die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)

Am Tage von Lowestoft habe ich mancherlei gelernt, was mir später in der Skagerrak-Schlacht von Nutzen gewesen ist.

Durch einige Materialversager und Bedienungsfehler wurde mir wieder einmal klar vor Augen geführt, wie eine einwandfreie Feuerleitung der Artillerie nur bei tadellosem Funktionieren aller artilleristischen Einrichtungen und bei ihrer fehlerlosen Bedienung erfolgen kann. Nur wenn so das Handwerkszeug des Artillerieoffiziers völlig in Ordnung ist, kann dieser die Artillerie zu höchster Feuerwirkung bringen und können dann die Offiziere, Geschützführer und Geschützmannschaften beweisen, daß sie die komplizierten maschinellen, meist hydraulisch oder elektrisch betriebenen Einrichtungen ihrer Geschütztürme, Kasematten und Munitionskammern richtig zu bedienen wissen und so vorzüglich in Ordnung gehalten haben, daß sie selbst beim schnellsten Feuern immer wieder mit geladenen Rohren fertig zum Schuß sind, sobald wieder die Feuerglocke ertönt.

Um dies zu erreichen, ist in erster Linie eine tägliche, zum Teil recht mühsame Kontrolle der gesamten elektrischen und maschinellen Artillerie-Einrichtungen nötig und im Anschluß daran eine schnelle Beseitigung aller gefundenen Schäden durch das Artillerie-Mechanikerpersonal. Diesem geradezu unermüdlichen Personal des „Derfflinger“ sei hier ein besonderes Denkmal gesetzt! An der Spitze von neun Artillerie-Mechanikersmaaten und mehr als 20 Artillerie-Mechanikersgasten stand der Artilleriemechaniker Wlodarczek, im ganzen Schiff das „Heinzelmännchen“ genannt, denn „ehe man’s gedacht, war es vollbracht!“ Diese meine rechte Hand hat mir in geradezu vorbildlicher Weise geholfen, mein Ziel zu erreichen: in der Skagerrak-Schlacht ist in dem ganzen ungeheuren Betriebe, den die Artillerie des „Derfflinger“ darstellte, kaum ein Versager vorgekommen, der nicht durch die Wirkung der feindlichen Treffer, sondern nur durch die doch stundenlange, ausgiebigste Verwendung der artilleristischen Einrichtungen entstanden wäre. Und was war die Artillerie des Schiffes mit all den damit zusammenhängenden Einrichtungen für ein großartiges Werk! Sieben bis acht Millionen Mark hatte sie beim Bau gekostet, und im Kriege war sie noch durch Einrichtungen im Werte von vielen Hunderttausenden verbessert worden.

Auf dem vorderen Teil des Schiffes, der Back, standen zwei riesige Geschütztürme mit je zwei 30,5 cm-Schnelladegeschützen. Zwei gleiche Geschütztürme standen auf dem hinteren Teil des Schiffes, dem Achterdeck. Diese vier Geschütztürme mit ihren zusammen acht 30,5 cm-Geschützen bildeten die Hauptarmierung des Schiffes. Wir nannten die Türme dem Alphabet nach „Anna“, „Bertha“, „Cäsar“ und „Dora“. „Anna“ war der vorderste, „Dora“ der hinterste Turm. Jeder Turm hatte einen Turmkommandeur, der entweder Kapitänleutnant oder Oberleutnant war, nur Turm „Dora“ hatte infolge mangels an Offizieren keinen Offizier, hier versah der Turmführer, ein Stückmeister, dessen Dienst mit. Dem Turm „Bertha“ hatten unsere Leute einen besonderen Namen gegeben. Er wurde nach seinem Turmkommandeur, dem Kapitänleutnant Freiherr v. Speth-Schülzburg, der sich bei seinen Leuten besonderer Beliebtheit erfreute, allgemein „die Schülzburg“ genannt.

Die Mittelartillerie des „Derfflinger“ bestand aus zwölf 15 cm-Schnelladegeschützen, an jeder Seite des Schiffes sechs, jedes einzelne für sich in trefflich gepanzerter Einzelkasematte aufgestellt. An leichter Artillerie besaßen wir nur noch vier 8,8 cm-Flugzeugabwehrkanonen (Flaks), die übrigen 8,8 cm-Geschütze waren längst an unsere braven Minensucher und an unsere Handelsschiffe in der Ostsee abgegeben worden.

