der zweite Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (6 Uhr 55 Minuten bis 7 Uhr 5 Minuten).

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)

Kampf mit dem fünften Linienschiffs-Geschwader. Beattys Überflügelungsmanöver.

So erfreulich und artilleristisch interessant der erste Gefechtsabschnitt gewesen war, so unbefriedigend war der zweite Abschnitt.

Der Gegner hatte einen höllischen Respekt vor der Wirkung unserer Geschosse bekommen und hielt sich nun auf der wilden Jagd nach Norden möglichst außer unserer Schußweite, behielt uns dabei aber noch im Bereich seiner eigenen weittragenden Geschütze. Man sieht in meiner Skizze I, daß die Entfernungen während des zweiten Gefechtsabschnittes kaum einmal unter 180 hm heruntergegangen sind. Ich schoß eigentlich nur, um zu kontrollieren, ob der Gegner tatsächlich noch außer Schußweite war. Und zwar begnügte ich mich dann, um Munition zu sparen, mit einzelnen Schüssen aus einem Turm.

Als Abkommpunkt für die Schützen wurde wieder die Oberkante der Schornsteine oder Masten befohlen. Aber auch der Gegner schoß auf diese großen Entfernungen nicht gut. Seine Salven lagen zwar sehr geschlossen, sie hatten eine Streuung von höchstens 3 bis 400 m. Aber die Leitung war wohl nicht sehr geschickt, vielleicht war die Sichtigkeit auch recht schlecht, jedenfalls schlugen die Salven meist in sehr unregelmäßigen Entfernungen von unserem Schiff ein. Einige böse Treffer bekamen wir allerdings doch, wohl zwei oder drei schwere Geschosse schlugen in diesem Gefechtsabschnitte bei uns ein. Traf ein schweres Geschoß den Panzer unseres Schiffes, so folgte dem gewaltigen Krachen der Detonation ein Vibrieren des ganzen Schiffes, selbst unser Kommandoturm wurde in eine zitternde Bewegung gesetzt. Die im Innern des Schiffes krepierenden Geschosse verursachten mehr ein dumpfes Geräusch, das sich durch die unzähligen Sprachrohre und Telephone im Schiffe überallhin fortpflanzte.

Die vier englischen Schlachtkreuzer liefen höchste Fahrt. Und es dauerte nicht lange, so waren sie im Dunst und Rauch unseren Blicken entschwunden. Sie liefen nach Norden, und wir konnten mit unserer unterlegenen Geschwindigkeit nicht mitkommen. Zwar machte um 7 Uhr 21 Minuten der Flottenchef das Signal: „Die Schlachtkreuzer Verfolgung aufnehmen!“ Aber mehr Fahrt als 25 Seemeilen konnte unser Schlachtkreuzerverband auf die Dauer nicht leisten. Und der Engländer lief uns spielend mit 28 Seemeilen davon! Wir haben den Zweck seines Manövers damals nicht vollkommen erkannt. Wir nahmen an, es handele sich nur um schnelle Vereinigung mit einem feindlichen Gros, auf dessen Vorhandensein das Manöver der englischen Schlachtkreuzer schließen ließ. Tatsächlich hat der Admiral Beatty dadurch, daß er uns trotz unserer höchsten Fahrt völlig überflügelt und schließlich umgangen hat, ein ausgezeichnetes Manöver ausgeführt, seine Schiffe haben eine hervorragende technische Leistung vollbracht. Er hat das berühmte „Crossing the T“ in vollendeter Form durchgeführt, er „zog den Strich über das T“, zwang uns zum Abdrehen und brachte uns dadurch schließlich in eine völlige Einkreisung durch die englische Linienschiffsflotte und die englischen Schlachtkreuzer. In den späteren Gefechtsphasen haben wir meistens nicht mehr erkennen können, welches feindliche Schiff wir vor uns hatten, ich kann daher nicht mit Bestimmtheit sagen, wann und ob wir später wieder Beattys vier Schlachtkreuzern gegenübergestanden haben.

Nach dem allmählichen Verschwinden der vier Schlachtkreuzer standen uns noch die vier gewaltigen Schiffe des fünften Linienschiffs-Geschwaders gegenüber: „Malaya“, „Valiant“, „Barham“ und „Warspite“.

Sie können in diesem Gefechtsabschnitte nicht viel Fahrt gelaufen haben, denn sie kamen bald in Schußweite unseres dritten Geschwaders und wurden von dessen Spitzenschiffen, besonders vom Flaggschiff „König“, mit unter Feuer genommen. So bekamen die vier englischen Linienschiffe zeitweise von wohl mindestens neun deutschen Schiffen Feuer, von den fünf Schlachtkreuzern und etwa vier bis fünf Linienschiffen. Wir feuerten meiner Schießliste nach von 7 Uhr 16 Minuten ab auf das zweite Linienschiff von rechts, also auf das Schiff hinter dem feindlichen Führerschiff. Ich ließ auf diese großen Entfernungen mit Sprenggranaten feuern.

Der zweite Gefechtsabschnitt verlief für uns ohne größere Ereignisse. In gewisser Beziehung war dieser Kampf mit einem zahlenmäßig unterlegenen, in seinen Kampfmitteln überlegenen Gegner, der uns auf Entfernungen unter Feuer hielt, auf denen wir ihn nicht mehr erreichen konnten, im höchsten Grade deprimierend, nervenerregend, qualvoll. Das einzige Abwehrmittel war, das wir stets sofort den Platz in der Linie für kurze Zeit verließen, wenn wir merkten, daß der Gegner sich gut auf uns eingeschossen hatte. Da der Gegner diese Bewegungen von uns nicht erkennen konnte, kamen wir regelmäßig schnell aus dem Geschoßhagel heraus. Ich möchte hier noch bemerken, daß in den Skizzen diese kleinen Kursänderungen zum Zwecke des Ausweichens vor dem feindlichen Geschoßhagel nicht eingetragen sind, da wir ja stets unmittelbar hinterher mit höchster Fahrt auf unseren alten Platz in der Gefechtslinie zurücksteuerten.

Es dauerte nun nicht mehr lange, und die artilleristischen Verhältnisse änderten sich von Grund auf.

Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.
An Bord des „Derfflinger“ während des Vormarsches nach dem Skagerrak.
Der erste Gefechtsabsehnitt der Skagerrak-Schlacht (5 Uhr 48 Minuten bis 6 Uhr 55 Minuten).

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