Lindström war mit der Zubereitung des Mittagessens beschäftigt. Er wollte den Primusapparat ordentlich in Brand setzen, und wie gewöhnlich kniete er vor dem Apparat am Boden, um beim Pumpen bequemer zugreifen zu können. Sein Gesicht war tief über den Brenner gebeugt; als er mit dem Pumpen eben aufhören wollte, platzte plötzlich der Brenner, und die ganze Geschichte flog Lindström ins Gesicht. Er hatte jedoch Geistesgegenwart genug, den Apparat zu ergreifen und hinauszuwerfen. Er fiel aber durch die offenstehende Luke in den Raum hinunter, der glücklicherweise leer war. In der Achterkajüte hörte man den Lärm, und alle Anwesenden eilten herbei. Es war ein schrecklicher Anblick; die Lohe schlug zur Küche heraus. Aber diesmal lagen unsre Wasserschlangen gebrauchfertig an Bord, und so war das Feuer im Handumdrehen gelöscht. Die Küche erlitt keinen Schaden, Lindström allein war schlecht weggekommen. Ich saß mit Lund in eifriger Unterhaltung in der Vorderkajüte. Wir hörten allerdings einen Spektakel, aber das war sonst auch der Fall, wenn die jungen Leute zum Beispiel miteinander rauften. Doch plötzlich kam Lindström mit geschwollnem, rotunterlaufnem Gesicht hereingestürzt. Wie der Blitz fuhr mir der Gedanke durch den Kopf: „So, jetzt hat die erste wirkliche Schlägerei stattgefunden, und Lindström hat ordentlich Prügel bekommen!“ Er war ganz verwirrt, und es dauerte eine Weile, ehe er die Worte: „Es brennt!“ herausbringen konnte. Lund und ich stürzten hinaus, aber da war schon alles gelöscht. LindströmsGesicht und Hände waren böse mitgenommen; er wurde mit Eieröl eingeschmiert, aber er war ganz außer sich vor Schmerzen. Später am Abend wurden sie jedoch etwas leichter, und der Leutnant verband ihm die Wunden. Schon am nächsten Tag war Lindström wieder bei der gewohnten guten Laune, aber er sah schrecklich aus, wie so ein recht betrunkner und zerschundner Stromer, und hieß in diesen Tagen das „Beefsteak“. Fast vierzehn Tage lang dauerte es, bis er sein früheres Aussehen wieder hatte.

Während dieser Zeit mußte Hansen die Küche übernehmen, und er entledigte sich seiner Obliegenheiten aufs beste. Im Brotbacken war er Lindström sogar über. Was Hansen tat, das tat er nämlich gründlich, und wenn Hansen einen Teig‘ knetete, dann tat er es mit einem Nachdruck, bei dem einem für Teig und Trog hätte bange werden können. Aber das Resultat seines Knetens war dann auch das leckerste Backwerk. Alles, was Hansen tat, wurde von Musik begleitet; er briet Frikandellen nach dem „Vikingsbalk“ aus der Frithjofsage — die seine einzige Quelle war — die Rippchen nach der „Eisfahrt“ und die Blutwürste nach „König Rings Tod“! Wir konnten daher schon weit drinnen an Land die Speisekarte erraten. Leutnant Hansen und Talurnakto machten miteinander einen Ausflug an den Pfefferfluß, der ungefähr zwanzig Seemeilen westwärts auf King Williams – Land lag. Sie wollten dort Versteinerungen suchen. Das offne Wasser am Ufer war jetzt so breit, daß sie in einem Prahm hinrudern konnten. Am sechsundzwanzigsten Juli war der Hafen in diesem Sommer zum erstenmal eisfrei. Wir sahen das Wasser draußen in der Straße immer blauer werden, aber ein Riß war noch nirgends wahrzunehmen. Im vorigen Sommer waren die Flüsse infolge der großen Schneemasse gewaltig hochgegangen, in diesem Jahre liefen sie gleichmäßig und still dahin, und übten so keinen Einfluß auf den Eisgang aus. Wir mußten uns auf die Sonnenwärme und den Wind verlassen. Strömung war auch nicht viel zu bemerken. Dann hatten wir aber auch lange jeden Tag herrlichen, stechend heißen Sonnenschein, und unsre Aussichten waren verheißungsvoll. Aber Ende Juli hörte die Wärme auf und kehrte nicht wieder. Jetzt kam uns übrigens der Wind zu Hilfe. In der Nacht vom einunddreißigsten Juli erhob sich ein starker Boreas aus Nordost mit heftigen Regenschauern, und dann schneite es so dicht, daß das ganze Land weiß aussah. Da wir schon längere Zeit um unsre Abreise besorgt gewesen waren, beobachteten wir den Nordostwind mit höchster Spannung. Der beste Teil des Sommers war vorüber, und die dunkeln Nächte — unsre schlimmsten Feinde bei einer Seefahrt im Winter — machten sich schon bemerkbar. Das Eis in der Simpsonstraße draußen hatte sich bis jetzt ungewöhnlich ruhig verhalten. Kein offner Wasserstreifen am Land hatte sich gebildet, kompakt und undurchdringlich lag die Eismasse da, wie schon den ganzen Winter hindurch. Die bläuliche Farbe war aber doch eigentlich ein Zeichen, daß nicht viel äußre Kraft dazu gehörte, es aufzubrechen. An der Mündung des Ristvedtflusses war die einzige Stelle mit offnem Wasser, wie eine Bucht, die sich ins Eis hineinerstreckte. Hier konnte wohl ein Sturm hineinfahren und den Eisgang ernstlich ins Werk setzen.