Die Munition für diese Geschütze war in etwa 50 Munitionskammern untergebracht, die durch Torpedolängsschotte aus starkem Nickelstahlpanzer gegen Torpedotreffer ausgezeichnet geschützt waren.

Für die gesamte Artillerie standen mir 3 Kapitänleutnants, 3 Oberleutnants zur See, 4 Leutnants zur See, 4 Fähnriche zur See, 6 Deckoffiziere und etwa 750 Unteroffiziere und Mannschaften zur Verfügung. Die gesamte Besatzung S. M. S. „Derfflinger“ betrug 1400 Mann. Die gesamte Artillerie unterstand mir als erstem Artillerieoffizier, doch leitete ich im Gefecht nur die schwere Artillerie, die Mittel- und leichte Artillerie wurde von zwei meiner Offiziere geleitet, denen ich nur allgemeine Anweisungen für die taktische Verwendung erteilte.

Wenn man die gewaltige Artillerieschlacht, die die Skagerrak-Schlacht in der Hauptsache dargestellt hat, einigermaßen verstehen will, muß man sich einen Begriff darüber machen können, wie es eigentlich möglich ist, von einem Schiffe, das mit höchster Fahrt durch die wogende und aufgewühlte See dahinbraust, das schlingert und stampft, Drehbewegungen ausführt, seine Geschwindigkeit häufig ändert, das also dauernd in Bewegungen nach allen Seiten hin ist, schießen und treffen zu können. Wie man dabei bis auf Entfernungen von mehr als 20 km die feindlichen Schiffe nicht nur gelegentlich treffen, sondern sogar restlos vernichten kann! Und dabei befindet sich der Gegner in derselben wahnsinnigen Fahrt, auch er dreht und wendet, schlingert und stampft und versucht, ebenso wie wir, durch fortgesetzte Kursänderungen sich dem verhängnisvollen Geschoßhagel zu entziehen. Ich möchte hier kurz beschreiben, was ich für das Verständnis des Schießens auf hoher See für erforderlich halte, wenn man sich eine wirkliche Vorstellung von der Skagerrak-Schlacht machen will. Ich lege dabei die artilleristischen Einrichtungen zugrunde, mit denen wir auf dem „Derfflinger“ in der Skagerrak-Schlacht fochten und wie sie ähnlich auf allen modernen Großkampfschiffen vorhanden waren.

An erster Stelle interessieren uns da die Artillerieleitstände, von denen aus wir Offiziere die Artillerie leiteten. Der „vordere Artilleriestand“ war ein Panzerstand, der den hinteren Teil des eigentlichen Kommandoturms bildete, von welchem aus der Kommandant, unterstützt vom Navigationsoffizier, Adjutanten und Signaloffizier, das Schiff führte und das Gefecht leitete. Ich stand während der Schlacht in diesem „vorderen Artilleriestand“, zusammen mit meinem dritten Artillerieoffizier, der die Mittelartillerie leitete, 1 Fähnrich, 2 Entfernungsmessern, 3 Unteroffizieren an den „Richtungsweisern“ (geheimnisvollen artilleristischen Apparaten, auf die ich später noch zu sprechen komme) und 5 Befehlsübermittlern. Unter uns, nur durch ein durchlöchertes Blech, auf dem wir standen, getrennt, saßen 6 weitere Befehlsübermittler und unter diesen wieder, in der sogenannten „Birne“ (der Kommandoturm hatte nach unten zu tatsächlich eine birnenähnliche Form), saßen noch 1 Unteroffizier, 2 Befehlsübermittler und 1 Artillerie-Mechanikersgast als Reserve.

Es befanden sich also nicht weniger als 23 Menschen allein in meinem Artilleriestand! Es war etwas reichlich eng bei uns, aber trotzdem waren wir sehr zufrieden mit unserem Stand. Es war ein ausgezeichneter Stand, mit etwa 350 mm starkem Nickelstahl gepanzert, der sich in der Schlacht hervorragend bewährt hat. Selbst ein auf kleine Entfernung gefeuerter 30,5 cm-Volltreffer gegen unseren Stand brachte es nicht fertig, den Stand ganz zu durchbohren, der Treffer schüttelte uns nur alle durcheinander und packte den Stand, als wollte er ihn über Bord werfen, aber wir blieben sämtlich unverletzt, von einigen kleinen Verwundungen abgesehen.

