Deutschlands Verhältnis zur Türkei

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte

In der jungtürkischen Presse, ebenso wie in französischen und englischen Blättern hat man sich während der letzten Wochen auffällig eingehend mit dem Verhältnisse Deutschlands zur Türkei beschäftigt.

Der Zweck der Auslassungen jungtürkischer, englischer und französischer Politiker und Zeitungsschreiber läuft darauf hinaus, Deutschlands Stellung zum neuen Regiment in Konstantinopel als zweideutig zu schildern und der deutschen Regierung gewisse politische Absichten zuzuschreiben, die für die Türkei und ihren inneren Frieden angeblich gefährlich sein sollen.

Unter Abdul Hamid stand Deutschland in gutem Ruf nicht nur in der näheren Umgebung des jetzt entthronten Herrschers, sondern auch in weiteren Schichten der Bevölkerung. Namentlich die Unterstützung, die das deutsche Kapital den vom Sultan geplanten Bahnunternehmungen in Klein-Asien und Mesopotamien gewährte, machte den deutschen Namen in der Türkei populär. In den Gebieten von Mesopotamien, durch die die Bagdadbahn einst ziehen wird, konnte jeder deutsche Reisende gewärtig sein, von den türkischen Beamten, ebenso wie von Armeniern, Kurden und Arabern mit Achtung empfangen zu werden. Der Deutsche wurde als der Repräsentant des großen Bahnprojekts betrachtet, das dazu berufen sein sollte, jene Länder aus jahrhundertelangem Schlummer zu erwecken. Im Gebiete der Anatolischen Bahn galt der Deutsche als der Kulturträger — und tatsächlich haben deutsche Ingenieure und Bodenkulturtechniker dem Lande unermeßlichen Segen gebracht. In Konstantinopel waren die Deutschen als die Reorganisatoren der türkischen Wehrkraft gern gesehen. Der deutsche Kaufmann genoß den Ruf eines zuverlässigen Geschäftsmanns und war in den Bazaren stets willkommen. Die deutsche Politik gefährdete an keiner Stelle irgendwie die Machtstellung der türkischen Regierung, noch viel weniger den Besitzstand der Türkei. Die türkische Regierung konnte ihr daher volles Vertrauen entgegenbringen.

So lagen die Verhältnisse, als vor anderthalb Jahren die große politische Umwälzung, deren Folgen heute noch nicht überwunden sind, in Konstantinopel eintrat. Da hielt man in London und gleicherweise auch in Paris den Augenblick für gekommen, die politische und wirtschaftliche Stellung Deutschlands in der Türkei zu untergraben. In einer über das Maß des Erforderlichen hinausgehenden Weise nahm man dort Partei für die jungtürkische Revolution, nur um die zur Macht gelangten Jungtürken für sich zu gewinnen. Gleichzeitig scheute man sich nicht, das durchaus loyale Verhalten der deutschen Regierung zu verdächtigen und die Legende zu verbreiten, als ob Deutschland im Grunde genommen die politischen Veränderungen ungern sähe und heimlich die Anhänger der alttürkischen konservativen Kreise im Lande unterstütze. Dieselben Politiker aber in London, die vor den angeblichen Machenschaften Deutschlands warnten, benutzten ihren Einfluß in Konstantinopel, um mit Hilfe von Kiamil Pascha ihre Stellung zu befestigen und einen Einfluß auf die türkische Regierung zu gewinnen, wie ihn Deutschland niemals beansprucht und angestrebt hatte.

Ein Vorgang war allerdings geeignet, bei den Türken nach dem Umsturz des alten Regimes Mißtrauen gegen die Bestrebungen Deutschlands zu erwecken: das Eintreten der deutschen Regierung für das Vorgehen Oesterreich-Ungarns bei der Annexion Bosniens und der Herzegowina. Man würdigte aber schließlich das damalige Verhalten Deutschlands, das durch sein enges Bündnisverhältnis zu der Habsburgischen Monarchie bedingt war, und machte der deutschen Regierung offiziell keinen Vorwurf daraus. Es mag sein, daß durch die damaligen Geschehnisse in manchen Kreisen der Türkei, namentlich soweit sie den Jungtürken nahestanden, eine Verstimmung gegen Deutschland hervorgerufen wurde. Aber darüber sind wir heute hinaus; die Türkei hat sich mit der Abtretung seiner zwei Provinzen, die de facto doch seit Jahrzehnten aus dem Reichsverbande schon ausgeschieden waren, abgefunden, mit Oesterreich-Ungarn sich ausgesöhnt, und kann daher auch gegenüber Deutschland seines damaligen Verhaltens wegen keinen Groll mehr hegen.

