die Fragen der asiatischen Türkei

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Wenn die Osmanen in Thrazien, bei Tschadaldscha und auf dem Chersones von Gallipoli gerade keine Erfolge errungen haben, so ist es doch so gut wie ein Sieg, daß sie den Lauf der Feinde monatelang hemmten. Die junge wie die alte Mannschaft der Balkanier müßte jetzt nach den heimatlichen Dörfern zurück, um die Felder zu bestellen, um überall nach dem Rechten zu sehen.

Geschieht das nicht, so ist eine Hungersnot in Aussicht. Auch mit den Geldern der Balkanstaaten geht es zu Ende; richtiger: sie sind schon zu Ende, und nur die Hilfe der Großmächte hat den Verbündeten die Fortführung der Operationen ermöglicht. Weiber und halbwüchsige Kinder werden die Äcker bestellen müssen; das ist schon bei früheren Kriegsläuften mehr als einmal vorgekommen. Aber vielfach wird kaum mehr Saatgut vorhanden sein; Pferde und Ochsen sind weggetrieben, Vorspann bei den Transporten zu leisten. Kurz, auch bei äußerster Anspannung der verfügbaren Menschenkräfte steht es schlimm um die Balkanier, wenn nicht bald Frieden geschlossen wird. Die Türkei, auf die reichen Hilfsquellen Anatoliens gestützt, kann, wenngleich von der Mißgunst der Mächte verfolgt, den Druck der Lage länger aushalten.

Trotzdem steht es nichts weniger als gut um das Osmanische Reich. Russen, Engländer und Franzosen wollen ihren Anteil von der sinkenden Türkei, und die Italiener wünschen zum mindesten Rhodos und die andern Inseln, die sie nach Lausanne vorläufig wieder ausgeliefert haben, zu behalten, wenn sich nicht ihr Ehrgeiz auf die Besetzung weiterer Gebietsteile erstreckt. Man redet jetzt so vergnügt und vertrauensvoll davon, daß der Sultan froh sein könne, seine europäischen Provinzen, die ihn Jahr für Jahr viel Geld und Blut kosteten, loszuwerden, daß ihm jetzt, sobald er sich auf Asien beschränke, eine neue, schöne Zukunft winke. Man hält es für ausgemacht, daß diese Zukunft gesichert und sorgenfrei sein wird. Tatsächlich ist das keineswegs ausgemacht Ich glaube im Gegenteil, daß im Laufe der nächsten Jahre die Auflösung der Türkei sich weiter vollziehen wird.

Wer nicht von Rassenutopien verblendet ist, weiß sehr wohl, daß es sich im Leben und Kämpfen der Staaten nicht um schöne und erhabene Rassengemeinschaftsgefühle handelt, sondern um Territorialbesitz. Und um militärische Macht. Infolgedessen ist es nicht nur erlaubt, sondern häufig geboten, mit Rassefeinden sich zu verbünden und Rassegenossen zu bekämpfen. Dergestalt gingen die Engländer gegen die Buren und mit den Japanern. Gehen wir seit einem Menschenalter mit den Italienern und seit einem Jahrzehnt gegen Großbritannien. Der Kaiser selbst hat den rein politischen Standpunkt dadurch anerkannt, daß er sich einst zu Damaskus al;s Freund aller Mohammedaner erklärte, daß er — einst — als Schutzherr Marokkos und als Bruder Abdul Hamids auftrat. Ein Zusammengehen mit der Türkei hat bei uns weite Volkskreise zu Verteidigern. Daran ist nichts auszusetzen. Was einzig und allein untersucht werden muß, ist der Wert, den der türkisch-anatolische Staat der Zukunft für unsere Staatskunst haben kann. Die Türken gehören zu den Altaiern, sind Vettern der Japaner, der Mongolen und der Madjaren. Man könnte nun auf die glänzende Blüte hinweisen, deren sich das Mikadoreich erfreut, auf das hohe Ansehen, das es sich unter den Weltmächten erworben hat; man könnte ferner an die hervorragende Stellung erinnern, die Ungarn in Mitteleuropa einnimmt. Aber keins dieser Beispiele ist beweiskräftig. Die Türken sind in einer völlig andern Lage als ihre Rasseveverwandten. Sie haben weder den Vorteil insularer Abgeschlossenheit und nationaler Einheit wie die Japaner, noch den sichernden Schutz, den Österreich den Madjaren verleiht. Wer wird die Osmanen sichern und schützen? Niemand! Darin liegt die Tragik dieses tapferen und ehrlichen Volkes. Gewiß, die Türken könnten sich, zumal sie in Anatolien die absolute Mehrheit haben, gegen Griechen, Kurden und Armenier behaupten; ohnehin sind Kurden wie Tscherkessen für sie gegen Griechen und Armenier. Das Entscheidende ist hier nicht das Verhältnis der Volkheiten, sondern der Wirbel der Weltpolitik, der auch Anatolien in seine Kreise, in seinen Strom zieht. Seit den Feldzügen von Paskjewitsch 1827, seit dem Krimkriege und den Kämpfen um Erzerum und Bajazid von 1877 ist Rußland darauf aus, sich Armenien anzugliedern; seit 1840, als das sangbare Lied „Partant pour la Syrie“ entstand, hat Frankreich im Libanon und dem Küsten Vorland Fuß gefaßt; seit 1833, 1839, 1857 und 1873, seit den Landungen in Buschir und Aden, wie der wirtschaftlichen Festsetzung in Mesopotamien, seit der Unterstützung des Khediven Mehemed Ali bis zur Eroberung Egyptens 1882 und dem Zwischenfall von Aka-bah, durch den es klar wurde, daß Britisch-Egypten auch auf die arabische Gegenküste Anspruch macht, haben die Engländer eine Abschnürung Arabiens, Mesopotamiens und des südlichen Syriens vom Leibe des Osmanenreiches ins Werk geleitet. Diese Bestrebungen werden in kürzester Frist eine Fortsetzung erfahren. Damit wird aber das auf Asien beschränkte Osmanenreich neuerdings von Feinden umringt, wird selbst Anatolien in seinem Bestände bedroht. Ein Erdbeben ist selten mit einem Stoß beendet. Meist gibt es mehrere, und der letzte Stoß ist nicht selten der schwerste und gefährlichste. Bei Vulkanausbrüchen ist es nicht anders. Auch vom Vesuv hatte es schon drei Tage lang Asche geregnet, ehe Pompeji unterging. Bei der Türkei werden wir das physikalisch-geologische Gesetz in der Staatenwelt bestätigt sehen. Wir erlebten schon eine Reihe von leichteren Stößen — Tripoliskrieg und Balkan krieg —; aber jetzt ist erst die volle Wucht, ist der Hauptschlag des Erdbebens im Anzug. Das Beben wird auch andere Länder nicht verschonen, wird von der Türkei, vom Orient nach Ost- und Mitteleuropa, wahrscheinlich auch nach Westeuropa herübergreifen.