Es gab außer dem vorderen Artilleriestand für das Gefecht noch zwei andere Artillerieleitstände: den „hinteren Kommandostand“, wo sich der zweite Artillerieoffizier, meine Reserve, aufhielt und dann den „Vormars“, gewöhnlich das „Krähennest“ genannt. Das „Krähennest“ befand sich etwa 35 m . über der Wasseroberfläche im Fockmast. Es bestand aus einem kreisrunden Blechkasten, in dem der Artilleriebeobachter der schweren Artillerie, ein Oberleutnant zur See, und der Beobachter der Mittelartillerie, ein Maat, mit zwei Befehlsübermittlern saßen, die durch ausgezeichnete Gläser die Aufschläge-beim Gegner beobachteten und durch ihre Kopftelephone die Lage der Aufschläge am Ziel uns Artillerieoffizieren meldeten.

Die nächst den Artillerieleitständen für die Leitung der Artillerie wichtigsten Stellen des Schiffes waren die Artilleriezentralen, zwei tief unten im Schiffe gelegene Räume. Die Artilleriezentralen befanden sich unter dem Panzerdeck, also erheblich unter der Wasserlinie, und waren durch den Gürtelpanzer und die Kohlenbunker nach menschlicher Berechnung gegen jeden feindlichen Treffer geschützt. In diese Räume gelangten durch Kopftelephone und Schallrohre alle Befehle der Artillerieleiter und von hier wurden sie durch die mannigfachsten Apparate den einzelnen Geschützen übermittelt.

Dem Beginn jedes Schießens auf See auf große Entfernungen muß eine sehr genaue Entfernungsmessung vorausgehen. Dafür hatten wir sieben mächtige Entfernungsmeßgeräte an Bord, die bis auf Entfernungen von 200 hm recht gute Meßresultate erzielten. Unsere Meßgeräte waren sämtlich von Carl Zeiß in Jena geliefert und beruhten auf dem Prinzip des stereoskopischen Sehens. Es waren sogenannte Basisgeräte (Bg). An jedem solchen Meßgerät saßen zwei Bg-Messer. Der eine maß, der andere las die gemessene Entfernung in Hektometern ab und stellte diese Zahl an einem Telegraphen ein. Der Telegraph übertrug diese Einstellung auf den sogenannten „Bg-Mittler“, einen Apparat, der alle Einstellungen an sämtlichen Meßgeräten automatisch mittelte. Dieser „Bg-Mittler“ war im vorderen Artilleriestand in meiner Nähe angebracht und hier konnte also ständig der Durchschnitt der von sämtlichen Geräten gemessenen Entfernungen abgelesen werden. Diese abgelesenen Entfernungen werden bei Beginn des Gefechtes vom leitenden Artillerieoffizier an die Geschütze gegeben.