Gleichwohl suchen die Gegner Deutschlands am Goldenen Horn weiter zu wühlen und zu hetzen; sie sprechen von den „Krallen des deutschen Geiers“, der die Türkei zuzeiten Abdul Hamids erfaßt hätte, von dem „Drängen“ nach Osten, das die Deutschen beherrsche und zu phantastischen Plänen treibe, die der Türkei Gefahr bringen könnten, und von sonstigen Märchen mehr. Der Führer der Jungtürken, Dr. Nazim Bey, deutete in einer Unterredung mit dem Korrespondenten eines deutschen Blattes an, daß Deutschland infolge seiner geographischen Lage leicht zu Eroberungsplänen verleitet werden könnte. Wie bedauerlich, daß leitende Politiker der Türkei, wie Nazim Bey, sich durch Einflüsterungen ihrer englischen Freunde zu solchen Ungereimtheiten verleiten lassen!

Die Leute außerhalb der politischen Zunft sind auch in der Türkei vorsichtiger, und wissen besser zu unterscheiden, an welcher Stelle politische Uneigennützigkeit zu finden ist und von woher politische Gefahr droht. Als in Mesopotamien vor Jahren bekannt wurde, daß der Ausbau einer Bahn bis Bagdad und Bassra von Deutschland unterstützt und gefördert würde, regte sich außer dem englischen Residenten in Bagdad niemand über den Plan auf, denn vernünftigerweise dachte dort niemand daran, daß Deutschland, trotz seiner Beteiligung am Bagdadbahnbau dem türkischen Reiche politisch gefährlich werden könnte. Ganz anders die Stimmung der Bevölkerung jetzt, nachdem bekannt geworden war, daß einer englischen Gesellschaft, wenn auch nicht offen, so doch in verschleierter Form, das Schiffahrtsmonopol auf dem Euphrat und Tigris erteilt worden sei. Sofort machte sich eine lebhafte Beunruhigung in der Einwohnerschaft von Bagdad bemerkbar, die vom richtigen politischen Instinkt geleitet, die Gefahr erkannte, die der Selbständigkeit Mesopotamiens aus dem Vorgehen Englands in Zukunft erwachsen könnte. Ist es doch ein offenes Geheimnis dort unten im Süden von Mesopotamien, daß England mit Rücksicht auf die Lage Indiens und die Verhältnisse am Persischen Golf seine politische Stellung in Mesopotamien zu stärken gewillt ist. Ein erster Schritt hierzu ist das Schiffahrtsmonopol auf dem Euphrat und Tigris; das weitere überläßt man zunächst Sir Willcocks, dem Wasserbautechniker, unter dessen Leitung die neuen Bewässerungsanlagen in Mesopotamien erstehen und englische Kapitalien neue Werte im Lande schaffen sollen; alles zu Nutz und Frommen der hohen englischen Politik. Darin liegt ja der Unterschied zwischen den wirtschaftlichen Plänen Deutschlands und Englands in der Türkei: Deutschland verfolgt mit seinen Unternehmungen — Bahnbauten und Bewässerungsanlagen — in Klein-Asien und Mesopotamien nur wirtschaftliche Ziele; politische Absichten liegen ihm völlig fern. England dagegen ist infolge seiner politischen Stellung im Orient darauf angewiesen, auch in Mesopotamien, wie vor Jahren in Aegypten, politische Aufgaben zu erfüllen. Deutschland wird es hieran nicht hindern, wenn ihm die Durchführung seiner wirtschaftlichen Pläne gesichert wird; aber von deutscher Seite kann dann auch verlangt werden, daß die Verdächtigungen, denen die Pläne Deutschlands in Klein-Asien und Mesopotamien ausgesetzt sind, endlich aufhören. Den Jungttirken aber und ihren Vertretern im Kabinett wäre zu empfehlen, einmal nachzuprüfen, ob wirklich die Freundschaft Englands so einwandfrei und ehrlich gemeint ist, daß die Türkei ohne Gefahr ihre auswärtige Politik auf sie aufbauen kann. Vielleicht fühlt man in jungtürkischen Kreisen die eigne schwache Lage England gegenüber und heuchelt Enthusiasmus für das „freie, parlamentarisch regierte“ England nur, um die Furcht vor Englands Macht zu bemänteln und im Falle eines Rückzuges, wie in der „Lynch-Affäre“, die bittere Pille durch den Gedanken schmackhafter zu machen, daß sie ja von dem „Freunde“ England herstammt. Vielleicht ist in diesen Gedankengängen die psychologische Erklärung für das Verhalten der Jungtürken England gegenüber zu suchen; sind das die wahren Ansichten der Jungtürken, dann allerdings haben sie das Schicksal verdient, das ihnen droht: Sklaven zu werden der Macht, der sie ihre Freundschaft angeboten.

Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die türkische Marine im Juli 1910 war ein deutliches Zeichen dafür, daß die deutsche Regierung gern bereit ist, der Türkei, soweit möglich, bei Ausgestaltung ihrer maritimen Streitkräfte behilflich zu sein. Die durch den Vorgang hervorgerufene Polemik in französischen und englischen Zeitungen führte zur Veröffentlichung des folgenden Artikels:

D. 0. K. 1910, 19. August

Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Vorwort
Die Türkei, Deutschland und die Westmächte.

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