Es wäre in der Tat ein verhängnisvoller Irrtum, anzunehmen, daß Anatolien imstande sei, einen eigenen, in sich abgerundeten Staat zu bilden. Alle Erfahrung der Geschichte spricht dagegen. Im Laufe von fünf Jahrtausenden ist Anatolien entweder in viele Kleinherrschaften zersplittert gewesen, oder es stellte zwar eine politische Einheit dar, war aber dann abhängig von einer Fremdherrschaft, geriet unter den Einfluß einer auswärtigen Macht. Es ist dann bald den Assyrern, bald den Persern, bald den Römern oder Byzantinern, den Mongolen und Türken anheimgefallen. Auch ein Drittes kam vor, das besonders für die Zukunft des heutigen Anatolien in Betracht kommen wird: während ein beträchtlicher Teil der Halbinsel sich zu einem unabhängigen Staate zusammenballte, wurden andere Teile von Fremden besetzt. So geschah eine Aufteilung zwischen Lydern und Griechen, zwischen den Nachfolgern Alexanders, den mazedonischen Herrschern und den Ptolemäern; ferner zwischen Seldschucken und Byzantinern, zwischen Pergamon einerseits und den Nachfolgern Alexanders andrerseits. Nicht selten stritten sich zwei große Außenseiter um die Vorherrschaft in Kleinasien: Pharaonen und Assyrer, Athener und Perser, Römer und Parther, Araber und Byzantiner; endlich Kreuzzügler und Genuesen mit Türken und Mongolen. Aus der strategischen Lage Anatoliens, das Angriffen von Europa und Afrika, wie von Innerasien gleichmäßig ausgesetzt ist, geht ohne weiteres hervor, daß dieser Halbinsel kein dauernder Einheitsstaat beschieden sein kann, umsoweniger, als sie volk-lich zersplittert ist. Wenn je einmal ein Übermensch, wie der gewaltige Mithradat, Kleinasien unter starker einheimischer Leitung zusammenfaßte, so war das nur von kürzester Dauer. Auch einem osmanischen Reiche der Zukunft kann man in Anatolien keine Stärke oder Dauer prophezeien. Abermals werden die Geschicke der Türken sich vollenden, dann aber muß endlich, in seinen Lebensinteressen berührt, Deutschland auf den Plan treten.

Text aus dem Buch: Orient und Weltpolitik, Verfasser: Albrecht Wirth.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:
Der deutsche Gedanke in der Welt
Kultur-Europa bei den andern Völkern
Orient und Weltpolitik – die Weltlage
Der Nationalismus in Asien
Orient und Weltpolitik – Der Aufstieg des Balkans
Orient und Weltpolitik – Die Balkanvölker im einzelnen

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