Sobald der Artillerieoffizier sich darüber klar ist, auf welches gegnerische Schiff er sein Feuer zu richten hat, richtet er sein Sehrohr auf den Gegner. Sehrohr? werden einige meiner Leser erstaunt fragen! Ja, die Artillerieoffiziere sowohl wie der Kommandant eines modernen Großkampfschiffes beobachten den Gegner nicht mehr mit einem Fernrohr oder Doppelglas, sondern sie stehen an ebensolchen Sehrohren, wie der Unterseeboots-Kommandant in seinem U-Boot. Am unteren Ende, also im Kommando- bzw. Artilleriestand, befinden sich die Okulare, die Objektive liegen über der Decke des Kommandostandes. Dies hat den großen Vorteil, daß während eines Gefechtes die schmalen Sehschlitze des Kommandostandes durch Panzerdeckel vollkommen verschlossen werden können, man kämpft also gewissermaßen mit heruntergelassenem Visier! Am Sehrohr des Artillerieoffiziers befindet sich nun ein für die Leitung der Artillerie äußerst wichtiger, im höchsten Grade genialer Apparat, der schon oben erwähnte Richtungsweiser. Dieser vollbringt folgendes erstaunliche Kunststück: er bewirkt, daß alle an den Richtungsweiser angeschlossenen Geschütze des Schiffes jeder Bewegung des Sehrohrs des Artillerieoffiziers folgen. Und zwar wird durch verschiedene Einstellungen am Sehrohr bewirkt, daß alle Geschütze, die doch in einem Abstande bis zu 100 m voneinander aufgestellt sind, unter Ausschaltung der Parallaxe ein und denselben Punkt anvisieren. Und zwar den Punkt, der in der Richtung des Sehrohrs des Artillerieoffiziers um die gemessene, bzw. die durch das Einschießen festgestellte Entfernung vom Schiff entfernt liegt! Und das ist ja der Ort, wo der Feind steht! Sämtliche Geschütze sind also bei in Betrieb befindlichem Richtungsweiser stets haarscharf auf den Gegner eingestellt, ohne daß nur jemand am Geschütz den Gegner überhaupt zu sehen braucht! Dieses ist das Bewunderungswürdige: Der Feind mag nah oder weit entfernt sein, er mag ganz vorn oder ganz hinten stehen, die Schiffe mögen nebeneinander herfahren oder sich passieren: solange das Sehrohr auf den Gegner gerichtet ist und solange am Sehrohr die richtige Entfernung vom Gegner eingestellt ist, sind sämtliche Geschütze haarscharf auf den Teil des gegnerischen Schiffes gerichtet, den das Sehrohr anvisiert. Auch wenn das eigene Schiff in scharfen Kurven dreht: Die Geschütze bleiben am Gegner, wenn nur das Sehrohr gut eingerichtet bleibt! Und dafür sorgt ein besonderer Unteroffizier, der das Sehrohr dauernd auf die vom Artillerieoffizier befohlene Kante des Gegners gerichtet hält. Der Unteroffizier hat dafür einen besonderen seitlichen Einblick am Sehrohr. Auf die Konstruktion des Richtungsweisers kann ich hier aus naheliegenden Gründen nicht näher eingehen. Es sei nur gesagt, daß durch die Bewegungen des Sehrohrs natürlich nicht die Geschütztürme unmittelbar bewegt werden, sondern nur ein elektrischer Zeiger in jedem Turm, auf den sich auch die Einstellungen für Entfernung und Schieber übertragen. Ein mit dem Geschützturm fest verbundener Zeiger wird durch Schwenken des Turmes dauernd in Deckung mit dem elektrischen Zeiger gehalten, jeder kleinsten Bewegung wird vom Turmführer haarscharf gefolgt und so erreicht, daß die schweren Geschütztürme jede Bewegung des Sehrohres mitmachen.

Jetzt wissen wir also, wie die Geschütze auf den Feind gerichtet werden. Wir wissen ferner, wie die ersten Entfernungen gemessen werden. Nun müssen noch die Geschütze die der Entfernung entsprechende Erhöhung bekommen, das heißt, es muß der der Entfernung vom Feinde entsprechende Aufsatz (beim Infanteriegewehr das Visier!) eingestellt werden. Bei dem dauernden Ändern der Entfernung, die von Minute zu Minute um mehrere 100 m ändert, wenn sich die beiden Gegner einander mit Eisenbahnzugs-Geschwindigkeit nähern oder voneinander weglaufen, genügt es nicht, daß die Aufsätze vom leitenden Artillerieoffizier kommandiert und dann durch die Befehlsübermittler mit der Stimme an die Geschütze gegeben werden. Es kommt dafür vielmehr folgender sinnreicher Apparat in Anwendung:

In der Artilleriezentrale steht ein sogenannter Aufsatztelegraph. Wenn an diesem Aufsatztelegraph der befohlene Aufsatz eingestellt wird, so stellt sich automatisch ein elektrisch bewegter Zeiger an jedem Geschütz auf den befohlenen Aufsatz ein. Am Aufsatze des Geschützes befindet sich ebenfalls ein Zeiger. Wenn nun der Zeiger am Aufsatze mit dem elektrisch bewegten Aufsatzzeiger in Deckung gebracht wird, so ist der richtige Aufsatz am Geschütz eingestellt. Am Geschütz braucht also niemand mehr zu wissen, wieviel Hektometer der Feind entfernt ist, um den richtigen Aufsatz einzustellen; der richtige Aufsatz ist eingestellt, wenn nur die beiden Zeiger in Deckung gehalten werden!

