Deutschland und Persien

aus dem Kunstmuseum Hamburg

In der englischen und russischen Presse beschäftigt man sich jetzt wieder eifrig mit der Frage, welche Ziele Deutschland wohl in Persien verfolgt. Anlaß zu diesen Erörterungen hat das Erscheinen Said Ruetes in Teheran geboten, eines im Bankfach erprobten Beamten, der im Aufträge der Deutschen Bank in Persien weilt, um die dortigen wirtschaftlichen Verhältnisse näher zu studieren.

Said Ruete befand sich noch vor zwei Jahren an der Filiale der Deutschen Orientbank in Cairo; er hat dort seine Stellung schon vor längerer Zeit aufgegeben und ist alsdann als Vertrauensmann der Deutschen Bank in besonderer Mission nach Persien gesandt worden.

Es wäre mißlich, über das Zweckmäßige dieser Studienreise ein Urteil abzugeben, weil über die Aufträge, die Said Ruete von der Bank mit auf den Weg gegeben worden sind, vorläufig nichts Näheres bekannt ist. Soll die vor drei Jahren der Deutschen Bank von der persischen Regierung erteilte Bankkonzession jetzt realisiert werden? Will man der persischen Regierung bestimmte Vorschläge zwecks Abschlusses einer Anleihe vorlegen? Oder wünscht man die Konzession für den Ausbau der Bahn zwischen Teheran und der Westgrenze bei Chanikin auf türkischem Gebiet zu erwerben, die in ihrer westlichen Fortsetzung Bagdad erreichen würde? Wir wissen es nicht; sicher ist aber soviel, daß in den russischen und englischen Zeitungen sich eine Besorgnis vor deutschen Plänen in Persien widerspiegelt, die in gar keinem Verhältnis zu den wirklich von deutscher Seite verfolgten Zielen steht — mag es sich nun um ein Anleihe-, Bank- oder Bahnprojekt handeln. Redet doch z. B. die „Nowoje Wremja“ von einem Drang der Deutschen nach Indien (!) und gibt zugleich der Ueberzeugung Ausdruck, daß Deutschland in Persien eine russenfeindliche Politik betreibe. Der „Drang der Deutschen nach Indien“ ist eine Entdeckung der „Nowoje Wremja“, auf die sie wirklich stolz sein könnte, wenn sie nicht gar so abgeschmackt wäre; daher wäre es Zeit Verschwendung, auch nur ein Wort darauf zu erwidern. „Russenfeindlich“ im Sinne irgendwelcher politischer Bestrebungen kann die deutsche Politik in Persien niemals sein und werden, weil Deutschland entsprechend seiner wirtschaftlichen und politischen Stellung in Persien überhaupt keine politischen Ziele in Persien verfolgen kann. Deutschland ist auch aus dem gleichen Grunde weit davon entfernt, Englands politische Pläne in Persien irgendwie durchkreuzen zu wollen, daher ist es ein Unding, wenn die „Times“ in einer ihrer letzten Märznummern behauptet, daß eine in den persischen Grenzgebieten Deutschland erteilte Bahnkonzession — gemeint ist die Linie Teheran-Chanikin — Rußland und England zu besonderer Wachsamkeit veranlassen müsse. Diese mit ihrem Landbesitz an Persien angrenzenden Staaten könnten allenfalls aus gewissen Bahnlinien auf persischem Boden in der Nähe ihrer Grenzen nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch politischen Nutzen ziehen. Niemals aber wird Deutschland in die Lage kommen, mit Hilfe persischer Bahnlinien auf politischem Gebiet irgend etwas für sich erreichen zu wollen. Alle diese aus England und Rußland kommenden Bedenken sind also ganz hinfällig; daher hat der deutsche Gesandte am persischen Hof, Graf Quadt, gut getan, den von dieser Seite geäußerten Befürchtungen in einer dem Teheraner Korrespondenten der „Nowoje Wremja“ kürzlich gewährten Unterredung entgegenzutreten.

Seine durch die Presse schon verbreiteten Ausführungen können auch als Antwort auf die Anfrage dienen, die am 7. April d. J. im englischen Unterhause bezüglich der von deutscher Seite in Persien angeblich gemachten Anleihevorschläge gestellt und besprochen worden sind. Nur wäre dem noch hinzuzufügen, daß Deutschland sich in allen auf Persien sich beziehenden wirtschaftlichen Fragen die freie Entschließung Vorbehalten muß, dabei aber stets bereit sein wird, auf die politischen Interessen Englands und Rußlands jede nur irgendmögliche Rücksicht zu nehmen.

Der von englischer Seite immer wieder aufgestellten Behauptung, daß England und Rußland in Persien über die Bahnbauten zu verfügen hätten, stellte ich in einem weiteren Artikel die Forderung entgegen, daß in dieser Frage gewisse Rechtsgrundsätze anerkannt werden müßten, die trotz der nun einmal vorhandenen Sonderstellung Englands und Rußlands auf politischem und finanziellem Gebiete in Persien auch den Wünschen dritter gerecht würden. Aber schon damals, im April 1910, sprach ich Zweifel darüber aus, ob es vom Standpunkte der deutschen Politik überhaupt ratsam wäre, sich auf Bahnbauten größeren Umfanges in Persien einzulassen.

D. O. K. 1910, 15. April.

Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Vorwort
Die Türkei, Deutschland und die Westmächte.
Deutschlands Verhältnis zur Türkei
Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die Türkei
Die Sorgen der türkischen Marine um ausreichende Transportschiffe
Frankreich — noch immer die „christliche Vormacht“ im Orient
Frankreich als Lehrmeister der neuen Türkei
Eine türkische Studienreise nach Frankreich
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Überraschungen
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Nervosität
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Übertreibungen
Der Streit um die Bagdadbahn
Deutschland und die Bagdadbahn
Die Bahn von Bagdad nach Damaskus
Der Anteil Deutschlands am Handelsverkehr in Bassra und Bagdad
Einiges über Kapitalanlagen in türkischen Eisenbahnbauten und über die Bagdadbahn
England deckt im Streit um die Bagdadbahn seine Karten auf
Kuweit als Endpunkt der Bagdadbahn aufgegeben?
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Eine Enttäuschung
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Politische Phantasien
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Persien
Die Entwicklung des deutschen Handels mit Persien
Rußlands Handel mit Persien
Vom persischen Markt
Der Anteil der einzelnen Staaten am persischen Handel.
Die Zukunft des Eisenbahnbaues in Persien.

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