der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die Türkei

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Am 14. August sind die an die Türkei verkauften deutschen Kriegsschiffe „Weißenburg“ und „Kurfürst Friedrich Wilhelm“ unter dem Kommando des Konteradmirals Koch nach Konstantinopel in See gegangen; 26 türkische Offiziere mit einer Anzahl Mannschaften befanden sich an Bord. Ende August werden die Schiffe in den Dardanellen erwartet, wo die Uebergabe an die türkische Regierung erfolgen soll.

Der Vorgang wird wieder, gleich der ersten Nachricht vom Verkauf der deutschen Kriegsschiffe an die Türkei, in der Presse der Tripelentente zu zahlreichen Kommentaren Anlaß geben, aus denen unschwer das Mißbehagen über das perfekt gewordene Kaufgeschäft zu erkennen sein wird. Weniger, daß man der deutschen Regierung das günstige Kaufgeschäft etwa mißgönnt; vielmehr betrachtet man es als unerwünscht, daß die Türkei auf diese Weise rasch zu einer ansehnlichen Verstärkung ihrer maritimen Streitkräfte gekommen ist, denn manche „Freunde“ der Türkei sehen es auch heute noch nicht gern, wenn die Türkei ihre Machtmittel vermehrt, sei es daß sie strategisch wichtige Bahnen in Kleinasien und Mesopotamien baut, oder eine Stärkung ihrer Kriegsrüstung erfährt.

Selbst in türkischen Blättern findet man nur vereinzelt besondere Aeußerungen der Freude darüber, daß durch die in den Besitz der Türkei übergangenen deutschen Kriegsschiffe die türkische Marine einen für ihre Verhältnisse doch respektablen Machtzuwachs erhalten hat. Die Erklärung hierfür liegt darin, daß die leitenden Organe der türkischen Presse unter jungtürkischer Leitung oder Aufsicht stehen; die Jungtürken sind aber nun einmal von ihrer Vorliebe für alles Englische und Französische nicht abzubringen. Wie würden die türkischen Zeitungen jubeln, wenn es sich um französische oder englische Kriegsschiffe handelte, die jetzt in den Besitz der Türkei übergingen; als Zeichen der „Sympathie“ und „Freundschaft“ würde man den Vorgang gebührend feiern. Da es sich aber um deutsche Schiffe handelt, so verhält man sich kühl und reserviert; kein Zweifel: sympathisch sind die Deutschen den Türken nicht — trotz von der Goltz und Gwinner — und daher betrachtet man auch den Erwerb der deutschen Kriegsschiffe in Konstantinopel als notwendiges Uebel und kann sich darüber so ganz von Herzen nicht recht freuen. Darüber werden auch die unvermeidlichen offiziellen Aeußerungen bei Gelegenheit der Uebergabe der Kriegsschiffe nicht hinwegtäuschen. Wir Deutschen stehen nun einmal in dem Geruch, den Jungtürken nicht recht gewogen zu sein; auch vergißt man es uns immer noch nicht, daß wir zu Zeiten Abdul Hamids manche Erfolge erzielten, um die uns andere beneideten. Leider beachtet man aber daneben viel zu wenig die bekannte Tatsache, daß Deutschland politisch an den Vorgängen in der Türkei gänzlich uninteressiert ist und nur wirtschaftliche Ziele verfolgt, deren Erreichung in erster Linie der Türkei selbst Nutzen bringen würde. Mit dieser Lehre predigt man vorläufig in der Türkei an vielen Orten noch tauben Ohren; noch ist dort „Englisch“ und „Französisch“ Trumpf, so lange, bis vielleicht doch einst sich die Erkenntnis Bahn bricht, daß das Mißtrauen gegen Deutschland völlig unberechtigt gewesen ist.

Die Tatsache, daß die Türkei zwar bemüht war, den Bestand ihrer Kriegsschiffe zu vermehren, dagegen keine Anstalten traf, sich die für den Kriegsfall erforderliche Anzahl von Transportschiffen zu beschaffen, veranlaßte mich, schon im September 1910 die folgende Notiz zu veröffentlichen, deren Ausführungen als sachlich begründet durch den im Februar d. J. erfolgten Ankauf der vom Norddeutschen Lloyd überwiesenen Dampfer bestätigt worden ist.

D. 0. K. 1910, 16. September.

Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Siehe auch:
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Vorwort
Die Türkei, Deutschland und die Westmächte.
Deutschlands Verhältnis zur Türkei
Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die Türkei
Die Sorgen der türkischen Marine um ausreichende Transportschiffe
Frankreich — noch immer die „christliche Vormacht“ im Orient
Frankreich als Lehrmeister der neuen Türkei
Eine türkische Studienreise nach Frankreich
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Überraschungen
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Nervosität
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Übertreibungen
Der Streit um die Bagdadbahn
Deutschland und die Bagdadbahn
Die Bahn von Bagdad nach Damaskus
Der Anteil Deutschlands am Handelsverkehr in Bassra und Bagdad
Einiges über Kapitalanlagen in türkischen Eisenbahnbauten und über die Bagdadbahn
England deckt im Streit um die Bagdadbahn seine Karten auf
Kuweit als Endpunkt der Bagdadbahn aufgegeben?
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Eine Enttäuschung
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Politische Phantasien
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Persien
Die Entwicklung des deutschen Handels mit Persien
Rußlands Handel mit Persien
Vom persischen Markt
Der Anteil der einzelnen Staaten am persischen Handel.
Die Zukunft des Eisenbahnbaues in Persien.
Deutschland und Persien
Eisenbahnbauten in Persien
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Persien II
Der Streit um Persien
Auf der Suche nach dem deutsch-russischen Abkommen

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