In dem Aufsatztelegraphen befindet sich nun noch eine sehr wichtige Einrichtung, die sogenannte Aufsatzuhr. Nehmen wir einmal an, der Artillerieoffizier stellt durch Berechnungen und Schätzungen, auf die ich später noch eingehen werde, fest, daß sich unser Schiff dem des Gegners in jeder Minute um 750 m nähert. Dann kommandiert er: „Entfernungsunterschied minus 7,5“. Jetzt stellt der Mann an der Aufsatzuhr diese Uhr ein auf eine Geschwindigkeit „minus 7,5“. Läßt er die Aufsatzuhr nun laufen, so verringert sich die am Aufsatztelegraphen eingestellte Entfernung in jeder Minute allmählich um 7,5 hm. Und dementsprechend ändert sich in einer Minute an allen Geschützen der Aufsatz allmählich um 7,5 hm, ohne daß irgendein Kommando gegeben zu werden braucht.

Jetzt haben wir also ein Geschütz, bei dem der gewünschte Aufsatz eingestellt ist, das auch seitlich genau auf den Gegner eingerichtet ist, das aber bei dem starken Schlingern des Schiffes mal ins Wasser zeigt und dann wieder hoch in den Himmel. Das Geschütz muß zum Schuß aber natürlich so stehen, als wenn es auf ebener Erde genau horizontal lafettiert eingemauert wäre. Da das aber an Bord nun einmal nicht möglich ist, so muß die Geschicklichkeit des Geschützführers dafür einspringen. Der Geschützführer muß trotz der schnellen Bewegungen des Schiffes erreichen, daß die Visierlinie seines Geschützes dauernd auf den Gegner gerichtet bleibt. Das erfordert natürlich jahrelange, tägliche Übung! Und da war es geradezu erstaunlich, welche Geschicklichkeit unsere Geschützführer darin erlangt hatten. Dieses Schießen bei schlingerndem Schiffe bildete mit einen der wichtigsten Punkte unserer Mannschaftsausbildung auf hoher See. Durch sinnreiche Hilfsapparate wurde es aber auch ermöglicht, daß die Geschützführer sich selbst im Hafen bei verankertem Schiffe im Schlingerschießen üben konnten. Vor den Geschützen bewegte kleine Scheiben bildeten dabei das Ziel, es bewegte sich also nicht das Schiff mit seinen Geschützen, sondern die Ziele, was ungefähr auf dasselbe herauskam, da die Ziele sich auf Kurven bewegten, die den Schlingerbewegungen des Schiffes entsprachen.

Ein Jahrzehnt lang sind bei uns in der Marine Versuche gemacht worden, auch noch die Tätigkeit des Geschützführers durch einen sinnreich konstruierten Apparat zu ersetzen. Tatsächlich ist es gelungen, dies zu erreichen! Ein komplizierter Kreiselmechanismus, der wohl mit das Sinnreichste darstellt, was menschliche Gehirne je ersonnen haben, bewirkte, daß das geladene und entsicherte Geschütz automatisch stets in dem Moment abgefeuert wurde, in dem das Visierfernrohr auf den Gegner zeigte. Und zwar berücksichtigte dieser Apparat genau die augenblickliche Schlingergeschwindigkeit, er feuerte also bei schnell schlingerndem Schiff eher ab, als bei langsam schlingerndem. Dies ist notwendig, weil eine ziemlich lange Zeit vergeht von dem Moment des Abfeuerns bis zu dem Augenblick, in dem das Geschoß die Rohrmiindung verläßt. Jeder aber, der weiß, wie verschiedenartig die Schnelligkeit der Schiffsbewegungen ist, wird ermessen können, vor welche schwierige Aufgabe hier unsere Techniker gestellt waren.

Doch ich habe hier abgeschweift und von einem Apparate erzählt, den wir in der Skagerrak-Schlacht noch nicht an Bord hatten, sondern erst hinterher bekamen. Ich wollte ihn aber doch erwähnen, weil er gewissermaßen den Höhepunkt aller artilleristischen Entwicklungsmöglichkeiten für das Schießen auf See darstellt.