Der Nordostwind tat denn auch im Laufe des Tages Wunder. Das Eis setzte sich südwärts in Bewegung, und nach vielen Richtungen hin zeigten sich offne Stellen am Lande. Wir waren nun bereit, sofort abzufahren. Mit Ausnahme der meteorologischen Instrumente und der Hunde, die bis zum letzten Augenblick an Land sein sollten, hatten wir alles an Bord. Der Raum war mit allen unsern Sammlungen fast ganz vollgepackt. In der großen Luke standen unsre wichtigsten Sachen. Vor allem die beiden großen eisernen, zugelöteten Behälter, in denen wir alle unsre Beobachtungen von diesen letzten zwei Jahren aufbewahrten. Sie waren so eingerichtet, daß sie, ins Wasser geworfen, schwammen, und auf beiden war der Name des Schiffes angebracht. Rund um diese beiden her stand, in kleinen Kisten verpackt, Proviant auf vierzehn Tage, Munition und sonstige Ausstattung, also alles zum Mitnehmen bereit, falls wir das Schiff verlassen müßten. Hier hatte auch jeder von uns seinen Sack aus wasserdichtem Stoff, der die Sachen enthielt, die jeder im Fall der Not am liebsten retten wollte. Alle unsre Boote und Segeltuchkajaks waren in bester Ordnung und wohl imstande, etwas auszuhalten. Wir waren darauf vorbereitet, uns durchloten zu müssen, bis wir auf der andern Seite hinauskämen. Zu diesem Zweck hatten wir uns drei Handlote verfertigt und auf dem Schweinsrücken eine patentierte Winde angebracht, über die die Notleine wie spielend lief. Die Wachen waren schon im voraus folgendermaßen eingeteilt: Ein Mann am Rohr, einer im Ausguck, einer an der Maschine. Wir Deckleute mußten uns so einrichten, daß drei von uns auf Deck waren, während der vierte schlafen durfte. Die Maschinisten wechselten in der Wache ab. Der Koch sollte hilfreiche Hand leisten, wenn immer er abkommen könnte.

Alle ohne Ausnahme wußten, daß es jetzt ein schweres Stück Arbeit galt. Aber das ausgezeichnete Verhältnis, das die ganze Zeit her unter uns geherrscht hatte, machte uns stark in Einigkeit und Zusammenhalt, und obgleich nur sieben Leute, waren wir doch eine Schar, die nicht so leicht unterzukriegen sein sollte. Von der „Axel Steen-Höhe“ hatte man die beste Aussicht gen Westen über die Straße, und in den folgenden vierzehn Tagen war ich täglich zwei- bis dreimal dort oben. Am zwölften August bekamen wir wieder eine frische nördliche Brise; und wenn wir überhaupt fortkommen wollten, dann mußte es jetzt sein. Leutnant Hansen, Lund und ich waren schon morgens auf der Steenhöhe. Das Eis, das sich seither am King Williams-Land, längs der Küste von Boothia Point und westwärts, hartnäckig festgehalten hatte, war zurückgewichen, und das Uferwasser war eisfrei. Um vier Uhr nachmittags waren wir wieder droben. Um die Todd-Insel her lag noch immer Eis, aber auf der andern Seite der Insel glaubten wir offnes Wasser zu sehen. Jetzt war es Zeit; nun mußte ein Versuch gemacht werden. Die Abfahrt wurde auf drei Uhr morgens festgesetzt. Die letzten Vorbereitungen wurden getroffen, die Hunde wurden an Bord geholt; und nach der letzten Beobachtung um neun Uhr abends wurden auch die meteorologischen Instrumente hereingetan.

Mit einem ganz eigentümlichen Gefühl ging ich zum letztenmal an Bord zurück. In meine Freude, endlich fortzukommen, mischte sich auch viel Wehmut. Meine Kameraden hatten dafür gesorgt, daß ich den Gjöahafen nur mit eitel guten Erinnrungen verlassen konnte. Nie hatte es Zank und Streit gegeben. Scherzen und Singen und Lachen steigen in meinem Herzen auf, wenn ich jetzt an diese lange Zeit zurückdenke. Und deshalb sende ich auch in Gedanken meinen Kameraden einen herzlichen Dank für die Tage im Gjöahafen.

Text aus dem Buch: Die Nordwest-Passage, meine Polarfahrt auf der Gjöa 1903 bis 1907 (1908), Author: Amundsen, Roald; Klaiber, Pauline.

Die einzelnen Buchabschnitte:
Die Nordwest-Passage – Einleitung
Die Nordwest-Passage – Dem Eismeer entgegen
Die Nordwest-Passage – In jungfräulichem Fahrwasser
Die Nordwest-Passage – Der erste Winter
Die Nordwest-Passage – Zum Pol
Die Nordwest-Passage – Sommer
Die Nordwest-Passage – Der zweite Winter
Die Nordwest-Passage – Die Menschen um den magnetischen Nordpol
Die Nordwest-Passage – Abschied vom Gjöahafen
Die Nordwest-Passage – Die Nordwest-Passage
Die Nordwest-Passage – Der dritte Winter
Die Nordwest-Passage – Unter Eskimos und Indianern
Die Nordwest-Passage – Schlittenreise nach Kong Haakon Vll.-Land
Die Nordwest-Passage – Schluß

Hier noch ein paar Buchabbildungen aus den verschiedenen Buchabschnitten:












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