Ich möchte nur noch kurz etwas von der schweren Artillerie des „Derfflinger“ erzählen. Ich hatte gesagt, daß die acht 30,5 cm-Schnelladegeschütze in vier Türmen aufgestellt waren. Sehen wir uns diese 30,5 cm-Türme einmal etwas näher an. Der obere Teil war drehbar, er bestand aus dem schwergepanzerten Drehturm und der Drehscheibe, auf der die beiden 30,5 cm-Geschütze standen. Der Turm wurde durch Elektrizität gedreht, oder geschwenkt, wie man an Bord sagt. Neben den Geschützen befanden sich die Munitionsaufzüge, die sich also mit drehten, wenn der Turm geschwenkt wurde. Hinter den Geschützen lagerte ein Stapel Bereitschaftsgeschosse, für jedes Geschütz etwa sechs 30,5 cm-Geschosse. Wir besaßen zwei Arten von Geschossen: Panzersprenggranaten undSprenggranaten. Die Panzersprenggranaten, die halb blau und halb gelb angemalt waren, bestanden aus bestem Nickelstahl und hatten in ihrem Innern nur eine verhältnismäßig kleine Füllung von Sprengladung. Die Panzersprenggranaten sollten in erster Linie den dicken feindlichen Panzer durchschlagen und dann im Innern zur Sprengung kommen. Naturgemäß konnte neben der ungeheuren Durchschlagskraft die Sprengwirkung dann nur eine geringe sein. Die Sprenggranaten, die ganz gelb gemalt waren, besaßen dagegen nur eine verhältnismäßig dünne Stahlhülle, in der eine große Sprengladung gelagert war. Diese Geschosse konnten starken feindlichen Panzer nicht durchschlagen, hatten aber beim Auftreffen auf ungepanzerte oder nur schwachgepanzerte Ziele eine ungeheure Sprengwirkung.

Unsere Pulvermunition befand sich in Messinghülsen. Eine 30,5 cm-Kartusche sah also so ähnlich aus, wie eine riesenhafte Jagdschrotpatrone, nur daß die ganze Hülse aus Messing gefertigt war. Solche große Hülsen waren fabrikmäßig sehr schwer herzustellen, waren auch teuer und recht schwer. Trotzdem haben wir in der deutschen Marine selbst bei den größten Kalibern solche Messinghülsen verwendet, und diese Maßnahme hat uns im Kriege im allgemeinen vor solchen Katastrophen bewahrt, wie sie in der Skagerrak-Schlacht bei der restlosen Vernichtung der „Inde-fatigable“, der „Queen Mary“, der „Invincible“ und älterer Panzerkreuzer in Erscheinung traten. Wir hatten allerdings für die großen Kaliber nicht alles für einen Schuß erforderliche Pulver in einer Messinghülse unterbringen können. Infolgedessen mußten wir außer der sogenannten Hauptkartusche (in Messinghülse) noch eine sogenannte Vorkartusche laden, deren Pulver nur von einem doppelten Seidenbeutel zusammengehalten wurde. Diese Vorkartuschen konnten durch Feuer natürlich viel leichter entzündet werden als die Hauptkartuschen. Bei unseren Gegner befand sich aber das gesamte Pulver in Seidenbeuteln! Unsere Kartuschen, die sich noch nicht am Geschütz oder in den Munitionsaufzügen befanden, waren außerdem in starken Büchsen aus Blech verpackt, so daß diesen Feuer kaum etwas anhaben konnte, während die Verpackung der englischen Munition sehr mangelhaft gewesen sein muß. Restlose Vernichtung ganzer Schiffe durch eine einzige Explosion ist in der deutschen Marine nur zweimal vorgekommen: „Pommern“ flog am 1. Juni 1916, am Morgen nach der Skagerrak – Schlacht, und „Prinz Adalbert“ schon vorher in der Ostsee in die Luft, und zwar beide Schiffe infolge Torpedotreffer. Die Aufstapelung von Pulvermunition, besonders von Vorkartuschen, bedeutete natürlich auch für uns eine große Gefahr. Zur Vermeidung von Katastrophen war daher angeordnet worden, daß sich immer nur je eine Vorkartusche und eine Hauptkartusche in der Drehscheibe neben jedem Geschütz befinden durfte, und dasselbe galt für die unteren Stockwerke der Türme.

Der Drehturm stand auf dem festen Geschützturm, der durch mehrere Decks hindurch reichte und auf dem Panzerdeck stand. Das Innere war in mehrere Stockwerke eingeteilt: in den Umladeraum, den Schaltraum, die Geschoßkammer und die Kartuschkammer, also einschließlich der Drehscheibe in fünf Stockwerke, auf die sich 70 bis 80 Mann Turmmannschaften verteilten. In den Geschoß- und Kartuschkammern wurden die unteren Munitionsaufzüge, die bis zurUmladekammer reichten, beladen. In der Umladekammer wurde die Munition in die oberen Munitionsaufzüge umgeladen. Der Zweck der Umladekammer war die Beschleunigung der Munitionszufuhr ans Geschütz. Wir hatten nicht durchgehende Munitionsaufzüge, sondern durch die Umladekammer geteilte Aufzüge. Das Umladen verlangsamte an und für sich die Förderzeit der einzelnen Geschosse bzw. der Kartuschen von den Kammern bis zu den Geschützen. Es waren aber immer gleichzeitig zwei Geschosse bzw. Kartuschen für jedes Geschütz unterwegs! Und dadurch, daß in der Umladekammer immer ein kleiner Vorrat an Geschossen und Kartuschen angestapelt wurde, wurde nicht die Geschoß- und Kartuschkammer, sondern die Umladekammer zum Reservoir aus dem das Geschütz versorgt wurde. Entscheidend für die Munitionsversorgung des Geschützes wurde also die Förderzeit der oberen Aufzüge von der Umladekammer bis zum Geschütz, und die betrug nur die Hälfte der ganzen Förderzeit der Aufzüge von der Kammer bis zum Geschütz. Wir konnten bequem mit jedem Geschütz aller 30 Sekunden feuern, es konnte also jeder Turm, wenn immer nur eins der beiden Turmgeschütze feuerte, aller 15 Sekunden einen Schuß abgeben. Ich habe in der Skagerrak-Schlacht oft längere Zeit hintereinander aller 20 Sekunden eine Salve von vier Schuß, also einen Schuß aus jedem Turm, feuern lassen, was bei durchgehenden Munitionsaufzügen, wie sie die älteren Schiffen besaßen, nicht möglich gewesen wäre. Im Umladeraum befanden sich außer den Munitions-Fördereinrichtungen die hydraulischen Pumpen für die Höhenrichtmaschinen und zahlreiche andere Hilfsmaschinen. Im Schaltraum befanden sich die Schaltbretter für alle elektrischen Hilfsmaschinen des Turmes. In den Munitionskammern befanden sich die meist elektrisch betriebenen Munitions-Transporteinrichtungen zum Heranschaffen der Munition. Ein 30,5 cm-Geschoß wog ungefähr 400 kg, eine Kartusche ungefähr 150 kg.

Die Besetzung eines Turmes bestand aus 1 Kapitänleutnant oder Oberleutnant zur See als Turmkommandeur, 1 Stückmeister als Turmführer sowie etwa 75 Unteroffizieren und Mannschaften. Diese waren wie folgt verteilt: auf der Drehscheibe befanden sich zur Bedienung der Geschütze 4 Unteroffiziere und 20 Mann, außerdem einige Befehlsübermittler und Entfernungsmesser. In der Umladekammer befanden sich 1 Unteroffizier und 12 Mann, im Schaltraum 1 Artillerie-Mechanikersmaat und 3 Mechanikersgasten, in den Geschoßkammern 1 Unteroffizier und etwa 18 Mann und in den Kartuschkammern 1 Unteroffizier und etwa 14 Mann. Zu diesen Turmmannschaften traten im Gefecht noch etwa 12 Mann als Reserven, die meist gleich für Kranke und Beurlaubte eingestellt wurden. Die gesamte schwere Artillerie hatte also etwa 360 Mannschaften, wozu noch 25 Befehlsübermittler traten.

Die Besetzung der 15 cm-Geschütze war sehr viel einfacher. Für die Bedienung jedes Geschützes, das nur mit der Hand gerichtet wurde, befanden sich 10 Mann in jeder Kasematte,außerdem etwa 4bis5 Mann in jeder 15cm-Munitions~ kammer. Das ergab 15 Mann für jedes Geschütz, also 210 Mann für die 14 Geschütze der Mittelartillerie, wozu noch etwa 20 Befehlsübermittler hinzukamen.

Doch ich fürchte, ich habe den Leser bereits zu lange mit der Beschreibung artilleristischer Einzelheiten gequält: darum vorläufig Schluß damit! Wenn ich nachher von dem Artilleriekampfe der Skagerrak-Schlacht erzähle, werde ich noch einige sinnreiche Instrumente erwähnen, die erfunden worden waren, um dem Artillerieoffizier die Leitung der Geschütze zu erleichtern, vor allem, um ihm einen Teil der Rechenarbeit abzunehmen, die die Artillerieleitung beim Schießen in Fahrt und bei häufig wechselnden Kursrichtungen des eignen und des gegnerischen Schiffes dauernd erfordert.

Der Tag von Lowestoft und Great Yarmouth hinterließ in uns, wie ich schon früher gesagt habe, ein starkes Gefühl des Unbefriedigtseins. Nach dem Tage von Lowestoft erwachte in mir der brennende Wunsch, einmal mit unserem stolzen „Derfflinger“ einem ebenbürtigen englischen Schlachtkreuzer gegenüberzustehen. Tag und Nacht ließ mich dieser Gedanke nicht los. Ich malte mir aus, wie wir auf einer unserer Vorposten- oder Aufklärungsfahrten mit einem englischen Schlachtkreuzer zusammenstießen, wie der „Derfflinger“ den Kampf aufnahm und wie sich nun ein gigantisches Artillerieduell in rasendster Fahrt entwickelte, wie jeder Salve des Gegners die eigene Salve die Antwort gab, wie wir uns im Kampfe immer mehr verbissen und wie wir miteinander kämpften wie zwei gewaltige Recken, die genau wissen: Einer von uns bleibt auf der Walstatt! In meinen Träumen sah ich den englischen Artillerieoffizier sein Sehrohr auf unser Schiff richten, ich hörte seine englischen Kommandos, hörte meine eigenen Befehle. Dieser Gedanke an einen solchen Kampf von Schiffsriese gegen Schiffsriese berauschte mich, meine Phantasie malte sich Bilder eines ungeheuerlichen Geschehens aus. Von jeher hatte ich unsere Schießübungen als Sport aufgefaßt, auch nach Möglichkeit versucht, die Offiziere und Artilleriemannschaften bei ihren sportlichen Ehrgeiz zu packen. Oft war es im Frieden ein harter Konkurrenzkampf zwischen den Schiffen der einzelnen Geschwader gewesen, wenn es galt, auf einem der alten, längst ausrangierten Linienschiffe, die vor der Kieler Bucht an seichter Stelle als sogenannte Zielschiffe verankert lagen, auf große Entfernungen möglichst viele Treffer zu erzielen. Oder wenn es galt, nachts Torpedoboote abzuschießen, die von geschleppten, niedrigen, dunkel angemalten Scheiben dargestellt wurden. Manchmal beschoß ein ganzes Geschwader gleichzeitig ein ganzes Scheibengeschwader, jedes Schiff hatte seine Scheibe, und größter Wetteifer herrschte dann zwischen den Artillerieoffizieren, der beste Schütze zu sein. Dieser sportliche Geist kam im Kriege weniger zur Geltung, was ich schmerzlich vermißte. Jetzt träumte ich nun von einem sportlichen Kampfe, wie ich mir ihn gigantischer überhaupt nicht ausdenken konnte. Mit gleichen Waffen sollten wir dem Gegner gegenüberstehen, und dann sollte sich entscheiden, wer seine Sache am besten verstände, wer die besseren Waffen und die besseren Nerven hätte. So sehr sehnte ich einen solchen Kampf herbei, daß mir der Gedanke an die damit verbundene Lebensgefahr als etwas gänzlich Nebensächliches erschien. Ein solcher Kampf hätte für uns zugleich ein Erwachen aus der Lethargie bedeutet, in die wir Seeleute infolge der Tatenlosigkeit unserer Flotte angesichts der Ruhmestaten unseres Heeres zu versinken drohten.

Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.

Ein Gedanke zu „die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.

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